Doris von Schönthan

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Doris von Schönthan im Jahr 1927 (Pressefoto)

Doris von Schönthan (* 1905 in Worms; † 1961 in Paris), geboren als Maria-Dorothea Ehemann (auch Doris Ehemann; Doris von Salomon; Doris de Salomon; Maria-Dorothea von Salomon; Maria-Dorothea von Schönthan; Maria-Dorothea von Salomon-Schönthan; Doris von Salomon-Schönthan),[1][2] genannt „Dorinde“,[3] war ein deutsches Model, eine Werbetexterin, Journalistin und Fotografin. Sie wird als eine schillernde Figur der Weimarer Republik bzw. der Bohème der Goldenen Zwanziger Jahre charakterisiert.[4][5]

Familie und Freundeskreis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als frühe Waise wurde sie von dem Berliner Lustspielautor Franz von Schönthan Edler von Pernwaldt adoptiert, der zusammen mit seinem Bruder Paul durch die Komödie Der Raub der Sabinerinnen bekannt wurde und hinter den Kulissen beispielsweise an Operetten nach der Musik von Eduard Künneke mitwirkte. Beruflich war sie teils angestellt, teils freischaffend tätig, so für einen Berliner „Reklamedienst amerikanischen Stiles“ (Werbeagentur),[6] für Berliner Tageszeitungen, Magazine und Illustrierte. Von Paul Citroen wurde sie zeichnerisch porträtiert,[7] 1927 aber auch von der zeitgenössischen Kulturzeitschrift Der Querschnitt.[8]

Doris von Schönthan, 1927 für die Kulturzeitschrift Der Querschnitt durch Zander & Labisch porträtiert

Sie gehörte zum Freundeskreis um die eng miteinander verbundenen Geschwister Erika und Klaus Mann, in den sie Grete Dispeker (später verheiratete Weil), ihre Freundin aus gemeinsamen Kindertagen am Tegernsee[9], die Brüder Edgar (1908–1941) und Hans Joseph Weil (1906–1969) sowie deren Freund Walter Jockisch (1907–1970) integrierte. Von Grete Dispeker wurde sie bewundernd als Cherubin bezeichnet.[5]

Der Schriftsteller Franz Hessel verliebte sich in sie und widmete ihr öffentlichkeitswirksam seine Doris-Texte (u. a. Leichtes Berliner Frühlingsfieber, einige Texte in Nachfeier, beide Titel von 1929).[10] Bei gemeinsamen Spaziergängen durch Berlin diente er ihr als Vorwand, um unbemerkt Menschen fotografieren zu können, indem sie ihn an geeigneter Stelle scheinbar mit ihrer Kamera anvisierte, um die eigentlichen Fotomotive zu täuschen bzw. in Sicherheit zu wiegen. In Wirklichkeit fotografierte sie an ihm vorbei, so im Schöneberger Heinrich-von-Kleist-Park oder nach dem Einkauf aus dem KaDeWe heraustretende und an dessen blau uniformiertem Portier mit Schäferhund vorbei flanierende Menschen. Sie suchte Typen: eine Parkbank mit „Weibern“, eine andere mit alten Männern, raufende kleine Jungs, spielende Kinder im Sandkasten, Ballspieler, eine „nuttige Venus“ in den Königskolonnaden, Frauen und Männer mit „Kneifer“, eine alte Toilettenfrau…[11]

Mit Hessel und Hilmar Adolf Otto Maximilian Thankmar von Münchhausen (1894–1976) verband Doris von Schönthan Ende der 1920er Jahre eine Dreiecksbeziehung.[12] Gut befreundet war sie auch mit Ruth Landshoff-Yorck[13] und Walter Benjamin,[14] Walter Hasenclever und Alfred Kantorowicz, von diesen beschrieben als „reizende Frau“,[15] als „groß und schlank, von fragiler Anmut, nervlich gefährdet“[16] oder als „mager und witzig“[17] oder als „sehr dünn, zerfahren, ungemein vergeßlich und zerstreut“.[18]

Klaus Mann bezeichnete sie in seinem Tagebuch als „Gefährtin meiner Grenzgänge zwischen Selbsterfahrung und Selbstzerstörung“: „Großer Abend mit Doris. Auf der Suche nach Kokain. Mit Transvestiten Taxi in die City […] Endlich das Zeug. Zu Doris. Genommen.“[5] Kurzzeitig überlegte er, sie zu heiraten.[19] Sie blieb bis zu seinem Tod in Cannes mit ihm befreundet und unterstützte ihn auch finanziell.[20] Sie brachte ihn am 4. Mai 1949 zur Entgiftung in eine Klinik nach Nizza, nachdem er eine Überdosis Schlaftabletten genommen hatte.[21] Von Schönthan informierte den im Grandhotel in Stockholm weilenden Thomas Mann am 21. Mai 1949 per Telegramm über Klaus’ kritischen Zustand. Am selben Abend informierte sie die Familie Mann und Freunde telefonisch über Klaus Manns Tod.[22]

Politischer Widerstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1933 verteilte sie in der Reichshauptstadt zusammen mit Elisabeth Hauptmann und Friedrich Wolf antifaschistische Flugblätter. Politisch Verfolgte wie Rudolf Olden fanden in ihrer Wohnung Unterschlupf. Als sie sich beruflich strikt weigerte, im Sinne der NS-Diktion zu formulieren, wurde es für sie so gefährlich, dass sie nach Frankreich emigrierte. Dadurch lernte sie in Paris den politischen Aktivisten Bruno von Salomon kennen; beide heirateten.[23][10] Während des Angriffs der Wehrmacht im Mai und Juni 1940 wurden beide zunächst als feindliche Ausländer rund eintausend Kilometer voneinander entfernt interniert, sie in Südfrankreich,[16] konnten ihre Widerstandsarbeit danach jedoch wieder aufnehmen und schlossen sich der Résistance an.[24][4]

Rückkehr nach Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1952 kehrte sie nach Deutschland zurück; das Leben in der Emigration und der durch den Widerstand bedingten Illegalität hatte sie physisch und psychisch zerrüttet.[3] Im selben Jahr starb ihr Ehemann. Sie wurde zwischen 1952 und 1954 in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, floh von dort und rief vom Berliner Bahnhof Friedrichstraße aus weinend und wirr redend bei Alfred Kantorowicz an.[16] Vergeblich bemühte sie sich bei den Behörden um eine Wiedergutmachung für ihre Verfolgung in der NS-Zeit. Das Glamourgirl der Weimarer Zeit vereinsamte und glitt zunehmend ab. Sie verelendete, unternahm einen Suizidversuch und wurde schließlich obdachlos. Nachdem sie in einer Berliner Kneipe eine Mahlzeit nicht bezahlen konnte, kam sie wegen Zechprellerei in Untersuchungshaft. Aus dem November 1961 ist ihr vierseitiger Brief an den ab 1933 exilierten deutschen Journalisten und Publizisten Manfred George überliefert, den sie aus gemeinsamer journalistischer Zeit vor 1933 persönlich kannte.[25] Resigniert soll sie erneut nach Frankreich ausgewandert sein, wo sie in Paris an einem Gehirnschlag starb.[5]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doris von Schönthan wurde in dem dreiteiligen Fernsehfilm Die Manns – Ein Jahrhundertroman von Heinrich Breloer aus dem Jahr 2001 von der Schauspielerin Naomi Krauss verkörpert.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Salomon, Doris von. Indexeintrag in: Deutsche Biographie. Auf: deutsche-biographie.de, abgerufen am 15. Juli 2017.
  2. Salomon, Doris von. Indexeintrag in: Kalliope-Verbund. Auf: kalliope-verbund.info, abgerufen am 15. Juli 2017.
  3. a b Eckhardt Köhn: Die traurige Geschichte der Dorinde. Klaus Manns Gefährtin, Franz Hessels Muse: Erinnerung an Doris von Schönthan. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 84 (2000), 8. April 2000, Beilage, S. IV.
  4. a b Ulla Plener: Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance – Eine Dokumentation. Edition Bodoni, 2006. ISBN 978-3-929390-90-2, S. ?.
  5. a b c d Martin Stolzenau: Doris von Schönthan. In: Neues Deutschland, 11. Dezember 2004, abgerufen am 15. Juli 2017.
  6. Euphorion, Zeitschrift für Literaturgeschichte, Band 98, Ausgaben 1–4, C. Winter Verlag, Heidelberg 2004, S. 196.
  7. Ruth Yorck: Klatsch, Ruhm und kleine Feuer: Biographische Impressionen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1963, DNB 452698561, S. 34.
  8. Foto: Doris von Schönthan im Jahr 1927 (1). Auf: gettyimages.de, abgerufen am 15. Juli 2017
    Foto: Doris von Schönthan im Jahr 1927 (2). Auf: gettyimages.de, abgerufen am 15. Juli 2017
  9. Grete Weil. Auf: kuenste-im-exil.de, abgerufen am 15. Juli 2017
    Waldemar Fromm, Wolfram Göbel: Freunde der Monacensia e. V. – Jahrbuch 2009. Books on Demand, Berlin 2009, ISBN 978-3-86906-038-5, S. 87.
  10. a b Magali Laure Nieradka: Der Meister der leisen Töne – Biographie des Dichters Franz Hessel. Igel-Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86815-590-7, S. 86.
  11. Franz Hessel: Tagebuchnotizen (1928–1932), S. 40.
    Franz Hessel: Doris im Regen. In: Franz Hessel: Nachfeier. In: Franz Hessel: Werke 2 – Prosasammlungen, S. 278.
  12. Magali Laure Nieradka: Der Meister der leisen Töne – Biographie des Dichters Franz Hessel. Igel-Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86815-590-7, S. 120.
    Katharina Lunau: L’homme personnage: literarisches self-fashioning und Strategien der Selbstfiktionalisierung bei Henri-Pierre Roché. Igel-Verlag, Hamburg 2010. ISBN 978-3-86815-510-5, S. 258.
  13. Cristina Fischer: Zwischen Angst und Heldentum – Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. In: Unsere Zeit, 10. März 2006. Auf: dkp-online.de, abgerufen am 15. Juli 2017.
  14. Walter Benjamin: Gesammelte Werke: Literarische und ästhetische Essays + Rezensionen + Satiren + Autobiografische Schriften. e-artnow, 2015, ISBN 978-8026828112. Zitat: „19. September 1928: Ich blieb abends zu hause, trotz einer Verabredung mit [Gustav] Glück, Doris [von Schönthan] etc. […] Bald während ich las, mußte ich an die besondere Intensität denken, mit der Doris mir das Buch genannt hatte. Ich kam auf den Gedanken, daß es wohl in ihrer Liebe zu Thankmar [von Münchhausen] eine Rolle gespielt haben könnte und bekam Lust, es zu stehlen.“
  15. Walter Hasenclever: Briefe in zwei Bänden 1907–1940, Bd. 1: 1907–1932. Hase und Koehler Verlag, Mainz 1994, ISBN 978-3-7758-1324-2, S. 373.
  16. a b c Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich: Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-561098-5, S. ?.
  17. Carmen Giese: Das Ich im literarischen Werk von Grete Weil und Klaus Mann: Zwei autobiographische Gesamtkonzepte. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 978-3-631-31204-9, S. 41.
  18. Fredric Kroll (Hrsg.): Klaus-Mann-Schriftenreihe: 1927–1933, Vor der Sintflut. Männerschwarm-Verlag, Hamburg 1979, ISBN 978-3-935596-93-0, S. 85.
  19. André Sokolowski: Klaus Mann stirbt. epubli, Berlin 2015, ISBN 978-3737545679, S. ?. Zitat: „Ich erwog dass ich sie heiratete, neulich. Doris, wieso Doris, es ist Nonsens, Quatsch, eine hysterische Idee, was hätte ich mir ihr schon groß zu schaffen, nein.“
  20. Katharina Rutschky: Unruhe und Erfahrungshunger. In: Die Zeit 37 (1989), 8. September 1989, abgerufen am 15. Juli 2017.
    Manfred Flügge: Das Jahrhundert der Manns. Aufbau-Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-8412-0880-4, S. ?.
  21. Loek Zonneveld: Door het losgeslagen. In: De Groene Amsterdamer, 16. Dezember 2000, abgerufen am 15. Juli 2017.
  22. Tilman Lahme: Die Manns – Geschichte einer Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-402263-5, S. ?.
  23. Thomas O. H. Kaiser: Klaus Mann. Ein Schriftsteller in den Fluten der Zeit: Bestandsaufnahme und kritische Würdigung von Leben und Werk. Book on Demand, Berlin 2015, ISBN 978-3-7392-7230-6, S. 439.
    Salomon, Doris von. Auf: kalliope-verbund.de, abgerufen am 15. Juli 2017.
  24. Alfred Kantorowicz: Nachtbücher – Aufzeichnungen im französischen Exil 1935 bis 1939. Hrsg. von Ursula Büttner, Angelika Voß, Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus. Christians, Hamburg 1995, ISBN 3-7672-1247-1, S. 145, 206, 232, 235, 240.
  25. Brief Doris von Salomons an Manfred George vom 1. November 1961. Auf: kalliope-verbund.info, abgerufen am 28. Juli 2017