Drii Winter

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Film
Originaltitel Drii Winter[1]
Produktionsland Deutschland, Schweiz
Originalsprache Schweizerdeutsch
Erscheinungsjahr 2022
Länge 136 Minuten
Stab
Regie Michael Koch
Drehbuch Michael Koch
Produktion Christof Neracher
Musik Tobias Koch,
Jannik Giger
Kamera Armin Dierolf
Schnitt Florian Riegel
Besetzung

Drii Winter (internationaler englischsprachiger Titel A Piece of Sky) ist ein Beziehungsdrama von Michael Koch, das im Februar 2022 bei der Berlinale seine Premiere feierte und dort eine lobende Erwähnung erhielt. Anfang September 2022 kam er in die Deutschschweizer Kinos. Drii Winter wurde von der Schweiz als Beitrag für die Oscarverleihung 2023 als bester Internationaler Film eingereicht.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna und Marco leben in dem entlegenen Bergdorf Gitschenen im Schweizer Kanton Uri, wo die Jahre in Wintern gezählt werden. Der robuste Marco stammt aus dem Flachland und geht Bergbauer Alois zur Hand. Anna stammt aus dem Dorf und hat aus einer früheren Beziehung eine Tochter namens Julia. Sie arbeitet als Briefträgerin und als Bedienung im Wirtshaus des Dorfes, das ihrer Mutter gehört und auch Zimmer an Touristen vermietet. Trotz aller Zweifel in ihrem Umfeld heiraten die beiden, nachdem sie schon fast ein Jahr zusammen sind und Julia ihn bereits „Papi“ nennt.

In ihrer Freizeit fahren sie am liebsten gemeinsam mit dem Motorrad durch die Berge. Nach einem Unfall ist Marco zwar körperlich unversehrt, jedoch entdeckt der Arzt auf dem CT und MRT etwas in seinem Gehirn, wohl ein Tumor am Frontallappen, was seine Persönlichkeit und seine Beweglichkeit beeinflussen könnte. Marco verliert hierdurch zunehmend seine Impulskontrolle. Er hat immer wieder Kopfschmerzen, und bald beginnt er, auf einem Auge nicht mehr richtig zu sehen. Auch nach der erforderlichen Operation ist Marcos Verhalten weiterhin unberechenbar. Dies macht ein Zusammenleben mit ihm nicht nur für Anna schwieriger, sondern auch in der strengen Dorfgemeinschaft. Dennoch versucht Anna an der Beziehung festzuhalten.

Als sie eines Tages in die gemeinsame Wohnung kommt, sieht sie, wie er gedankenverloren nackt im selben Zimmer wie ihre Tochter steht und onaniert. Die Kleine scheint jedoch gar nicht verstanden zu haben, was er da gemacht hat. Vergangen hat er sich nicht an ihr. Daher will sie keine Anzeige erstatten. Sie beschließt die räumliche Trennung und zieht mit ihrer Tochter in eine Hütte etwas außerhalb des Dorfs.

Anna weiß im Grunde ihres Herzens, dass Marco kein schlechter Mensch ist. Auch wenn sie noch viel an ihn denken muss, getraut sie sich nicht, ihn zu besuchen. Bei einem Zusammentreffen zeigt sich Marco besorgt, dass Julia durch sein Tun Schaden genommen haben könnte. Anna lässt Marcos Besuche in der Hütte zu. Bald zieht er zu ihnen, und Anna kümmert sich, so gut sie kann, um ihn. Marco ist nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen und muss den Tag im Bett verbringen. In seinem Testament schreibt er, seine Asche möge verstreut werden und er liebe Anna und ihre Tochter. Anna ist bei ihm, als er ein paar Tage später seine letzten, schweren Atemzüge macht und stirbt.[2][3]

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmstab und Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schweizer Regisseur Michael Koch

Regie führte Michael Koch, der auch das Drehbuch schrieb. Er setzte beim Schauspielensemble auf Laiendarsteller.[3] Michèle Brand und Simon Wisler spielen in den Hauptrollen Anna und Marco. Simon Wisler hat selbst Tiere und ist ein einfacher Bergbauer mit einem Hof in Arosa. Während der Dreharbeiten kümmerten sich seine Frau und seine zwei Söhne um diesen. Michèle Brand ist eigentlich Architektin.[4] Josef Aschwanden, der den Bergbauern Alois spielt, kommt aus Isenthal, verbringt für gewöhnlich das ganze Jahr in den Bergen, ist verheiratet und hat fünf Kinder.[4]

Filmförderung und Dreharbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film ist eine Produktion der Schweizer hugofilm features in Koproduktion mit der Kölner Pandora Film Produktion und unter Senderbeteiligung von Arte und dem Schweizer Sender SRF/SRG SSR. Gefördert wurde der Film vom Bundesamt für Kultur Schweiz, Zürcher Filmstiftung, Stadt und Kanton Basel, Kanton Uri und Suissimage. Das Projekt erhielt zudem von der Film- und Medienstiftung NRW eine Produktionsförderung in Höhe von 190.000 Euro und weiteren 30.000 Euro.[2]

Die Dreharbeiten fanden zwischen Anfang März und Dezember 2020 im Kanton Uri statt, wobei sie bereits nach 10 Tagen coronabedingt unterbrochen werden mussten. Gedreht wurde in Isenthal an der Westseite des Urnersees und auf der Alp Gitschenen, der höchstgelegenen Ortschaft der Gemeinde.[5] Als Kameramann fungierte Armin Dierolf. Der Arbeitstitel lautete ursprünglich Ein Stück Himmel, der nach Fertigstellung des Films ins Englische übersetzt als internationaler Titel A Piece of Sky fungierte.[3]

Einsatz eines Chores und Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koch legte den Film als eine griechische Tragödie an. Immer wieder stellt er dabei einen Chor in grüner Tracht in die archaische Landschaft und lässt ihn Choräle singen.[6] Durch den Einsatz des Chores werde die Geschichte nach Kochs Aussagen in Kapitel unterteilt und gleichzeitig das im Film gezeigte Schicksal der Protagonisten noch einmal erzählt.[4] Die Sänger und Sängerinnen erfüllen damit die Funktion eines „Griechischen Chores“. Sie sind Mitglieder des Chor Luzern unter der Leitung von Daniela Portmann.[7]

Wiederkehrend im Film zu hören ist der Song What Is Love von Haddaway.

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Premiere erfolgte am 14. Februar 2022 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, wo Drii Winter im Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrierte. Im Juli 2022 wurde er beim Guanajuato International Film Festival[8] und beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary in der Sektion Horizons gezeigt.[9] Am 1. September 2022 kam der Film in die Deutschschweizer Kinos.[10] Anfang Oktober 2022 wird er beim Vancouver International Film Festival gezeigt[11] und hiernach beim Film Fest Gent und beim Chicago International Film Festival.[12][13] Der Kinostart in Deutschland ist am 15. Dezember 2022 geplant.[14]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carsten Beyer von RbbKultur schreibt, Michael Koch erzähle diese Geschichte einer großen Liebe mit langsamen, fast schon elegischen Bildern, was ihm mit bescheidenen Mitteln gelungen sei. Das von Koch gezeigte Isenthal beschreibt Meyer als einen Mikrokosmos des Menschlichen. Von Großmut und Niedertracht bis hin zu Freiheitsstreben und Bünzlitum sei in dem Dorf alles zu finden. Kochs Filmsprache erinnere dabei gelegentlich an deutsche Vorbilder, wie Filme der sogenannten Berliner Schule und Filmemacher wie Christian Petzold, Maren Ade und Valeska Grisebach.[15]

Gunda Bartels schreibt im Tagesspiegel, statt die zu jeder Jahreszeit überwältigende Landschaft in Cinemascope aufzuladen, fülle Koch das Quadrat des Academy-Formats mit Bauernarbeit, Felsbrocken, Annas fragenden Blicken und dem Schädel von Marco, der stets zu schwer für seinen Träger zu sein scheint. Der uniformierte Gesangsverein bringe als ein strukturierendes Element eine universelle Dimension in das Drama.[16]

Teresa Vena vom Filmbulletin schreibt, auch wenn die Handlung mit jeder neuen, dramatischeren Wendung auf ein opferreiches Finale zusteuert, suche Koch nie nach dem großen Eklat, sondern erzähle aus der Stille heraus, in sich langsam entfaltenden Szenen. So realistisch und authentisch, schon fast dokumentarisch die Inszenierung auch erfolge, bekomme das Ganze durch die Präsenz des Chores auch etwas Entrücktes, eine parabelhaft-existentielle Ebene, so Vena: „Der Zyklus des Lebens ist unaufhaltsam, die Natur beweist es einem tagtäglich. Die Sommer sind schön, die Winter hart in den Alpen. Marco hat drei Winter ausgehalten – mehr als die Einheimischen erwartet hätten.“ Eine wichtige Bedeutung in der Geschichte erhalte das Unterbewusste und Instinktive, und es seien die Gesten, mal feinere, mal gröbere, die für sich sprechen. Was einem bei Drii Winter in Erinnerung bleibe, sei in erster Linie seine Form mit dem auffälligen, fast quadratischen Bildformat, das die Vertikalität der Bergkulisse unterstreiche, und die in hellen Grün- und Grautönen gehaltene Farbpalette, die etwas Weiches, aber auch Kühles und Unpersönliches ausstrahle. Gleichzeitig klebe die Kamera an den Figuren wie eine zweite Haut, sitze ihnen wortwörtlich im Nacken, was all das aus diesem alternativen „Heimatfilm“ ein visuell und emotional anspruchsvolles Erlebnis mache, mit dem das Kino wahrhaftig und auf unprätentiöse Art als Sehnsuchtsort gefeiert wird.[17]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drii Winter wurde von der Schweiz Beitrag für die Oscarverleihung 2023 in der Kategorie Bester Internationaler Film eingereicht. Im Folgenden eine Auswahl weiterer Nominierungen und Auszeichnungen.

Chicago International Film Festival 2022

Film Fest Gent 2022

  • Nominierung im Wettbewerb

Fünf Seen Filmfestival 2022

  • Nominierung für den Fünf Seen Filmpreis[18]

Guanajuato International Film Festival 2022

  • Nominierung im Internationalen Wettbewerb

Hong Kong International Film Festival 2022

  • Nominierung im Young Cinema Competition (World)[19]

Internationale Filmfestspiele Berlin 2022

Internationales Filmfestival Karlovy Vary 2021

New Horizons International Film Festival 2022

  • Nominierung im New Horizons International Competition[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://www.filmdienst.de/film/details/618462/drii-winter
  2. a b Drii Winter. In: filmstiftung.de. Abgerufen am 19. Januar 2022.
  3. a b c Drii Winter. In: berlinale.de Abgerufen am 4. Februar 2022.
  4. a b c Drii Winter / A Piece of Sky – Pressekonferenz in voller Länge. In: berlinale.de. Abgerufen am 16. August 2022. (Video)
  5. Lucien Rahm: Weltpremiere in Berlin: Urner Hauptdarstellerin Michèle Brand freut sich auf die Erstaufführung – und blickt leicht nervös der Pressekonferenz entgegen. In: Zuzerner Zeitung, 14. Februar 2022.
  6. Susanne Lenz: „Drii Winter“: Eine griechische Tragödie in den Schweizer Alpen. In: Berliner Zeitung, 14. Februar 2022.
  7. Der Chor Luzern: Portrait. In: derchorluzern.ch. Abgerufen am 5. August 2022.
  8. Guanajuato International Film Festival 2022 lineup. In: deed.news, 22. Juli 2022.
  9. Horizons. In: kviff.com. Abgerufen am 17. Juni 2022.
  10. Drii Winter. In: cineimage.ch. Abgerufen am 17. August 2022.
  11. VIFF announces 2022 films for Panorama, Northern Lights, and Short Forum. In: deed.news, 14. September 2022.
  12. Aurore Engelen: 'Close' to open the 49th edition of Film Fest Gent. In: cineuropa.org, 27. September 2022.
  13. 58th Chicago International Film Festival Announces Full Line-Up, Premieres, Special Guests and More. In: rogerebert.com, 19. September 2022.
  14. http://www.insidekino.com/DStarts/DStartplan.htm
  15. Carsten Beyer: Großes Drama im kleinen Bergdorf. In: rbb24.de, 14. Februar 2022.
  16. Gunda Bartels: „Drii Winter“ auf der Berlinale: Die Schöne und der Klotz. In: Der Tagesspiegel, 14. Februar 2022.
  17. Teresa Vena: Ein Schweizer Heimatfilm, aber ohne Kitsch: Michael Kochs Drii Winter. In: Filmbulletin, 29. August 2022.
  18. Fünf Seen Filmpreis. In: fsff.de. Abgerufen am 5. August 2022.
  19. 46th Hong Kong International Film Festival – Programme 2022. In: asianfilmfestivals.com, 1. August 2022.
  20. The final press release of the 55th Karlovy Vary IFF. In: kviff.com. Abgerufen am 3. Februar 2022. (PDF)
  21. Ola Salwa: Jerzy Skolimowski’s 'Eo' to open the 22nd New Horizons International Film Festival. In: cineuropa.org, 7. Juli 2022.