Dravet-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
G40.4 Sonstige generalisierte Epilepsien und epileptische Syndrome

Frühe myoklonische Enzephalopathie (symptomatisch)

ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Das Dravet-Syndrom (schwere frühkindliche myoklonische Epilepsie, Frühe infantile epileptische Enzephalopathie) ist eine seltene genetisch bedingte Enzephalopathie mit schwer behandelbarer myoklonischer Epilepsie im frühen Kindesalter.[1]

Ursache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dravet-Syndrom hat in 70-80 % der Fälle seine Ursache in einer zum Funktionsverlust führenden Mutation (Loss-of-Function-Mutation) des SCN1A-Gens.[2] Dieses Gen kodiert die alpha-1-Einheit des spannungsabhängigen Natriumkanals. Dieser Ionenkanal wird vor allem auf hemmenden Interneuronen exprimiert, wodurch es zu einer verminderten Hemmung der Pyramidenzellen in der Hirnrinde kommt, was zu einem hyperexzitatorischen und epileptogenen Zustand führt. Mutationen dieses Gens erfolgen fast immer zufällig (Spontanmutation), sind also bei den Eltern nicht nachweisbar.[3][4]

Als weitere mögliche Ursachen kommen Varianten der Gene GABRA1, GABRB3, GABRG2, SCN2A, SCN1B und STXBP1 in Betracht.[2]

Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen.

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Syndrom tritt bei üblich entwickelten Kindern meist mit etwa sechs Monaten auf, mit einem plötzlichen epileptischen Anfall oft mit hohem Fieber. Die Anfälle sind oft refraktär und die psychomotorische und intellektuelle Entwicklung verlangsamen sich meist im zweiten Lebensjahr, manchmal kommt es auch zu einem Verlust bereits erworbener Entwicklungsschritte. Andere Symptome und Störungen wie ein Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), eine Ataxie (bei mehr als 50 %), eine gestörte Sprachentwicklung oder auch Pyramidenbahnzeichen können hinzutreten. Durch die anhaltenden Anfälle besteht auch ein erhöhtes Mortalitätsrisiko, das SUDEP-Risiko beträgt bis zu 20 %.

Die Anfallsbereitschaft der Kinder wird u. a. durch Infektionen (mit und ohne Fieber), Wärme, Badewassertemperaturen über ca. 35 °C, Überanstrengung (Auslöser wahrscheinlich Erhöhung der Körpertemperatur), Photosensibilität (z. B. Lichtreflexe) und Schlafmangel erhöht.

Nach dem ersten myoklonischen Anfall können auch andere Anfallsarten auftreten, neben generalisierten klonischen und tonisch-klonischen Anfällen (oft halbseitig) und myoklonischen Anfällen (mit Spike-wave-Mustern) auch irreguläre Myoklonien (ohne Spike-wave-Muster), (komplex) fokale Anfälle, atypische Absencen, Blickkrämpfe, schwache Zuckungen und Sturzanfälle. Es besteht häufig eine Neigung zum Status epilepticus.

Behandlung und Entwicklungsprognose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Spektrum innerhalb des Dravet-Syndroms ist sehr groß. Der Verlauf ist individuell. Die Entwicklung des Kindes zeigt sich in der Regel bis zu Beginn der Erkrankung normal. Danach verlangsamt sich die psychomotorische und intellektuelle Entwicklung in den meisten Fällen, dies fällt besonders bei der Sprachentwicklung auf. Die Prognose hinsichtlich der kognitiven Entwicklung und Anfallshäufigkeit ist sehr unterschiedlich. Es gibt Dravet-Kinder, die auf eine der möglichen Medikamentenkombinationen sehr gut bis gut ansprechen und damit ein eher untypisches Dravet-Syndrom mit keiner oder nur milden kognitiven Beeinträchtigung zeigen. Eine Anfallsfreiheit wird nur sehr selten erreicht, in der Mehrzahl der Fälle ist der Verlauf eher ungünstig mit einer mittleren oder schweren geistigen Behinderung. Es wird vermutet, dass nicht nur die epileptische Aktivität, sondern auch andere bisher unbekannte Faktoren sowie die genetische Mutation für die geistige Entwicklung der betroffenen Kinder eine Rolle spielen.

Zur medikamentösen Behandlung bietet sich Valproat an. Stiripentol und Clobazam haben sich als zusätzliche Mittel bewährt. Topiramat und Levetiracetam stehen als Alternativen zur Verfügung. Lamotrigin und Carbamazepin sind ebenso wie andere Natriumkanalblocker nicht angezeigt, sondern führen fast immer zu einer Anfallszunahme. Eine ketogene Diät kann sich symptomlindernd auswirken.[5]

In einer multizentrischen doppelblinden Placebo-kontrollierten randomisierten klinischen Studie mit 120 Kindern, die an dem Dravet-Syndrom litten und therapieresistente Anfälle hatten, konnte ein Ansprechen auf die Gabe von Cannabidiol gezeigt werden. Während 5 % der Kinder unter Cannabidiol anhaltend anfallsfrei blieben, war dies keines der Kinder in der Placebogruppe. Die mediane Anfallszahl pro Monat sank von 12,4 auf 5,9 (Placebo: von 14,9 auf 14,1) und bei 43 % der Kinder (gegen 27 % in der Placebogruppe) sank die Anfallsrate um mindestens 50 %. Allerdings gab es mit 16 % (gegen 5 %) vermehrt unerwünschte Wirkungen, besonders Müdigkeit bis zur Somnolenz, Appetitlosigkeit und Durchfall, sowie vermehrt Interaktionen mit anderen Antiepileptika. Die Einnahme musste deswegen bei acht Kindern (gegenüber einem Kind in der Placebogruppe) vorzeitig abgebrochen werden.[6]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seinen Namen hat das Syndrom von der französischen Psychiaterin und Epileptologin Charlotte Dravet (* 14. Juli 1936), die das nach ihr benannte Syndrom im Jahr 1978 erstmals unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten beschrieb[7] und von anderen Epilepsiesyndromen abgrenzte. Bis 1992 wurden von ihr und ihren Kollegen 172 Fallbeispiele veröffentlicht.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. D. S. Auerbach, J. Jones u. a.: Altered Cardiac Electrophysiology and SUDEP in a Model of Dravet Syndrome. In: PloS one. Band 8, Nummer 10, 2013, S. e77843, ISSN 1932-6203. doi:10.1371/journal.pone.0077843. PMID 24155976. PMC 3796479 (freier Volltext).
  2. a b Le SV, Le PHT, Le TKV, Kieu Huynh TT, Hang Do TT: A mutation in GABRB3 associated with Dravet syndrome. In: Am. J. Med. Genet. A. 2017. doi:10.1002/ajmg.a.38282. PMID 28544625.
  3. X. Xu, Y. Zhang u. a.: Early clinical features and diagnosis of Dravet syndrome in 138 Chinese patients with SCN1A mutations. In: Brain & development. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Oktober 2013, ISSN 1872-7131. doi:10.1016/j.braindev.2013.10.004. PMID 24168886.
  4. A. Suls, J. A. Jaehn u. a.: De Novo Loss-of-Function Mutations in CHD2 Cause a Fever-Sensitive Myoclonic Epileptic Encephalopathy Sharing Features with Dravet Syndrome. In: American journal of human genetics. Band 93, Nummer 5, November 2013, S. 967–975, ISSN 1537-6605. doi:10.1016/j.ajhg.2013.09.017. PMID 24207121.
  5. Chiron C: Current therapeutic procedures in Dravet syndrome. In: Dev Med Child Neurol. 53 Suppl 2, 2011, S. 16–8. doi:10.1111/j.1469-8749.2011.03967.x. PMID 21504427.
  6. Orrin Devinsky, J. Helen Cross, Linda Laux, Eric Marsh, Ian Miller, Rima Nabbout, Ingrid E. Scheffer, Elizabeth A. Thiele, Stephen Wright: Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome In: New England Journal of Medicine Band 376, Ausgabe 21 vom 25. Mai 2017, S. 2011–2020, doi:10.1056/NEJMoa1611618
  7. Dravet C.: Les épilepsies graves de l’enfant. In: Vie Med. Band 8, 1978, S. 543–548.
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