Doğan Akhanlı

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Doğan Akhanlı (2009)

Doğan Akhanlı (* 1957 in Şavşat, Provinz Artvin) ist ein türkischstämmiger deutscher Schriftsteller. Er lebt seit 1992 in Köln.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doğan Akhanlı wurde 1957 als Sohn eines Lehrers in der Provinz Artvin am Schwarzen Meer geboren. Seine ersten Kindheitsjahre verbrachte er in einem kleinen türkischen Dorf im äußersten Nordosten der Türkei. Mit zwölf Jahren zog er zu einem älteren Bruder nach Istanbul, um seine Schulbildung fortzusetzen. Später studierte er Geschichte und Pädagogik in Trabzon.

Nachdem er 1975 wegen des Kaufs einer linksgerichteten Zeitschrift fünf Monate in Untersuchungshaft gesessen hatte, begann er sich politisch zu engagieren als Mitglied der illegalen Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei (TDKP).[1] Nach dem Militärputsch in der Türkei am 12. September 1980 ging er in den Untergrund. Im Mai 1985 wurde Akhanlı zusammen mit seiner Frau Ayşe und dem 16 Monate alten Sohn verhaftet und saß von 1985 bis 1987 als politischer Häftling 2½ Jahre im Militärgefängnis von Istanbul. Später berichtete er über Folterung.[2]

1991 floh er nach Deutschland ins politische Asyl. Seit 1995 lebt er als Schriftsteller in Köln. 1998 wurde er von der Türkei ausgebürgert, weil er eine Rückkehr zum türkischen Militärdienst verweigerte. Er ist Mitglied in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN und besitzt seit 2001 allein die deutsche Staatsbürgerschaft.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1998/99 erschien in türkischer Sprache die Trilogie Kayıp Denizler („Die verschwundenen Meere“). Die ersten beiden Bände heißen Denizi Beklerken („Warten auf das Meer“) und Gelincik Tarlası („Das Mohnblumenfeld“). Der letzte Band Kıyamet Günü Yargıçları („Die Richter des jüngsten Gerichts“) thematisiert den Völkermord an den Armeniern und die staatliche Unterdrückung und Verfolgung von Anerkennung des Völkermordes in der Republik Türkei.[3] Die (fiktiven) Schicksale einiger freundschaftlich miteinander verbundener junger Menschen, die in den vorangegangenen Bänden erzählt werden, beleuchten die politische Entwicklung in der Türkei zwischen den 1970er und 1990er Jahren.

Der Roman Madonna'nın Son Hayali („Der letzte Traum der Madonna“), erschienen 2005, erzählt über den Fall „Struma“, eines Schiffes mit über 700 jüdischen Flüchtlingen, das 1942 im Schwarzen Meer versenkt wurde. Das Buch wurde von türkischen Kritikern und Schriftstellern zu den besten zehn Romanen des Jahres 2005 gerechnet. 2009 erschien Babasız günler („Tage ohne Vater“), Ende 2010 Fasıl.

In seinen Romanen, in Aufsätzen und Interviews sowie in Projekten setzt Doğan Akhanlı sich immer wieder für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte ein. Er ist der Initiator der Raphael-Lemkin-Bibliothek[4] in Köln. Schwerpunkte seines zivilgesellschaftlichen Engagements sind das Gedenken und die Aufarbeitung von Völkermorden des 20. Jahrhunderts, wie der Völkermord an den Armeniern und seine Opfer, und der interkulturelle an Versöhnung orientierte Dialog.

Seine Projekte wurden unter anderem von der Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert und zuletzt im Jahr 2009 vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Akhanlı ist Mitarbeiter von „Recherche International e. V.“.[5] Der gemeinnützige Verein befasst sich vorrangig mit der bildungsorientierten Aufarbeitung von genozidalen Gewalterfahrungen.

Festnahmen und juristische Auseinandersetzungen in der Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prozess in der Türkei 2010 bis 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. August 2010 wurde Akhanlı bei der Einreise in die Türkei festgenommen[6][7] und verbrachte wegen angeblicher Teilnahme an einem 1989 geschehenen Raubüberfall mehrere Monate in Untersuchungshaft.[8] Im Dezember 2010 wurde Akhanlı freigelassen.[9] Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko und die Politikerin Derya Kilic (beide Die Linke), die als Prozessbeobachter in Istanbul anwesend waren, begrüßten die Freilassung als „längst überfälligen Schritt“.[10]

Der Prozess wurde 2011 in seiner Abwesenheit fortgesetzt. Akhanlı bestritt jegliche Verwicklung in das Verbrechen und bezeichnete die Anklage als politisch motiviert und konstruiert. Am 12. Oktober 2011 wurde Akhanlı in Istanbul aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Zwei Zeugen hatten ihre belastenden Aussagen unter polizeilichem Druck gemacht und später wieder zurückgezogen.[11] Im April 2013 wurde der Freispruch in einem Revisionsprozess aufgehoben und ein internationaler Haftbefehl erlassen.[12][13]

Festnahme in Spanien 2017[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 19. August 2017 nahm die spanische Polizei Akhanlı in Granada auf Verlangen der Türkei fest. Dies geschah nach Angaben seines Anwalts auf Grundlage eines über Interpol gestellten Ersuchens um vorläufige Festnahme („Red Notice“).[14]

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel wandte sich gegen eine Auslieferung an die Türkei und forderte eine Einbeziehung Deutschlands in das Auslieferungsverfahren. Außerdem bat er um eine schnellstmögliche konsularische Betreuung.[15] Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck fragte, ob die Bundesregierung von der Einstellung des Festnahmeersuchens in das Interpolsystem wusste.[16]

Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland bezeichnete das Verfahren gegen Akhanli als „eindeutig politisch motiviert“. Ihr Vizepräsident Sascha Feuchert forderte, ihn keinesfalls an die Türkei auszuliefern.[17]

Am 20. August 2017 wurde Akhanlı freigelassen, er darf aber Spanien bis auf weiteres nicht verlassen.[18] Nach Akhanlıs Freilassung warf Bundeskanzlerin Angela Merkel der Türkei den Missbrauch Interpols vor.[19] Wenige Tage nach der Freilassung löschte Interpol die Red Notice.

Werke auf Deutsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Richter des Jüngsten Gerichts. Türkischer Originaltitel: Kıyamet Günü Yargıçları, aus dem Türkischen übersetzt von Hülya Engin, Kitab, Klagenfurt 2007, ISBN 978-3-902005-98-4.
  • Die Tage ohne Vater. Übersetzt aus dem Türkischen von Önder Endem, Kitab, Klagenfurt 2016, ISBN 978-3-902878-65-6.
  • Annes Schweigen – Theaterstück[20]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Doğan Akhanlı – Sammlung von Bildern

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Senada Sokollu: Revisionsprozess gegen Schriftsteller Dogan Akhanli. In: dw.com. 1. August 2013, abgerufen am 21. August 2017.
  2. Porträt: Akhanlı ein erklärter Gegner Erdoğans. In: WDR online. 20. August 2017, abgerufen am 20. August 2017.
  3. Dogan Akhanli: Ein gebrochenes Land. In: NRhZ-Online. Abgerufen am 13. Oktober 2011.
  4. Kampf gegen Völkermord. In: Kölner Stadt-Anzeiger online. 17. Dezember 2007, abgerufen am 29. Januar 2015.
  5. Dogan Akhanli, Recherche International e. V.
  6. Jürgen Gottschlich: Dürftige Indizien. In: taz.de. 26. August 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  7. Martin Rosenbach: Opfer der türkischen Justiz. In: 3sat.de. 15. September 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  8. Prozess gegen deutsch-türkischen Autor: Akhanli wird aus Untersuchungshaft entlassen. In: tagesschau.de. 8. Dezember 2010, archiviert vom Original am 10. Dezember 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  9. Kölner Autor Akhanli: Gericht ordnet Freilassung an. In: FAZ.NET. 8. Dezember 2010.
  10. Derya Kilic, Andrej Hunko: Freilassung für Doğan Akhanlı überfällig. In: andrej-hunko.de. 8. Dezember 2010, abgerufen am 20. August 2017.
  11. Prozess gegen deutsch-türkischen Autor. Schriftsteller Akhanli freigesprochen (Memento vom 14. Oktober 2011 im Internet Archive) In: tagesschau.de. 13. Oktober 2011, abgerufen am 2. November 2011.
  12. Revisionsprozess gegen Schriftsteller Dogan Akhanli. In: Deutsche Welle online. 1. August 2013.
  13. Dogan Akhanli: Plötzlich wieder schuldig. In: Bayerischer Rundfunk online. 8. Mai 2013.
  14. Joachim Frank, Peter Berger, Uni Kreikebaum: Vermerk von Interpol: Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli in Granada festgenommen. In: Kölner Stadt-Anzeiger online. 19. August 2017, abgerufen am 19. August 2017.
  15. Cordula Eubel, Ingo Salmen: Gabriel bittet Spanien: Deutschen nicht an Türkei ausliefern In: Tagesspiegel.de. 19. August 2017.
  16. Türkei lässt deutschen Schriftsteller in Spanien festnehmen. In: Tagesspiegel.de. 19. August 2017, abgerufen am 19. August 2017.
  17. Berlin will Auslieferung an Türkei verhindern. In: Deutschlandfunk online. 19. August 2017, abgerufen am 20. August 2017.
  18. Schriftsteller Dogan Akhanli wieder frei. In: FAZ.NET. 20. August 2017, abgerufen am 20. August 2017.
  19. Nach Akhanli-Festnahme: Merkel wirft Erdogan Missbrauch von Interpol vor. In: FAZ.net 20. August 2017.
  20. Annes Schweigen. In: annesschweigen.blogspot.de. 23. September 2012, abgerufen am 20. August 2017.