Dritte Generation Ostdeutschland

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Auftakt der Bustour in Schwedt/Oder

Das Netzwerk Dritte Generation Ostdeutschland (Eigenschreibweise: 3te Generation Ostdeutschland) ist eine Initiative, die der Debatte um den Osten Deutschlands neue Impulse geben will und sich dem Engagement in Ostdeutschland verschrieben hat.[1] Wesentliche Ziele sind es, der Generation der „Wendekinder“ eine Stimme zu geben und durch einen breit angelegten Dialog das Bild von Ostdeutschland von tradierten Klischees und Vorurteilen zu befreien. Die Initiative richtet sich vornehmlich, aber nicht ausschließlich an junge Ostdeutsche, die in etwa zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden.[2]

Name und Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Dritte Generation Ostdeutschland ist ein soziologisches Konstrukt. Von der Existenz einer dritten Generation leitet sich auch die Existenz einer zweiten und ersten Generation her. Als zweite Generation wird die Elterngeneration verstanden, die in der DDR geboren, sozialisiert, ausgebildet und berufstätig wurde; als erste Generation wird die Aufbaugeneration der Großeltern betrachtet (zeitliche Abfolge: Kriegskinder → DDR-Kinder → Wendekinder).[3]

Die Hypothese der Initiative 3te Generation Ost lautet, dass die Umbrucherfahrung von 1989 einen spürbaren Einfluss auf die jüngsten Kinder der DDR hatte. Zum einen haben diese Wendekinder einen umfassenden Systemwandel unmittelbar miterlebt, zum anderen die Unsicherheit und die Arbeitslosigkeit der in der DDR sozialisierten Eltern erfahren. Nach dem Konzept der transgenerationalen Weitergabe wird außerdem die unterbewusste Übertragung von traumatischen Familienerlebnissen aus zwei deutschen Diktaturen vermutet. Durch einen Dialog der Generationen soll der Einfluss der jüngeren deutschen Geschichte auf die individuellen Familienbiographien zur Sprache gebracht werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee zur Initiative wurde im Herbst 2009 geboren, als sich die friedliche Revolution und der Fall der Mauer zum 20. Mal jährten. Damals fragte sich Adriana Lettrari, geboren 1979 in Neustrelitz und aufgewachsen in Rostock, warum in Printmedien und Fernsehformaten fast nur Männer im fortgeschrittenen Alter über die Wende und die DDR diskutierten. Sie fand sich nicht in dieser Konstellation wieder. Stattdessen wollte Adriana ihre Generation, die zwischen 1975 und 1985 Geborenen, sichtbar machen und am Diskurs über Ostdeutschland beteiligen. Es galt, neben den Dagebliebenen auch die in die alten Bundesländer Abgewanderten zu erreichen.

Am 1. Juni 2010 fand ein erstes Treffen von Interessierten statt. Eigentlich als Plattform zum Austausch von Erfahrungen und Ideen gedacht, entstand hieraus ein Team aus Ost- und Westdeutschen, das sich von nun an regelmäßig traf. Es entwickelte die Vision, ein großes Treffen dieser bisher „unsichtbaren“ Dritten Generation Ostdeutschland zu organisieren. Parallel dazu wurde die Wendekind gUG gegründet, die als gemeinnützige Trägergesellschaft für die finanziellen und rechtlichen Abwicklungen im Hintergrund verantwortlich ist. Erste Fördermittel wurden von der Bundesstiftung Aufarbeitung bereitgestellt.

Generationstreffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 8. bis 10. Juli 2011 fand im Collegium Hungaricum Berlin (CHB) die erste Konferenz der Dritten Generation Ost statt. Das durchgehend große Interesse übertraf die Erwartungen der Organisatoren. Rund 130 junge Ostdeutsche nahmen an der dreitägigen Konferenz teil und legten den Grundstein für ein Netzwerk, das inzwischen mehr als 2000 Menschen umfasst sowie Vereine und Institutionen als Partner eingebunden hat. Am 24. November 2012 gab es das 2te Generationstreffen, wieder im CHB. Diesmal stand das Verhältnis und der Dialog zwischen 2. und 3. Generation Ost im Mittelpunkt. Inwiefern haben die Erfahrungen und Ansichten der Elterngeneration die Generation der Wendekinder geprägt und beeinflusst?

Buch 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Ergebnis der Konferenz ist das Buch Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen. Es ist im August 2012 im Ch. Links Verlag erschienen. Über 30 Autoren verleihen darin der Dritten Generation Ostdeutschland eine Stimme. Das Buch ist ein Beitrag, um persönliche Erfahrungen in Ost und West festzuhalten. Es unternimmt den Versuch, das festgefügte „So war es“ zu überwinden und dem eine Vielfalt von Erfahrungen, Positionen und Forderungen entgegenzustellen. Diese einzelnen Perspektiven stehen für sich selbst, aber in ihrer Summe zeichnen sie das Bild einer Generation. Seit November 2012 gibt es eine Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung.[4]

Bustour 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Motto „Losmachen!“ führte die Initiative im Juni 2012 eine zehntägige Bustour durch. Die Busroute in Form einer Acht führte Aktionisten der Initiative von Berlin ausgehend durch Orte in allen fünf neuen Bundesländern. Das Hauptanliegen der Bustour war es, mit Vertretern der Dritten Generation Ost abseits von Berlin in Kontakt zu treten. Wichtige Halte waren Schwedt/Oder, Neubrandenburg Schwerin, Zossen, Mittelherwigsdorf in der Oberlausitz, Pobershau im Erzgebirge, Jena, Halle und Lutherstadt Wittenberg. Vor Ort traf man sich mit Initiativen, Aktivisten, Politikern und engagierten Privatpersonen.

Vereinsgründung 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 2013 kam es zur Gründung eines Vereins mit dem Namen Perspektive hoch drei, der seit 2012 von Aktivisten der Initiative angeregt worden war. Der Verein war ursprünglich als demokratischer Träger der Initiative 3te Generation Ost angedacht. Bisher fungierte als alleiniger Träger der ehrenamtlichen Netzwerk-Initiative die Wendekind gUG, eine gemeinnützige Mini-GmbH, die auf den Namen von Adriana Lettrari eingetragen ist und die Rechte am Namen, am Logo und am Internetauftritt der Initiative 3te Generation Ostdeutschland hält. Somit kam es zur Spaltung der Bewegung, die nun zu unterschiedlichen Teilen von Perspektive hoch drei e.V. und der Wendekind gUG getragen wird.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erklärte Ziele der Initiative und des Netzwerks sind:

  1. verstärktes bürgerliches Engagement in Ostdeutschland
  2. Wendekinder und junge Ostdeutsche ermutigen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten
  3. Wendekindern und jungen Ostdeutschen Gehör verschaffen
  4. Geschichte der DDR und der Wende neu verstehen
  5. den Diskurs über Ostdeutschland von etablierten Klischees und Vorurteilen befreien
  6. die Gesellschaft in Deutschland und Europa mitgestalten.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weimarer Autorin Andrea Hanna Hünniger warf der Dritten Generation Ost in einem Artikel unter der Überschrift Die wollen nur reden in der Wochenzeitung der Freitag vor, eine „therapeutische Nachholbewegung“ zu sein, die nur reden will. Sie schreibt: „Wenn sich die dritte Generation Ost mal aufrafft, könnte sie eine wichtige Bewegung sein. Ein Resonanzkörper der Gegenwart und sagen: Wir haben uns jetzt 20 Jahre angestrengt, zu eurem komischen System dazuzugehören. Die Westdeutschen haben uns dabei immer mit Ignoranz gestraft. Nun sind unsere Eltern von Altersarmut bedroht, und wir selbst leben prekär von der Hand in den Mund. Vielleicht ist das die Gelegenheit, noch einmal von vorn anzufangen?“[5]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Es ist Zeit, neuen Schwung in den Osten und in die Debatten über den Osten zu bringen.“ (Motto auf der Facebookseite) [9]
  • „Es tut unserem Land also gut, wenn heute 30-Jährige zwischen Schwerin und Dresden laute Fragen stellen. Der Bus der ‚3ten Generation Ost‘ ist ein Statement an sich: Rundreise statt Nabelschau!“ (Bundespräsident Joachim Gauck) [10]
  • „Die jungen Leute wollen etwas verändern, ein neues Bild vom Osten entwickeln sowie damit für Ostdeutschland etwas bewegen.“ (Matthias Platzeck, Ministerpräsident Land Brandenburg auf dem Generationstreffen vom 24. November 2012)[11]
  • „Wir wissen, dass ein politisches System durch ein anderes politisches System abgelöst werden kann. Also der Horizont an Möglichkeiten ist breiter und ich glaube, emotional ist die Bereitschaft größer, sich auch auf neue Lösungen einzulassen.“ (Adriana Lettrari, Gründerin der Initiative)[12]
  • „Die einen interpretieren uns als Selbsthilfegruppe. Die anderen als Regionalentwicklungsagentur. Die Dritten als Institut zur angewandten Aufarbeitung. Die Vierten sehen uns als Lobbyisten Ost. Es ist von allem etwas.“ (Johannes Staemmler, Mitbegründer der Initiative)[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Judith C. Enders, Adriana Lettrari, Mandy Schulze, Johannes Staemmler: Fach- und Führungskräftemangel in Ostdeutschland. Eine qualitative Untersuchung der "Dritten Generation Ostdeutschland", W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-7639-5167-3.
  • Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler u.a. (Hrsg.): Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Bonn 2012, ISBN 978-3-8389-0285-2.
  • Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler u.a. (Hrsg.): Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, mit Texten u.a. von Robert Ide, Roland Jahn und Lothar Probst, Ch. Links Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86153-685-7.
  • Michael Rühl, Sonja Knoll: Baikonur mon amie, eine Graphic Novel, Dipol-Verlag, Greifswald 2016, ISBN 978-3-9817-3490-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Offizielle Website
  2. Die Zeit: Ratlose Revoluzzer, 15. Mai 2014
  3. http://soziologieblog.hypotheses.org/1148
  4. http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/148572/dritte-generation-ost
  5. Andrea Hanna Hünniger: 3. Generation Ost - Die wollen nur reden: Gut, dass es euch gibt, liebe Mitbürger! Ihr habt jetzt auch ein Label gefunden. Toll! Wozu allerdings, ist uns unklar. In: der Freitag, 16. August 2012.
  6. [1]
  7. [2]
  8. [3]
  9. [4]
  10. Reden des Bundespräsidenten: Podiumsdiskussion „Typisch Deutsch“, Schloss Bellevue, 13. Dezember 2012.
  11. http://www.stk.brandenburg.de/sixcms/detail.php/bb1.c.314794.de
  12. Dritte Generation Ost, Deutsche Welle, Euromaxx vom 8. November 2012.
  13. Martin Machowecz: »Ich kann das nicht mehr hören!«, Interview mit Johannes Staemmler, in: Die Zeit, 3. August 2012.

Andere Generationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]