Disruptive Technologie

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Eine disruptive Technologie (englisch to disrupt „unterbrechen“) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt.

Prinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Prinzip geht auf Clayton M. Christensen zurück, der an der Harvard Business School lehrt.

Disruptive Innovationen sind meist am unteren Ende des Marktes und in neuen Märkten zu finden. Die neuen Märkte entstehen für die etablierten Anbieter in der Regel unerwartet und sind für diese, besonders auf Grund ihres zunächst kleinen Volumens oder Kundensegmentes, uninteressant. Sie können im Zeitverlauf ein starkes Wachstum aufweisen und vorhandene Märkte bzw. Produkte und Dienstleistungen komplett oder teilweise verdrängen.

Disruptive Technologien sind etablierten Produkten anfangs meist unterlegen. Beispielsweise waren die neuen Flash-Speicher den klassischen Festplatten in Bezug auf Kapazität, Zuverlässigkeit und Preis anfangs klar unterlegen, deshalb wurden weiter Festplatten in PCs eingebaut. Weil Flash-Speicher jedoch sehr klein sind und wenig Energie verbrauchen, werden sie in neuen Gebieten eingesetzt, etwa in USB-Sticks, in Digitalkameras und in MP3-Playern und inzwischen auch in Laptops als Ersatz der traditionellen Festplatten. Aufgrund des großen Erfolgs in den neuen Märkten setzen zwei Entwicklungen zugunsten der disruptiven Technologie ein: Die Absatzzahlen von Flash-Speichern steigen, wodurch die Preise fallen und die Speicher immer besser werden.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • VoIP: Zunächst war die VoIP-Technologie noch mit Nachteilen verbunden: Die Sprachqualität war zunächst schlechter, zudem waren nicht alle Telefonnummern erreichbar. Die Technologie entwickelte sich weiter, unter anderem über die Entwicklung des Enablers „ADSL“ wurde zunächst die Sprachqualität verbessert. Zudem ermöglichten Anbieter nach der Standardisierung im SIP-Protokoll einen unkomplizierten Zugang zu normalen Festnetz-Nummern. Die Preise waren zunächst noch höher, jedoch konnten mit steigender Verbreitung immer mehr kostenlose Verbindungen genutzt werden.
  • Digitalkamera: Zunächst konnten Digitalkameras qualitativ nicht überzeugen. Auflösungen unter einem Mega-Pixel stellten einen großen Nachteil gegenüber der klassischen Kleinbild-Fotografie dar. Doch wurden auch die Vorteile dieser Technologie deutlich: Das Bildergebnis ließ sich sofort überprüfen, für zahlreiche Schnappschüsse entstanden keine weiteren Kosten und die Bilder ließen sich sofort weiterverarbeiten oder kopieren. Inzwischen hat sich die Bildqualität so weit verbessert, dass Digitalkameras die analogen Kameras nahezu verdrängt haben.[1] (siehe auch Kodak).
  • Halbleiterelektronik: In den Anfangsjahren waren die Halbleiter den Röhren noch unterlegen. Als es aber gelang, Halbleiterbauelemente für größere Leistungen und höhere Frequenzen zu bauen, verdrängten diese die Elektronenröhren immer mehr, da die Halbleiterelektronik kleiner, zuverlässiger und energieeffizienter ist.
  • Das Automobil verdrängte innerhalb kurzer Zeit um 1900 die Pferdekutsche.[2]
  • Desktop-Publishing (Computersatz) ersetzte den Bleisatz.
  • CAD ersetzte das technische Zeichnen.
  • Die Compact Disk verdrängte in den 1980er Jahren die Vinyl-Schallplatten.
  • Die DVD verdrängte in den 2000er Jahren die VHS-Videobänder.
  • Flachbildschirme verdrängten in den 2000er Jahren die Röhrenmonitore
  • Diesellokomotive und Elektrolokomotive: Diese ersetzen in den 1940er und 1950er Jahren die Dampflokomotive
  • Smartphones mit Touchscreens ersetzen die Handys mit Tastatur (siehe Nokia).
  • Erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraftanlagen ersetzen die traditionellen Stromerzeuger wie Kohlekraftwerk, Atomkraftwerk, Gaskraftwerk (s.a. Fossile Energie). Dies liegt einerseits im starken Preisverfall von erneuerbaren Energien begründet und zum anderen im Wunsch, Umweltschäden zu vermeiden.[3]
  • Elektroauto: Es gibt Prognosen, die besagen, dass Elektroautos Autos mit Verbrennungsmotoren ersetzen könnten.[4]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Gegenüber dem Konzept der disruptiven Ideen wurde grundsätzliche Kritik geäußert.[5] Clayton Christensen habe seine Daten überhaupt nicht anhand von erfolgreichen Unternehmen erhoben, sondern er habe nach Gründen geforscht, weshalb Unternehmen scheitern. Daher seien seine Aussagen methodisch ungeeignet, um Erfolge zu bewerten. Außerdem seien seine Fallstudien nur als Anekdoten brauchbar, es fehle an Auswahlkriterien der betrachteten Unternehmen und der betrachteten Zeiträume.

In großen Teilen der Fallbeispiele haben die langfristig operierenden Unternehmen, die auf kontinuierliche Innovationen setzen, über einen längeren Betrachtungszeitraum ihren Marktanteil gehalten oder ausgebaut, während die disruptiven Neugründungen zwar anfangs Erfolge erzielen konnten, aber mittelfristig insolvent wurden oder aufgekauft wurden. Die These von disruptiven Technologien sei demnach ein vermeintlicher Business-Trend ohne jede empirische Basis.

Für ein tieferes Verständnis zur Langlebigkeit disruptiver Technologien ist zu unterscheiden, ob das Scheitern junger Unternehmen nur mit der Technologie in Verbindung gebracht werden kann oder auch mit anderen Faktoren wie zum Beispiel mangelnder Markterfahrung oder den Folgen weiterer Innovationen. Die Akquisition junger Unternehmen kann zudem sowohl zum Fortbestehen, zur Weiterentwicklung als auch zur Unterdrückung der jeweiligen Technologie führen, sodass eine tiefer gehende Analyse des Marktgeschehens erforderlich ist, um das Erfolgspotential eines technologischen Trends näher zu bestimmen.

Der englische Begriff "disruptive" kann in seiner Übersetzung mit dem im Deutschen assoziierbaren Begriff "destruktiv" verwechselt werden. Eine Störung des Marktes zeigt sich zunächst durch eine Störung der Marktanteile und der Dominanz von Teilnehmern auf dem etablierten Markt, was durch einen Markteintritt hervorgerufen werden kann.

Disruptive Technologien können Märkte direkt stören, indem ihre Anbieter in bestehende Märkte eintreten, um mit den Marktteilnehmern direkt zu konkurrieren. Hierbei würden unterschiedliche Unternehmen um die Marktanteile des beobachteten Marktes konkurrieren.

Disruptive Technologien können Märkte indirekt stören, indem ihre Anbieter neue Märkte eröffnen oder in andere Märkte eintreten, für die eine Abhängigkeit zum beobachteten Markt besteht. Hierbei würden unterschiedliche Märkte um den Anwendungsbereich einer Technologie konkurrieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph L. Bower, Clayton M. Christensen: Disruptive Technologies. Catching the Wave. In: Harvard Business Review, Bd. 69 (1995), S. 19–45, ISSN 0007-6805.
  • Clayton M. Christensen: The Innovator's Dilemma. Warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren (The innovator's dilemma, 1997). Vahlen, München 2011, ISBN 978-3-8006-3791-1.
  • Persistent Forecasting of Disruptive Technologies. The National Academies Press, Washington, D.C. 2009, ISBN 978-0-309-11660-2 (online; Report 2; abgerufen am 13. Juli 2010).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Helmut Reuter: Analoge Fotografie: Der Foto-Film stirbt langsam aus. In: Spiegel Online. 31. August 2015, abgerufen am 7. September 2015.
  2. Keynote – 100% electric transportation and 100% solar by 2030 – AltCars Expo. 31. August 2014, abgerufen am 7. Mai 2016.
  3. Keynote – 100% electric transportation and 100% solar by 2030 – AltCars Expo. 31. August 2014, abgerufen am 7. Mai 2016.
  4. Keynote – 100% electric transportation and 100% solar by 2030 – AltCars Expo. 31. August 2014, abgerufen am 7. Mai 2016.
  5. Jill Lepore: What the gospel of innovation gets wrong. In: The New Yorker, 23. Juni 2014