Dsiga Wertow

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Dsiga Wertow (russisch Дзига Вертов, eigentlich Dawid Abelewitsch Kaufman/Давид Абелевич Кауфман, wiss. Transliteration Dziga Vertov; * 21. Dezember 1895jul./ 2. Januar 1896greg. in Białystok; † 12. Februar 1954 in Moskau) war ein sowjetischer Filmemacher. Er gilt sowohl seines experimentellen Schaffens als auch seiner theoretischen Texte wegen als einer der wichtigsten frühen Dokumentarfilmregisseure.

Wertow war ein Bruder des späteren Hollywood-Kameramannes und Oscar-Preisträgers Boris Kaufman und des Kameramanns Michail Kaufman, mit dem er zusammenarbeitete, so in seinem berühmtesten Film Der Mann mit der Kamera.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wertow stammte aus einem jüdischen Intellektuellen-Haushalt und studierte an der Kunstschule in Białystok, später in Sankt Petersburg und Moskau. Mit dem Beginn der Oktoberrevolution 1917 produzierte er agitatorische Wochenschauen (Kinonedelja (Filmwoche) und Kino-Prawda (Film-Wahrheit)), später auch längere teils propagandistische Dokumentarfilme. Bei seiner Arbeit standen ihm seine Ehefrau Jelisaweta Swilowa als Cutterin und sein Bruder Michail Kaufman als Kameramann zur Seite.

Wie Sergei Eisenstein und andere sowjetische Stummfilm-Regisseure seiner Zeit bemühte er sich, das Publikum seiner Filme durch Methoden der Filmmontage zu beeinflussen. Dabei ging er oft noch weitaus experimenteller als seine Zeitgenossen vor, was seinem künstlerischen Werdegang ein Ende bereitete, als in den 1930er Jahren auch in der Filmkunst der Sozialistische Realismus als Leitbild vorgeschrieben wurde – und gerade Filmdokumentaristen auch dem Personenkult um Stalin ihren Tribut zollen mussten. So musste Wertow 1934 in Drei Lieder über Lenin - einer filmischen Hymne über den Gründer der Sowjetunion zu dessen 10. Todestag – auf Befehl Stalins diesen selbst hinreichend in Szene setzen. Der einschlägige Film Wiegenlied ist ein aufschlussreiches Beispiel für den Missbrauch seiner dokumentarischen Mittel und seiner Montagekunst.

Wertows bekanntester Film und zugleich beispielhafte Kristallisation seines gesamten Schaffens ist Der Mann mit der Kamera (Человек с Кино-Аппаратом/Tschelowek s kinoapparatom), der einerseits das urbane Leben in sowjetischen Großstädten und die Mechanisierung des Lebens glorifiziert, andererseits jedoch den eigenen Entstehungsprozess von der Kameralinse bis zum Schneideraum thematisiert. Eine Vielzahl inhaltlicher und stilistischer Ähnlichkeiten macht diesen Film zu einem Vorgänger von Godfrey Reggios Koyaanisqatsi.

Wertows ästhetische Konzepte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wertow veröffentlichte diverse Schriften und Manifeste über die ästhetischen Überlegungen, die hinter seinen Filmen standen. Er lehnte die mit Schauspielern inszenierten Fiktionen des Spielfilms als bürgerlich ab. Dagegen sah er revolutionäres Potential in dem Kino-glaz (Kino-Auge, gemeint war die Kameralinse), das jedes Detail der Welt umfassend und objektiv einfangen könne.

Nicht durch Schauspielerei, Inszenierung oder die Strukturen anderer Künste (des Theaters, des Romans), sondern durch die ausgefeilte Montage objektiver Wirklichkeitsausschnitte sollte der Sinn und die Wirkung des Films entstehen. So ließe sich die aufgenommene Wirklichkeit auch wirkungsvoll derart neu systematisieren, dass sie agitatorischen Zwecken diene.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Ende der 1960er Jahre wurde Dsiga Wertows Werk von ästhetisch wie politisch radikalen Künstlern wiederentdeckt. Wegweisend hierbei war Jean-Luc Godard, der Ende der 1960er Jahre seine individuelle Tätigkeit als Regisseur aufgab und bis in die 1970er Jahre hinein nur noch im programmatisch benannten Kollektiv der Gruppe Dsiga Wertow (französisch Groupe Dziga-Vertov) Filme drehte. Auf der documenta 8 im Jahr 1987 in Kassel wurden Aufnahmen von ihm im Rahmen der „Archäologie der akustischen Kunst 1: Radiofonia Futurista“ als offizieller Ausstellungsbeitrag aufgeführt.

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2010: Dziga Vartov - Šestaja čast mira und Odinnadcatyi, Edition Filmmuseum, 2 DVD; Bonus die Dokumentation Im Schatten der Maschine. Begleitmusik komponiert vom englischen Komponisten Michael Nyman.[1]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. FAZ vom 18. August 2010, Seite 32

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adelheid Heftberger: Kollision der Kader: Dziga Vertovs Filme, die Visualisierung ihrer Strukturen und die Digital Humanities. München: edition text + kritik 2016, ISBN 978-3-86916-463-2.
  • Texte zur Theorie des Films, Reclam 1998, ISBN 3-15-009943-9 (enthält Wertows Manifeste „Wir. Variante eines Manifestes“, „Kinoki – Umsturz“ und „Kinoglaz“)
  • Dziga Vertov: Tagebücher / Arbeitshefte, UVK Medien Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2000, ISBN 3-89669-284-4.
  • Kino-Eye: The Writings of Dziga Vertov, by Dziga Vertov. Michelson, Annette, editor; translated by Kevin O'Brien. (Paperback – August 1995), 408 pages, University of California Press.
  • Dziga Vertov's Man with the Movie Camera DVD, audio commentary track by Yuri Tsivian.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Dsiga Wertow – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien