eCall

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Dieser Artikel behandelt das Notrufsystem eCall der Europäischen Union. Zum schweizerischen SMS- und Fax-Portal eCall siehe eCall (Portal).

Bei eCall (Kurzform für emergency call[1]) handelt es sich um ein von der Europäischen Union geplantes automatisches Notrufsystem für Kraftfahrzeuge, das ab dem 31. März 2018[2] verpflichtend in alle neuen Modelle von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen eingebaut werden muss.[3] Im Fahrzeug montierte Geräte sollen einen Verkehrsunfall automatisch an die einheitliche europäische Notrufnummer 112 melden und durch die rascher initiierten Rettungsmaßnahmen helfen, die Zahl der Verkehrstoten zu senken und die Schwere von Verletzungen im Straßenverkehr zu reduzieren. eCall ist ein wichtiges Projekt der eSafety-Initiative der Europäischen Kommission.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1982 testete die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in der Bundesrepublik Deutschland ein ähnliches Notrufsystem für Kraftfahrzeuge, auch Auto-Notruf-System genannt. Dabei handelte es sich um ein kleines Notfunkgerät für Kraftfahrzeuge, das bei Unfällen die Rettungszeit verkürzen und damit auch zu verminderten Unfallfolgen und zur Rettung von Menschen beitragen sollte. Das Unternehmen AEG-Telefunken entwickelte beispielsweise mit AutoNotfunk ein Notfunkgerät, das im Armaturenbrett von Kraftfahrzeugen integriert werden konnte, und bei einem Unfall wurde per Funk die jeweilige zuständige Rettungsleitstelle informiert. Das Funksignal sollte dabei von einer Relaisstation empfangen und der Standort des Kraftfahrzeugs mittels Peilmasten ermittelt werden. Die Kosten der hierfür notwendigen Einrichtung eines bundesweiten Netzes von Peilmasten und der Ausrüstung der Rettungsleitstellen wurden auf eine Milliarde DM geschätzt. Mit dem Auto-Notruf-System sollten dabei die herkömmlichen Notrufsäulen ergänzt werden, und im Jahre 1984 sollte die Antenne inklusive Montage rund 500 DM je Fahrzeug kosten. Das System konnte sich aber nicht durchsetzen.

Da sich der Start des Systems immer wieder verzögerte, setzen einige Automobilhersteller wie Volvo, BMW und Peugeot auf eigene, kostenpflichtige (Teil-)Lösungen.[4] Im März 2016 wurde der Unfallmeldedienst (UMD) vorgestellt, der von der Versicherungswirtschaft, IBM und Bosch entwickelt wurde. Dieses System besteht aus einem Stecker, der an den Zigarettenanzünder angeschlossen wird, und einer Smartphone-App. Bei einem Unfall erkennt der Stecker mit Hilfe von Crash-Algorithmen den Aufprall und sendet diese Information an die App. Über das Smartphone wird anschließend eine Notrufzentrale alarmiert. Der Unfallmeldedienst kann bei Bedarf auch manuell ausgelöst werden, etwa bei einer Panne.[5]

In Österreich bestehen im Jahr 2012 zwei verschiedene Notrufpartner, der ÖAMTC sowie eine Versicherungsgesellschaft. Zum Zeitpunkt sind etwa 50.000 Fahrzeuge allein beim ÖAMTC angeschlossen.[6]

Die Europäische Kommission beschloss am 8. September 2011 die Einführung für alle Neuwagen ab 2015. In der Empfehlung der Kommission werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Mobilfunkbetreiber die eCall-Anrufe vorrangig weiterleiten und keine Gebühren erheben.[7] Die Europäische Kommission hat 2013 einen konkreten Vorschlag zur Einführung und Ausgestaltung vorgelegt.[8] Das Europäische Parlament hat darüber beraten und einen Vorschlag am 15. April 2014 im Plenum des Europäischen Parlaments angenommen.[9] Am 8. Mai 2014 hat auch der Rat den mit dem Europäischen Parlament erarbeiteten Beschluss angenommen.[10]

Aufgrund der weiterhin bestehenden datenschutzrechtlichen Bedenken hat sich die Annahme weiter verzögert. Der Rat hat am 10. Dezember 2014 einen Vorschlag angenommen[11] für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über Anforderungen für die Typgenehmigung zur Einführung des bordeigenen eCallSystems in Fahrzeuge und zur Änderung der Richtlinie 2007/46/EG. Nach dieser Einigung zwischen Rat und Europäischem Parlament sollen die Autohersteller ab dem 31. März 2018 verpflichtet werden, alle Neuwagen mit dem e-Call-System auszustatten. Das e-Call-System soll kostenfrei unionsweit die einheitliche Notfallnummer 112 wählen und die Rettungskräfte bei einem schweren Verkehrsunfall automatisch alarmieren. Im Hinblick auf den kontrovers diskutierten Datenschutz ist vereinbart, dass die durch e-Call verwendeten Daten zu keinerlei anderen Zwecken verwendet werden dürfen und daher müssen die Ortungsdaten kontinuierlich gelöscht werden. Diesem Vorschlag muss nun das Europäische Parlament noch formell annehmen.

Technik von eCall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einem Unfall wird ein Notruf (eCall) an die Euronotrufnummer 112 ausgelöst, der einen Minimaldatensatz direkt an eine Notrufzentrale (PSAP – Public Safety Answering Point) absetzt, gleichzeitig jedoch auch eine Sprachverbindung für den Fall aufbaut, dass ein Insasse des Unfallautos noch sprechen kann. eCall wird automatisch und manuell auslösbar sein. An einem Knopf im Auto könnten auch Zeugen eines schweren Unfalls den Notruf auslösen.

Der Minimaldatensatz enthält unter anderem den Unfallzeitpunkt, die genauen Koordinaten des Unfallorts, die Fahrtrichtung (wichtig auf Autobahnen und in Tunneln), Fahrzeug-ID, Service Provider-ID und eCall-Qualifier (automatisch oder manuell ausgelöst). Optional ist die Übermittlung von Daten von Bord-Sicherheitssystemen möglich, wie der Schwere des Unfallereignisses und der Zahl der Insassen, ob die Sicherheitsgurte angelegt waren, ob das Fahrzeug sich überschlagen hat usw.

Die eCall-Infrastruktur muss ab dem 1. Oktober 2017 bereitstehen. Der neue Service steht allen Bürgern kostenfrei zur Verfügung.

Hersteller[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Herstellern von eCall-Systemen gehören u. a. die Continental AG[12], Magneti Marelli[13], Peiker[14] und novero.[15]

Sonstige Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einführung von eCall bedingt unter anderem die Ausstattung von Fahrzeugen mit einem Galileo-[16] und GSM-Modul, einer Antenne sowie einem zusätzlichen Steuergerät, in dem die eCall-Funktion implementiert ist. Diesbezüglich wird eCall auch als Wegbereiter für die Verkehrstelematik bei privaten Verbrauchern gesehen, da viele der für eCall nötigen Einbauten die gleichen sind, die auch für andere telematische Anwendungen benötigt werden. Mit dem eCall könnte somit zugleich in jedem Fahrzeug eine technische Plattform für Zusatzdienstleistungen etabliert werden. Denn die Verordnung sieht vor, dass parallel oder aufbauend auf dem bordeigenen eCall-System umfangreiche Zusatzdienste angeboten werden können.[17] Auch für Mobilfunkanbieter ergeben sich hier neue Geschäftsfelder, da die für eCall nötige SIM-Karte optional auch kostenpflichtige Telematikdienste ermöglichen könnte. Die Einwahl in ein Mobilfunknetz im europaweit geplanten eCall-System erfolgt erst unmittelbar nach dem Unfall, so dass keine Bewegungsprofile von Fahrzeugen anfallen, die ggf. auf Basis der Telekommunikations-Überwachungsverordnung gespeichert würden.

Über die komplette Funktionsweise und Finanzierung des Systems herrscht bisher aber noch keine Klarheit, da die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Insbesondere sind hier auch Aspekte wie das Roaming zu beachten, also dass ein Reisender mit deutschem Fahrzeug auch beispielsweise in Portugal sofort Hilfe bekommt. Bezüglich der Finanzierung wird der Preis des eCall-Systems und möglicherweise auch eine Pauschale für den Betrieb im Preis für diese Option enthalten sein.

Datenschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das eCall-System steht in der Kritik, trotz angeblich guter Intentionen möglicherweise die technische Grundlage für eine EU-weite Überwachungsinfrastruktur zu schaffen.[18][19][20] Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Fahrzeughersteller die verpflichtend vorhandene Technik auch für kommerzielle Zusatzdienste nutzen werden, die möglicherweise zusätzliche Datenschutzprobleme erzeugen (beispielsweise „Pay-As-You-Drive“-Versicherungsverträge, Mauterfassung).[21]

In den Zusatzdiensten liegt die eigentliche Gefahr für die informationelle Selbstbestimmung, denn die strengen Datenschutzbestimmungen der Verordnung gelten ausschließlich für den eCall-Notruf in seiner Basisfunktion, die Zusatzdienste werden hiervon nicht erfasst. Insbesondere die privaten eCall-Systeme sind vor diesem Hintergrund bedenklich. Eingebettet in die modernen Bordsysteme ist bei entsprechender Gestaltung praktisch die gesamte automobile Wertschöpfungskette in der Lage, unbegrenzt Daten über das Fahrzeug und das Fahrverhalten zu gewinnen.[22]

Der europaweite Versichererverband Insurance Europe hat offiziell Interesse daran geäußert, dass Versicherungsunternehmen Zugriff auf eCall-Daten ihrer Kunden erhalten[23][24], was theoretisch der Erstellung spezifischer Risikoprofile dienen könnte.[25][26] Aufgrund der Intransparenz der eCall-Technologie (das Ausmaß der Datenaufzeichnung wird seitens der Hersteller nicht publik gemacht) sehen Experten die Freiheit des Autofahrers gefährdet.[27] Verschiedene Stimmen fordern, dass die eCall-Funktion ausschaltbar sein soll, und Autofahrer selbst über die Datenübermittlung entscheiden können. Mehrere Verbände, darunter der ADAC, der Verbraucherzentrale Bundesverband und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, haben sich dafür ausgesprochen, die Autohersteller zum Einbau einer offenen Schnittstelle für den Datentransfer zu verpflichten. Damit könnten Autofahrer frei entscheiden, an wen sie ihre Fahrzeugdaten übermitteln.[28]

Beim Unfallmeldedienst (UMD) werden ausschließlich Daten bei der Registrierung und bei einem Unfall oder einer Panne übermittelt. Anhand dieser Daten können Rettungskräfte zum Unfallort geschickt werden. Rückschlüsse auf die Fahrweise oder Bewegungsprofile können mit Hilfe des Unfallmeldedienstes nicht erstellt werden.[29]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2007 wurde auf der Crash-Anlage des TÜV in Köln vor einem Test die Deaktivierung eines ähnlichen Systems versäumt. Infolge des Crashtests wurden die zuständigen Rettungskräfte alarmiert und vor Ort gerufen, da die Bordelektronik einen „schweren Unfall“ samt GPS-Koordinaten gemeldet hatte.[30]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Europäische Kommission: eCall: Time saved = lives saved
  2. vom Rat am 17. Dezember 2014 angenommener Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über Anforderungen für die Typgenehmigung zur Einführung des bordeigenen eCalSystems in Fahrzeuge und zur Änderung der Richtlinie 2007/46/EG.
  3. eCall: Automatischer Notruf für Verkehrsunfälle ab 2015 Pflicht in Autos
  4. BR-online – Bayern 2: Wie „eCall“ Leben retten soll (Memento vom 25. September 2010 im Internet Archive), 14. September 2010
  5. Unfallmeldedienst: Die wichtigsten Fragen und Antworten (GDV). Abgerufen am 22. März 2016.
  6. Neuer Anlauf für Rettungssystem eCall in den Salzburger Nachrichten abgerufen am 6. Oktober 2012
  7. Pressemeldung Europäische Kommission: Lebensrettende Notrufsysteme in PKWs bis 2015
  8. Vorschlag für einen Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates über die Einführung des interoperablen EU-weiten eCall-Dienstes COM(2013) 315 final - 2013/0166 (COD) vom 13. Juni 2013, [1].
  9. Bericht über den Vorschlag für einen Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates über die Einführung des interoperablen EU-weiten eCall-Dienstes (COM(2013)0315 – C7-0173/2013 – 2013/0166(COD)), Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr, Berichterstatter: Philippe De Backer A7-0482/2013.
  10. Pressemitteilung 9353/14 vom 8. Mai 2014 (englisch)
  11. angenommener Vorschlag vom 17. Dezember 2014.
  12. Pressemitteilung
  13. Pressemitteilung
  14. Pressemitteilung
  15. http://novero-automotive.com/loesungen/ecall/
  16. heise.de: EU-Rat verabschiedet letzte Eckpunkte für Auto-Notruf eCall, abgerufen am 2. März 2015
  17. Volker Lüdemann, Christin Sengstacken: Lebensretter eCall: Türöffner für neue Telematik-Dienstleistungen In: RDV 4/2014, S. 177 - 182
  18. Markus Rohwetter: Geheimfunk im Notruf In: Die Zeit Nr. 29, 2014, S. 25.
  19. autobild.de: Datenschutz ist fraglich, 8. Februar 2012
  20. Podiumsdiskussion „Mit dem eCall ins Herstellermonopol? Wettbewerbspolitische Verwerfungen durch Missbrauch einer Notfalleinrichtung“, 26. Januar 2012
  21. E-Safety-Initiative der Europäischen Kommission: eCall FAQ (PDF; 28 kB), 18. Dezember 2009
  22. Volker Lüdemann, Christin Sengstacken: Lebensretter eCall: Türöffner für neue Telematik-Dienstleistungen In: RDV 4/2014, S. 177 - 182
  23. http://www.insuranceeurope.eu/uploads/Modules/Publications/1251384983_cea-position-paper-on-ecall.pdf
  24. http://www.insuranceeurope.eu/publications/1055/21/Insurance-Europe-comments-on-the-future-eCall-draft-proposal/
  25. http://www.heise.de/newsticker/meldung/eCall-Auto-Notruf-soll-ab-2015-fuer-Pkw-verbindlich-werden-1631991.html
  26. http://www.sueddeutsche.de/auto/speicherung-von-bordcomputerdaten-der-spion-in-meinem-auto-1.1875596
  27. financescout24.de: Auto-Elektronik sammelt Daten: Fluch oder Segen?, abgerufen am 11. April 2014
  28. http://www.gdv.de/2014/10/ecall-warnung-vor-datenmonopol-der-autohersteller/
  29. Unfallmeldedienst: Die wichtigsten Fragen und Antworten (GDV). Abgerufen am 22. März 2016.
  30. Feuerwehr rettet Crash-Test-Dummies