Dominionismus

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Als Dominionismus oder Dominion Theology wird eine Strömung innerhalb des Christlichen Fundamentalismus in den USA bezeichnet, die sich auf Genesis 1,26-28 EU beruft, um eine christliche Verantwortung bei der Gestaltung des Staates vor der Wiederkunft Christi zu begründen. Die lutherische Zwei-Reiche-Lehre wird abgelehnt.

Der harte Flügel der Dominionisten will einen qualifiziert dominierenden Einfluss über den weltlichen Staat erreichen. Dies kann geschehen durch einen Gottesstaat oder einen Staat, der in einigen Schlüsselbereichen wesentlich nach den Vorstellungen bestimmter Interessengruppen gestaltet ist.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dominionismus ist auch als Dominion Theology oder – in der Selbstbezeichnung der Anhänger einer spezifischen dominionistischen Denkrichtung – als Christian Reconstructionism bekannt. Die genaue Bedeutung und Anwendung des Begriffes wird unterschiedlich gehandhabt. In der Literatur tauchen Dominionismus und Christian Reconstructionism teilweise als austauschbare Begriffe auf;[1] Dominionismus ist eher der Oberbegriff, während Christian Reconstructionism ein von der Chalcedon Foundation propagiertes Modell des christlichen Dominionismus darstellt. Der Begriff Dominionismus wurde in den 1980er Jahren von der Soziologin Sara Diamond geprägt[2], er wird nicht im konservativen oder religiösen Umfeld verwendet. 1986 und 1987 benutzte der evangelikale Autor Albert James Dager in seinem Essay Kingdom Theology die Begriffe Kingdom now theology und Dominion Theology.[3] In der Literatur tauchen im Zusammenhang mit Dominionismus auch die Begriffe Triumphalismus und Theonomie[4] auf, im Umfeld des charismatischen Protestantismus auch der Begriff Kingdom-Now-Theology (Reich-Gottes-Jetzt-Theologie).

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dominionistische Theologen wie der rekonstruktionistische Presbyterianer Rousas John Rushdoony (1916–2001) nehmen Gottes Befehl an den ihm ebenbildlichen Menschen, sich die Erde untertan zu machen (Gen. 1) wörtlich. Demnach gelte es einen christlichen Staat zu errichten, in dem freie Marktwirtschaft herrscht, der Staat sich aus Wohlfahrt und Bildung heraushält (Dominionisten empfehlen Hausunterricht) und den im Alten Testament befohlenen Sanktionen für Sünden wieder Geltung verschafft werden, namentlich der Todesstrafe für Mord, Ehebruch, Homosexualität und nicht korrigierbare jugendliche Delinquenz.[5]

Diese Positionen sind in den Vereinigten Staaten innerhalb der religiösen Rechten weit verbreitet. Der Dominionismus hat die Tea-Party-Bewegung wesentlich mitbeeinflusst.[6] So wurden die republikanischen Präsidentschaftskandidaten von 2012 Rick Perry und Michele Bachmann mit dem Dominionismus in Verbindung gebracht. Bei Perry spielte dabei eine spezielle Version des „Seven Mountains Dominionism“ eine Rolle. Dieser gibt vor, dass dem Dominionismus nahestehende Christen in sieben wesentlichen gesellschaftlichen Sektoren die Kontrolle erlangen müssen,[7] nämlich in Regierung, Geschäftswelt, Medien, Kunst und Unterhaltung, Bildung, Familie und Religion.[8]

Innerhalb der dominionistischen Bewegung kam es wiederholt zu zum Teil heftigen persönlichen und theologischen Kontroversen. So ist unter anderem umstritten, ob Christi Tausendjähriges Reich vor oder nach dessen Wiederkunft entstehen wird (Postmillenarismus vs. Prämillenarismus). Auch zwischen dominionistischen Presbyterianern und Pfingstlern herrscht Uneinigkeit.[9] Die Reich-Gottes-Jetzt-Theologie als Variante des Dominionismus wird als Produkt der charismatischen Latter-Rain-Bewegung angesehen, die innerhalb der amerikanischen Pfingstbewegung stark kritisiert wurde. Aus der Latter-Rain-Bewegung ging die New-Apostolic-Reformation-Bewegung hervor.[10]

Im Dominionismus sind Verschwörungstheorien verbreitet. So unterstützten Rushdoony und sein Schwiegersohn und Rivale Gary North (* 1942) die rechtsradikale John Birch Society, North vertrat zudem die Annahme, dass die USA von einer „Verschwörung der superreichen und supermächtigen Insider“ bedroht wären, hinter denen in Wahrheit Satan stünde.[11]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Essayistin Katherine Yurica vermutet, dass in den USA potentiell 35 Mio. Menschen irgendein Modell von christlichem Dominionismus befürworten.[12] Marcia Pally hat für die 1980er und 1990er Jahre beobachtet, dass Führungskräfte der evangelikalen Mitte bei ihren politischen Denkansätzen sowohl der allgemeinen demokratischen Richtung wie der dominionistischen Richtung gefolgt sind.[13]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der weltlichen wie in der kirchlichen Literatur gibt es viele kritische Stimmen. Einige Christen bezeichnen den Dominionismus als antichristlich.[14]

Der charismatische Flügel des Dominionismus wird in der Kritik unter anderem auf die Sphären-Lehre des niederländischen Theologen Abraham Kuyper (1837–1920) zurückgeführt. Die konsequente Anwendung der kuyperschen Lehren könne zu einem umfassenden Despotismus im Namen Jesu Christi führen.[15]

Das Betonen der geistlichen Kampfführung in der charismatischen Bewegung wird von traditionell anticharismatischen Kritikern als Aufforderung zur militanten Gewalt interpretiert, da einzelne Autoren die geistlichen Visionen mit politischen Absichten vermengten. Dadurch würden auch Bewegungen als dominionistisch im Sinne des Neo-Konstantinismus eingestuft, die damit nichts zu tun hätten, sondern sich auf rein geistliche Ziele beschränkten.[16]

Dominionismus außerhalb des Christentums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Judentum gibt es die theologisch liberale dominionistische Strömung Rekonstruktionismus, die in den USA durch die Jewish Reconstructionist Federation propagiert wird.

Umdeutung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Theologe Thomas Schirrmacher kritisiert eine semantische Umdeutung des Begriffs Dominionismus durch einzelne Vertreter des christlichen Fundamentalismus.[17] Martin Erdmann bezeichnet die große Mehrheit der Christen, die sich für christliche Werte und soziale Gerechtigkeit einsetzen, als Dominionisten. Gesellschaftliches Engagement – etwa der Kampf gegen weltweite Armut – werde abgelehnt, da es die Verkündigung des Evangeliums trübe. Schirrmacher schreibt, dass die so umgedeutete Wortschöpfung „Dominionismus“ zur Diskreditierung gesellschaftlich engagierter Christen missbraucht werde.[18] Zwar existiere im Englischen der Begriff „dominionism“, bezeichne dort jedoch „lediglich eine kleine charismatische Variante der praktisch erloschenen Bewegung „Christian Rekonstruktion““.[19] Der evangelikale Theologe Tobias Faix wendet sich gegen Versuche, soziales Engagement von Christen unter „Dominionismus“-Verdacht zu stellen. Unter Verweis auf Dietrich Bonhoeffer fordert er, nicht nur Wunden zu verbinden, sondern sich auch für strukturelle Versöhnung und Gerechtigkeit einzusetzen.[20]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christian Reconstructionism, etc. Definitions and brief description; Political and religious program (abgerufen am: 6. März 2012).
  2. Dominionism (abgerufen am: 10. März 2012).
  3. Exposing religious fundamentalism in the US auf aljazeera.com (abgerufen am: 10. März 2012).
  4. The Creed of Christian Reconstructionism (Memento vom 16. Mai 2006 im Internet Archive) (abgerufen am: 10. März 2012).
  5. Martin Durham: Dominion Theology. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC Clio, Santa Barbara/ Denver/ London 2003, Band 1, S. 232.
  6. Nuts and Dolts, Washington DC 2011 (abgerufen am: 7. März 2012).
  7. Michelle Goldberg, "A Christian Plot for Domination?" The Daily Beast, 14. August 2011 (zugegriffen am 11. Juni 2012)
  8. Rachel Tabachnick, "The Evangelicals Engaged in Spiritual Warfare", National Public Radio, 24. August 2011, (zugegriffen am 11. Juni 2012)
  9. Martin Durham: Dominion Theology. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC Clio, Santa Barbara/ Denver/ London 2003, Band 1, S. 232.
  10. Inside the Christian Right Dominionist Movement That's Undermining Democracy in US (abgerufen am: 10. März 2012).
  11. Martin Durham: Dominion Theology. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC Clio, Santa Barbara/ Denver/ London 2003, Band 1, S. 234.
  12. Yurica Report News Intelligence Analysis der Yurica & Associates, Bellingham WA 2004 (abgerufen am: 7. März 2012).
  13. Marcia Pally: Die Neuen Evangelikalen. Berlin University Press, Berlin 2010, ISBN 978-3-940432-93-3, S. 66-67.
  14. Der Dominionismus (abgerufen am: 10. März 2012).
  15. Martin Erdmann: Die Neo-Kuyperianischen Sphären. In: Gemeindegründung. Nr. 98, 2/2009, S. 28-30 (abgerufen am: 30. März 2017; PDF; 248 kB)
  16. Martin Erdmann: Der Griff zur Macht. Betanien, Oerlinghausen 2011, ISBN 978-3-935558-97-6, S. 53f.
  17. Thomas Schirrmacher, Buchrezension
  18. Thomas Schirrmacher, Wie www.dominionismus.info dem (Internet-)Zeitgeist anheimfällt
  19. Thomas Schirrmacher, Der angedichtete Griff zur Macht
  20. idea Spektrum, Ausgabe 17/2012, S. 16-18