Dirne

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Das Wort Dirne bezeichnet im moderneren deutschen Sprachgebrauch eine Prostituierte, verkürzt aus dem älteren Wort „Lustdirne“. Im Althochdeutschen war es noch eine allgemeine Bezeichnung für Mädchen und ist es noch heute regional insbesondere in der Form Dirn oder Deern.

Das Wort ‚Dirne‘ gehört zu einer Vielzahl von Frauenbezeichnungen (auch Magd, Weib, Mamsell, Frauenzimmer etc.), die sprachgeschichtlich eine Bedeutungsverschlechterung durchlaufen haben[1][2][3]. Der negative Bedeutungswandel spiegelt „direkt den historisch geringen Status der Frau, ihre niedrige gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung“ wider.[4] Für Männerbezeichnungen ist er nicht beobachtbar.[5] Die in vielen Sprachen beobachtbare Bedeutungsverschlechterung von Frauenbezeichnungen ist insofern „ein Spiegel kulturhistorischer Realitäten“[4] und der frauenabwertenden Realitäten, Werte und Einstellungsmuster einer Gesellschaft (Misogynie).[5]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das althochdeutsche Wort diorna wird etymologisch zurückgeführt auf ein erschlossenes westgermanisches *þéornōn, älteres urgermanisches *þewernōn ‚Unfreie, Dienerin‘[6] und erscheint in den althochdeutschen Glossen als Übertragung für virgo (Jungfrau), puella (Mädchen), adolescentula (heranwachsende) und puerpera (Gebärerin, Mutter), aber auch schon für dulia (Dienerin oder Leibeigene), famula (Dienerin) und ancilla (Magd).[7]

Sprachgeschichtliche Bedeutungsverschlechterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedeutungsverschlechtung des Wortes ‚Dirne‘[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im Mittelalter existierten unterschiedliche Wortbedeutungen nebeneinander:[8][9] einerseits die ursprüngliche und allgemeine von ‚Jungfrau‘, ‚(junges) heiratsfähiges Mädchen‘, ‚unverheiratete Frau‘, ohne Ansehung des Standes, zum anderen die engeren Bedeutungen ‚Magd‘, ‚Dienerin‘, ‚Leibeigene‘ speziell für eine weibliche Person niederen Standes, die dann seit dem 13. Jahrhundert zuweilen auch besonders unter dem Gesichtspunkt ihrer sexuellen Verfügbarkeit thematisiert wird[10], aber erst seit dem 15. Jahrhundert auch in Verbindung mit dem Thema der erwerbsmäßigen Prostitution erscheint.[11] Die neutrale oder nur ständisch abwertende Verwendungsweise hielt sich neben der Bedeutungsverengung auf ‚Prostituierte‘ bis etwa ins 18. Jahrhundert, heute ist die neutrale Bedeutung ‚Mädchen‘ nur noch mundartlich etabliert.

Im Mittel- und Frühneuhochdeutschen behält di(e)rne sowohl die allgemeinere[12] als auch die ständisch auf „Dienerin, Magd, Leibeigene“ verengte Bedeutung[13] bei, wobei innerhalb der letzteren im 14. Jahrhundert die Dirne gelegentlich auch als unbezahlte Dienstkraft und demnach wohl Leibeigene (die umme sust dinet oder ûffe genâde / „die umsonst dient oder um der Gnade willen“) von der „um Lohn und Verpflegung“ dienenden Magd (di umme lôn dinet und umme kost) unterschieden wird.[13]

Die in der Wertung und ständischen Zuordnung neutrale Verwendungsweise zeigt sich etwa in Zusammenstellungen mit „stolz“ (stolze diern), in der Bezeichnung einer Königstochter als dirne und in einigen Bezeichnungen der Jungfrau und Gottesmutter Maria oder anderer Heiliger als Dirne,[8] wobei in solchen Fällen in der religiösen Literatur aber zu beachten ist, dass häufig speziell die Demutsformel von der ancilla Dei („Magd Gottes“) und damit die ständisch herabsetzende Bedeutung im Hintergrund steht.[13]

Seit dem 13. Jahrhundert findet sich das Wort auch bereits als Bezeichnung für die junge Frau niederen Standes, die speziell unter dem Gesichtspunkt ihrer sexuellen Verfügbarkeit thematisiert wird, indem sie etwa mit dem Knecht das heimliche Beilager teilt (Steinmar), als Wirtstochter von einem durchreisenden König geschwängert wird (Altes Passional) oder als Magd dem Hausherrn in allen Dingen gern zu willen ist (Fastnachtspiel).[10] Mit dem spätmittelalterlichen Aufkommen von städtischen Bordellen erscheint das Wort dann auch in der Beziehung auf die gewerbsmäßige Prostituierte („eine dirne uß dem frauwenhuse“).[11] Eine gegenüber der Einengung auf die ständisch herabsetzende Bedeutung nochmalige Bedeutungsverengung im Sinne von Prostituierte ist damit zwar noch nicht notwendig gegeben, da der Prostitution naheliegenderweise unverheiratete Frauen niederen Standes nachgehen und diese somit auch noch im älteren Sinne als Dirnen bezeichnet sein können. Die nochmalige Bedeutungsverengung bekundet sich dann aber seit dem 16. Jahrhundert in Wörterbucheinträgen, die das Wort zu Metze und lat. meretrix (Hure) stellen[10] oder das Adjektiv dirnisch mit hürisch gleichstellen.[14]

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb das Wort zusätzlich auch in den beiden mittelalterlichen Bedeutungen in Gebrauch, schon Johann Christoph Adelung charakterisiert jedoch die Verwendung „in edlem Verstande“ (für unverheiratete Frauen auch hohen Standes oder für „Nonnen“ und die Jungfrau Maria) bereits als „im Hochdeutschen beynahe veraltet“ und schreibt die ständisch eingeschränkte (ledige Frau geringen Standes, Magd) nur noch dem Deutschen „in Niedersachsen“ zu.[15] Das Wort taucht in der Bedeutung „Mädchen“ beispielsweise noch im Märchen Rotkäppchen auf: in den Grimm-Ausgaben von 1812 (Erstausgabe) und 1819 als „Dirn“, ab 1837 als „Dirne“.[16] Eine Dirn wird in dem seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts nachgewiesenen Kinderreim Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn erwähnt.

Heute wird das Wort nur noch mundartlich in der neutralen Bedeutung „Mädchen“ verwendet, so im Südosten Deutschlands und in Österreich in bairischen Dirn rsp. Dian (Verkleinerungsform: Dirndl, Diandl, Deandl) und im Norden Deutschlands in niederdeutschen Deern.[17]

Theodor Fontane, der im niederdeutschen Gebiet von Neuruppin geboren wurde und aufwuchs, lässt in seiner berühmten Ballade Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1889) den Herrn von Ribbeck teils Niederdeutsch, teils Hochdeutsch sprechen und verwendet dabei dann in den eigentlich niederdeutsch gemeinten Versen die Anrede lütt Dirn, in der lütt tatsächlich niederdeutsch, Dirn hingegen ebenso wie das Reimwort Birn (Lütt Dirn, / kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn) hochdeutsch ist: die Einbettung dieser hochdeutschen Formen ist vermutlich dem Reim geschuldet, da niederdeutsch Deern – Beer keinen Reim ergeben hätte.[18]

Im Standarddeutschen wie auch in den meisten Dialekten wird das Wort heute nur noch in der Bedeutung „Prostituierte“ gebraucht, wobei es auch in dieser Bedeutung mittlerweile als veraltet empfunden wird und durch Hure, Nutte, leichtes Mädchen oder einfach nur Prostituierte verdrängt worden ist.

Wort ‚Dirne‘ als Beispiel für Bedeutungsverschlechtung Frauenbezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In sprachgeschichtlichen Einführungen in den Bedeutungswandel dient der historische Prozess der Bedeutungsverschlechterung von Frauenbezeichnungen als hauptsächlich verwendetes Lehrbeispiel für Pejorisierung (Dirne, Magd, Weib, Mamsell, Frauenzimmer etc.)[1][2][3]. Er ist in vielen Sprachen beobachtbar.[19][5] Dabei erweist sich die historische Bedeutungsveränderung von Frauen- und Männerbezeichnungen als asymmetrisch. Während Frauenbezeichnungen eine Abwertung erfahren, ist dies bei Männerbezeichnungen nicht der Fall.[5] Begründungen hierfür wurden lange nicht gesucht oder blieben wissenschaftlich inkonsistent.

Sprachgeschichtlich lassen sich bei der Entwicklung drei Pfade der negativen Qualitätsveränderung von Frauenbezeichnungen erkennen:

  1. Soziale Degradierung oder Deklassierung
  2. Funktionalisierung, besonders im niederen Dienstleistungsbereich
  3. Biologisierung und Sexualisierung[4]

Die Untersuchung historischer Wörterbücher vom 15. bis 19. Jahrhundert zeigt, dass Frauenbezeichnungen zu 72,5 Prozent über negative Qualitäten beschrieben werden. Im Gegensatz dazu werden Männerbezeichnungen zu 75 Prozent über positive Qualitäten beschrieben.[20]

Sprachgeschichtliche Untersuchungen zeigen heute, dass die Bedeutungsverschlechterungen von Frauenbezeichnungen „direkt den historisch geringen Status der Frau, ihre niedrige gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung reflektieren“. Wie andere semantische Entwicklungen auch sind diese Bedeutungsverschlechterungen „ein Spiegel kulturhistorischer Realitäten“[4] und der darin eingelagerten frauenabwertenden Realitäten, Werte und Einstellungsmuster einer Gesellschaft (Misogynie)[5].

Beispiele für den historischen Prozess der Bedeutungsverschlechterung von deutschen Frauenbezeichnungen[4]:
Althochdeutsch Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch
diorna:

junges Mädchen

dierne:

junges Dienerin, Magd (Funktionalisierung)

Dirne:

Prostituierte (ab 16. Jh.) (Sexualisierung)

wīb: (Ehe-)Frau wîp: (Ehe-)Frau Weib:

schlampige, liederliche Frau (Schimpfwort)

frouwa:

Herrin, adlige Frau

vrouwe:

verheiratete, sozial hochstehende Frau

Frau:

Ehefrau;

Frau

frouwelīn:

junge Herrin, Gebieterin, Dame, Frau von Stand

vröu(we)lîn:

Mädchen niederen Standes (soziale Abwertung); feile Dirne, Hure (Sexualisierung)

Fräulein:

unverheiratete Frau;

auch Kellnerin / Bedienung;

später Wegfall von Fräulein (ab ca. 1975 durch feministische Sprachkritik)

magad:

junge, unverheiratete Frau (Jungfrau Maria)

maget:

junge, unverheiratete Frau (Jungfrau Maria)

Magd:

Haus-/Hofangestellte für grobe, einfache Arbeiten

Mademoiselle (französisch):

hohe, ehrwürdige, junge unverheiratete Frau

Mademoiselle (frühneuhochdeutsch):

hochstehende junge Frau

Mamsell:

1. einfache Küchenangestellte

2. Prostituierte (Sexualisierung)

Beispiele für die Asymmetrie des Bedeutungswandels von Frauen- und Männerbezeichnungen: Sekretär vs. Sekretärin, Gouverneur vs. Gouvernante, Friseur vs. Friseuse, Masseur vs. Masseuse[4].

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Dirne – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart: Einführung, Grundbegriffe, 14. bis 16. Jahrhundert. 2. Auflage. Berlin 2000, ISBN 3-11-016478-7, S. 52.
  2. a b Gerd Fritz: Historische Semantik. Stuttgart 2006, S. 52.
  3. a b Damaris Nübling, Antje Dammel, Janet Duke, Renata Szczepaniak: Historische Sprachwissenschaft des Deutschen: Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. 4. Auflage. Tübingen 2013, S. 123.
  4. a b c d e f Damaris Nübling: Von der ‚Jungfrau‘ zur ‚Magd‘, vom ‚Mädchen‘ zur ‚Prostituierten‘: Die Pejorisierung der Frauenbezeichnungen als Zerrspiegel der Kultur und als Effekt männlicher Galanterie? In: Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte. 2011, S. 344–362.
  5. a b c d e Muriel Schulz: Women: Terms for women. In: Cheris Kramarae, Dale Spender (Hrsg.): Routledge International Encyclopedia of Women: Global Women's Issues and Knowledge. New York 2000, S. 2131.
  6. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. bearbeitet von Elmar Sebold, 23., erweiterte Auflage, Walter de Gruyer, Berlin/New York 1995. S. 183
  7. Deutsches Rechtswörterbuch. Art. Dirne, § 1
  8. a b Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, 16 Bde. [in 32 Teilbänden], Leipzig 1854–1960, Bd. 2, Spalte 1185 ff.; Art. „Dirne“
  9. Deutsches Rechtswörterbuch. Preußischen Akademie der Wissenschaften (Hg.; bearbeitet von: Eberhard Freiherr von Künßberg), Bd. 2, Weimar 1935; Art. „Dirne“
  10. a b c Grimm: Deutsches Wörterbuch. Art. Dirne, § 3: mulier impudica
  11. a b Deutsches Rechtswörterbuch. Art. Dirne, § VI: Dirne im heutigen schlechten Sinne
  12. Grimm, Deutsches Wörterbuch, Art. Dirne, § 1: virgo
  13. a b c Grimm: Deutsches Wörterbuch. Art. Dirne, § 2: ancilla
  14. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Art. Dirnisch
  15. Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. 2., vermehrte und verbesserte Ausgabe Leipzig 1793, Bd. 1, S. 1503; Lemma „Dirne“ aus der Ausgabe von 1811
  16. Kinder- und Haus-Märchen, gesammelt durch die Brüder Grimm: Rotkäppchen
  17. Werner König: dtv-Atlas zur deutschen Sprache. 14. Aufl. München 2004. S. 167
  18. Astrid Wierling: Stammt Herr Ribbeck von Ribbeck wirklich aus dem Havelland? Eine dialektgeographische Spielerei mit Theodor Fontanes Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. In: Maik Lehmberg (Hg.): Sprache, Sprechen, Sprichwörter: Festschrift für Dieter Stellmacher zum 65. Geburtstag. Steiner, Wiesbaden 2004 (= Beihefte zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, N. F. 126). S. 251–257
  19. Muriel Schulz: The Semantic Derogation of Woman. New York 1975.
  20. Stefan Blankenberger: Das Bild von Mann und Frau in historischen Wörterbüchern des 15.–19. Jahrhunderts. Mainz 2003.