Edgar Weil

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Edgar Weil (* 7. Juli 1908 in Frankfurt am Main; † 17. September 1941 im KZ Mauthausen) war ein deutscher Dramaturg und Kaufmann.[1][2]

Familie und Freundeskreis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er war das zweite Kind des Apothekers und chemisch-pharmazeutischen Frankfurter Unternehmers Richard Weil (1875–1917)[3] und dessen Ehefrau Paula (1885–1970),[4] geb. Hochstetter. Sein zwei Jahre älterer Bruder Hans Joseph Weil (1906–1969)[5] studierte Humanmedizin, wurde später Arzt in Frankfurt am Main und forschte im Familienunternehmen Endopharm Frankfurter Arzneimittelfabrik.[6]

Hans Joseph und Edgar Weil wuchsen überwiegend in Frankfurt am Main auf; sie waren dort mit Walter Jockisch befreundet. Mit ihrer Großkusine Grete Dispeker verbrachten sie und Jockisch im Landhaus von deren Familie in Egern am Tegernsee viel gemeinsame Zeit. Dort lernten sie auch deren Freundin Doris von Schönthan kennen.

Am 26. Juli 1932 heiratete Edgar Weil seine zwei Jahre ältere Großkusine Grete (1906–1999), geborene Dispeker. Die Ehe blieb kinderlos.

Im niederländischen Exil traf sich das Ehepaar mit seinen ebenfalls in die Niederlande emigrierten Freunden, beispielsweise mit dem Maler Max Beckmann, dem Schriftsteller Albert Ehrenstein und dem Dirigenten Bruno Walter.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edgar Weil studierte Germanistik und promovierte zum Thema Alexander von Sternberg (Peter Alexander Freiherr von Ungern-Sternberg) – Ein Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.[7]

Berufliche Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil arbeitete als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, als seine beruflichen Aussichten und Pläne durch die Machtabtretung an die Nationalsozialisten ab 30. Januar 1933 jäh gestoppt wurden. Als Jude wurde er sofort entlassen. Die Judenhetze und die erlassenen NS-Gesetze, die jüdische Mitbürger sukzessive aus dem öffentlichen Leben drängen sollten, ließen erkennen, dass es um die Existenz ging, zunächst ersichtlich vor allem um die wirtschaftlichen Grundlagen. Viele Berufe wurden Juden dadurch verbaut. Im März 1933 wurde Weil von der SA willkürlich verhaftet und in so genannte „Schutzhaft“ genommen, für ihn und seine Familie ein weiterer Hinweis, was künftig zu erwarten war.

Der Erhalt des pharmazeutischen Unternehmens seines Vaters wurde durch die staatlich betriebene „Arisierung“ ebenfalls bedroht, so dass die Familie beschloss, Edgar in die Niederlande zu schicken, um dort einen Filialbetrieb aufzubauen, der das Unternehmen und damit auch den wirtschaftlichen Rückhalt der Familie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten absichern sollte. Noch 1933 emigrierte Edgar Weil, um Endopharm in Amsterdam aufzubauen.

Seine Ehefrau Grete folgte ihm nach einer Ausbildung zur Fotografin 1935 in die Niederlande nach, wo das Paar in Amstelveen wohnte.[8]

1938 emigrierten auch Edgar Weils Mutter Paula und seine Schwiegermutter Isabella Dispeker in die Niederlande, letztere mit Unterstützung durch Erika Manns Partnerin Signe von Scanzoni, während sein Schwiegervater im selben Jahr verstarb und sein Bruder Hans Joseph in die Schweiz emigrierte, von wo er später in die Vereinigten Staaten auswanderte.

Im Spätsommer 1938 verreiste das Ehepaar ins südfranzösische Sanary-sur-Mer, wo es über die Sekretärin Lola Humm-Sernau Kontakt zu Lion Feuchtwanger, zu Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel bekam und diese kennenlernte.[9][10] Ende August 1939 kamen Edgar und Grete Weil von einer gemeinsamen Reise aus der Schweiz nach Amsterdam zurück, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen.

Als die Wehrmacht am 10. Mai 1940 mit dem Überfall und der Besetzung der Niederlande deutlich machte, dass die Nachbarländer Deutschlands kein sicherer Rückzugsort für Verfolgte waren, versuchte das Ehepaar über den Hafen von Ijmuiden vergeblich, per Schiff nach Großbritannien zu entkommen, wo es Gretes älteren Bruder, den Rechtsanwalt Fritz Dispeker (1895–1986), zu treffen hoffte. Die unternehmerischen Pläne Weils waren damit beendet.

Verfolgung und Deportation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Reichskommissariat Niederlande sorgte rasch dafür, dass die Nürnberger Gesetze auf die besetzten Gebiete ausgedehnt wurden, ein Umstand, der sich unmittelbar auch auf die Weils und Dispekers auswirkte. Mit einem kubanischen Touristenvisum wollte das Ehepaar Weil die Niederlande im Sommer 1941 verlassen. Während seine Frau das ihre bereits ausgehändigt bekommen hatte, holte Edgar Weil seines am 11. Juni 1941 in Rotterdam ab. Am selben Abend wurde er zufällig im Verlauf einer Razzia, die im Rahmen einer Vergeltungsaktion 300 jüdische Männer aufgreifen sollte, auf offener Straße verhaftet.

Man brachte ihn in ein Internierungs- und Konzentrationslager in den Dünen des nordholländischen Schoorl, das als Durchgangslager diente. Weils Geschäftspartner von Endopharm versuchten vergeblich, ihn dort durch Eingaben bei den deutschen Dienststellen frei zu bekommen.

Er wurde in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Grete Weil erhielt am 15. Juli 1941 eine vorgedruckte Postkarte, die ihr dies mitteilte. Am 3. August schließlich erreichte sie ein erster Brief ihres Mannes, in dem sie verschlüsselt gebeten wurde, nicht Suizid zu begehen. Am 31. August 1941 erreichte sie das letzte schriftliche Lebenszeichen Edgar Weils.[11] Am 17. September 1941 wurde er im Alter von 33 Jahren für tot erklärt. Grete Weil erfuhr dies erst Anfang Oktober 1941 durch den Joodsche Raad Amsterdams.[12][13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edgar Weil. Auf: joodsmonument.nl, abgerufen am 23. Juli 2017.
  2. Weil Edgar. Auf: juedisches-leben-in-ingenheim.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  3. Weil Richard. Auf: juedisches-leben-in-ingenheim.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  4. Weil, Paula. Auf: juedisches-leben-in-ingenheim.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  5. Weil Hans Joseph. Auf: juedisches-leben-in-ingelheim.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  6. Endopharm Frankfurter Arzneimittelfabrik Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Auf: moneyhouse.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  7. Edgar Weil: Alexander von Sternberg (Peter Alexander Frhr von Ungern-Sternberg) – Ein Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Ebering, Berlin 1932 (Nachdruck: Kraus, Nendeln/Liechtenstein 1967).
  8. Christel Berger: Anna Seghers und Grete Weil – Zeuginnen des Jahrhunderts. Auf: luise-berlin.de, abgerufen am 15. Juli 2017.
  9. Grete Weil: Porträtfotografie von Franz Werfel (1938). auf: kuenste-im-exil.de, abgerufen am 15. Juli 2017.
  10. Imre Schaber: Ich schäme mich meiner Augen, meiner Freiheit, meiner besseren Kleider, schäme mich meiner Leica und knipse doch (Interview mit Grete Weil). In: Fotogeschichte. Heft 60, Jonas Verlag, Marburg 1996, S. 42–48.
  11. Edgar Weil: Brief an Grete Weil (31. August 1941). Auf: kuenste-im-exil.de, abgerufen am 23. Juli 2017.
  12. Peter Ahrendt: Eine schlechte Hasserin. Zum 10. Todesjahr der Schriftstellerin Grete Weil. In: Glarean Magazin. 25. Juli 2009. Auf: glareanverlag.wordpress.com, abgerufen am 15. Juli 2017.
  13. Grete Weil – unbequem, zum Denken zwingend. In: Exilforschung: Ein internationales Jahrbuch. Band 11, 1993, S. 156–170.