Domenica Niehoff

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Domenica Anita Niehoff, bekannt als Domenica (* 3. August 1945 in Köln; † 12. Februar 2009 in Hamburg), war eine prominente Prostituierte in Hamburg. Sie trat in Fernseh-Talkshows in den 1980er Jahren medienwirksam ein für die Legalisierung der Prostitution als Beruf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühes Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie stammte aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Ihre Mutter Anna floh mit ihren Kindern vor ihrem italienischen Ehemann und wurde mehrmals wegen Betrug verhaftet. Sie wuchs bis zu ihrem 14. Lebensjahr mit ihrem Bruder in einem katholischen Waisenhaus auf.

1962 begann sie eine Ausbildung als Buchhalterin, brach diese später ab[1] und lebte mit einem Bordellbesitzer, den sie später heiratete. Ihr Mann erschoss sich 1972[2] und sie arbeitete ab da als Prostituierte im Hamburger Vergnügungs- und Rotlichtviertel St. Pauli in dem Großbordell Palais d'Amour und in der Herbertstraße. Später betrieb sie ein eigenes Studio.

Öffentliche Bekanntheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachtszene in Hamburgs Vergnügungs- und Rotlichtviertel St. Pauli – hier galt Domenica als die „Königin der Reeperbahn“.[3]

Ab 1979 war sie auch in den Medien bekannt und avancierte in den 1980er Jahren zur prominentesten Prostituierten Deutschlands. In Fernseh-Talkshows trat sie wiederholt für die Legalisierung ihres Berufsstandes auf.

Sie hatte Kontakt mit Prominenten aus Kunst und Kultur und diente ihnen als Muse. Auf dem Plattencover der Single Bum Bum der Popgruppe Trio ist im tiefausgeschnittenen Dekolleté mit Lippenstift zweimal das Wort „Bum“ auf ihren Brüsten zu sehen und sie spielte auch im gleichnamigen Musikvideo.

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek widmete ihr Gedichte und schwärmte: „eine Hure bis hinein in ihr großes träges Herz“, „und bis in die Beine eine Frau“, „wenn sie mit dem Hintern wackelt, fließen die Flüsse bergauf“. Niehoff verkehrte gesellschaftlich u. a. mit Tomi Ungerer, Horst Janssen, Alfred Hrdlicka und dem Ehepaar Gloria und Johannes von Thurn und Taxis. Sie trat in mehreren Filmen auf, u. a. Messalina – Kaiserin und Hure (1980), Desperado City (1981), Taxi nach Kairo (1987), Fernes Land Pa-isch (1994). 1993 drehte der Regisseur Peter Kern einen dokumentarischen Spielfilm über ihr Leben.

Seit April 2011 wird ihre lebensgroße Wachsfigur im Panoptikum Hamburg ausgestellt.[4]

Soziale Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990 beendete sie – im Alter von 45 Jahren – ihre Tätigkeit als Prostituierte und betätigte sich ehrenamtlich in sozialen Projekten. 1991 war Niehoff Mitinitiatorin des Prostituierten-Hilfsprojektes Ragazza e.V. im Hamburger Stadtteil St. Georg und betreute drogensüchtige Mädchen und Frauen. 1997 gab sie die Tätigkeit wegen Misserfolg und persönlicher Überforderung auf.

Spätes Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urnengrab Domenica Niehoff im Garten der Frauen

Anlässlich der Internationalen Comic-Tage in Hamburg 1993 widmeten ihr neun bekannte Comiczeichner ein Portfolio mit neun Blättern.

1994 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Körper mit Seele – Mein Leben“, die von Hans Eppendorfer aufgezeichnet wurde.

Zum Besuch von Papst Johannes Paul II. in Berlin 1996 sprach Niehoff in einem papstähnlichen Gewand bei einer Demonstration den Transvestiten Charlotte von Mahlsdorf „heilig“, was konservative Politiker von der CSU veranlasste, im Bundestag einen Gesetzentwurf vorzustellen (Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses ohne Störung des öffentlichen Friedens), der jedoch von den übrigen Parteien abgelehnt wurde.

1998 bis 2000 betrieb sie am Hamburger Fischmarkt eine kleine Kneipe („Fick“), die sie aus finanziellen Gründen (20.000 DM Steuerschulden) schließen musste.

2001 starb ihr Bruder. Bis 2008 lebte sie in Boos (Eifel) in dem vom Bruder geerbten Haus, bevor sie wieder nach St. Pauli zog.[2]

Die Ausstellung Sexarbeit Prostitution – Lebenswelten und Mythen im Museum der Arbeit in Hamburg schenkte bekannten Prostituierten wie Rosemarie Nitribitt, Christine Keeler und auch Domenica Niehoff besondere Beachtung (4. November 2005 bis 7. Mai 2006).

Domenica Niehoff starb im Februar 2009 im Allgemeinen Krankenhaus Altona in Hamburg an den Folgen des Lungenleidens COPD.[2][5] Ihre letzte Ruhe fand Domenica auf dem Ohlsdorfer Friedhof, im Garten der Frauen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Domenica Niehoff: Domenicas Kopfkissenbuch. Droemer Knaur, München 1989, ISBN 3-426-03994-X.
  • Fee Zschocke (Texte), Andrej Reiser (Fotogr.): Domenica und die Herbertstraße. Eichborn, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-8218-1701-1.
  • Domenica Portfolio. Grafikmappe, Schreiber & Leser, München 1993. (A-3; 10 Blätter handsigniert auf hundert Exemplare limitiert und 9 Blätter auf 200 Exemplare limitiert.)
  • Domenica Niehoff: Körper mit Seele. Mein Leben. Aufgezeichnet von Hans Eppendorfer, Droemer Knaur, München 1994, ISBN 3-426-75062-7.
  • Barbara Lukesch: Gespräch zwischen den beiden ehemaligen Prostituierten Domenica Niehoff und Brigitte Obrist zum Thema „Prostitution und Ausstieg“. In: Das Magazin. 24. August 1996. (Als Onlinetext verfügbar.)
  • Günter Zint: Domenica. Das Fotobuch »Ich war nicht schön, ich war schlimmer.« Dölling und Galitz, München/ Hamburg 2012, ISBN 978-3-86218-016-5.

Media[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Menschen bei Maischberger, frei zugängliches RealVideo der Fernsehsendung „Menschen bei Maischberger“ vom 22. Mai 2007 mit Domenica Niehoff zum Thema „Hure – ein ganz normaler Beruf?“

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Domenica Anita Niehoff. auf: hamburg.de
  2. a b c Edgar S. Hasse: Domenica – die Befreierin der Prostituierten ist tot. In: Welt Online. 12. Februar 2009. (abgerufen am 12. Februar 2009)
  3. Jens Meyer-Odewald: St. Pauli: Der Kiez trauert um Domenica Anita Niehoff. Die „Königin der Reeperbahn“ ist tot. In: Hamburger Abendblatt. 13. Februar 2009. (abgerufen am 13. Februar 2009)
  4. Erotisch anziehend und gleichzeitig nachdenklich - Domenica als Wachsfigur in Hamburg verewigt. auf: themenportal.de, abgerufen: 23. Februar 2013.
  5. Hauke Brost: Domenica (†63) – von der Hure zum Star. In: Bild.de. 13. Februar 2009 (abgerufen am 9. April 2012).