Dithyrambos

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Der Dithyrambos (griechisch διθύραμβος dithýrambos; latinisiert dithyrambus; Plural Dithyramben) ist eine Gattung der antiken griechischen Chorlyrik, ein Hymnos zu Ehren des Gottes Dionysos, vorgetragen im Rahmen der Dionysien im Wechselgesang zwischen Chor und Vorsänger.

Wie der Dionysos-Kult selbst könnte auch der Dithyrambos nicht-griechischen Ursprungs gewesen sein. In seiner Urform soll er ein formloser, aus einem einfachen Zuruf bestehender Kultschrei an den Dionysos gewesen sein, möglicherweise auch an Dyonisos Lysios, den „Lösenden“.

In Griechenland wird er zunächst bei Archilochos im 7. Jahrhundert v. Chr. bezeugt, als Vollender des Dithyrambos gilt Arion von Lesbos. Vermutlich entwickelte sich im 6. Jahrhundert v. Chr. aus dem Dithyrambos die griechische Tragödie. Auch nach deren Entstehung bestand der Dithyrambos fort, etwa bei Pindar oder Bakchylides.

Von diesen leidenschaftlich erregten, stürmischen, ekstatischen Lobliedern auf Dionysos (Gott der Ekstase, des Weines, der Verwandlung) leitet sich die übertragene Bedeutung des Wortes „dithyrambisch“ im Sinne von „schwärmerisch, wild begeistert“ ab.

Neuzeitliche Nachbildungen des Dithyrambus verzichten auf Chor und szenische Elemente, sie sind gekennzeichnet durch den enthusiastischen Ton, eine freie Handhabung des Metrums und die Verwendung dunkler Sprache und Metaphorik. Beispiele finden sich in der französischen Dichtung bei Pierre de Ronsard, Jean-Antoine de Baïf und Jacques Delille und in England bei John Dryden (Alexander's Feast).

In der deutschen Dichtung beginnt die Dithyramben-Dichtung mit Friedrich Gottlieb Klopstock. Aus dessen Gedicht An die Freunde (1747) als Beispiel die ersten beiden Strophen[1]:

Wie Hebe kühn, und jugendlich ungestüm,
Wie mit dem goldnen Köcher Latonens Sohn,
Unsterblich, sing' ich meine Freunde,
Feiernd in mächtigen Dithyramben.

Willst du zu Strophen werden, o Lied, oder
Ununterwürfig Pindars Gesängen gleich,
Gleich Zeus erhabnen trunknen Sohne,
Frei aus der schaffenden Seele taumeln?

Johann Gottfried Herder beschäftigte sich theoretisch mit der Form[2] und verfasste auch selbst Dithyramben.

Als Höhepunkt der deutschen Dithyrambendichtung gelten einige Hymnen des jungen Goethe, darunter vor allem Wandrers Sturmlied von 1771, das Goethe selbst in Dichtung und Wahrheit als dithyrambisch einordnete. Er schreibt über dessen Entstehung:

„Unterwegs sang ich mir seltsame Hymnen und Dithyramben, wovon noch eine, unter dem Titel »Wanderers Sturmlied«, übrig ist. Ich sang diesen Halbunsinn leidenschaftlich vor mich hin, da mich ein schreckliches Wetter unterweges traf, dem ich entgegen gehn mußte.“[3]

Als Beispiel für den formtypischen gehetzten Rhythmus, verknappten Vers und die enthusiastisch gehobene Rede die neunte Strophe[4]:

Weh! Weh! Innre Wärme,
Seelenwärme,
Mittelpunkt!
Glüh entgegen
Phöb Apollen;
Kalt wird sonst
Sein Fürstenblick
Über dich vorübergleiten,
Neidgetroffen
Auf der Zeder Kraft verweilen,
Die zu grünen
Sein nicht harrt.

Weitere Beispiel neuzeitlicher Dithyrambendichtung finden sich bei Friedrich Schiller, Johann Gottlieb Willamov, Maler Müller und Johann Heinrich Voß. Als dithyrambisch können auch einige Hymnen Hölderlins gelten, wobei Hölderlin die Bezeichnung „Dithyrambus“ nicht verwendete.

Sehr bekannt sind schließlich die Dionysos-Dithyramben von Friedrich Nietzsche, der im Dithyrambus, als dessen „Erfinder“ er sich bezeichnete, die Sprache des Übermenschen sieht.[5] Sie sind sein letztes, von ihm zum Druck bestimmtes Werk. Drei der neun Lieder waren bereits im vierten Buch des Also sprach Zarathustra erschienen.

Ein Beispiel für das Fortleben des Gattungsbegriffs in der Moderne ist die 1918 erschienene Sammlung Dithyramben von Yvan Goll.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Armand D'Angour: How the Dithyramb Got Its Shape. In: The Classical Quarterly Bd. 47, Nr. 2 (1997), S. 331–351.
  • Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-01612-6, S. 162.
  • Otto Knörrich: Lexikon lyrischer Formen. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-47902-8, S. 44 f.
  • Jürgen Leonhardt: Phalloslied und Dithyrambos : Aristoteles über den Ursprung des griechischen Dramas. Winter, Heidelberg 1991, ISBN 3-533-04353-3.
  • Arthur Wallace Pickard-Cambridge: Dithyramb, tragedy and comedy. 2. Auflage, Clarendon Press, Oxford 1970.
  • W. H. Race: Dithyramb. In: Roland Greene, Stephen Cushman et al. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics. 4. Auflage. Princeton University Press, Princeton 2012, ISBN 978-0-691-13334-8, S. 370 f (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Helmut Schönewolf: Der jungattische Dithyrambos : Wesen, Wirkung, Gegenwirkung. Dissertation Gießen 1938.
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Kröner, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-520-84601-3, S. 180 f.
  • Bernhard Zimmermann: Dithyrambos. Geschichte einer Gattung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 978-3-525-25197-3.
  • Bernhard Zimmermann: Dithyrambos. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 3, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01473-8, Sp. 699–701.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Gottlieb Klopstock: Ausgewählte Werke. München 1962, S. 12
  2. Johann Gottfried Herder: Pindar und der Dithyrambensänger. In: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Zwote Sammlung von Fragmenten. Eine Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend. Hartknoch, Riga 1767, S. 298–338, Digitalisat.
  3. Johann Wolfgang Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. 12. Buch. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 10, Hamburg 1948 ff., S. 520.
  4. Johann Wolfgang von Goethe: Wandrers Sturmlied. In: Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Band 1, Berlin 1960 ff., S. 321.
  5. Knörrich: Lexikon lyrischer Formen. 2. Auflage 2005, S. 46.