Domingo de Soto


Dominico de Soto OP (* 1494 in Segovia; † 15. November 1560 in Salamanca; span. Domingo de Soto) war ein spanischer Dominikaner, Lehrer für Theologie an der Universität Alcalá, Beichtvater Karls V. und ein führender Vertreter der spanischen Spätscholastik (Schule von Salamanca). Sein ursprünglicher Vorname lautete Francisco.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Domingo stammte aus einfachen Verhältnissen, war als Sakristan tätig und studierte dann Theologie und Philosophie, zunächst an der Universität Alcalá, dann an der Sorbonne. 1524 trat der in Burgos in den Dominikanerorden ein und lehrte an der dominikanischen Hochschule in Segovia Philosophie und später an der Universität Salamanca Theologie, wobei er die Summa theologiae des hl. Thomas von Aquin kommentierte.
Von 1545 bis 1547 war Domingo als Theologe Karls V. und Vertreter des Dominikanerordens am Konzil von Trient, wo er die Rechtfertigungslehre des hl. Thomas vertrat und in Bezug auf die Beziehungen von göttlicher Gnade und menschlicher Freiheit weiterentwickelte. Er wurde Beichtvater des Kaisers, lehnte jedoch eine Ernennung zum Bischof von Segovia ab und kehrte stattdessen in sein Kloster zurück, wo er vom Konvent 1550 zum Prior gewählt wurde. Von 1552 bis zu seinem Tode lehrte er wieder an der Universität Salamanca. Dort war Juan de Ribera einer seiner Studenten.
Neben seiner theologischen Arbeit engagierte er sich besonders für das Armutsideal der Dominikaner und auch für die Rechte der Armen. In einer Disputation mit dem Infanten Philipp verteidigte er das Recht des Armen auf Selbstbestimmung und engagierte sich in der Disputation von Valladolid auf der Seite von Bartolomé de Las Casas für die Rechte der südamerikanischen Indianer.
Gedanken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vertragsrecht
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Viele Soto-Forscher betonen, dass Soto eine herausragende Rolle bei der Systematisierung des Vertragsrechts gespielt habe.[1] Gleichwohl muss sein Beitrag mit den Arbeiten früherer deutscher Juristen wie Matthäus von Krakau und Konrad Summenhart in Verbindung gebracht werden.[2]
In seinen Darlegungen erweitert Soto das Spektrum der Fälle, in denen der Willensmangel der Angst geltend gemacht werden kann, jedoch unter der Bedingung, dass der Vertragspartner Mut und Loyalität zeigt,[3] ohne jedoch zu glauben, dass der Vertrag automatisch fehlerhaft ist: Es obliegt der eingeschüchterten Partei, sich auf die Angst zu berufen, um die Aufhebung der Verpflichtung zu erwirken.[4]
Soto ist der Ansicht, dass es eine auf dem christlichen Naturrecht beruhende Vertragsfreiheit gibt.[5] Allerdings ist er konservativer als die anderen Mitglieder der Schule von Salamanca.[6] Soto ist überzeugt, dass diese Freiheit von öffentlichen Behörden, die sich um das Gemeinwohl kümmern, umrahmt werden muss. Diese seien beispielsweise gehalten, die im Einzelfall die freie Verfügung einer Person über ihr Eigentum zu beschränken, falls deren Urteilskraft beeinträchtigt ist.[7] Zudem sei – Vertragsfreiheit hin, Vertragsfreiheit her – das Verbot des Zinswuchers durch die Obrigleit strikt durchzusetzen.[6]
Gesellschaftliche Verantwortung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Prior des Klosters San Esteban musste Soto wiederholt die Versorgung der Armen organisieren.[8] Er verteidigte ihre Rechte während der Hungersnöte 1540 und 1545,[1] zumal das fundamentale Zugriffsrecht auf Nahrung. Die Ökonomie der Hungerkrisen entschlüsselte er mit einer Sichtweise ähnlich der von Amartya Sen, der die Hungersnöte in Bengalen unter dem Gesichtspunkt der den Hungernden verweigerten Zugriffsrechte untersuchte.[9] Er wandte sich gegen die Säkularisierung[10] und die Übertragung von Kompetenzen der karitativen Einrichtungen der religiösen Orden auf die öffentlichen Autoritäten, wie sie insbesondere von Juan Luis Vives gefördert wurden. Soto vertritt die Ansicht, dass die Reichen und die Armen durch eine symbiotische Beziehung der gegenseitigen Notwendigkeit verbunden sind, indem die Armen die materielle Hilfe der Reichen zum Leben brauchen, aber die Reichen auch die Armen brauchen, um Caritas zu zeigen und das Heil ihrer Seelen zu erlangen.[11]
Naturwissenschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Durch die Forschungen von Pierre Duhem wurde auch der Beitrag von Dominique de Soto in der Geschichte der Mechanik bekannt.[12] In seinen 1554 in Salamanca veröffentlichten Summulae beschrieb er unter anderem – 80 Jahre vor Galileo Galilei – die gleichmäßig beschleunigte Bewegung.[13]
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seine bekanntesten Schriften sind:
- De ratione tegendi et detegendi secretum. 1541.
- In dialecticam Aristotelis commentarii. 1544.
- In VIII libros physicorum. 1545.
- De natura et gratia. 1547.
- Comment. in Ep. ad Romanos. 1550.
- Summulae. 1554.
- De justitia et jure. 1556.[14]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]in der Reihenfolge des Erscheinens
- Pierre Duhem: Dominique Soto et la scolastique parisienne. In: Etudes sur Leonard de Vinci, Serie 3, Hermann, Paris 1913, S. 261–583.
- Erstveröffentlichung im Bulletin Hispanique, Jg. 12 (1901), S. 275–302 und 357–376, Jg. 13 (1911), S. 157–194 und 291–302 und 440–467 sowie Jg. 14 (1912), S. 60–76, 127–139, 275–299 und 375–382. (ein älterer, jedoch durch die Breite und Sorgfalt der Auswertung zeitgenössischer Quellen noch immer aktueller Beitrag)
- Karl Josef Becker: Die Rechtfertigungslehre nach Domingo de Soto. Das Denken eines Konzilsteilnehmers vor, in und nach Trient. Analecta Gregoriana, Rom 1967.
- Juan José Pérez Camacho, Ignacio Sols Lucía: Domingo de Soto en el origen de la ciencia moderna. In: Revista de Filosofía, Jg. 12 (1994), S. 27–49, Online.
- Walter Senner: Soto, Domingo de. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 10, Bautz, Herzberg 1995, ISBN 3-88309-062-X, Sp. 831–836.
- Merio Scattola: „Naturrecht als Rechtstheorie: Die Systematisierung der ‚res scholastica‘ in der Naturrechtslehre des Domingo de Soto“, in: Die Ordnung der Praxis. Neue Studien zur spanischen Spätscholastik, hrsg. von Frank Grunert/Kurt Seelmann, Tübingen 2001, S. 21–48.
- Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, ISBN 978-90-04-23284-6.
- Wim Decock: Domingo de Soto: „De iustitia et iure (1553–1554)“. In: Serge Dauchy und andere (Hrsg.): The Formation and Transmission of Western Legal Culture. 150 Books that Made the Law in the Age of Printing. Springer, Cham 2016, ISBN 978-3-319-45564-8, S. 84–86.
- Annica Grimm: Frieden und Ruhe des Gemeinwesens bei Domingo de Soto. Nomos, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8487-4349-0.
- Jürgen Mittelstraß: Soto. In: ders. (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. Band 7, Stuttgart, Metzler 2018, ISBN 978-3-476-02106-9, S. 430–431 (recht kurzer Lexikonartikel mit ausführlichem Werk- und Literaturverzeichnis).
- Wim Decock: Mendicité et migration. Domingo de Soto, O.P., sur les droits fondamentaux des pauvres. In: Revue de droit canonique, Jg. 72 (2022), S. 243–265.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 53.
- ↑ Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 53–54.
- ↑ Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 236–237.
- ↑ Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 224–225.
- ↑ Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 373.
- ↑ a b Wim Decock: Domingo de Soto: „De iustitia et iure (1553–1554)“. In: Serge Dauchy und andere (Hrsg.): The Formation and Transmission of Western Legal Culture. 150 Books that Made the Law in the Age of Printing. Springer, Cham 2016, S. 84–86, hier S. 85.
- ↑ Wim Decock: Theologians and Contract Law. The Moral Transformation of the „Ius commune“ (ca. 1500–1650). Martinus Nijhoff, Leiden 2013, S. 372.
- ↑ Wim Decock: Mendicité et migration. Domingo de Soto, O.P., sur les droits fondamentaux des pauvres. In: Revue de droit canonique, Jg. 72 (2022), S. 243–265, hier S. 248–249.
- ↑ Amartya Sen: Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation. Clarendon Press, Oxford 1982, ISBN 0-19-828463-2.
- ↑ Wim Decock: Salamanca Meets Secularism. Clerics’ Role in the Administration of Justice and Charity. In: Tarald Rasmussen, Jørn Øyrehagen Sunde: Protestants Legacies in Nordic Law. The Early Modern Period. Schöningh, Paderborn 2023, ISBN 978-3-506-79074-3, S. 57–78.
- ↑ Wim Decock: Mendicité et migration. Domingo de Soto, O.P., sur les droits fondamentaux des pauvres. In: Revue de droit canonique, Jg. 72 (2022), S. 243–265, hier S. 255.
- ↑ Pierre Duhem: Dominique Soto et la scolastique parisienne. In: Etudes sur Leonard de Vinci, Serie 3, Hermann, Paris 1913, S. 261–583.
- ↑ William A. Wallace: Domingo de Soto and the Early Galileo. Essays on Intellectual History. Routledge, London 2018, ISBN 978-1-1386-1948-7, S. 230.
- ↑ Digitalisat in der Biblioteca Europea di Informazione e Cultura (BEIC)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Soto, Domingo de |
| ALTERNATIVNAMEN | Soto, Dominico de |
| KURZBESCHREIBUNG | katholischer Theologe |
| GEBURTSDATUM | 1494 |
| GEBURTSORT | Segovia |
| STERBEDATUM | 15. November 1560 |
| STERBEORT | Salamanca |