Doğan Akhanlı

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Doğan Akhanlı (2009)

Doğan Akhanlı (* 1957 in Şavşat, Provinz Artvin) ist ein türkischstämmiger deutscher Schriftsteller. Er lebt seit 1992 in Köln.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine ersten Kindheitsjahre verbrachte Doğan Akhanlı in einem kleinen türkischen Dorf im äußersten Nordosten der Türkei. Mit zwölf Jahren zog er zu einem älteren Bruder nach Istanbul, um seine Schulbildung fortzusetzen. Nach einer kurzen Inhaftierung 1975 wegen des Kaufs einer linksgerichteten Zeitschrift begann er sich politisch zu engagieren. Nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 ging er in den Untergrund, 1985 bis 1987 saß er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul. 1991 floh er nach Deutschland. Seit 1995 lebt er als Schriftsteller in Köln. Er ist Mitglied in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN.

Strafprozess in der Türkei und Reaktionen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. August 2010 wurde Doğan Akhanlı bei der Einreise in die Türkei festgenommen[1][2][3] und verbrachte wegen angeblicher Teilnahme an einem 1989 geschehenen Raubüberfall mehrere Monate in Untersuchungshaft[4]. Im Dezember 2010 wurde Akhanlı freigelassen. Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko und die Politikerin Derya Kilic (beide DIE LINKE), die als Prozessbeobachter in Istanbul anwesend waren, begrüßten die Freilassung als "längst überfälligen Schritt".[5]

Der Prozess wurde 2011 in seiner Abwesenheit fortgesetzt. Akhanlı bestritt jegliche Verwicklung in das Verbrechen und bezeichnete die Anklage als politisch motiviert und konstruiert. Am 12. Oktober 2011 wurde Akhanlı in Istanbul aus Mangel an Beweisen freigesprochen.[6] Zwei Zeugen hatten ihre belastenden Aussagen unter polizeilichem Druck gemacht und später wieder zurückgezogen. [7] Die Vorsitzenden der deutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir und Claudia Roth, begrüßten den Freispruch und erklärten, der Prozess gegen Akhanlı sei „offenkundig von Anfang an politisch motiviert“ gewesen. Özdemir forderte die türkischen Behörden auf, das Einreiseverbot für den in Köln lebenden Akhanlı aufzuheben.[8]

Im April 2013 wurde der Freispruch aufgehoben und ein internationaler Haftbefehl wurde erlassen.[9][10][11]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1998/99 erschien in türkischer Sprache die Trilogie „Kayıp Denizler“ (Die verschwundenen Meere). Die ersten beiden Bände heißen „Denizi Beklerken“ (Warten auf das Meer) und „Gelincik Tarlası“ (Das Mohnblumenfeld). Der letzte Band „Kıyamet Günü Yargıçları“ (Die Richter des jüngsten Gerichts) thematisiert den Völkermord an den Armeniern und die staatliche Unterdrückung und Verfolgung von Anerkennung des Völkermordes in der Republik Türkei.[12] Die (fiktiven) Schicksale einiger freundschaftlich miteinander verbundener junger Menschen, die in den vorangegangenen Bänden erzählt werden, beleuchten die politische Entwicklung in der Türkei zwischen den 1970er und 1990er Jahren.

Der Roman „Madonna'nın Son Hayali“ (Der letzte Traum der Madonna), erschienen 2005, erzählt über den Fall ‚Struma’, eines Schiffes mit über 700 jüdischen Flüchtlingen, das 1942 im Schwarzen Meer versenkt wurde. Das Buch wurde von türkischen Kritikern und Schriftstellern zu den besten zehn Romanen des Jahres 2005 gerechnet. 2009 erschien „Babasız günler“ (Tage ohne Vater), Ende 2010 „Fasıl“.

In seinen Romanen, in Aufsätzen und Interviews sowie in Projekten setzt Doğan Akhanlı sich immer wieder für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte ein. Er ist der Initiator der Raphael-Lemkin-Bibliothek[13] in Köln. Schwerpunkte seines zivilgesellschaftlichen Engagements sind das Gedenken und die Aufarbeitung von Völkermorden des 20. Jahrhunderts, wie der Völkermord an den Armeniern und seine Opfer, und der interkulturelle an Versöhnung orientierte Dialog.

Seine Projekte wurden unter anderem von der Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert und zuletzt im Jahr 2009 vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Doğan Akhanlı ist Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins „Recherche International“. Der Verein befasst sich vorrangig mit der bildungsorientierten Aufarbeitung von genozidalen Gewalterfahrungen.[14]

Werke auf Deutsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Doğan Akhanlı – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Annes Schweigen

Die Richter des Jüngsten Gerichts

Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Gottschlich: Dürftige Indizien. In: die tageszeitung, 26. August 2010. Abgerufen am 12. Dezember 2010. 
  2. Martin Rosenbach: Opfer der türkischen Justiz. In: 3sat, 15. September 2010. Abgerufen am 12. Dezember 2010. 
  3. Gerechtigkeit für Doğan Akhanlı. 22. Oktober 2010. Abgerufen am 12. Dezember 2010.
  4. Prozess gegen deutsch-türkischen Autor: Akhanli wird aus Untersuchungshaft entlassen. In: tagesschau.de, 8. Dezember 2010. Archiviert vom Original am 10. Dezember 2010. Abgerufen am 12. Dezember 2010. 
  5. Freilassung für Doğan Akhanlı überfällig, Pressemitteilung vom 8. Dezember 2010
  6. Gerechtigkeit für Doğan Akhanlı. Freispruch am vierten Verhandlungstag
  7. Prozess gegen deutsch-türkischen Autor. Schriftsteller Akhanli freigesprochen (Memento vom 14. Oktober 2011 im Internet Archive) Tagesschau.de, 13. Oktober 2011. Abgerufen am 2. November 2011
  8. Grüne: Freispruch Akhanlis ist Sieg der Gerechtigkeit Domradio.de, 13. Oktober 2011. Abgerufen am 2. November 2011
  9. Pressemitteilung der Kölner Grünen
  10. Nachricht auf Deutschlandradio
  11. http://www.gruenekoeln.de/kreisverband/unterstuetzung-fuer-dogan-akhanli-jetzt-erst-recht.html Unterstützung für Dogan Akhanli - jetzt erst recht
  12. Dogan Akhanli: Ein gebrochenes Land Neue Rheinische Zeitung, abgerufen am 13. Oktober 2011
  13. Kampf gegen Völkermord. 17. Dezember 2007. Abgerufen am 29. Januar 2015.
  14. http://www.3www2.de/
  15. Annes Schweigen