Harnstoff

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Strukturformel
Strukturformel von Harnstoff
Allgemeines
Name Harnstoff
Andere Namen
  • Kohlensäurediamid
  • Carbamid
  • Karbamid
  • UREA (INCI)
  • Carbonyldiamid
  • Diaminomethanal
  • Piagran (Markenname)
  • E927b
Summenformel CH4N2O
CAS-Nummer 57-13-6
PubChem 1176
ATC-Code
Kurzbeschreibung

farb- und geruchloser, kristalliner Feststoff[1]

Eigenschaften
Molare Masse 60,06 gmol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,32 gcm−3 [2]

Schmelzpunkt

132,5–134,5 °C (Zersetzung) [2]

Dampfdruck

0,2 Pa (75 °C) [2]

pKs-Wert
  • 26,9 (in DMSO)[3]
  • 0,18 (konj. Säure in Wasser) [4]
Löslichkeit

sehr gut in Wasser:

  • 790 gl−1 (bei 5 °C)[5]
  • 1000 gl−1 (bei 20 °C)[2]
  • 1200 gl−1 (bei 25 °C)[5]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze
Toxikologische Daten

8471 mg kg−1 (LD50Mausoral)[6]

Thermodynamische Eigenschaften
ΔHf0

−333,1 kJmol−1[7]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Harnstoff (lateinisch und englisch urea), chemisch das Diamid der Kohlensäure, ist eine organische Verbindung mit der Summenformel CH4N2O. Reiner Harnstoff ist ein weißer, kristalliner, geruchloser, ungiftiger und hygienisch unbedenklicher Feststoff, der sich gut in Wasser löst. Er ist ein viel genutzter Stickstoffdünger und Rohstoff für die chemische Industrie, etwa für die Herstellung von Harnstoffharzen, die als Klebstoff, zur Imprägnierung oder Isolierung eingesetzt werden. Harnstoff dient als Grundlage für die Synthese von Barbitursäure, Koffein, Hydrazin und weiteren Chemikalien.

In der Ernährung von Wiederkäuern lässt sich Harnstoff als Stickstoffquelle für die Bildung von Proteinen nutzen. Die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation führt Harnstoff als in Salben und Cremes angewandtes, keratolytisches und hautanfeuchtendes Mittel bei trockenen, rissigen und juckenden Hautzuständen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Wöhler, etwa 1856.

Der holländische Chemiker Herman Boerhaave entdeckte 1727 bei der Untersuchung des Urins den Harnstoff, den er sal nativus urinæ nannte, das natürliche Salz des Urins.[8] Hilaire-Marin Rouelle gelang 1773 ebenfalls die Darstellung von Harnstoff mit einem alkoholischen Extrakt aus Urinrückständen.[9] Louis-Nicolas Vauquelin wies Harnstoff 1800 im Tierharn nach.

Die Herstellung von Harnstoff wurde 1828 von Friedrich Wöhler erstmals durch Reaktionen von Silbercyanat und Ammoniumchlorid beziehungsweise von Bleicyanat und flüssigem Ammoniak beschrieben.[10]

Er erkannte damals schon die wesentliche Zwischenverbindung Ammoniumcyanat als eigentliche Harnstoffquelle.

Harnstoffsynthese nach Wöhler

Harnstoff gilt als die erste aus anorganischen Ausgangsstoffen synthetisierte organische Verbindung. Das widersprach der damals verbreiteten Vorstellung, dass organische Substanzen grundsätzlich nur von Lebewesen durch die so genannte vis vitalis (Lebenskraft) hergestellt werden könnten. Genau genommen hat Wöhler bereits 1824 durch Hydrolyse von Dicyan zu Oxalsäure den Nachweis erbracht, dass es für die Synthese organischer Moleküle nicht der „Lebenskraft“ bedarf.[11]

Im Jahr 1868 wurde von Alexander Basaroff erstmals die kommerziell anwendbare Herstellung aus Ammoniumcarbamat beschrieben, welches unter Druck aus Ammoniak und Kohlendioxid zugänglich ist.[12]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Wirbeltiere, etwa Plattenkiemer wie Haie und Rochen, Amphibien und Säugetiere produzieren Harnstoff als ein Endprodukt des Stoffwechsels von Stickstoffverbindungen wie Aminosäuren, das im Urin ausgeschieden wird. Die Bildung von Harnstoff findet in der Leber durch die Reaktion von zwei Molekülen Ammoniak mit einem Molekül Kohlenstoffdioxid im Harnstoffzyklus statt. Von der Leber wird er zur Niere transportiert und mit dem Harn ausgeschieden. Haie scheiden nicht allen Harnstoff aus, sondern nutzen ihn zur Osmoseregulation.[13]

Harnstoff ist zusammen mit Harnsäure Bestandteil der Ausscheidungen von Vögeln und Fledermäusen und daher in Fledermausguano (Chiropterit) sowie in geringen Mengen auch in Guano enthalten. [14] Als Mineral ist Harnstoff nicht stabil und kann nur unter ariden Bedingungen gebildet werden.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prillturm einer Harnstoffanlage, Borealis Agrolinz Melamine in Linz.

Harnstoff lässt sich im Labormaßstab durch Reaktion von Ammoniak mit Phosgen oder Kohlensäureestern herstellen oder durch Hydrolyse von Cyanamid. Industriell wird Harnstoff in großen Mengen hergestellt, im Jahr 2012 weltweit rund 184 Millionen Tonnen.[15] Dazu dienen große Anlagen, die aus Erdgas, Luft und Wasser im Haber-Bosch-Verfahren zunächst Ammoniak und schließlich Harnstoff herstellen. Das für die Ammoniakherstellung abgetrennte Kohlenstoffdioxid wird zu zwei Dritteln in Harnstoff gebunden.

Die Produktion von Harnstoff in einem Hochdruckverfahren geht auf Carl Bosch und Wilhelm Meiser zurück.[16] Die BASF nahm 1922 die erste Produktionsanlage in Betrieb, bei der sich in einem Hochdruckreaktor im ersten Schritt bei 150 bar aus Ammoniak und Kohlenstoffdioxid in einer exothermen Reaktion Ammoniumcarbamat bildete:

Ammoniumcarbamat reagiert in einer endothermen Reaktion weiter zu Harnstoff und Wasser:

Überschüssiges Ammoniak verwendete die BASF zunächst zur Herstellung von Ammoniumsulfat und Ammoniumnitrat. Ende der 1920er Jahre wurde das Verfahren verbessert und überschüssiges Ammoniak in den Produktionsprozess zurückgeführt. Hieraus entwickelten sich verschiedene Totalkreislaufverfahren.

Allen modernen industriellen Verfahren ist gemeinsam, dass die Überschussgase wieder in den Reaktor zurückgeführt werden, wobei Strippingverfahren eingesetzt werden. Ein wichtiger Prozessschritt ist die Abtrennung von Biuret, das als Verunreinigung in industriell hergestellten Harnstoff vorhanden ist. Der Gehalt an Biuret muss allerdings begrenzt werden (kleiner als 0,035 %), da es sonst zu Fleckenbildung auf Blätter kommen kann und da sich Biuret hemmend auf das gesunde Pflanzenwachstum auswirkt.[17][18]

Der zunächst in Lösung anfallende Harnstoff wird in ein Granulat umgewandelt und sackweise oder lose vertrieben. Dazu wird in einem Prillturm eine flüssige Harnstoffschmelze in kleine Tropfen zerteilt und dem freien Fall übergeben; große Ventilatoren am Kopf des Turms saugen kalte Frischluft im Gegenstrom an, wodurch die Flüssigkeit während des Falls zu festen Kügelchen erstarrt. Durch das Schmelzen und Erkalten bildet sich eine relativ kleine Oberfläche, der Harnstoff wird dadurch unter anderem weniger hygroskopisch und die Fließeigenschaften erhalten sich dadurch über mehrere Monate.[19] Die größten Anlagen der Welt produzieren etwa 4.000 Tonnen Harnstoff am Tag.

Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Physikalische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harnstoff ist unter Normalbedingungen ein kristalliner Feststoff mit einer Dichte von 1,32 g/cm3. Er schmilzt im Bereich von 132,5 bis 134,5 °C unter Zersetzung. Der Dampfdruck bei 75 °C beträgt 0,2 Pascal.

Harnstoff konnte 1973 als natürliches Sekundärmineral bei Toppin Hill am Lake Rason (Westaustralien) gefunden werden. Es wurde von der International Mineralogical Association (IMA) als eigenständiges Mineral anerkannt. Diese führt es gemäß der Systematik der Minerale nach Strunz (9. Auflage) als „Diverse organische Verbindungen“ unter der System-Nr. „10.CA.35“. Die im englischsprachigen Raum ebenfalls geläufige Systematik der Minerale nach Dana führt das Mineral unter der System-Nr. „50.4.6.1“.[20][21] Harnstoff kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem mit der Raumgruppe P421mVorlage:Raumgruppe/Unbekannter Anzeige-Typ.[22] Es entwickelt farblose bis blass-gelbe oder blass-braune, nadelförmige Kristalle.[23]

Chemische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harnstoff löst sich leicht in Wasser und Ethanol, aber nicht in Diethylether. Die wässrige Lösung reagiert neutral. Mit Säuren bildet sich die protonierte Form NH2CONH3+.[24] Die Harnstoffsalze der Salpetersäure sind Explosivstoffe. Beim Erhitzen der wässrigen Lösung mit Säuren oder Laugen zerfällt Harnstoff in Kohlenstoffdioxid und Ammoniak.

Harnstoff kondensiert beim Erhitzen über den Schmelzpunkt unter Abspaltung von Ammoniak (NH3) zu Biuret:

Synthese von Biuret

Mit Formaldehyd reagiert Harnstoff in einer Additionsreaktion zu Methylolharnstoffen, die Hydroxymethylgruppen aufweisen:

Methylolierung von Harnstoff

Diese reagieren in einer Kondensationsreaktion unter Freisetzung von Wasser und Ausbildung von Methylengruppen zu Harnstoffharzen:

Bildung des Vorkondensats

Harnstoff bildet mit Wasserstoffperoxid ein Wasserstoffperoxid-Harnstoff-Addukt, das Carbamidperoxid. Dies ist ein wasserlösliches kristallines Addukt, das sich bei der Umkristallisation von Harnstoff mit konzentrierter Wasserstoffperoxid-Lösung bildet. Es enthält etwa 35 % Wasserstoffperoxid.

Der Wasserstoff lässt sich durch verschiedene Reaktionen teilweise oder ganz durch andere Substituenten ersetzen. Mit Benzoylchloriden etwa entstehen Imide wie Benzoylharnstoffe, durch Reaktion mit Sulfonylchlorid entstehen Sulfonylharnstoffe.

Durch Erhitzen auf etwa 200 bis 300 °C bildet sich Cyanursäure.[25]

Molekulare Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kohlenstoff ist sp2-hybridisiert, die Kohlenstoff-Stickstoff-Bindungen weisen einen signifikanten Doppelbindungscharakter auf. Der Atomabstand zwischen Stickstoff und Wasserstoff beträgt 105 Pikometer, der Abstand zwischen Stickstoff und Kohlenstoff beträgt 134 Pikometer und der Abstand zwischen Kohlenstoff und Sauerstoff beträgt 126 Pikometer.[22] Die N-C-N-Atome liegen gewinkelt, planar in einer Ebene, die Geometrie der N-H-Bindung ist pyramidal. Der Winkel zwischen den N-C-O-Atomen beträgt 121 °.[22] Das Molekül weist eine C2v-Struktur auf.[24] Die Streckschwingung vN-H iegt im Infrarot bei einer Wellenzahl von 3396 cm−1 und damit höher als bei Ammoniak, das eine Wellenzahl von 3372 cm−1 aufweist.

Fester Harnstoff weist am Sauerstoff zwei N-H-O-Wasserstoffbrückenbindungen auf, die Distanz zwischen dem Sauerstoff- und den Wasserstoffatomen beträgt 299 Pikometer und 304 Pikometer.[22] Die daraus resultierende Kristallstruktur besteht aus Bändern in Helixform. Aufgrund seiner Tendenz zur Helixbildung besitzt Harnstoff die Fähigkeit, organische Verbindungen als Gastmoleküle einzulagern. In diesen Clathraten werden die organischen Gastmoleküle in den Kanälen durch interpenetrierende Helices von Wasserstoff-gebundenen Harnstoffmoleküle gebildet gehalten. Dieses Verhalten kann zur Trennung von linearen und verzweigten Kohlenwasserstoffgemischen verwendet werden, beispielsweise in der Harnstoff-Extraktiv-Kristallisation.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine industrielle Verwendungsmöglichkeit von Harnstoff ist die Herstellung von Melamin, das z. B. mit Formaldehyd zu Kunstharzen verarbeitet wird, und von Harnstoff-Formaldehyd-Harzen (Harnstoffharz, so genannte UF-Harze), die z. B. zur Produktion von Spanplatten eingesetzt werden. Ansonsten dient Harnstoff überwiegend als Stickstoffdünger oder als Reduktionsmittel für Stickoxide beim SNCR-Verfahren. Der Bedarf an Harnstoff stieg im Laufe der Jahre ständig an, allein zwischen 1960 und 1970 verdreifachte sich der Bedarf und die Produktionskapaziät.[18]

Stickstoffdünger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Düngemittel Harnstoff – der gesamte Stickstoff liegt als Amidstickstoff vor
Harnstoffpreis

Harnstoff weist mit 46,63 % den höchsten Stickstoffgehalt aller herkömmlichen Stickstoffdünger auf; das ebenfalls oft verwendete Ammoniumnitrat etwa besitzt einen Stickstoffgehalt von 35 %. Viele Bodenbakterien besitzen das Enzym Urease, das die Umsetzung von Harnstoff zu Ammoniak oder Ammoniumionen und Hydrogencarbonationen katalysiert.[26]

Um nicht als Gas in der Atmosphäre verloren zu gehen, muss Ammoniak mit Wasser oder einer Säure zum Ammoniumion fixiert werden:

Ammoniak-oxidierende Nitritbakterien wie Nitrosomonas oxidieren dieses unter Energiegewinn in der so genannten Nitrifikation zu Nitrit.[27] Nitritoxidierer wie Nitrobacter oxidieren Nitrit weiter zu Nitrat. Ammoniumionen und Nitrat werden leicht von den Pflanzen aufgenommen und sind die überwiegenden Stickstoffquellen für das Pflanzenwachstum.

Der Harnstoffpreis bewegte sich lange um 100 US-Dollar/Tonne, von 2003 bis zum Höhepunkt im August 2008 mit 770 $/t stieg er jedoch rasant an. Danach fiel er wieder und liegt aktuell (Juni 2016) bei knapp 200 $/t.[28]

Verwendung in Kosmetik und Pharmazeutika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harnstoff wird wegen seiner hohen Wasserbindungsfähigkeit häufig als Feuchtigkeitsfaktor in Kosmetika eingesetzt, meist als Urea deklariert. In der Pharmazie dient Harnstoff als Keratolytikum. Diese Eigenschaft wird in verschiedenen Rezepturen genutzt. Beispielsweise wirkt er hoch konzentriert (40 %) in Pasten zusammen mit einem Antipilzmittel (Antimykotikum) gegen Nagelpilz (Onychomykose), wobei der Harnstoff den Nagel so weich macht, dass sich die infizierte Nagelsubstanz Stück für Stück abtragen lässt. Weiter dient er als Feuchtigkeitsspender in Salben zur Bekämpfung von atopischen Ekzemen und Lichenerkrankungen.

Früher wurde Harnstoff in wässriger Lösung als harntreibendes Mittel bei Rippenfellentzündung und Leberzirrhose verordnet.[29] Barbitursäure und Barbiturate sind Derivate des Harnstoffs, die aus Malonsäurediethylester und deren Derivaten und Harnstoff zugänglich sind.

Syntheseweg für Herstellung von Barbitursäure und deren Derivaten

Umweltschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diesel Exhaust Fluid (DEF)

Harnstoff wird zur Reduktion von Stickoxiden im Abgas von Kraftwerken und Verbrennungsmotoren verwendet. In Kraftwerken wird – vornehmlich bei kleineren Anlagen – das SNCR-Verfahren (selektive nichtkatalytische Reduktion) angewandt. Beim sogenannten SCR-Verfahren (Selektive katalytische Reduktion), das in Kraftwerken und in zunehmendem Maß in der Fahrzeugtechnik eingesetzt wird, wird Harnstoff oder Ammoniak in den heißen Abgasstrom eingespritzt. Der Harnstoff zersetzt sich zu Ammoniak, das in einem nachgeschalteten Katalysator die Stickoxide reduziert. In der Kraftfahrzeugtechnik wird eine wässrige Lösung mit 32,5 % Harnstoffanteil verwendet, die unter dem Handelsnamen AdBlue bekannt ist. Der Verbrauch an Harnstofflösung beträgt etwa 2 bis 8 % des Treibstoffverbrauchs.

Lebensmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harnstoff wird Lebensmitteln als Stabilisator zugesetzt. In der EU ist er als Lebensmittelzusatzstoff mit der Bezeichnung E 927b ausschließlich für Kaugummi ohne Zuckerzusatz zugelassen.

In der Milchviehfütterung spielt Harnstoff eine Rolle als Stickstoffquelle.

Der Zusatz von Harnstoff in höheren Konzentrationen zu wässrigen Lösungen führt zu einer Denaturierung von Proteinen, Harnstoff wirkt daher als Denaturierungsmittel beziehungsweise als chaotrope Verbindung. Niedrige Konzentrationen von Harnstoff können jedoch die gegenteilige Wirkung entfalten, etwa den hydrophoben Effekt verstärken und somit die Proteinstruktur stabilisieren.[30]

Sonstige Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harnstoff wird als Streusalz-Ersatz eingesetzt, was aber wegen seines höheren Preises nur in Sonderfällen erfolgt, zum Beispiel für die Bewegungsflächenenteisung auf Flughäfen. In der Schweiz ist der Einsatz nur auf Flughäfen erlaubt.[31]

Struktur einer Einschlussverbindung von Harnstoff und 1,6-Dichlorohexan. Farbschema: Sauerstoff: rot, Stickstoff: blau, Chlor: grün, Kohlenstoff: schwarz, Wasserstoff: weiß.

Harnstoff wird in der Harnstoff-Extraktiv-Kristallisation, einem Verfahren zur Abtrennung linearer Paraffine aus Kohlenwasserstoffgemischen durch Bildung von Harnstoff-n-Paraffin-Clathraten, verwendet. Die Trennung dient der Erniedrigung des Stockpunkts von Mineralölprodukten, als Nebenprodukte fallen n-Paraffine in hoher Reinheit an.[32] [33] Das Verfahren kann zur Trennung von Fettsäuren und Fettalkoholen angewendet werden.[34]

Die denaturierende Wirkung von Harnstoff auf Proteine wird bei der Urea-PAGE, der Harnstoff-Polyacrylamid-Gelelektrophorese genutzt. Die dabei verwendeten Harnstoffkonzentrationen liegen in der Größenordnung von 4 bis 8-molar. Im Gegensatz zur SDS-PAGE ändert sich bei der Urea-PAGE die Ladung der Proteine praktisch nicht, was eine Trennung von Proteinen mit gleichen Molekülmassen, aber mit unterschiedlichen Ladungen ermöglicht. Das effektive Volumen der einzelnen Proteinmoleküle ist bei der Urea-PAGE größer als bei der Nativ-PAGE, und die Aggregate der Proteinmoleküle zerfallen in ihre Untereinheiten. Falls die Proteinmoleküle oder ihre Aggregate durch Disulfidbrücken stabilisiert werden, werden bei der Urea-PAGE reduzierende Thiole zugesetzt, ähnlich wie bei der SDS-PAGE.

Biologische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schema des Harnstoffzyklus.

Harnstoff wird im Protein- und Aminosäure-Stoffwechsel gebildet und gehört zu den harnpflichtigen Substanzen. Bei Säugetieren, Schildkröten, einigen Fischen und bei adulten Amphibien stellt er die Hauptausscheidungsform des insbesondere in Proteinen enthaltenen Stickstoffs dar. Vögel und die meisten Reptilien bilden stattdessen Harnsäure; Kaulquappen, die meisten Fischarten und die anderen Wassertiere scheiden den Stickstoff als Ammoniak aus. In manchen Lebewesen wird Harnstoff als biogenes Gefrierschutzmittel verwendet.

Ammoniak entsteht beim Aminosäureabbau und wirkt in entsprechend hohen Konzentrationen giftig auf Zellen. Um einem Anwachsen der Ammoniakkonzentration entgegenzuwirken, wird dieses über den Harnstoffzyklus in den ungiftigen Harnstoff umgewandelt und überwiegend über die Nieren ausgeschieden (geringe Mengen Harnstoff werden beim Menschen auch über Schweiß- und Darmsekretion ausgeschieden).

Erkrankungen wie das akute oder chronische Nierenversagen, sowie eine diabetisch eingeschränkte Nierenfunktion, können zu erhöhten Harnstoffwerten im Serum/Plasma führen (Normalwert: 10–50 mg/dl).

Harnstoff reagiert mit dem Enzym Urease zu Kohlenstoffdioxid und Ammoniak.

Eine hohe Proteinzufuhr führt auch schon bei normaler Nierenfunktion zu erhöhten Harnstoffwerten, was ihn zu einem schlechten Nierenparameter macht. Bei (prä-)terminaler Niereninsuffizienz ist die Harnstoffkonzentration im Serum aber besser geeignet, den Schweregrad der Urämie abzuschätzen, als die Serumkreatininkonzentration.

Nachweisverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum qualitativen Nachweis eignet sich die Fällung als Harnstoffnitrat. In essigsaurer Lösung lässt sich Harnstoff mit Xanthydrol in Dixanthylharnstoff überführen und ausfällen. Harnstoff kann mittels Urease enzymatisch in Kohlenstoffdioxid und Ammoniak gespalten werden. Diese Spaltung nutzt die Lebensmittelanalytik zum quantitativen Nachweis von Ammoniak mittels des blaugefärbten Indophenol-Ions in der Berthelot-Reaktion.[35]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Harnstoff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Harnstoff – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag zu Harnstoff. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 26. Mai 2014.
  2. a b c d e f Eintrag zu Harnstoff in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 23. Juli 2007 (JavaScript erforderlich).
  3. chem.wisc.edu: Bordwell pKa-Table.
  4. chem.wisc.edu: pKa Data, Compiled by R. Williams (PDF, 78 kB).
  5. a b David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Analytical Chemistry, S. 8-120.
  6. Eintrag zu Harnstoff in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM).
  7. David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Standard Thermodynamic Properties of Chemical Substances, S. 5-20.
  8. Peter Shaw, Ephraim Chambers: A New Method of Chemistry … , Band 2, (London, England: J. Osborn and T. Longman, 1727), (page 193: Process LXXXVII. Online).
  9. Louis Rosenfeld: William Prout: Early 19th Century Physician-Chemist. In: Clinical Chemistry. Band 49, Nummer 4, 2003, S. 699–705 (DOI:10.1373/49.4.699).
  10. Wöhler, F.: Ueber künstliche Bildung von Harnstoff in Ann. Phys. 88 (1828) 253–256, pdf.
  11. Burckhard Frank: 250 Jahre Chemie in Göttingen. In: Hans-Heinrich Voigt (Hrsg.): Naturwissenschaften in Göttingen. Eine Vortragsreihe. Vandenhoeck + Ruprecht Gm, Göttingen 1988, ISBN 3-525-35843-1 (Göttinger Universitätsschriften. Band 13), S. 72 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. H. Kolbe, Dr. Wilm, Dr. Wischin, Mr. Irelan, Alexander Basaroff, Dr. Theilkuhl: XXV.—Chemical contributions. In: J. Chem. Soc.. 21, 1868, S. 192, doi:10.1039/JS8682100192.
  13. Neil Hazon, Alan Wells u. a.: Urea based osmoregulation and endocrine control in elasmobranch fish with special reference to euryhalinity. In: Comparative Biochemistry and Physiology Part B: Biochemistry and Molecular Biology. 136, 2003, S. 685-700, doi:10.1016/S1096-4959(03)00280-X.
  14. Eintrag zu Guano. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 22. Mai 2012.
  15. Ceresana: Marktstudie Harnstoff, abgerufen am 17. Mai 2013.
  16. Patent US1429483: Process of manufacturing urea. Veröffentlicht am 19. September 1922, Erfinder: Carl Bosch, Wilhelm Meiser.
  17. Haas, A. R. C., Brusca, J. N. : Biuret, Toxic Form of Nitrogen, California Agriculture, 1954 8(6):7, 11.
  18. a b James A. Kent (Hrsg.): Riegel's Handbook of Industrial Chemistry. Van Nostrand Reinhold, 1974, ISBN 0-442-24347-2, S. 104–111.
  19. Rudolf Gaedeke, Friedrich Wolf, Rita Otto: Zur Beeinflussung des Gefüges von Harnstoffprills durch Abkühlung von Schmelztropfen unter definierten Ausströmbedingungen Teil 1. In: Hercynia-Ökologie und Umwelt in Mitteleuropa, 20, 2014, S. 403-410.
  20. Bridge, P.J. (1973): Urea, a new mineral, and neotype phosphammite from Western Australia. Mineral. Mag., 39, 346–348.
  21. American Mineralogist (1974): 59: 874.
  22. a b c d P. Vaughan, J. Donohue: The structure of urea. Interatomic distances and resonance in urea and related compounds. In: Acta Crystallographica. 5, S. 530-535, doi:10.1107/S0365110X52001477.
  23. mindat: Urea: Urea mineral information and data., abgerufen am 13. Mai 2013.
  24. a b Mansel Davies, Leslie Hopkins: The bonding in urea and in the urea ion. In: Transactions of the Faraday Society. 53, 1957, S. 1563-1569, doi:10.1039/TF9575301563.
  25. Klaus Huthmacher, Dieter Most: Cyanuric Acid and Cyanuric Chloride. In: Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry. Wiley-VCH, Weinheim 2005. doi:10.1002/14356007.a08_191
  26. Samuel L. Tisdale, Werner L. Nelson, James D. Beaton: Soil fertility and fertilizers, Macmillian, 1985, ISBN 0-02-420830-2, S 161–168.
  27. K. L. Marsh, G. K. Sims, R. L. Mulvaney: Availability of urea to autotrophic ammonia-oxidizing bacteria as related to the fate of 14C- and 15N-labeled urea added to soil. In: Biology and Fertility of Soils. 42, 2005, S. 137, doi:10.1007/s00374-005-0004-2.
  28. Harnstoff monatlicher Preis - US-Dollar pro Tonne. IndexMundi, abgerufen am 8. Juli 2016.
  29. G. Klemperer,E. Rost: Handbuch der Allgemeinen und Speziellen Arzneiverordnungslehre für Ärzte. Springer Verlag, 1929, ISBN 978-3-642-52556-8, S. 710.
  30. M. Holz, M. Mayele Influence of Additives on Hydrophobic Association in Polynary Aqueous Mixtures In: DFG Research Report. Thermodynamic Properties of Complex Fluid Mixtures Wiley-VCH 2004, S. 150–183, ISBN 3-527-27770-6.
  31. Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung, Anhang 2.7, Stand 1. Januar 2016.
  32. F. Bengen, W. Schlenk: Über neuartige Additionsverbindungen des Harnstoffs. In: Experientia. 5, 1949, S. 200, doi:10.1007/BF02172488.
  33. Wilhelm Keim, Arno Behr und Günter Schmitt: Grundlagen der Industriellen Chemie. Technische Produkte und Prozesse, Otto Salle Verlag, 1985, ISBN 3-7935-5490-2., S. 250.
  34. R. Rigamonti, V. Riccio: Trennung von Fettsäuren und Triglyceriden mit Hilfe der Harnstoff-Additionsverbindungen. In: Fette und Seifen. 54, 1952, S. 193, doi:10.1002/lipi.19520540402.
  35. Martina Baumgartner, Martina Flöck, Petra Winter: Evaluation of flow injection analysis for determination of urea in sheep's and cow's milk. In: Acta Veterinaria Hungarica. 50, 2002, S. 263, doi:10.1556/AVet.50.2002.3.2.