Donna Haraway

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Donna Haraway mit dem Hund Cayenne (2006).

Donna Jeanne Haraway (* 6. September 1944 in Denver, Colorado) ist eine emeritierte US-amerikanische Professorin am Department für History of Consciousness und am Department für Feminist Studies an der University of California, Santa Cruz.[1] Die Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin wurde seit den frühen 1990er Jahren als Feministin und dem Postmodernismus nahe beschrieben ("feminist, rather loosely a postmodernist").[2]

Sie ist Autorin einer Vielzahl von Büchern und Essays, welche sich mit dem Spannungsfeld aus sozialistischem Feminismus, Wissenschaft, Primaten, Cyborgs und Haustieren beschäftigen, beispielsweise "A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century" (1985), "Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective" (1988), "Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature" (1991) und "The Companion Species Manifesto: Dogs, People and Significant Otherness" (2003).[3][4][5][6]

Leben und Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haraway wurde 1944 als Tochter von Dorothy Maguire Harway und Frank O. Haraway[7] geboren und wuchs in einem katholischen Umfeld auf. Mit einem Stipendium der Fulbright Foundation kam sie nach Paris, um evolutionäre Philosophie und Teilhard de Chardin zu studieren[8] und erlangte 1972 einen Doktortitel (Ph. D.) an der Biologischen Fakultät der Yale University für eine wissenschaftshistorische Dissertation über die Rolle von Metaphern in der Entwicklungsbiologie des zwanzigsten Jahrhunderts.

1985 publizierte Haraway A Cyborg Manifesto, ein postmoderner sozialistisch-feministischer Essay, der die möglichen Schnittstellen von Mensch und Maschine beleuchtet. Im September 2000 wurde Haraway die höchste Anerkennung der Society for Social Studies of Science (4S), der J. D. Bernal Award, für ihr Lebenswerk verliehen.

Donna Haraway ist eine Anwenderin des Poststrukturalismus, sie diskutiert verschiedene Formen der Macht und Lust, insbesondere in technologisch vermittelten Gesellschaften. Sie konzentriert sich dabei auf die Veränderung von Klasse, Rasse und Gender in unserer Gesellschaft. Ihre antiessentialistische Perspektive prägt auch ihre Wissenschaftskritik, in der sie dichotome Kategorien wie die „Grenzziehungen zwischen Mann/Frau, Mensch/Maschine und Physischem/Metaphysischem aufzuheben und neu zu denken“ versucht. Statt vermeintlich objektiver Standpunkte fordert sie ein Konzept des situierten Wissen, das „Verantwortung für eigene Positionen übernehmen und den göttlichen Trick des vermeintlich herrschaftsfreien, universal gültigen androzentristischen Wissenschaftsprinzips entlarven“ (Laura Dobusch) möchte.[9]

In ihrem Essay Hunde mit Mehrwert und lebendiges Kapital (2007) / When Species Meet (2007)[10] erläutert Haraway, dass Menschen und Tiere sich in ihren Begegnungen gegenseitig beeinflussen. Vor dem Hintergrund der Bedeutung, die diese Begegnungen für die kapitalistische Ökonomie, Familien- und Verwandtschaftskonstruktionen, Krieg und Technowissenschaften und für emanzipatorische Vorstellungen besitzen, stellt sie heraus, dass die Kategorien Natur und Kultur für das Verständnis dieser Begegnungen nicht ausreichen. Die Wiedergänger von Marx, der die Begriffe des Gebrauchs- und Tauschwerts als Bezeichnung für Beziehungen verstand, müssten heute, wenn sie die marx'sche Terminologie zur Analyse des Biokapitals heranzögen, diese Terminologie um den Begriff des Begegnungswertes erweitern.[11]

Das Zusammenleben unterschiedlicher Spezies, wie Mensch und Tier, fasst sie in dem Begriff companion species[12]. Dabei werden Haustiere nicht allein als Gefährten und Begleiter der Menschen betrachtet, bei denen der Mensch im Mittelpunkt des Handelns steht, sondern Formen von Lebenswelten zwischen Menschen und Tieren, bei denen die Interaktion nicht allein vom Mensch bestimmt wird. Die Beispiele, die Haraway hier analysiert, reichen vom Einsatz von Hunden bei der Folter im Irak-Krieg bis zu Resozialisierungsmaßnahmen in amerikanischen Vollzugsanstalten, bei denen Gefangene und Hunde in ein Straftransformationsverhältnis gesetzt werden. Hier entscheidet die Erziehung der Hunde, die von den menschlichen Häftlingen unter Verschluss gehalten werden, über Freiheit oder Tod der Tiere: „Die Übergänge zwischen Vorbildfunktion und Befehlsgehorsam, zwischen den Rollen von Lehrer und Schüler, körperlicher Gefügigkeit und gegenseitiger seelischer Annäherung sind für Menschen und Hunde gleichermaßen fließend. Im Unternehmenskomplex aus Industrie und Strafvollzug stehen Leben und Tod auf dem Spiel. Diskurse zur Resozialisierung von Strafgefangenen waren selten klarer zu durchschauen. Arbeit macht frei.“[13]

Haraway lehrte an der University of Hawaii und an der Johns Hopkins University und unterrichtet jetzt als Professorin und ehemalige Dekanin des History of Consciousness Programms an der University of California, Santa Cruz.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1990: Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science. Routledge, New York.
  • 1990: A Manifesto for Cyborgs. Science, Technology and Socialist Feminism in the 1980s. In: Linda Nicholson (Hrsg.): Feminism, Postmodernism. Routledge, New York, S. 190–233.
  • 1991: Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature. Routledge, New York.
  • 1995: Monströse Versprechen. Die Gender- und Technologie-Essays. Argument-Verlag, Hamburg, ISBN 3-88619-234-2 (erweiterte Neuausgabe 2017, ISBN 978-3-86754-504-4).
  • 1995: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main, ISBN 3-593-35241-9.
  • 1996: Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_Oncomouse™. Routledge, New York.
  • 2003: The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and Significant Otherness. Prickly Paradigm Press.
    • Das Manifest für Gefährten: Wenn Spezies sich begegnen - Hunde, Menschen und signifikante Andersartigkeit. Übersetzung Jennifer Sofia Theodor. Merve Verlag, Berlin, 2016 ISBN 978-3-88396-385-3
  • 2016: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Duke University Press, Durham, ISBN 978-0-8223-6224-1

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karin Harrasser: Donna Haraway. In: Stephan Moebius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. VS – Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14519-3.
  • Joseph Schneider: Donna Haraway (Live Theory). Continuum International Publishing Group Ltd., New York 2005, ISBN 0-8264-6278-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zitierte Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Donna J. Haraway: Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature. Free Association Books, London 1991, ISBN 978-1-85343-139-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://feministstudies.ucsc.edu/faculty/singleton.php?&singleton=true&cruz_id=haraway (en)
  2. Robert M. Young: Science, Ideology and Donna Haraway. In: Science as Culture. 15, Nr. 3, 1992, S. 179.
  3. Donna Haraway: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In:Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature. Routledge, 1990, ISBN 978-0-415-90387-5, S. 149–181.
  4. Donna Haraway: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In: Feminist Studies. 14, Nr. 3, Autumn 1988, S. 575–599.
  5. Donna Haraway, Carmen Hammer, Immanuel Stieß: Die Neuerfindung der Natur : Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus, Frankfurt 1995, ISBN 978-3-593-35241-1 (Zugriff am 17 March 2017).
  6. Donna Haraway: The companion species manifesto : dogs, people, and significant otherness, 2. printing.. Auflage, Prickly Paradigm Press, Chicago, Ill. 2003, ISBN 978-0-9717575-8-5 (Zugriff am 17 March 2017).
  7. Haraway 1991, S. vi.
  8. Katharina Pühl, Anne Scheidhauer, Dagmar Fink und Barbara Ege: Wir sind immer mittendrin. Ein Interview mit Donna Haraway. In: Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus, Frankfurt am Main 1995, S. 98
  9. Science, Technology and Socialist Feminism in the 1980s. In: Linda Nicholson (Hrsg.): Feminism, Postmodernism (Routledge, New York, S. 190–233).
  10. Donna Haraway: When Species Meet, Minnesota 2007
  11. Donna Haraway: Hunde mit Mehrwert und lebendiges Kapital. In: jour fixe initiative berlin (Hg.): Gespenst Subjekt. Münster 2007.
  12. The Companion Species Manifesto
  13. Donna Haraway: Hunde mit Mehrwert und lebendiges Kapital. In: Jour fixe initiative berlin (Hg.): Gespenst Subjekt. Münster 2007. S. 99