Dorothea Buck

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Dorothea Buck (auch J. E. Deranders oder Sophie Zerchin) (* 5. April 1917 in Naumburg a. d. Saale) ist eine deutsche Autorin und Bildhauerin und bedeutende Persönlichkeit der Bewegung Psychiatrie-Erfahrener. Als Zwangssterilisierte ist sie Opfer der NS-Diktatur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dorothea Buck wuchs als viertes von fünf Kindern in Naumburg an der Saale auf.

Mit neunzehn Jahren erkrankte sie an Schizophrenie und wurde 1936 in die v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel eingewiesen. Dort lernte sie erstmals die menschenverachtenden, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts üblichen Praktiken in der Psychiatrie – wie unter anderem Dauerbäder und Kaltwasserkopfgüsse zur „Disziplinierung“ – kennen. Als besonders erniedrigend empfand sie jedoch die „völlige Sprachlosigkeit“: Die Patienten untereinander hatten Sprechverbot, Gespräche zwischen Personal und Patienten waren unüblich.

Aufgrund des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde Dorothea Buck in den v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel zwangssterilisiert.

Ab 1937 erlernte Dorothea Buck das Töpferhandwerk und besuchte ab 1942 die private Städel-Kunsthochschule in Frankfurt am Main. Eine Aufnahme an der Hochschule wurde nur möglich, weil sie ihren Psychiatrieaufenthalt und vor allem die Sterilisation verschwieg, da Sterilisierten vom NS-Regime unter anderem der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen verwehrt wurde.

1943, während eines weiteren Psychiatrieaufenthaltes, diesmal in der Universitätsklinik in Frankfurt am Main, erlebte sie, wie Mitpatienten Opfer der Euthanasie des NS-Regimes wurden.

Nach dem Krieg begann Dorothea Buck als Bildhauerin zu arbeiten. Von 1969 bis 1982 war sie Lehrerin für Kunst und Werken an der Fachschule für Sozialpädagogik I in Hamburg.

Medienberichte in den frühen 1960er Jahren über die weiterhin menschenunwürdigen Bedingungen in den deutschen Psychiatrieeinrichtungen motivierten Dorothea Buck, sich für deren Verbesserung einzusetzen. Sie verfasste ein Theaterstück über den hunderttausendfachen Mord an psychisch Kranken und Behinderten in der NS-Zeit, schrieb zahllose Aufsätze, hielt Vorträge, um aufzuklären und für eine humanere Psychiatrie in der Gegenwart zu werben.

Ab 1989 – die Erfahrung der „Sprachlosigkeit“ in der Psychiatrie war ihr unvergessen geblieben – galt ihr Engagement der Einrichtung von Psychoseseminaren. In Hamburg gründete sie zusammen mit dem Psychologen Thomas Bock in der Psychiatrie der Universitätsklinik die erste Einrichtung dieser Art, in der Patienten, Angehörige und in der Psychiatrie Beschäftigte in einen gleichberechtigten Wissens-, Meinungs- und Erfahrungsaustausch (Trialog) über psychische Erkrankungen treten.

1990 erschien unter dem Pseudonym Sophie Zerchin, einem Anagramm des Wortes Schizophrenie, Dorothea Bucks Biografie Auf der Spur des Morgensterns.

1992 gründete Dorothea Buck mit anderen Betroffenen den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, deren Ehrenvorsitzende sie heute ist.

1996 wurde ein Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen in Bottrop nach ihr benannt.

2007 hielt sie einen Hauptvortrag (70 Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – erlebt und miterlebt) beim Kongress „Coercive Treatment in Psychiatry: A Comprehensive Review“ („Psychiatrische Zwangsbehandlung. Ein Überblick“) der World Psychiatric Association in Dresden.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buck erhielt zwei Klassen des Bundesverdienstkreuzes: 1997 das Verdienstkreuz 1. Klasse, 2008 das Große Verdienstkreuz.[2] Im Februar 2017 verlieh ihr der Senat der Hansestadt Hamburg die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber.[3]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) von 2010 zitierte Sigrid Falkenstein in ihrer Rede als Angehörige von Anna Lehnkering, die vom NS-Regime im Zuge der Aktion T4 ermordet wurde, Bucks Worte:[4]

„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“
Am 27. Januar 2017 wurde im Bundestag an die Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im NS-Staat erinnert. In ihrer Rede sprach Falkenstein von Dorothea Buck und wiederholte das o.a. Zitat.[5] 

Werk (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dorothea Buck-Zerchin: Lasst euch nicht entmutigen. Texte 1968–2001. Anne Fischer Verlag, Norderstedt ISBN 3-926049-32-4 und Leipziger Universitätsverlag 2002 (Vergriffen).
  • Dorothea-Sophie Buck-Zerchin: Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung. Anne Fischer Verlag, Norderstedt ISBN 978-3-926049-47-6 und Paranus Verlag, Neumünster 2005 ISBN 978-3-926200-65-5.
  • Dorothea Buck: Ermutigungen – Ausgewählte Schriften. Anne Fischer Verlag, Norderstedt ISBN 978-3-926049-63-6 und Paranus Verlag, Neumünster 2012 ISBN 978-3-940636-21-8.
  • Dorothea Buck u.a.: Mit meinen herzlichen Grüßen! Ihre Dorothea Buck – Der Gartenhaus-Briefwechsel. Paranus Verlag, Neumünster 2016 ISBN 978-3-940636-37-9.

Filme (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edgar Hagen: Vom Wahn zum Sinn, 45 Minuten
  • Alexandra Pohlmeier: Himmel und mehr - Dorothea Buck auf der Spur, 90 Minuten, 2008[6] // Himmel und mehr - Dorothea Buck auf der Spur (2009) in der Internet Movie Database (englisch)
  • Alexandra Pohlmeier: 20 Jahre Trialog – Das Hamburger Psychoseseminar und die Folgen, 52 Minuten, 2009, Paranus-Verlag
  • Alexandra Pohlmeier: Unglaublich gradezu, 23 Minuten, 2011

Quellenangaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Lehmann, Reinhard Wojke: Video-, Photo- und Text-Dokumentation von „Psychiatrische Zwangsbehandlung. Ein Überblick“. Kongress, veranstaltet von der World Psychiatric Association in Dresden vom 6. bis 8. Juni 2007
  2. Bundesverdienstkreuz für Dorothea Buck. In: Hamburger Abendblatt vom 19. Februar 2008, online.
  3. Dorothea Buck für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. In: Die Zeit vom 22. Februar 2017, online.
  4. Rede von Sigrid Falkenstein, Angehörige eines Opfers: NS-Euthanasie und Zwangssterilisierung im Familiengedächtnis – Spiegel kollektiver Verdrängung und zunehmender Erinnerung. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, November 2010, abgerufen am 30. Januar 2011.
  5. Bundestag erinnert an die Opfer der „Euthanasie“ im NS-Staat. Deutscher Bundestag, 27. Januar 2017. Abgerufen am 15. März 2017.
  6. Himmel und mehr

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]