Dirk von Petersdorff

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Dirk von Petersdorff

Dirk von Petersdorff (* 16. März 1966 in Kiel) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dirk von Petersdorff studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Kiel. Dort legte er 1991 das erste Staatsexamen ab. 1995 promovierte er in Literaturwissenschaft, habilitierte sich 2003 an der Universität des Saarlandes. Heute lebt er in Jena, wo er an der Friedrich-Schiller-Universität als Professor für Neuere Deutsche Literatur tätig ist. Seit 2004 ist Dirk von Petersdorff Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur[1]. 2006 war er Mitglied der Jury des Kleist-Preises. Daneben ist er Mitglied des Internationalen Zentrums für Klassikforschung.

Dirk von Petersdorff ist als literarischer Autor vorwiegend als Lyriker und Essayist tätig.

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Poetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dirk von Petersdorff versteht sich als Gegner einer erschöpften Moderne, die sich mit einer Verbotsästhetik noch immer von vorhergehenden Formen der Lyrik abwendet, denn als eine „Ästhetik der Negation“ hat die Moderne ihre Voraussetzungen und inzwischen auch ihren Initialauslöser verloren.

Darüber hinaus sieht von Petersdorff einen Zwiespalt zwischen der politisch-gesellschaftlichen und der ästhetischen Moderne: Während die politische Moderne nach Pluralität, Ausdifferenzierung und Individualität verlangt, klagt die ästhetische Moderne über Entwurzelung, Heimatverlust und Entfremdung. Die ästhetische Moderne ist also verbunden mit einem ideologischen Anti-Modernismus[2], deren Beginn von Petersdorff in den kunstreligiösen Vorstellungen der Romantik sieht und der noch immer das gegenwärtige Kunstverständnis prägt.[3]

Für von Petersdorff geht es darum, die Kunst der Gegenwart aus dieser festgefahrenen Situation zu lösen und neue, bzw. alte Formen für die Lyrik zu erschließen. Dazu entwickelt er eine neue, zeitgemäße Ästhetik, die die Voraussetzungen der Moderne akzeptiert und in die Literatur überführt.

Von Petersdorff sieht die Chance der Kunst darin, den Verlust einer verbindlichen Wahrheit und einer ästhetischen Mythologie, den die Romantik und die Moderne beklagten, als Freiheitsgewinn zu verstehen. Die Akzeptanz kontingenter moderner Gesellschaftsformen, eine ironische Einstellung zum Leben und zur Kunst, vor allem aber auch zu wissenschaftlichen oder politischen Theorien sind für von Petersdorff die geeigneten Mittel für ein neues Kunstverständnis.

Er stützt seine Ästhetik dabei auf Niklas Luhmanns Begriff der Kontingenz[4] und Richard Rortys Entwurf des Ironikers, bzw. der Ironikerin.[5] Der Ironie kommt dabei die Funktion zu, die Kontingenz der Welt in der Literatur abzubilden. Sie verhindert das Festlegen einer endgültigen Wahrheit und lockert feste Weltanschauungen. Als Mittel zur Abbildung der Pluralität von konkurrierenden Deutungsansprüchen ist sie geeignet zur Thematisierung von Widersprüchen innerhalb einer Gesellschaft, aber auch innerhalb seelischer Zustände oder Weltanschauungen eines Individuums. Ironie wird so einerseits zum Formprinzip der Lyrik von Petersdorffs und andererseits zu einer Weltanschauung, die die Kontingenz der Welt in ein Lebenskonzept überführt.

In seinen Tübinger Poetikvorlesungen (2013) entwickelt er dieses Programm fort: Er stellt einer Denkweise, die von Schiller bis Adorno Gesetze formulierte, aus den Möglichkeiten der Kunst einige auswählte „und zu allein legitimen Antworten auf den Zustand der Gegenwart erklärt“ [6], eine Alternative gegenüber. Sie leitet er aus Hegels „Vorlesungen über die Ästhetik“ ab: Akzeptiert wird, dass es keine Bestimmtheit der Weltbeschreibung mehr gibt, die für alle Mitglieder einer Gesellschaft verbindlich ist, dass auch die Kunst keinen objektiven Gehalt mehr besitzt, sich daher an allen Lebenssphären und Erscheinungen zeigen kann. Das Größte und das Kleinste, Höchste und Geringste, das für sich Bedeutungslose wird bedeutend gemacht. Eine solche Kunst, die kein Interesse ausschließt, kann alles darstellen, „worin der Mensch überhaupt heimisch zu sein die Befähigung hat“ (Hegel).[6] So bestimmt von Petersdorff auch den Begriff der Postmoderne: Damit werde die Pluralisierung der Programme im Kunstsystem bezeichnet, die nicht mehr mit den Kategorien von historischer Legitimität und Illegitimität versehen werden. [6] Im Schlussteil der Vorlesungen beschreibt er am Beispiel von Künstlern wie Shakespeare, Neo Rauch, Peter Doig oder Lana del Rey ein Gefühl der Unsicherheit während des Zerfalls alter Ordnungssysteme, ein erstauntes Umherblicken, weil man seiner selbst nicht gewiss ist und die Prozesse in der Umgebung nicht vollständig begreift. Man steht ihnen verwundert, aber ohne grundsätzliche Ablehnung gegenüber, weil man gleichzeitig Schönes und Abstoßendes erkennt.

Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Petersdorff bewegt sich als Ironiker durch die Welt und wird zum Nachahmer, Neusortierer und Umgestalter dessen, was er in der gegenwärtigen Welt aber auch in vergangenen Zeiten als Stoff zur Verarbeitung findet. Alltägliches und Triviales, wie z. B. Werbeslogans, steht in von Petersdorffs Lyrik neben alten literarischen Formen, wie dem Emblem oder anderen gereimten Strophenformen. Als „lyrischer Wanderer“, der lyrische Formen als überzeitliches Prinzip versteht, bewegt er sich mit seiner Lyrik zwischen Originalität und Mimesis.

Von Petersdorffs Lyrik entwickelt sich in den ersten vier bisher veröffentlichten Gedichtbänden hin zum subjektiven und autobiographischen Schreiben. Die Lyrik der ersten beiden Bände ist formal ungebunden und beschäftigt sich inhaltlich mit der Situation der Kunstproduktion in den 1980er und 1990er Jahren. In den letzten beiden Bänden tritt das poetologische Schreiben in den Hintergrund zugunsten eines ironischen Wechsels von festen literarischen Formen und Traditionen, die von Petersdorff mit subjektiven Inhalten und Empfindungen füllt. So kommt es in seiner Lyrik zu einem Spannungsfeld von Ironie, die den schnellen Wechsel fordert, und einer Sehnsucht nach Stillstand, die vor negativen oder persönlich schmerzhaften Veränderungen schützen soll.

In dem 2010 erschienenen Lyrikband „Nimm den langen Weg nach Haus“ sind die besten Gedichte aus den vorliegenden vier Lyrikbänden versammelt sowie neue Gedichte, darunter zahlreiche Liebesgedichte und der Zyklus „Die Vierzigjährigen“, in dem sich das Lebensgefühl einer Generation ablesen lässt, die sich in der Lebensmitte stärker verankert sieht als erwartet und der doch eine letzte Gewissheit fehlt, ob der eingeschlagene Weg der richtige war.

Die Sammlung „Sirenenpop“ (2014) weist im Titel auf die Bedeutung von Songs, Liedern und Klangwirkungen hin. In den Tübinger Poetikvorlesungen hatte von Petersdorff die Einflüsse der Popmusik benannt, in der er im Gegensatz zur E-Lyrik „die freien Scherze, das Lavieren und Schlingern im Alltag, das Zusammenflicken von Sinn“ erkannte.[7] Wie schon im Band „Nimm den langen Weg nach Haus“, der neben Sonetten zahlreiche Lieder enthielt, finden sich auch hier (neben Langgedichten und freien Liebesgedichten) zahlreiche liedartige Gedichte, die mit Reim und Rhythmus experimentieren. An Phänomenen des Alltags (dem „Zauberwürfel“ Rubiks Cube oder einer Landschaft oberhalb von Jena) wird die Schönheit und Kurzzeitigkeit sichtbar:

Zauberwürfel

Ein hohes Sausen kommt durch die Jahrzehnte,
das sind die Waschmaschinen der WGs,
und dort: Susanne, die am Kleinbus lehnte,
mit diesem Follow-Me-Appell, ich sehs –
riech auch die Suhrkamp-Bücher im Regal,
in denen irgendwo die Wahrheit döste,
den Zauberwürfel drehen, hundertmal,
fühlst du nicht auch, wie man ihn immer löste
in schnellen, traumhaft sicheren Prozessen,
ich fühls, nur wie das ging, hab ich vergessen.

Die Kritik sah wie Harald Hartung in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ diesen Band als Synthese von Romantik und Popkultur an, lobte wie Rüdiger Görner in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Formkunst oder kritisierte wie Burkhard Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ die Trivialität der Gegenstände und bezweifelte die Angemessenheit von Reim und Rhythmik. Die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ nahm den Band in ihre Lyrikempfehlungen 2015 auf.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wie es weitergeht. Gedichte, Frankfurt am Main 1992, zweite Auflage 1998
  • Zeitlösung. Gedichte, Frankfurt am Main 1995
  • Mysterienrede. Zum Selbstverständnis romantischer Intellektueller, Tübingen 1996 [Dissertation]
  • Bekenntnisse und Postkarten. Gedichte, Frankfurt am Main 1999
  • Verlorene Kämpfe. Essays, Frankfurt am Main 2001
  • Die Teufel in Arezzo. Gedichte, Frankfurt am Main 2004
  • Fliehkräfte der Moderne. Zur Ich-Konstitution in der Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts, Tübingen 2005 [Habilitationsschrift]
  • Lebensanfang. Eine wahre Geschichte, München 2007
  • Geschichte der deutschen Lyrik, München 2008 (= Beck'sche Reihe. 2434.)
  • Nimm den langen Weg nach Haus. Gedichte, C. H. Beck, München 2010 ISBN 978-3-406-60516-1.
  • Der Kuss der Erkenntnis - Gedichte von Peter Rühmkorf. Herausgegeben von Dirk von Petersdorff. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018739-5.
  • Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von 1945 bis zur Gegenwart, C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62231-1.
  • Ein Gedicht von mir. Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart stellen sich vor, Reclam, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-15-010885-7.
  • Wie schreibe ich ein Gedicht? Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-020294-4.
  • Wie soll man Geschichte(n) schreiben? Tübinger Poetik-Dozentur 2013. Herausgegeben von Dorothee Kimmich und Philipp Alexander Ostrowicz unter Mitarbeit von Caroline Merkel. Künzelsau: Swiridoff 2014. (weiterer Autor: Hans Magnus Enzensberger), ISBN 978-3-89929-296-1.
  • Sirenenpop, C.H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66691-9.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mitgliedseintrag von Dirk von Petersdorff bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, abgerufen am 6.11.17
  2. Siehe von Petersdorff: Fliehkräfte der Moderne.
  3. Siehe von Petersdorff: Mysterienrede.
  4. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Frankfurt am Main 2002.
  5. Rorty, Richard: Kontingenz, Ironie und Solidarität. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989.
  6. a b c Dirk von Petersdorff, Hans Magnus Enzensberger: Wie soll man Geschichte(n) schreiben? anläßlich Tübinger Poetik-Dozentur 2013. Hrsg.: von Dorothee Kimmich und Philipp Alexander Ostrowicz unter Mitarbeit von Caroline Merkel. Swiridoff, Künzelsau 2014, ISBN 978-3-89929-296-1.
  7. Siehe von Petersdorff: Wie soll man Geschichte(n) schreiben?

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]