Doktor Faust (Busoni)

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Werkdaten
Titel: Doktor Faust
Form: Dichtung für Musik in zwei Vorspielen, einem Zwischenspiel und drei Hauptbildern
Originalsprache: Deutsch
Musik: Ferruccio Busoni
Libretto: Ferruccio Busoni
Uraufführung: 21. Mai 1925
Ort der Uraufführung: Semperoper Dresden
Spieldauer: ca. 3 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Wittenberg und Parma, ausgehendes Mittelalter
Personen
  • Der Dichter (Sprechrolle)
  • Doktor Faust (Bariton)
  • Wagner, sein Famulus, dann Rector magnificus (Bariton)
  • Mephistopheles, als schwarz gekleideter Mann, Mönch, Herold, Hofkaplan, Kurier, Nachtwächter (Tenor)
  • Der Herzog von Parma (Tenor)
  • Die Herzogin von Parma (Sopran)
  • Der Zeremonienmeister (Bass)
  • Des Mädchens Bruder, Soldat (hoher Bariton)
  • Ein Leutnant (Tenor)
  • Drei Studenten aus Krakau (1 Tenor, 2 Bässe)
  • Theologe (Bass)
  • Jurist (Bass)
  • Naturgelehrter (Bariton)
  • Sechs Studenten aus Wittenberg (4 Tenöre, 2 Bässe)
  • Der Schüchterne (Bass)
  • Geisterstimmen:
    • Gravis (Bass)
    • Levis (Bass)
    • Asmodus (Bariton)
    • Beelzebuth (Tenor)
    • Megäros (Tenor)
  • Drei Frauenstimmen (hinter der Szene; Sopran, Mezzosopran, Alt)
  • Erscheinungen (stumme Rollen):
  • Kirchgänger, Soldaten, Hofleute, Jäger, katholische und lutherische Studenten, Landleute (Chor)
  • In der „Symphonia“ unsichtbarer Chor hinter dem Vorhang

Doktor Faust ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Dichtung für Musik“) von Ferruccio Busoni in zwei Vorspielen, einem Zwischenspiel und drei Hauptbildern. Der Text stammt vom Komponisten selbst. Busoni hinterließ das Werk unvollendet. Die Uraufführung fand postum am 21. Mai 1925 in einer Vervollständigung seines Schülers Philipp Jarnach in der Semperoper Dresden statt.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dichter an die Zuschauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dichter tritt vor den Vorhang, äußert Gründe für die Wahl des Faust-Stoffes und nennt das Puppenspiel als wichtigste Quelle. Daran schließt sich eine Symphonia mit „Ostervesper und Frühlingskeimen“ an.

Vorspiel I[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wittenberg

Der Künstler Faust in der Krise. Er sieht sein Werk gescheitert. Sein Assistent Wagner kündigt drei Studenten aus Krakau an. Sie bringen das Buch Clavis Astartis Magica, von dem Faust sich neue Inspiration erhofft.

Vorspiel II[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der nämliche Raum um die Mitternacht

Mit Hilfe des Buches beschwört Faust um Mitternacht sechs Geister und fragt nach ihrer Schnelligkeit. Die Antworten der ersten fünf werden seinen Erwartungen nicht gerecht. Der sechste Geist, Mephistopheles, verspricht, so schnell zu sein „als wie des Menschen Gedanke“, und fragt Faust nach seinen Wünschen. Faust verlangt Genie, Mephistopheles kann ihm nur Reichtum, Macht und Ruhm bieten. Faust widerstrebt dem Teufelspakt, bis er sich bewusst wird, dass sein Haus von Feinden umzingelt ist. Mephistopheles lässt Fausts Mordwunsch an seinen Feinden in Erfüllung gehen. Faust muss unterzeichnen.

Zwischenspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Uralte romanische Kapelle in Münster

Im Münster von Wittenberg betet ein Soldat. Er will Rache für seine von Faust geschändete Schwester Gretchen, die aus Verzweiflung in den Tod ging. Faust wünscht den Tod des Mannes. Da nähert sich Mephistopheles dem Soldaten von hinten und sagt ihm seinen Tod voraus. Weitere Soldaten dringen in die Kirche ein und töten den betenden Soldaten als vermeintlichen Mörder ihres Hauptmanns.

Erstes Bild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der herzogliche Park zu Parma

Der Herzog und die Herzogin von Parma feiern ihre Hochzeit. Faust, der als Attraktion des Festes auftritt, beschließt, die Braut zu verführen. Die Herzogin ist von Faust, der keinem der Männer in ihrer Gesellschaft gleicht, fasziniert. Sie lässt alles hinter sich und folgt ihm.

Zweites Bild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schänke in Wittenberg

In Männergesellschaft versucht Faust, seine Einsichten zu vermitteln. Er löst dabei unbeabsichtigt einen Religionsstreit aus. Nach seinen Frauengeschichten befragt, erinnert er sich der Affäre mit der Herzogin, „von allen Frauen, die mich geliebt, die Schönste“. Mephistopheles tritt herein und berichtet, dass die Herzogin begraben wurde. Er übergibt Faust ihr totes Kind. Mephistopheles will Faust mit dem Bild der trojanischen Helena ablenken, doch Fausts Versuch, das Ideal weiblicher Schönheit zu fassen, bleibt ohnmächtige Beschwörung. Die drei Studenten aus Krakau verlangen das Buch zurück, doch Faust hat es zerstört. Die Studenten verkünden, er werde „noch vor Mitternacht“ sterben.

Letztes Bild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straße in Wittenberg

Der Nachtwächter macht seine Runde. Es hat zehn geschlagen. Fausts ehemaliger Assistent Wagner macht als Hochschullehrer Karriere. Seine Schüler gratulieren und machen es sich anschließend gemütlich, bis sie vom Nachtwächter vertrieben werden. Faust irrt als Fremder durch das eigene Haus. Vergeblich versucht er, sich in seiner Todesstunde mit „seinem kranken Herzen zu versöhnen“. In einer Bettlerin erkennt Faust die Herzogin von Parma. Sie überreicht ihm das tote Kind: „Zum dritten Male schenk’ ich es dir.“ Dann erscheint Gretchens Bruder. Um sich von den Phantomen seiner Schuld zu befreien, versucht Faust zu beten, doch er kann keine Worte finden. Der Nachtwächter entdeckt den Zusammengebrochenen: „Sollte dieser Mann verunglückt sein?“

Epilog[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dichter tritt erneut vor den Vorhang und äußert, dass jeder Zuschauer aus der Bühnenhandlung etwas für ihn selbst Bedeutsames ziehen soll.

Instrumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[1]

Werkgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehung und Uraufführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1910 beschäftigte sich Busoni erstmals mit dem Fauststoff, jedoch dauerte es etwa vier Jahre, bis er sich entschied, diesen Stoff für eine Oper zu nutzen. Im Dezember 1914 verfasste er innerhalb weniger Tage den Text für sein Werk.

Die Komposition dauerte von 1916 bis zu seinem Tod. Busoni griff hierbei auf vorhandenes eigenes Repertoire zurück. Das Werk blieb jedoch unvollendet: Es fehlte die Musik der Erscheinung Helenas, die Busoni 1922 nicht finden konnte. Diese Musik sollte auch für die Schlussszene verwendet werden, die daher ebenfalls fehlt; die Partitur bricht nach dem 451. Takt des letzten Bildes (bei den Worten „O beten, beten! Wo, wo die Worte finden? Sie tanzen durchs Gehirn wie Zauberformeln.“) ab.

Als Ferruccio Busoni am 27. Juli 1924 verstarb, hatte der Generalintendant der Sächsischen Staatstheater, Alfred Reucker, das Stück bereits für die Spielzeit 1924/25 angesetzt. Um die Aufführung zu ermöglichen, schuf der Busoni-Schüler Philipp Jarnach unter Zeitdruck eine in es-Moll gehaltene Schlussfassung, in der mehrere Textzeilen gestrichen sind. Die Uraufführung fand am 21. Mai 1925 unter der Leitung von Fritz Busch mit Robert Burg als Faust und Meta Seinemeyer statt.

1977 stieß der englische Musikwissenschaftler und Dirigent Antony Beaumont in der Staatsbibliothek Berlin auf zwei Partiturbögen, die Busonis Nachlassverwalter als Packpapier für die Faust-Skizzen verwendet hatte. Diese belegten die Wiederverwendung der Musik der Helena-Szene aus dem zweiten Bild und den von Busoni geplanten, hoffnungsvollen Schluss in C-Dur. Auf dieser Grundlage schuf Beaumont eine neue Rekonstruktion mit dem vollständigen Schlussmonolog. Diese Fassung wurde erstmals am 2. April 1985 in Bologna aufgeführt.[2]

Aufführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Mitschnitt der Züricher Inszenierung von Klaus Michael Grüber wurde auf DVD und Blu-ray Disc veröffentlicht.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Fontaine: Busonis „Doktor Faust“ und die Ästhetik des Wunderbaren, Kassel: Bärenreiter 1988
  • Rolf Fath (Hrsg.): Reclams Opernführer. 38., erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-010638-9
  • Schokolade ohne Zucker. Interview mit Slavoj Žižek über Busonis Oper anlässlich der Festrede zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 149, 28./29. Juni 2008, S. 14.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul op de Coul: Doktor Faust. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 477–480.
  2. Juliane Schunke: Eine Faust-Oper für Dresden. In: Programmheft zur Produktion Doktor Faust. Sächsische Staatstheater, 2017
  3. Presse-Spiegel Ferruccio Busoni: Doktor Faust. Abgerufen am 1. April 2014.
  4. Busoni: Doctor Faust [DVD Video] – Thomas Hampson bei Allmusic (englisch). Abgerufen am 6. Mai 2015.