Drahtfunk

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Drahtfunk bezeichnet die Verbreitung von Rundfunk über das Telefonnetz, sowohl im Basisband als auch HF-moduliert. Es kommt dabei sowohl Amplituden- als auch Frequenzmodulation zum Einsatz.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drahtfunk-Breitbandverstärker mit Röhren in einer Vermittlungsstelle
Typenschild vom obigen Drahtfunk-Breitbandverstärker mit Röhren

Die meisten amplitudenmodulierten oder nach dem Trägerfrequenzverfahren aufbereiteten (wegen störender Interferenzen z. B. Ende der 1930er / Anfang der 1940er Jahre in Berlin angewandt) Drahtfunkprogramme im Langwellen-, gelegentlich auch im Mittelwellenbereich werden in einer zentralen Kopfstation über spezielle Übertrager (Transformatoren) in die Telefonleitungen eingespeist.

Auf der Empfängerseite werden die Signale wieder aus dem Netz ausgekoppelt. Bei den Übertragungsverfahren über das Telefonnetz wird dazu zwischen der Telefonleitung und dem Antenneneingang des Empfängers eine Antennenweiche geschaltet.

Die im Langwellenbereich arbeitenden Systeme zur Übertragung über das Telefonnetz wurden von den Oberwellen des ISDN gestört, die im gleichen Frequenzbereich liegen. Deshalb musste in vielen Netzen der Drahtfunk dem ISDN weichen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anleitung für den behelfsmäßigen Empfang von Drahtfunk aus dem Jahr 1942

In Deutschland war der amplitudenmodulierte Drahtfunk in einigen Städten früher stark verbreitet. Es gab Weichen wie den DWt 52 und den Umschalter DDa 38, um mit dem Volksempfänger wie dem VE 301 G[1] den Drahtfunk zu empfangen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Berlin, aber auch in anderen Teilen Deutschlands (z. B. Gau Hessen-Nassau, Ruhrgebiet, Raum Emden) Drahtfunksender betrieben, um die Bevölkerung während der Angriffe feindlicher Flugzeuge über die Luftlage zu unterrichten.[2] Die regulären (terrestrischen) Rundfunksender waren während dieser Zeit abgeschaltet, damit sie nicht von den feindlichen Bombern zur Navigation mittels Funkpeilung benutzt werden konnten. Der Reichssender Wien wies z. B. mit einem „Kuckucksruf“ auf die bevorstehende Abschaltung hin. Danach war Empfang nur noch über Drahtfunk möglich. Hierbei diente ein Uhrticken als Hinweis auf die Unterbrechung des normalen Programms, außerdem konnten die Hörer am Ticken erkennen, dass der Drahtfunk in Betrieb war und ihre Anlage funktionierte auch wenn gerade keine Durchsagen über den Drahtfunk erfolgten. Anweisungen an die Bevölkerung kamen nach der Ansage „Hier spricht der Drahtfunk. Wir geben eine Luftlagemeldung …“.[3]

In den Kriegsjahren wurde über den Drahtfunk außer dem Deutschlandsender zunächst nur noch das einheitliche Reichsrundfunkprogramm eingespeist. Die Reichspost stellte nach 1942 alle drei Kanäle in den Dienst der Luftwarnung. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Signal nicht nur an die amtlich an den Drahtfunk angeschlossenen Fernsprechleitungen eingespeist, sondern es wurde in das gesamte Netz gesendet, um die Luftlagemeldungen zu verbreiten. So konnte jedermann mittels eines einfachen Drahtes den Empfänger an das Telefon anschließen, wie die nebenstehend abgebildete Anleitung für den behelfsmäßigen Empfang erklärt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ordnete im Dezember 1945 das U.S. Headquarters Berlin in Ermangelung eigener Mittel- und Langwellensender im amerikanischen Sektor die Wiederaufnahme des Drahtfunks an, und der spätere RIAS begann unter dem Namen DIAS (= Drahtfunk im amerikanischen Sektor) in Berlin seine Tätigkeit.

Der Drahtfunk war in Norddeutschland in den Städten Hamburg, Kiel und Lübeck verfügbar. Das Programm des Nordwestdeutschen Rundfunks lief auf 250 kHz, während das BFN-Programm (British Forces Network, britischer Soldatensender) auf 160 kHz verbreitet wurde.

Der Drahtfunk wurde in Westdeutschland am 30. Juni 1963 und in West-Berlin 1966 eingestellt.

Die Schweiz betrieb bis Anfang Januar 1998 ein Drahtfunknetz mit sechs Programmen (Schweizer Telefonrundspruch). Dieses im Langwellenbereich arbeitende System vertrug sich jedoch nicht mit den Oberwellen des ISDN, die die Signale des Telefonrundspruchs störten. Der Telefonrundspruch musste deshalb mit der Einführung von ISDN eingestellt werden.

In Österreich waren drei Programme per Drahtfunk (Langwelle) über das Telefonnetz zu empfangen, was vor der Abdeckung mit UKW-Sendern in Gebieten mit schlechter Empfangsqualität im Mittelwellenbereich genutzt wurde.

In Italien wurde der Filodiffusione genannte Drahtfunk 1958 eingeführt, um eine Abdeckung des gesamten Landes zu ermöglichen. Auch heute werden noch die größeren Städte, wie zum Beispiel die Hauptorte der Provinzen, versorgt, und es gibt noch etwa 300.000 Empfänger (Stand 2005).

In Ungarn etablierte der Ingenieur Tivadar Puskás Ende des 19. Jahrhunderts ein letztlich kommerziell erfolgreiches (ähnlich dem heutigen Pay-Radio) Drahtfunksystem in Budapest. Das Telefon Hírmondó (wörtlich: Telefonischer (Vor-)Bote), startete 1893 schon 26 Jahre vor der ersten regelmäßigen drahtlosen Ausstrahlung von Programmen durch Hanso Schotanus à Steringa Idzerda und wurde zwischen 1924 und 1930 wieder eingestellt. Die maximale Leitungslänge in Budapest betrug etwa 1200 km mit 9107 Teilnehmern. Für seine Verdienste wurde Tivadar Puskás mit einer Büste in der Eingangshalle der Internationalen Fernmeldeunion in Genf geehrt.

In der Sowjetunion war der Drahtfunk weit verbreitet, da man mit Drahtfunkgeräten nur die in das Netz eingespeisten russischen Sender empfangen konnte; so sollte das unerwünschte Hören ausländischer Sender eingeschränkt werden. Einige Drahtfunknetze der ehemaligen UdSSR werden noch heute betrieben. In Moskau und Selenograd ist derzeit ein Projekt in Planung, das das bisher analoge Drahtfunknetz in einen erschwinglichen Schmalbandkabelanschluss umwandeln soll.

Auch in einigen anderen Ländern wird noch Drahtfunk betrieben. Neben dem öffentlichen Betrieb diente der Drahtfunk auch als Kommunikationsmittel in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Mit dem Aufkommen des UKW-Rundfunks verlor er jedoch rasch an Bedeutung und wurde nach und nach eingestellt. Moderne Nachfolger des Drahtfunks sind Kabelfernsehen und Webradio.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.rkk-museum.ru/vitr_all/713_e.shtml
  2. http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Blindgaenger-in-Potsdam/Die-Nacht-von-Potsdam/Potsdam-Timeline-der-Bombardierung-am-14.04.1945 Die Nacht von Potsdam. Alliierter Luftangriff am 14. April 1945 zerstört Innenstadt. Das Protokoll der Bombennacht in Potsdam. maz-online.de, 14. April 2015, aktualisiert 15. April 2015; abgerufen 12. November 2015. – Renate Jungmann hört Sirenen und über Drahtfunk: „Großangriff auf Potsdam (bevorstehend)“
  3. „Hier spricht der Drahtfunk …“ In: Kleine Volks-Zeitung. 25. Juli 1944, S. 4 (ANNO – AustriaN Newspapers Online [abgerufen am 27. Mai 2020]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]