Dschungel von Calais

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Zelte des „Dschungels von Calais“ (2015)
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Als Dschungel von Calais (französisch jungle de Calais, englisch Calais jungle) wurde eine Zeltstadt mit provisorischen Unterkünften nahe der französischen Stadt Calais bezeichnet, die bei der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 Bedeutung erlangte. Mehr als 9000 Migranten kampierten dort im August 2016[1] und warteten auf eine Möglichkeit zur Weiterreise durch den Eurotunnel nach Großbritannien.[2] Vom 24. bis 26. Oktober 2016 wurde das Flüchtlingslager komplett geräumt und dann offiziell geschlossen.[3] Wenig später begannen sich jedoch erneut Personen in der Region zu sammeln.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits seit der Schließung des Rot-Kreuz-Camps von Sangatte im Jahr 2002 gibt es in der Region um Calais illegale Lager, in denen Migranten auf eine Einreisemöglichkeit nach Großbritannien warten.[4]

2015 – Oktober 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dschungel von Calais, 17. Januar 2016

Auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie am Rande von Calais lebten Ende 2015 bis zu 6000 Menschen.[4] Aufgrund der hygienischen Zustände ordnete ein Gericht im November 2015 an, dass die Bedingungen im Lager verbessert werden müssten.[5] Die französische Regierung (Kabinett Valls II) beschloss daher im Januar 2016, 125 Container für rund 1500 Menschen aufzustellen.[6] Im Februar 2016 verfügte ein französisches Gericht eine Teilräumung aufgrund der hygienischen Zustände, der Unsicherheit und Gewalt. Die Räumung des südlichen Teils des Lagers in der Heidelandschaft begann am 29. Februar.[7] Dabei kam es zu massiven Ausschreitungen von Lagerbewohnern und politischen Aktivisten gegen die Polizei.[8] Die zuständige Präfektin Fabienne Buccio schrieb die Ausschreitungen Aktivisten von No border und einer Gruppe von rund 150 Flüchtlingen zu, die von den Aktivisten manipuliert worden sei. Der überwiegende Teil der betroffenen Personen habe sich jedoch friedlich verhalten.[9]

Die Zahl der Menschen in dem Lager hat sich von Juni bis Ende August 2016 auf etwa 9000[1] oder 10.000 verdoppelt.[10]

Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, forderte Mitte August 2016 nach Angriffen von Migranten aus dem Dschungel auf Polizeikräfte und Lastwagenfahrer den Einsatz der Armee, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Polizei sei unterbesetzt und überfordert und könne die „Banden aus Migranten“, die das von Kriminalität durchsetzte Lager betrieben, nicht mehr unter Kontrolle halten. Die Regierung in Paris unterschätze die Lage. Die Gesetze der Republik müssten durchgesetzt werden.[11]

Die Sicherheitsvorkehrungen am Eurotunnel wurden deutlich verstärkt. Für die Flüchtlinge ist es schwieriger geworden, nach England zu gelangen.[12]

Am 6. September 2016 blockierten Lastwagenfahrer und Bauern mit Traktoren Autobahn und Zufahrtsstraßen in der Region um Calais, zum Beispiel zum Hafen. Auf ihren Spruchbändern standen Slogans wie: „Die Bürger von Calais sind eingesperrt, die Flüchtlinge sind frei.“ Sie protestierten gegen die Tatenlosigkeit der Regierung. Der Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl 2017 hatte begonnen; die konservative Opposition (darunter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen, die Chefin der Partei Front National) hat die Begrenzung der Migration zu einem ihrer wichtigsten Wahlkampfthemen gemacht.[12]

Innenminister Bernard Cazeneuve hat es zum Ziel erklärt, bis Ende 2016 mehr als 12.000 Plätze in centres d’accueil et d’orientation (CAO) andernorts in Frankreich zu schaffen.[13] Am 26. September 2016 sprach bei einem Besuch in Calais Präsident François Hollande davon, das improvisierte Lager nicht mehr dulden zu wollen: „Wir müssen das Lager komplett und definitiv auflösen.“[14]

Unter der von Lord Dubs im Mai 2016 erstritten Gesetzgebung begann das Home Office rund 800 minderjährige Flüchtlinge im Dschungel zu befragen, die zuvor behauptet hatten, Verwandte im Vereinigten Königreich zu haben. Rund 200 von ihnen wurden im Zuge der sich abzeichnenden Räumung im Oktober 2016 nach England gebracht. Innenministerin Rudd teilte jedoch mit, dass man künftige Anträge dieser Art, die nach dem Tag der Räumung erfolgen, ablehnen wird.[15]

Die Räumung des Lagers wurde vom 24. bis 26. Oktober 2016 durchgeführt,[3] obwohl ursprünglich eine Woche dafür angesetzt war.[16] Der Versuch von elf Hilfsorganisationen, die Räumung vom Verwaltungsgericht Lille per Eilantrag verhindern zu lassen, scheiterte am 18. Oktober.[17] Rund 1250 eingesetzte Polizisten verteilten ca. 6500 Flüchtlinge auf ungefähr 160 Aufnahmezentren in ganz Frankreich. Vor der geplanten Räumung kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Flüchtlingen und der Polizei,[16] während der Räumung zu einem Brand.[3]

In den Tagen vor der Räumung wurden 400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in provisorischen Containern in Calais untergebracht. Großbritannien hatte sich bereit erklärt, diejenigen Minderjährigen aufzunehmen, die dort bereits Angehörige hatten (siehe hierzu auch: Dubs bill). Medien und die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichteten aber am Tag nach der Räumung, dass unbegleitete Minderjährige orientierungslos durch das Lager irrten. Andere seien nach Augenschein als erwachsen eingeschätzt worden. Das Vorgehen entspreche nicht den vorab gegebenen Zusicherungen.[18]

Neubildungen ab Dezember 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Monate nach der Schließung hatten sich in der Calais-Region Ende Dezember 2016 sechs Lager gebildet, in denen sich erneut Migranten sammelten, die sich Zugang zum Vereinigten Königreich erhofften. Viele Personen waren nach Presseangaben Bewohner des vorherigen Dschungels, hatten sich aber mittlerweile aus den Aufnahmeeinrichtungen abgesetzt, zu denen sie die französischen Behörden nach der Schließung im Oktober zunächst transportiert hatten.[19]

In der Nacht zum 20. Juni 2017 blockierten Migranten mit Baumstümpfen die Autobahn A16 südlich des ehemaligen Dschungels, um so Lastkraftwagen zum Anhalten zu zwingen. Ein Fahrer verbrannte nach einem Auffahrunfall an der Blockade in seinem Fahrzeug.[20]

Im August 2017 schätzten Helfer, dass sich inzwischen wieder rund 750 Personen in der Calais-Dunkirk Region eingefunden hätten, die sich von dort Zugang zum Vereinigten Königreich erhofften. Die Menschen würden im Freien kampieren und litten an entsprechenden Krankheiten.[21]

Anfang 2018 hatten sich etwa 600 Migranten in Calais gesammelt, die, versorgt von Hilfsorganisationen, auf einen Weg nach England hofften. Die Lage eskalierte, als sich die Zahl innerhalb kurzer Zeit um 200 erhöhte, weil viele Personen offenbar Gerüchten Glauben geschenkt hatten, nach denen ein neu verhandeltes Grenzabkommen zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich von Mitte Januar 2018 ihnen nun die Überfahrt erlauben würde. Die wachsende Frustration entlud sich in Gewaltausbrüchen und am 1. Februar wurden schließlich fünf Migranten durch Schüsse von einem Afghanen verletzt. Wenig später prügelten sich etwa 150 Migranten aus Eritrea mit solchen aus Afghanistan in einem nahegelegenen Industriegebiet.[22][23] Auch im September und Oktober 2018 wurden bei Grande-Synthe Ansammlungen vor allem von Kurden aus dem Irak in Unterkünfte umquartiert, um sie den Schleppern zu entziehen.[24]

Im Laufe des Jahres 2019 bildete sich nach der Räumung eines stark frequentierten Treffpunkts eine Agglomeration mehrere Camps. Wie die vorausgegangenen Camps, war er mehrmals wöchentlich von polizeilichen Räumungen betroffen, die häufig von Gewalt wie dem Einsatz von CA-Gas und Schlagstöcken begleitet waren.[25] Hatte sich die Anzahl der in Calais lebenden Migranten zwischen 2016 und 2019 in einem ungefähren Rahmen von 400 bis 700 Personen bewegt, so stieg sie im Winter 2019/20 auf 900 bis 1000 an, von denen die überwiegende Zahl im Jungle lebte. Hinzu kamen weiter rund 400 bis 500 Personen in Grande-Synthe.

Zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang März 2020 bestand diese Situation unverändert. Wie in den vorausgegangenen Jahren, war der Anteil körperlicher Erkrankungen und psychischer Belastungen unter den Bewohnern hoch. Lokal tätige Hilfsorganisationen wiesen daher frühzeitig auf das erhöhte Infektionsrisiko der Betroffenen hin. Nach dem Nachweis von fünf Infektionsfällen mit dem Corona-Virus begann Anfang April 2020 eine Evakuierung eines Teils der Bewohner des Jungle in Unterkünfte außerhalb der Grenzregion. Für die in Calais verbleibenden Menschen verschlechterten sich Versorgungslage, physische und psychische Gesundheit und Lebensbedingungen rapide, während die seit Beginn des Jahres 2020 täglich durchgeführten polizeilichen Räumungen – in erneute Obdachlosigkeit hinein – trotz des Lockdown weiterhin stattfanden. Eine Gruppe eritreischer Flüchtlinge im Jungle prangerte in einem offenen Brief eine Zunahme von Übergriffen durch die französische Polizeieinheit CRS an.[26]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Schätzungen kamen im Februar 2016 etwa 25 Prozent der Menschen aus Afghanistan und Pakistan, 20 Prozent aus Eritrea und Äthiopien, weitere 20 Prozent aus dem Sudan und etwa zehn Prozent aus Syrien.[27]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Filmfestspielen 2017 in Cannes wurde Vanessa Redgraves Dokumentarfilm Sea Sorrow uraufgeführt. Mit ihrem Film, in dem sie emotional und engagiert auf die Zustände in dem Lager in Calais eingeht, und in dem auch Lord Dubs, der den Holocaust mit Hilfe des Kindertransports aus der Tschechoslowakei überlebt hat, Stellung zum Flüchtlingsproblem in Europa nimmt, appelliert sie an Politiker und Bürger, sich vor allem der Flüchtlingskinder anzunehmen.[28]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michel Agier: Der „Dschungel von Calais“. Über das Leben in einem Flüchtlingslager. transcript, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-4734-1.
  • Müller, Thomas / Schlüper, Uwe: Dynamiken der Jungles. Calais und das europäisch-britische Grenzregime. bordermonitoring, München 2018, ISBN 978-3-947870-00-4.
  • Müller, Thomas / Schlüper, Uwe / Zinflou, Sascha: Querung des Kanals. Calais, der Brexit und die Bootspassagen nach Großbritannien, bordermonitoring, München 2019.
  • Emmanuel Carrère: Lettre à une Calaisienne. Revue XXI, April 2016. Drei Zeichnungen von Aline Zalko[29]
    • Übers. Claudia Hamm: Brief an eine Zoowärterin aus Calais. Matthes & Seitz, Berlin 2017
  • Olivier Norek: Entre deux mondes. Éditions France loisirs, Paris 2018, ISBN 978-2-298-14339-3.
    • Übersetzt von Alexandra Hölscher: All dies ist nie geschehen. Karl Blessing, München 2019, ISBN 978-3-89667-634-4 (Kriminalroman)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Dschungel von Calais – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Der deutschsprachige Weblog JungleOfCalais informiert seit März 2020 über Migration und Grenzregime in Nordfrankreich und Belgien mit Schwerpunkt auf Calais und Grande-Synthe.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Angelique Chrisafis: French court rejects bid to demolish shops at Jungle refugee camp The Guardian vom 12. August 2016
  2. www.aargauerzeitung.ch 21. Februar 2016: «Kein Slum, das Flüchtlingslager ist eine offene Müllhalde» (Detaillierte Beschreibung der hygienischen Missstände)
  3. a b c «Dschungel von Calais» nach Großbrand komplett geräumt. dpa, 26. Oktober 2016, abgerufen am 3. August 2020..
  4. a b Angelique Chrisafis: At night it's like a horror movie' – inside Calais's official shantytown. The Guardian, 6. April 2015
  5. Gericht ordnet Verbesserungen im „Dschungel“ von Calais an Süddeutsche Zeitung, 3. November 2015
  6. Migrant shelter made of shipping containers opens in France's Calais, Reuters, 11. Januar 2016
  7. Flüchtlinge: Polizei räumt Teile des Dschungels von Calais, Spiegel Online, 29. Februar 2016
  8. Flüchtlinge in Frankreich: Ausschreitungen in Calais – neues Räumkommando im Anmarsch, Spiegel Online, 1. März 2016
  9. www.independent.co.uk vom 1. März 2016: Calais Jungle: 'Dangerous' UK activists don't care about refugees, says official responsible for clearing camp
  10. www.thesun.co.uk
  11. Laura Mowat: Calais mayor says migrant violence 'OUT OF CONTROL' as UK truckers urge troops on streets. The Daily Express vom 19. August 2016
  12. a b Die Franzosen verlieren allmählich die Geduld
  13. lefigaro.fr 12. September 2016: Comment le gouvernement veut répartir les migrants de Calais en région
  14. Dschungel von Calais vor Räumung, Sächsische Zeitung, 27. September 2016
  15. Alan Travis, Lisa O'Carroll und Caroline Davies: UK to take hundreds more children from Calais, home secretary says The Guardian vom 24. Oktober 2015
  16. a b Flüchtlingslager in Calais: ‚Es droht eine Verfolgungsjagd‘, Spiegel Online. Abgerufen am 23. Oktober 2016.
  17. (afp, dpa): Flüchtlingslager in Calais wird geräumt Deutsche Welle vom 18. Oktober 2016
  18. Dschungel von Calais: Unbegleitete Minderjährige sind Leidtragende der Räumung. Ärzte ohne Grenzen, 27. Oktober 2016, abgerufen am 27. Oktober 2016.
  19. May Bulman: "Hundreds of refugees return to 'secret camps' near Calais in bid to reach the UK" The Independent vom 26. Dezember 2016
  20. PA:"Van driver killed in fireball crash after migrants block Calais road with tree trunks" Daily Telegraph vom 20. Juni 2017
  21. May Bulman: "Refugees in Calais suffering trench foot as squalid condition take their toll" The Independent vom 27. August 2017
  22. "Border treaty blamed for Calais migrant surge that has led to violence" The Guardian vom 3. Februar 2018
  23. "Four migrants in critical condition after Calais brawl " The Guardian vom 2. Februar 2018
  24. Französische Polizei räumt "wildes" Migranten-Lager in der Deutsche Welle am 23. Oktober 2018
  25. Müller, Thomas: Die Aktualität des Jungle. Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe, in: Agier, Michel et al.: Der "Dschungel von Calais". Über das Leben in einem Flüchtlingslager. transcript, Bielefeld 2020, S. 9-33, hier: S. 27ff. 2020.
  26. Vgl. die Meldungen dieses Zeiraums auf dem Blog JungleOfCalais: Weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen / "They dorn't think that we are humand" / Am Anfang der Seuche / Evakuierungen, Zahlenspiele, Realitätsverlust. Abgerufen am 25. April 2020.
  27. spiegel.de 25. Februar 2016: Flüchtlingslager „Dschungel“ in Calais: „Das Leben ist besser als im Sudan“
  28. Peter Bradshaw: Sea Sorrow review – Vanessa Redgrave's ungainly, heartfelt essay on the refugee crisis in: The Guardian, 27. Mai 2017, abgerufen am 24. August 2017
  29. 3 Zeichnungen und Kurzer Auszug aus dem Text, 1 Zeichnung

Koordinaten: 50° 58′ 9,7″ N, 1° 54′ 13,3″ O