Dschochar Zarnajew

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Dschochar Zarnajew
(Bild einer Überwachungskamera im Gefängnis) (2013)

Dschochar Ansorowitsch Zarnajew (russisch Джохар Анзорович Царнаев, wiss. Transliteration Džohar Anzorovič Carnaev, englische Transkription Dzhokhar Anzorovich Tsarnaev; * 22. Juli 1993 in Tokmok, Kirgisistan[1]) ist ein US-amerikanischer Terrorist tschetschenisch-awarischer Herkunft. Zusammen mit seinem anschließend getöteten Bruder Tamerlan Zarnajew verübte er den Anschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013.[2]

Dschochar Zarnajew gestand nach seiner Festnahme, den Anschlag gemeinsam mit seinem Bruder durchgeführt zu haben. Am 8. April 2015 befand ihn ein Geschworenengericht für schuldig. Am 15. Mai 2015 wurde die Todesstrafe als Strafmaß verkündet.[3] Ein Berufungsgericht hob das Urteil im Juli 2020 auf.[4]

Familiärer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vater der Brüder, Anzor (russisch Анзор, transkr. Ansor), entstammt einer tschetschenischen Familie, die seit der Zeit der stalinistischen Deportation im Jahre 1944 in der Kirgisischen SSR der Sowjetunion lebte. Ihre Mutter Subeidat (russisch Зубейдат) stammt aus Dagestan und ist awarischer Nationalität. Die Familie befand sich im Zwiespalt; die Eltern lebten eine in ihren jeweiligen Kulturen verbotene Mischehe – in einer Familie mit Clan-Strukturen ein Skandal.

Die Brüder sind, wie ihre beiden Schwestern, in Kirgisistan geboren und wuchsen in der Stadt Tokmok auf. 2001 siedelten sie ins russische Machatschkala in Dagestan um. Anfang der 2000er Jahre beschloss die Familie, in die USA auszuwandern, wohin mit einem Flüchtlingshilfsprogramm schon ein Bruder und eine Schwester Ansor Zarnajews in der ersten Hälfte der 1990er Jahre ausgewandert waren. Da die Ausfertigung der Ausreisedokumente längere Zeit dauerte, hielt sich die Familie ab Oktober 2001 etwa fünf Monate in Dagestan, der Heimat der Mutter, auf. Alle Kinder gingen in dieser Zeit in Machatschkala zur Schule.

Nach russischen Geheimdienstangaben reisten zunächst nur die Brüder zum Onkel Ruslan Tsarni in die USA aus, während der Rest der Familie später folgte. Der abweichende Familienname erklärt sich daraus, dass der Onkel bei seiner Einreise statt der russifizierten Form Zarnajew die tschetschenische Namensform Царни (transkr.: Zarni) angab, die im Englischen Tsarni ergab. Die Ausreise erfolgte, wie das türkische Außenministerium bestätigte, über die Türkei – einen der wichtigsten Wege der legalen Emigration nach Europa und Amerika.[2]

In den USA bat die Familie um politisches Asyl und schrieb sich seitdem dort Tsarnaev.[5] Seit 2007 hatte die Familie eine Aufenthaltserlaubnis.

Schule und Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Schulausbildung absolvierte Dschochar Zarnajew an der Cambridge Rindge and Latin School in Cambridge, Massachusetts. Für die Schule gewann er 2011 als Ringer je einen Titel als Player of the Month und als All Star Wrestler.[6]

Im selben Jahr erreichte er seinen Highschool-Abschluss und erhielt ein Stipendium über 2500 US-Dollar.[7] Er begann im Anschluss mit einem Studium der Meeresbiologie an der University of Massachusetts in Dartmouth. 2012 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft.[8][9]

Im Jahr 2011 kam die Familie in finanzielle Schwierigkeiten und lebte von der Sozialhilfe und Essensmarken, im September erfolgte die Scheidung der Eltern. Der Vater Ansor Zarnajew zog zurück in den russischen Nordkaukasus, im Sommer 2012 verließ auch die Mutter das Land und zog ebenfalls zurück nach Russland.

An der Universität soll Dschochar Zarnajew unglücklich über den Zusammenbruch seiner Familie gewesen sein und den Kontakt mit den meisten seiner Schulfreunde verloren haben. Der als sehr gut integriert geltende Student suchte verstärkt den Kontakt zu russischsprachigen Kommilitonen und verkaufte zeitweise Marihuana, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.[10] Gegen zwei aus Kasachstan stammende Mitstudenten Zarnajews wurde später wegen Mithilfe bei den Anschlägen ermittelt.[11] Im Herbst 2012 hatte er 20.000 Dollar Schulden.[12] Er kam in dieser Zeit verstärkt unter den Einfluss seines älteren Bruders Tamerlan und soll zunehmend religiöser geworden sein.

Anschlag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit seinem Bruder verübte Dschochar Zarnajew am 15. April 2013 den Anschlag auf den Boston-Marathon, indem sie versteckte Sprengsätze in Rucksäcken platzierten. Als Begründung gab Dschochar später an, er habe die Ermordung von Muslimen in Afghanistan und im Irak durch US-amerikanische Truppen rächen wollen.[13]

Am 18. April veröffentlichte die Polizei Fahndungsfotos der beiden Brüder und begann eine großangelegte Fahndung nach dem Duo. Am selben Tag erschossen die beiden einen Polizisten des Massachusetts Institute of Technology beim Versuch, dessen Waffe zu entwenden.[14] Am 19. April starb Tamerlan Zarnajew nach einem weiteren Feuergefecht mit der Polizei, während Dschochar zunächst entkommen konnte. Er wurde schließlich am 20. April 2013 mit einem Halsdurchschuss verletzt in Watertown unweit von Boston gefasst. Die Polizei klärte ihn unter Berufung auf die public safety exception (ein seit 1984 anerkanntes Instrument der Gefahrenabwehr)[15] bei der Festnahme nicht über das Recht auf Aussageverweigerung und einen Anwalt (in den USA „Miranda-Recht“ genannt) auf. Dies wurde von Menschenrechtsgruppen kritisiert.[16]

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Informationen des US-Justizministeriums vom 22. April 2013 erhielt Zarnajew am Krankenbett eine 30 Punkte umfassende Anklageschrift, in der die Verhandlung vor einem US-Bundesgericht festgelegt war. Ihm drohte die Todesstrafe. Bei einer Verhandlung vor einem Gericht des Bundesstaates Massachusetts wäre dies nicht der Fall gewesen, da in diesem Bundesstaat die Todesstrafe schon seit mehr als 20 Jahren abgeschafft ist.[17] Bei einer ersten Befragung bestätigte Dschochar Zarnajew offenbar sowohl religiöse als auch politische Motive für den Anschlag,[18][19] für dessen Planung und Ausführung in erster Linie sein Bruder verantwortlich gewesen sei. Er selbst sei nur Mitläufer gewesen, weitere Tatbeteiligte habe es nicht gegeben.[18]

Am 26. April wurde er vom Krankenhaus Beth Israel Deaconess Medical Center ins nordwestlich von Boston gelegene Bundesgefängnis Fort Devens für männliche Häftlinge verlegt, die spezielle oder langfristige medizinische oder psychologische Betreuung brauchen.[20]

Am 29. April bestätigte die zuständige Richterin Marianne B. Bowler, dass die Todesstrafenexpertin Judy Clarke zum Verteidigerteam für Dschochar Zarnajew gestoßen sei.[21]

In Vernehmungen sagte Dschochar Zarnajew aus, dass die Brüder den Anschlag eigentlich am US-Nationalfeiertag (4. Juli) verüben wollten. Auch über Selbstmordanschläge sollen die Brüder nachgedacht haben. Der Bau der Bomben sei schneller als erwartet gelungen.[22]

Am 30. Januar 2014 erklärte der Attorney General Eric Holder, dass er für Zarnajew die Todesstrafe fordern werde.[23] Der Prozess begann am 5. Januar 2015 mit der Auswahl der Geschworenen. Das fünfköpfige Verteidigerteam hatte eine weitere Verschiebung des Prozessbeginns, der eigentlich bereits für den November 2014 geplant war, beantragt, um sich weiter in die Ermittlungsakten einarbeiten zu können.[24]

Am 8. April 2015 erklärten die Geschworenen Dschochar Zarnajew in allen 30 Anklagepunkten, von denen auf 17 die Todesstrafe steht, für schuldig.[25] Er wurde unter anderem für schuldig befunden, eine „Massenvernichtungswaffe“ (weapon of mass destruction) eingesetzt zu haben. Über das Strafmaß, das entweder auf lebenslange Haft oder die Todesstrafe lauten konnte, wurde in einem weiteren Verfahren entschieden. Damit endete der erste Prozessabschnitt.

Am 15. Mai 2015 wurde er von den Geschworenen einstimmig zur Todesstrafe verurteilt.[26] Zarnajew äußerte sich zum Prozessende bei der formellen Urteilsverkündung durch den Richter am 24. Juni 2015 zum ersten Mal öffentlich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich am Anfang der Verhandlung zu Protokoll gegeben, nicht schuldig zu sein. Er bekannte sich in seinem Schlusswort nun doch schuldig und entschuldigte sich für seine Tat. Dies ändert in den Augen der Beobachter aber nichts daran, dass er, der während des gesamten Prozesses die Ereignisse emotionslos verfolgte und lediglich beim Erscheinen einer Tante aus Russland in Tränen ausbrach, keine Reue über seine Taten empfinde.[27][28]

Das Urteil soll wie bei Todesurteilen von Bundesgerichten üblich durch eine tödliche Injektion vollstreckt werden.[29][30] Die Exekution soll im Supermax-Bundesgefängnis USP Terre Haute den Regeln gemäß in Anwesenheit von acht Überlebenden, Vertretern der Medien, sowie vom Verurteilten selbst gewählten Zeugen erfolgen.[31][30]

Das Urteil kann vorher, wie im Falle von Todesurteilen in den USA üblich, im Berufungsverfahren von der Verteidigung in mehreren Instanzen angefochten werden, was sich über mehrere Jahre hin erstrecken kann.[32][30] Währenddessen soll Zarnajew in der Special Confinement Unit von Terre Haute in Isolationshaft verwahrt werden.[30] Im Juli 2015 erklärten seine Anwälte, dass sie formell Einspruch gegen das Urteil einlegen und einen neuen Prozess beantragen würden, da Dschochar Zarnajew unter dem Einfluss seines älteren Bruders gehandelt habe und daher ein Todesurteil nicht anzuwenden sei.[33]

Der District Attorney des Middlesex County Marian Ryan erklärte unterdessen, dass Dschochar Zarnajew sich weiterhin wegen des Todes eines Polizisten auf dem Gelände des Massachusetts Institute of Technology vor Gericht in Massachusetts verantworten muss. Der Polizist war von den beiden Brüdern auf der Flucht nach dem Anschlag getötet worden. Die Anklage lautet in diesem Falle auf Mord. Es wurde dabei betont, dass das Todesurteil für den Bombenanschlag noch nicht rechtskräftig sei und dass eine weitere gerichtliche Verfolgung deshalb angemessen sei. Es wird eine Überstellung aus dem Bundesgefängnis in ein Gefängnis im Middlesex County angestrebt, um den Prozess zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft beginnen können.[34]

Er ist nun aktuell im Bundesgefängnis ADX Florence in Isolationshaft untergebracht.

Im Juli 2020 hob ein Berufungsgericht, nachdem Zarnajew das Urteil angefochten hatte, die Todesstrafe auf. Als Begründung gab das Gericht an, bei dem Prozess gegen Zarnajew habe der zuständige Richter die ausgewählte Jury nicht ausreichend auf Befangenheit überprüft. Das Berufungsgericht wies eine niedere Instanz an, einen neuen Prozess zu beginnen, in dem über Zarnajews neue Strafe verhandelt werden kann.[4]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 2016 von Peter Berg inszenierten Thriller Boston wurde seine Rolle von Alex Wolff übernommen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. «Das Ziel war, so viele Menschen wie möglich zu töten». In: bazonline.ch. 6. März 2015, abgerufen am 1. August 2020.
  2. a b Irina Gordijenko: Как братья Царнаевы уезжали в Америку (Memento des Originals vom 25. April 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.novayagazeta.ru (deutsch: Wie die Brüder Zarnajew nach Amerika kamen). In: Online-Ausgabe der Nowaja Gaseta vom 22. April 2013 (russisch). Abgerufen am 22. April 2013.
  3. Dzhokhar Tsarnaev Gets Death Penalty in Boston Marathon Bombing. The New York Times, 15. Mai 2015.
  4. a b Todesurteil für Boston-Bomber wird aufgehoben. In: Spiegel Online. 31. Juli 2020, abgerufen am 1. August 2020.
  5. Josh Dawsey et al.: Manhunt Ends With Capture of Boston Bombing Suspect. In: Online-Ausgabe des Wall Street Journal vom 19. April 2013 (englisch). Abgerufen am 22. April 2013.
  6. Cambridge Rindge and Latin School Greater Boston League Winter All Stars 2011. Informationen auf der Homepage von Cambridge News Weekly vom 2. April 2011 (englisch). Abgerufen am 22. April 2013.
  7. Brock Parker: Cambridge announces 2011 City Scholarship recipients. Informationen auf boston.com vom 6. Mai 2011 (englisch). Abgerufen am 22. April 2013.
  8. ins/AFP/DPA: Schoss sich Zarnajew in den Mund? In: Online-Ausgabe des Stern vom 21. April 2013. Abgerufen am 22. April 2013.
  9. Tsarnaev brothers’ homeland was war-torn Chechnya (Memento vom 18. Dezember 2019 im Internet Archive)
  10. http://www.rollingstone.com/culture/news/jahars-world-20130717?page=4
  11. http://articles.chicagotribune.com/2013-08-13/news/sns-rt-us-usa-explosions-boston-20130808_1_tamerlan-tsarnaev-dzhokhar-tsarnaev-accused-boston-bomber
  12. Jan Christoph Wiechmann: Warum? In: Das Magazin vom 18. April 2014, abgerufen am 20. April 2014. (Archiv)
  13. http://www.vanityfair.com/online/daily/2013/04/dzhokhar-tsarnaev-s-possible-motive-anger-over-wars-in-iraq-and-afghanistan
  14. Officer’s Killing Spurred Pursuit in Boston Attack. The New York Times. 24. April 2013. Abgerufen am 25. April 2013.
  15. Sebastian Fischer: Bombenattentäter von Boston: Zarnajew wird schriftlich verhört. In: Spiegel Online vom 22. April 2013. Abgerufen am 22. April 2013.
  16. Karen McVeigh et al.: Boston Marathon suspect may never be able to be questioned, mayor says. In: Online-Ausgabe des Guardian vom 21. April 2013 (englisch). Abgerufen am 22. April 2013.
  17. APA/dpa: Todesstrafe droht: Boston-Bomber angeklagt. In: Online-Ausgabe der Tageszeitung Die Presse vom 22. April 2013. Abgerufen am 23. April 2013.
  18. a b dfe, DPA: Zarnajew schildert sich als Mitläufer. Bericht auf der Internet-Präsenz des Nachrichtensenders N24 vom 23. April 2013. Abgerufen am 23. April 2013.
  19. dpa/AFP/toto: Ehefrau von Tamerlan Tsarnaev bricht ihr Schweigen. In: Online-Ausgabe der Welt vom 24. April 2013. Abgerufen am 25. April 2013.
  20. The Globe and Mail: Boston bombing suspect Dzhokhar Tsarnaev moved from hospital to medical detention centre (Memento vom 28. April 2013 im Internet Archive), 24. April 2013. Abgerufen am 30. April 2013 (englisch).
  21. Anti-death penalty crusader joins Tsarnaev defense. In: Boston Herald, 30. April 2013 (englisch).
  22. SZ 3. Mai 2013: Zarnajew-Brüder erwogen Selbstmordanschläge
  23. Adam Goldman, Sari Horwitz: U.S. to seek death penalty in Boston bombing case. In: Washington Post vom 30. Januar 2014. Abgerufen am 30. Januar 2014.
  24. Boston-Attentäter steht vor Gericht auf: Die Zeit, 5. Januar 2015, abgerufen am 13. Juli 2015
  25. Gericht spricht Zarnajew schuldig. FAZ vom 8. April 2015, abgerufen am 8. April 2015.
  26. Todesstrafe für Boston-Attentäter Zarnajew, in: sueddeutsche.de, vom 15. Mai 2015
  27. Boston-Attentäter entschuldigt sich auf: Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2015, abgerufen am 13. Juli 2015
  28. Aussagen einer Verwandten: Marathon-Attentäter weint vor Gericht auf: Spiegel online, 5. Mai 2015, abgerufen am 13. Juli 2015
  29. Attentat auf Marathon: Todesstrafe für Boston-Bomber Zarnajew. Spiegel Online, 15. Mai 2015.
  30. a b c d What it's like inside the terrifying super-max prison where the Boston Bomber is expected to be executed, uk.businessinsider.com, 15. Mai 2015.
  31. The plan to kill Tsarnaev, Boston.com
  32. Anschlag auf Boston-Marathon – Todesstrafe für Zarnajew (Memento vom 17. Mai 2015 im Internet Archive)
  33. Nach dem Todesurteil: Boston-Bomber will neuen Prozess auf: Spiegel online, 7. Juli 2015, abgerufen am 13. Juli 2015
  34. Boston bomber to face state charges in officer's killing – despite death sentence in: The Guardian, 11. Juli 2015, abgerufen am 12. Juli 2015