Dorfkirche Dahlem

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Die St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem

Die St.-Annen-Kirche ist eine Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem im Berliner Ortsteil Dahlem.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grabmal in der Außenwand der Kirche

Die Kirche samt dem dazugehörigen St.-Annen-Kirchhof befindet sich an der Kreuzung Pacelliallee und Königin-Luise-Straße 55. Daneben in der Pacelliallee 61 ist das ehemalige Pfarrhaus und gegenüber in der Thielallee 1–3 das Gemeindehaus. Die andere Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem ist die Jesus-Christus-Kirche.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchengeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die St.-Annen-Kirche gilt als ein Ort, an dem sich über 700 Jahre Dorf- und Stadtgeschichte mit der jüngeren Zeitgeschichte vereinen: In der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) war die Kirche ein Ort der Bekennenden Kirche. Hier versammelten sich vom 4. Juli 1937 an, jeden Abend um 18 Uhr nach der Verhaftung ihres Pfarrers Martin Niemöller, die Gemeinde zu Fürbittgottesdiensten für alle Gefangenen. Im gegenüberliegenden Gemeindehaus tagte am 19. und 20. Oktober 1934 die zweite Bekenntnissynode. Auch die Pfarrer Franz Hildebrandt und Helmut Gollwitzer wirkten in dieser Zeit an St. Annen. Die St.-Annen-Kirche ist das älteste Gebäude Dahlems.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Westportal
Innenraum

Die St.-Annen-Kirche ist eine Dorfkirche aus Feldsteinen und Ziegeln. Ihr erster Bau ist wahrscheinlich zwischen 1215 und 1225 als Holzbau errichtet worden, dem um 1300 ein Steinbau folgte. Der spätgotische Choranbau und der Gruftanbau im Norden wurden vermutlich Ende des 15. Jahrhunderts errichtet. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Kirche niedergebrannt.

Die bauliche Geschichte lässt sich in sechs Phasen einteilen:

  1. Es ist anzunehmen, dass in der Zeit zwischen 1215 und 1225 ein Holzbau mit einfachem, rechteckigen Grundriss auf dem noch heute erkennbaren Kirchenhügel errichtet wurde. Das Dorf Dahlem wurde aber erst 1375 erstmals urkundlich erwähnt.
  2. Um 1300 wurde der Holzbau durch einen Steinbau ersetzt. Auf einen etwa zwei Meter hohen Feldsteinsockel aus wenig sorgfältig behauenen Feldsteinquadern wurden Backsteine im „Klosterformat“ hochgemauert. Auf der Nordseite haben die Fenster Rundbögen, auf der Südseite typisch gotische Spitzbögen.
  3. In der Zeit um 1490 folgte der spätgotische Choranbau mit großen Maßwerkfenstern. Das Südportal wurde aufwendig gestaltet. Der spätgotische Gruftanbau folgte 1504–1507. Um 1511/1512 wurden die Wände des Langhauses auf die Höhe des Chores erhöht, um dem Bau ein einheitliches Aussehen zu geben. Den oberen Abschluss der Mauer bildete ein eingetieftes Friesband. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche in ihrer baulichen Substanz schwer beschädigt.
  4. Bei der Wiedereinweihung 1679 bekam die Kirche ein Bandrippengewölbe, eine Empore und eine Holzkanzel in bäuerlicher Spätrenaissance, also im Inneren ihre heutige Gestalt. Die Wandfresken erlitten durch den Einbau der Empore und dem Durchbruch der beiden Spitzbogenfenster starke Beschädigung. Die Wandgemälde, als abgelehntes Erbstück aus katholischer Zeit, wurden übertüncht. 1781 erhielt die Kirche einen hölzernen Dachturm. Von 1832 bis 1849 wurde der Turm als zweite Relaisstation des preußischen optischen Telegrafen Berlin−Koblenz mitbenutzt. Über der Glockenstube wurde dazu ein quadratischer Raum geschaffen. Darüber befand sich eine offene Plattform mit Signalmast, der mit sechs Flügeln zu drei Paaren ausgestattet war. Nachdem diese Nachrichtentechnik überholt war, wurde nach 1853 auf die ehemalige Wachstube des Bedienungspersonals ein kleines Türmchen aufgesetzt.
  5. Entsprechend den rasch wachsenden Bevölkerungszahlen der Gemeinde Dahlem wurde von 1905 bis 1906 die Kirche unter Wilhelm Blaue renoviert und umgestaltet. Kirchenbänke und Stühle wurden komplettiert. Eine elektrische Beleuchtung und Luftheizung mit Gebläse wurden montiert. Aus dem Gruftanbau wurde eine Sakristei. Das Südportal – 1892 noch als Holztor in Benutzung – wurde zugemauert. Große Beschädigungen brachte der Zweite Weltkrieg: Turm und Glockenstuhl waren zerschossen, das Dach ohne Ziegel. Durch einen Granateneinschlag bekam die Westwand ein großes Loch.
  6. Die umfassenden Rekonstruktionsarbeiten, die nach 1945 begannen, konnten 1953 abgeschlossen werden. In dieser Zeit erhielt die Kirche ein pyramidenförmiges Turmdach, der Mittelpfeiler für die Orgelempore wurde aus Gründen eines besseren Zugangs durch zwei seitliche Pfeiler ersetzt. Den Namen St.-Annen-Kirche trägt die Dahlemer Dorfkirche offiziell erst seit 1913. Die Heilige Anna, Mutter der Maria und Großmutter Jesu galt als Inbegriff göttlicher Gnade und mütterlicher Liebe.

Kunstwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kreuzigungsplastik
von Bernhard Heiliger

Kreuzigungsplastik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die moderne Kreuzigungsplastik stammt von dem Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger. Sie befindet sich seit 1983 über dem Südtor und war ursprünglich für die neu errichtete Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bestimmt. Der damalige Gemeindekirchenrat der Gedächtniskirche widersetzte sich der Anbringung der Plastik. Heiliger stellte daraufhin die Kreuzigungsplastik der Kirchengemeinde Dahlem für einen symbolischen Preis zur Verfügung.

Triptychon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Triptychon für Auschwitz
von Doris Pollatschek

Das Triptychon für Auschwitz an der rechten Chorwand stammt von Doris Pollatschek. Dieses Keramik-Relief wurde 1992 erworben. Nicht nur Terror will die Künstlerin darin zeigen, sie setzt sich auch kritisch mit der Untätigkeit und dem Versagen der Kirchen auseinander. Das Triptychon zeigt, vom Kreuz aus gesehen auf der linken Seite, die Geißelung, in der Mitte von allem die Kreuzigung und „zur Rechten“ die Grablegung/Verbrennung. In der Darstellung wird nicht Christus gekreuzigt, sondern ein Jude mit dem „gelben Fleck“, dessen einziges „Vergehen“ es ist Jude zu sein. Von katholischer Seite wurde das Kunstwerk, besonders aber seine Anbringung in einer evangelischen Kirche kritisiert. Die im Mittelteil dargestellten Geistlichen sind nach ihrer Kleidung eindeutig als katholisch identifizierbar, nämlich als Prälat, Bischof und Ordensmann. Die Darstellung wurde von den Kritikern als einseitige Schuldzuweisung aufgefasst. Eine Erwiderung von Pfarrerin Marion Gardei ist im Gemeindeblatt nachzulesen.[1] Im Nachgang wurde die Erläuterung des Triptychons für Besucher der Kirche klärend überarbeitet, das Werk aber an seinem Platz belassen.

Altarschrein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altarschrein mit Heiligenfiguren

Der Schrein mit seinen buntgefassten und vergoldeten Heiligenfiguren, ist wahrscheinlich im Jahr 1679 in den mit Gemälden verzierten Renaissancealtar eingebaut worden. Das Mittelstück des Schreins ist heute an der Nordwand des Chores. Im Zweiten Weltkrieg ging der Originalschrein mit seinen Gemälden (Cranachschule), wie auch der Altaraufbau, verloren. Bei dem heutigen Schrein handelt es sich um eine nicht klappbare Nachbildung. Drei Apostelfiguren und eine weibliche Heiligenfigur kamen Anfang der 1980er Jahre durch Raub abhanden. Durch Spenden für eine Rekonstruktion gelang es die Figuren wieder zu ersetzen.

Im Mittelfeld ist die heilige Anna selbdritt als Hauptfigur postiert. Anna ist die Mutter der Maria. Sie hält diese auf dem einen Arm, auf dem anderen das Jesuskind mit der Weltkugel. Mit Sicherheit sind die Apostel Petrus und Paulus zu bestimmen, mit großer Wahrscheinlichkeit die vier Märtyrerinnen Barbara, Katharina, Dorothea und Margareta.

Glasfenster der Südwand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glasfenster der Südwand

Linkes Fenster: Es wurde 1951 von Hermann Kirchberger geschaffen und zeigt in den oberen fünf Feldern die Symbole der vier Evangelisten und des Heiligen Geistes, in den neun unteren Szenen die Leidensgeschichte Jesu.

Rechtes Fenster: Es wurde von Professor Kowalski gestaltet und 1964 erworben. Es zeigt Bilder aus der Schöpfungsgeschichte und aus dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.

Wandgemälde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Annen Bild, Wandgemälde (farblich verstärkt)

Im Jahr 1893 wurden die Malereien unter der Wandfarbe entdeckt. Sie sind Zeugnisse ältester Malerei in Berlin. Es wird davon ausgegangen, dass sie der Zeit gegen Ende des 14. Jahrhunderts zugerechnet werden können. Wahrscheinlich wurden sie von böhmischen Wanderarbeitern gestaltet. Erste Rekonstruktionsversuche brachten gegenteilige Folgen. Dementsprechend wurden die verblassten Reste 1936 bis 1939 und 1951 nur noch mit großer Sorgfalt gereinigt und fixiert.

Auf der linken Seite neben dem Pfeiler ist eine Marienkrönung zu sehen. Daneben vom Pfeiler zerschnitten, sieht man drei Heiligengestalten. Auf der gegenüberliegenden Wand lassen sich nur noch wenige Reste erkennen. Die Wandgemälde zeigten den leidenden Jesus und den auferstandenen Christus. Das Annen-Bild ist Zeugnis einer frühen Annenverehrung in der Mark Brandenburg.

Weitere Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Große Glocke

Aus dem Jahr 1906 stammen die kunstgeschmiedeten Kronleuchter (von Karl Weiß in Karlsruhe hergestellt) und der geschnitzte Taufständer. Die jetzige Orgel (II+P/18) wurde von der Werkstatt Emil Hammer Orgelbau gebaut und 1974 aufgestellt. Von den ursprünglichen mittelalterlichen Glocken aus dem 15. Jahrhundert wurden zwei durch Beschlagnahmungsaktion 1917 entfernt. Die verbliebene wurde 1922 durch zwei Stahlglocken ersetzt. Die größere, auf den Ton „g“ gestimmt, überstand den Zweiten Weltkrieg, die kleinere wurde 1945 zerschossen und 1950 durch eine neue auf „b“ gestimmte ersetzt.

Kirchhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahnmal auf dem St.-Annen-Kirchhof

Die Gemeinde ließ auf dem St.-Annen-Kirchhof, worauf sich die Grabstätten vieler bedeutender Persönlichkeiten befinden, das Mahnmal Erinnern für die Zukunft errichten.

Pfarrhaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemaliges Pfarrhaus von Martin Niemöller

Das daneben gelegene Pfarrhaus, geplant von Architekt Heinrich Straumer, wurde 1910 fertiggestellt. Es ist heute als Martin-Niemöller-Haus bekannt und bietet Arbeits- und Tagungsräume.[2] Im Haus befindet sich auch die am 1. Juli 2007 eröffnete Martin-Niemöller-Gedenkstätte.[3]

Gemeindehaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeindehaus der Ev. Kirchengemeinde Dahlem

Im Jahr 1927 wurde das Gemeindehaus eingeweiht. Es wurde an der Stelle des früheren Dahlemer Dorfteiches erbaut. Am 19. und am 20. Oktober 1934 tagte hier die zweite Bekenntnissynode, auf der es zur Formulierung des „Kirchlichen Notrechts“ kam. An jedem zweiten Montag sammelte hier Martin Niemöller die Gemeinde zu den „Katechismus-Stunden“. Zwischen 1939 und 1945 diente es als Lazarett, später war es viele Jahre lang ein Proberaum des Berliner Philharmonischen Orchesters.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1968 wurde die Eröffnungsszene des Edgar-Wallace-Films Im Banne des Unheimlichen in der Kirche gedreht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerti Graff (Hrsg.): Unterwegs zur mündigen Gemeinde. Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel der Gemeinde Dahlem. Bilder und Texte einer Ausstellung im Martin-Niemöller-Haus Berlin. Stuttgart 1982, ISBN 3-88425-028-0.
  • Wolfgang H. Fritze: Dahlem St. Annen. Zeiten eines Dorfes und seiner Kirche. Berlin 1989.
  • Gundolf Herz: Die St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem. Große Baudenkmäler, Heft 376. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1986.
  • Gundolf Herz: Die St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem. DKV-Kunstführer Nr. 376/0. Zweite, veränderte Auflage. München/Berlin 2000.
  • Matthias Hoffmann-Tauschwitz: Alte Kirchen in Berlin. 33 Besuche bei den ältesten Kirchen im Westteil der Stadt. 2. überarb. Aufl. Wichern-Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-88981-048-9. S. 97–108.
  • Matthias Hoffmann-Tauschwitz: Wege zu Berliner Kirchen. Vorschläge zur Erkundung kirchlicher Stätten im Westteil Berlins. Wichern-Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88981-031-4. S. 9 u. 12 f.
  • Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Dahlem/Domäne Dahlem (Hrsg.): Dahlem – St. Annen. Zeiten eines Dorfes und seiner Kirche. (= Dahlemer Materialien 2.) Domäne Dahlem. Verlag und Ökonomie, Berlin 1989, ISBN 3-9802192-1-6.
  • Günther Kühne/Elisabeth Stephani: Evangelische Kirchen in Berlin. Zweite Auflage, CZV-Verlag, Berlin 1986, ISBN 3-7674-0158-4. S. 318–320.
  • Carl Nagel: Die St.-Annen-Verehrung in der Mark Brandenburg am Vorabend der Reformation. In: Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte. 41. Jg. 1966, S. 30 ff.
  • E. Rachvoll: Festschrift zur Einweihung der St.-Annen-Kirche … am 4. November 1906. Berlin-Lichterfelde
  • Walter C. Türk: Die Dorfkirchen von Berlin. Evangelische Verlags-Anstalt, Berlin 1950.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Dorfkirche Dahlem – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gemeindebrief 02/2007, S. 1 und 2 (abgerufen am 21. Mai 2015).
  2. Aktivitäten im Martin-Niemöller-Haus
  3. Julia Ricker: Freiheit hinter Backstein. Das Martin-Niemöller-Haus in Berlin Dahlem war ein Ort des Widerstands. In: Monumente Online 4/2016

Koordinaten: 52° 27′ 31″ N, 13° 17′ 12″ O