Dolenice

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Dolenice
Dolenice CoA.jpg
Dolenice (Tschechien)
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Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Jihomoravský kraj
Bezirk: Znojmo
Fläche: 446 ha
Geographische Lage: 48° 55′ N, 16° 22′ OKoordinaten: 48° 54′ 31″ N, 16° 21′ 53″ O
Höhe: 255 m n.m.
Einwohner: 150 (1. Jan. 2017)[1]
Postleitzahl: 671 78
Kfz-Kennzeichen: B
Verkehr
Straße: Damnice - Břežany u Znojma
Bahnanschluss: Hrušovany nad Jevišovkou–Brno
Struktur
Status: Gemeinde
Ortsteile: 1
Verwaltung
Bürgermeister: Viktor Antl (Stand: 2010)
Adresse: Dolenice 1
671 78 Jiřice u Miroslavi
Gemeindenummer: 593958
Website: www.obecni-urad.net/dolenice

Dolenice (deutsch Tullnitz) ist eine Gemeinde in Südmähren (Tschechien). Er liegt 25 Kilometer östlich von Znaim und gehört zum Okres Znojmo (Bezirk Znaim). Der Ort wurde als ein Straßendorf angelegt.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Norden liegt Damnice (Damitz), im Westen Kašenec (Kaschnitzfeld), im Süden Břežany u Znojma (Frischau) und im Osten Litobratřice (Leipertitz).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche von Tullnitz, 1934

Die in Tullnitz gesprochene „ui“- Mundart (bairisch-österreichisch) mit ihren speziellen Bairischen Kennwörtern weist auf eine Besiedlung durch bayrische deutsche Stämme hin, wie sie nach 1050, aber vor allem im 12/13. Jahrhundert erfolgte. [2][3]. Die erste Nennung des Ortes ist in einer Stiftungsurkunde aus dem Jahre 1239. Der Ort gehörte in dieser Zeit zur Herrschaft Mißlitz und kam später zur Herrschaft des Klosters Bruck. Um 1530 wird der Ort als „Dolnitz“ erneut genannt und ab 1585 wird Tullnitz vom Nonnenkloster Maria Saal in Alt-Brünn verwaltet. Während des Dreißigjährigen Krieges wird der Ort völlig zerstört. Erst 1680 wird der Ort wieder aufgebaut. Im Jahre 1714 wird der Ort vom Nonnenkloster verkauft und sechs Jahre später das zerstörte Schloss neben dem Meierhof wieder aufgebaut. Bereits 1723 wird der Ort abermals verkauft und kommt um 1729 schlussendlich in den Besitz der Fürsten von Liechtenstein.

Während der Napoleonischen Kriege wird der Ort in den Jahren 1805 und 1809 von französischen Truppen besetzt, was der Gemeinde hohe Kosten verursachte. Zwischen 1816 und 1820 wird der Meierhof aufgelöst, zerteilt und verkauft, wodurch sich die Anzahl der Häuser im Ort erheblich steigert. Um 1870 erhält Tullnitz einen Anschluss für die Bahnlinien Brünn-Grusbach-Znaim. Eine Freiwillige Feuerwehr wurde im Jahr 1905 gegründet. Im Jahre 1908 wird die „Kaiser-Franz-Josef-Jubiläumsschule“ gebaut. Vorher waren die Kinder von Tullnitz in Irritz eingeschult. Der größte Teil der Einwohner lebte von der Landwirtschaft. Der in Südmähren seit Jahrhunderten gepflegte Weinbau spielte nur eine untergeordnete Rolle und so deckten die produzierten Mengen nur den Eigenbedarf.[4]

Einer der Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg, 1914–1918, war die Tschechoslowakei, die jene deutschsprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und Österreichisch-Schlesiens für sich beanspruchte, die seit Ende 1918 als Deutschösterreich galten. Der Vertrag von St. Germain[5] sprach diese strittigen Territorien gegen den Willen der dort lebenden Deutschsüdmährern, im Jahre 1910 waren es 91 %, der Tschechoslowakei zu. In der Zwischenkriegszeit kam es durch Neubesetzung von Beamtenposten und neuen Siedlern zu einem vermehrten Zuzug von Personen tschechischer Nationalität.[6] 1923 wird im Ort eine tschechische Minderheitenschule und ein tschechischer Kindergarten eröffnet. Daraufhin gründete der Südmährer- Bund einen deutschen Kindergarten und eine Tagesheimstätte. Beschwerden von tschechischer Seite erzwingen nach einigen Jahren deren Schließung. Nach dem Münchner Abkommen 1938 kam der Ort an das Deutsche Reich und wurde ein Teil des Reichsgaues Niederdonau.

Im Jahre 1940 wurde die Weinernte des Ortes durch Hagel vernichtet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der 20 Opfer unter den Einwohnern von Tullnitz forderte, kam die Gemeinde am 8. Mai 1945 wieder zur Tschechoslowakei zurück. Bald werden die Häuser der deutschmährischen Bewohner von sogenannten "tschechischen Hausverwaltern" in Besitz genommen. Um den einsetzenden Exzessen durch militante Tschechen zu entgehen, flüchteten ungefähr 80 Deutschmährer über die nahe Grenze nach Österreich Im August 1945 bestimmten die Siegermächte im Potsdamer Kommuniqués (Konferenz) [7] die Nachkriegsordnung. Die laufende, kollektive Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurde darin nicht erwähnt, jedoch explizit ein geordneter und humaner Transfer der deutschen Bevölkerungsteile, die in der Tschechoslowakei zurückgeblieben sind, verlangt. 195 Personen werden in drei Transporten zwischen dem 14. Februar und 3. Juni 1946 zwangsausgesiedelt. Im Ort verblieben 53 Tschechen sowie 39 Personen aus Mischehen, die sich 1939 zum Deutschtum bekannt hatten. Von den Deutschmährern blieben sieben Personen im Ort. [8] Alles private und öffentliche Vermögen der deutschen Ortsbewohner wurde durch das Beneš-Dekret 108 konfisziert[9] und die katholische Kirche in der kommunistischen Ära enteignet. Eine Wiedergutmachung ist seitens der Tschechischen Republik nicht erfolgt.

Von den vertriebenen Ortsbewohnern bauten sich 195 in Deutschland und 80 in Österreich ein neues Leben auf. [10]

Die Matriken des Ortes wurden ab 1635 bei Irritz geführt. Alle Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken bis zum Jahre 1949 befinden sich im Landesarchiv Brünn. [11]

Wappen und Siegel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das älteste Siegel stammte aus dem 17. Jahrhundert und zeigte als Siegelfigur eine Kuh. Auf einem späteren Siegel ist innerhalb der Umschrift "Gemein Sigil Darff Tollnitz 1757" ein Pflugeisen und ein Winzermesser abgebildet. Ab 1848 führte der Ort nur noch einen bildlosen Gemeindestempel, welcher zwischen 1920 und 1938 zweisprachig war.[12]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkszählung Einwohner gesamt Volkszugehörigkeit der Einwohner
Jahr Deutsche Tschechen Andere
1880 458 399 59 0
1890 364 309 55 0
1900 360 309 51 0
1910 393 357 36 0
1921 440 348 87 5
1930 388 285 98 5

[13]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kapelle mit hl. Nepomuk
  • Kapelle zur Kreuzerhöhung, Altar aus dem 17. Jahrhundert, Schmerzhafte Mutter Gottes im Rokokostil (1775), in den Jahren 1787, 1823, 1856 und 1897 renoviert
  • Statue des Hl. Johannes von Nepomuk (1883)
  • Statue des Antoni (1734)
  • Kapellenkreuz (1840)
  • Eisernes Kreuz an der Damitzer Straße
  • Mariensäule in der Flur

[14]

Brauchtum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reiches Brauchtum prägte das Leben der 1945/46 vertriebenen, deutschen Ortsbewohner:

  • Hochzeit feierte man entweder im Mai vor Beginn der Feldarbeiten oder Ende Oktober/Anfang November nach der Einbringung der Hackfruchternte. Brautleute und beider Eltern kamen zusammen, um über die Mitgift zu verhandeln. Die Hochzeit fand meist am Mittwoch um 10 Uhr statt. Die Gäste von auswärts kamen, die Pferde mit Bändern und Schellen behängt, mit schönen Fuhrwerken gefahren und wurden mit Glühwein und Kuchen bewirtet. Der Bräutigam zog dann mit seinen Verwandten unter Musikbegleitung zum Haus der Braut. Nach der Begrüßung mussten sich Bräutigam und Braut auf der Türschwelle niederknien und empfingen nach einer kurzen Ansprache den Segen des Vaters.
  • Auf dem Heimweg von der Kirche wurde, wenn ein Ehepartner von auswärts war, von der Burschenschaft „vorgezogen“, d. h. ein mit Bändern geschmücktes Seil über den Weg gespannt, das junge Ehepaar durch den Altburschen begrüßt und beglückwünscht und ihm ein Glas Wein kredenzt. Das Seil wurde aber nicht eher hochgezogen, ehe der junge Ehemann etwas „springen ließ“. Beim Haus der Braut angekommen, fanden sie eine verschlossene Tür. Auf ihr Klopfen fragte eine Stimme von innen: „Wer ist draußen?“ Erst nachdem die junge Frau ihren nunmehrigen Familiennamen genannt hatte, wurde geöffnet. Dann wurden dem jungen Paar zwei hochgehaltene Töpfe dargereicht, einer mit Wasser, der andere mit Wein gefüllt. Erwischte die junge Frau den Topf mit Wein, war dies ein Zeichen, dass sie das Regiment im Hause führen werde, dass sie aber auch ein Glas Wein nicht verachte. Dann wurde der jungen Frau ein Laib Brot und dazu ein womöglich recht stumpfes Messer gereicht. Das Brot musste sie anschneiden. Dabei wurde aber genau darauf geachtet, ob sie auf dem Laib auch die drei Kreuze macht. Schließlich wurde ihr ein Besen gereicht, mit dem sie kehren musste. [15]

Quellen und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakob Mühlhauser: Tullnitz - Ein Heimatbuch Band I - III, 1940
  • Sofka: Heimatbuch der Gemeinden Irritz-Damitz-Tullnitz, Ulm 1975
  • Ilse Tielsch-Felzmann: Südmährische Sagen. 1969, München, Verlag Heimatwerk
  • Wenzel Max: Thayaland, Volkslieder und Tänze aus Südmähren, 1984, Geislingen/Steige
  • Felix Bornemann: Kunst und Kunsthandwerk in Südmähren., Tullnitz: s. 36; C. Maurer Verlag, Geislingen/Steige 1990, ISBN 3-927498-13-0
  • Bruno Kaukal: Die Wappen und Siegel der südmährischen Gemeinden. Knee, Wien 1992, ISBN 3-927498-19-X, S. 232.
  • Emilia Hrabovec: Vertreibung und Abschub. Deutsche in Mähren 1945 – 1947, Frankfurt am Main/ Bern/ New York/ Wien (=Wiener Osteuropastudien. Schriftenreihe des österreichischen Ost- und Südosteuropa Instituts), 1995 und 1996
  • Hans Zuckriegl: Wörterbuch der südmährischen Mundarten. Ihre Verwendung in Sprache, Lied und Schrift. 25.000 Dialektwörter, 620 S. Eigenverlag. 1999.
  • Walfried Blaschka, Gerald Frodl: Der Kreis Znaim von A bis Z. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen/Steige 2006.
  • Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Dolenice – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2017 (PDF; 371 KiB)
  2. Leopold Kleindienst:Die Siedlungsformen, bäuerliche Bau- und Sachkultur Südmährens. 1989, S. 9, ISBN 3-927498-09-2
  3. Franz Joseph Beranek: Die Mundarten von Südmähren, 1936.
  4. Hans Zuckriegl:Ich träum' von einem Weinstock, Kapitel 7, S. 261
  5. Felix Ermacora: Der unbewältigte Friede: St. Germain und die Folgen; 1919 -1989 , Amalthea Verlag, Wien, München, 1989, ISBN 3-85002-279-X
  6. Johann Wolfgang Brügel: Tschechen und Deutsche 1918 – 1938, München 1967
  7. Charles L. Mee: Die Potsdamer Konferenz 1945. Die Teilung der Beute. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979. ISBN 3-453-48060-0.
  8. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band III. Maurer, Geislingen/Steige 2001, S. 268, 573. ISBN 3-927498-27-0.
  9. Ignaz Seidl-Hohenveldern: Internationales Konfiskations- und Enteignungsrecht. Reihe: Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht. Band 23. Berlin und Tübingen, 1952.
  10. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 268 f.
  11. Acta Publica Registrierungspflichtige Online-Recherche in den historischen Matriken des Mährischen Landesarchivs Brünn (cz,dt). Abgerufen am 14. März 2011.
  12. Sofkta: Heimatbuch der Gemeinde Irritz-Damitz-Tullnitz, 1975, s.92f
  13. Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848–1960, sv.9. 1984
  14. Georg Dehio, Karl Ginhart: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler in der Ostmark, 1941, Anton Schroll & Co, Tullnitz S.466
  15. Blaschka,Frodl:Der Kreis Znaim von A bis Z, 2006