Markteffizienzhypothese

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Die Markteffizienzhypothese (engl. efficient market hypothesis, kurz EMH, aufgrund der wörtlichen Übersetzung fälscherlicherweise oft als Effizienzmarkthypothese bezeichnet) wurde 1970 von Eugene Fama[1][2][3][4] als mathematisch-statistische Theorie der Volkswirtschaftslehre aufgestellt. Finanzmärkte, so die These, sind effizient, insofern vorhandene Informationen bereits eingepreist seien und somit kein Marktteilnehmer in der Lage sei durch technische Analyse, Fundamentalanalyse, Insiderhandel oder anderweitig zu dauerhaft überdurchschnittlichen Gewinnen zu kommen. Im Jahr 2013 wurde Eugene Fama zusammen mit Robert J. Shiller und Lars Peter Hansen für seine Arbeiten zur Effizienz von Märkten (bzw. “for their empirical analysis of asset prices”) mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.[5]

Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Markteffizienzhypothese besagt, dass die Preise, die in einem Markt erzielt werden, sämtliche Informationen reflektieren, die in diesem Markt verfügbar sind.

Da es sich um eine Hypothese handelt, sind dafür auch keine weiteren Voraussetzungen nötig, insbesondere ist es keine Voraussetzung, dass der Markt nur aus rationalen Marktteilnehmer besteht oder dass die Information im Markt gleich verteilt ist.

In einem Markt, in dem man stets zu Preisen kaufen/verkaufen kann, die sämtliche Informationen reflektieren, kann man davon ausgehen, dass man nie zu teuer kauft und nie zu billig verkauft. In der Konsequenz würde daraus auch folgen: „Niemand kann erwarten dauerhaft höhere Gewinne als der Markt(-durchschnitt) zu erzielen“.

Die Anwendung der Markteffizienzhypothese bezieht sich in aller Regel nur auf Kapitalmärkte. Informationen zu Unternehmen, Staaten und Rohstoffen führen hier bereits Sekunden nach dem Bekanntwerden zu Konsequenzen in den Kursen, was ein Indiz dafür ist, dass die Preise sehr schnell den Informationsstand des Marktes repräsentieren.

Traditionelle Märkte (Wochenmarkt, Supermarkt, Einzelhandel, Großhandel) werden generell als nicht effizient angesehen. Ein Grund dafür ist, dass der Käufer hat hier in der Regel ein erhebliches Informationsdefizit gegenüber dem Verkäufer hat und dass ein Handel hier nicht immer mit Gewinnabsicht (sondern z.B. mit Konsumabsicht) getätigt wird.

Die Finanzwissenschaft beschäftigt sich damit, diese Hypothese zu beweisen bzw. zu widerlegen - mit unterschiedlichem Erfolg. Dabei unterscheidet man drei Varianten der Markteffizienz.

Schwache Effizienz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus den Kursverläufen der Vergangenheit kann nicht auf Kurse in Gegenwart und Zukunft geschlossen werden. Diese Form der Effizienz erfordert, dass Informationen aus der vergangenen Marktentwicklung eingepreist sind. Wenn diese Variante der Effizienz vorliegt dürfte man mit Technischer Analyse keinen Informationsvorsprung (und somit auch keine Überrenditen) mehr erwirtschaften können.[6]

Mittelstarke Effizienz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle marktrelevanten öffentlich zugänglichen Informationen sind zusätzlich zu den Kursverläufen der Vergangenheit bereits im Kurs enthalten. Fundamentalanalyse wäre demnach sinnlos, weil alle öffentlich verfügbaren Informationen sowieso schon eingepreist seien.[7][6]

Starke Effizienz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle marktrelevanten öffentlichen- und Insider-Informationen sind bereits im Kurs enthalten. Demnach würde sich nicht einmal Insiderhandel lohnen. [6] Bei Anwendung der starken Hypothese ist die Nichtvorhersagbarkeit der Aktienkurse die unmittelbare Folgerung. Die Tatsache, dass Insiderhandel stattfindet und sich zumindest kurzfristig lohnt, spricht gegen diese Hypothese.[7]

Empirische Überprüfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Ende der 1970er Jahre wird die Markteffizienzhypothese zunehmend in Zweifel gezogen. Bei der empirischen Überprüfung wurden Anomalien gefunden, die im Widerspruch zur Markteffizienzhypothese stehen wie z. B. Kalenderanomalien („Januareffekt“), Über- und Unterreaktionen und längere Phasen der Übertreibung (Spekulationsblasen).[8][9]

“It should be obvious to the most casual and unsophisticated observer by volatility arguments like those made here that the efficient markets model must be wrong ... The failure of the efficient markets model is thus so dramatic that it would seem impossible to attribute the failure to such things as data errors, price index problems, or changes in tax law.”

„Für den zwanglosen und ehrlichen Beobachter sollte aufgrund der Volatilitätsargumente wie den hier dargestellten klar sein, dass die Markteffizienzhypothese falsch sein muss ... Das Scheitern des Modells der Markteffizienzhypothese ist so dramatisch, dass es unmöglich erscheint, das Scheitern solchen Dingen wie Datenfehlern, Problemen des Preisindex oder Änderungen im Steuerrecht zuzuschreiben.“

Robert J. Shiller, 1981[8]
  • Empirische Tests der schwachen Effizienz zeigten, dass diese in der Realität gegeben ist. Eine serielle Korrelation von Kursen besteht höchstens kurzfristig, ein systematisches Ausnutzen von Informationen erfolgt aufgrund der Transaktionskosten nicht.[10]
  • Empirische Untersuchungen zu der mittelstarken Effizienz kommen tendenziell zu einer Bestätigung. Aufgrund von methodischen Problemen sind diese Ergebnisse jedoch mit Vorsicht zu behandeln.[10]
  • In der Literatur herrscht weitgehend Einigkeit, dass starke Effizienz in der Realität nicht vorkommt. Bei Veröffentlichung wichtiger Informationen sind an den Börsen regelmäßig signifikante Kursveränderungen zu beobachten, die Informationen können nicht schon vorher eingepreist gewesen sein.[10]

Paul Krugman bezeichnet die Behauptung Famas, dass es keine Spekulationsblasen gibt als eindeutig kontrafaktisch.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E.F. Fama: Efficient Capital Markets, A Review of Theory and Empirical Work. In: Journal of Finance. Band. 25, 1970, S. 383–417.
  • T. Gudehus: 5.10 Markteffizienz und Selbstregelung In: Dynamische Märkte, Praxis, Strategien und Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Springer, Berlin / Heidelberg / New-York 2007, ISBN 978-3-540-72597-8, S. 113 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Interview mit Eugene Fama (Memento vom 8. Januar 2003 im Internet Archive)
  2. E.F. Fama: The Behavior of Stock Market Prices. In: Journal of Business. Band 38, 1965, S. 34–105
  3. E. F. Fama: Efficient Capital Markets, A Review of Theory and Empirical Work. In: Journal of Finance. Band 25, 1970, S. 383–417.
  4. E. F. Fama: Efficient Capital Markets II. In: Journal of Finance. Band 46, Nr. 5, 1991, S. 1575–1617.
  5. Nobelkommitee
  6. a b c Manfred Steiner, Christoph Bruns: Wertpapiermanagement: professionelle Wertpapieranalyse und Portfoliostrukturierung. 8., überarb. und erw. Auflage. Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2002, ISBN 3-7910-1992-9, S. 41 ff.
  7. a b Bertram Scheufele, Alexander Haas: Medien und Aktien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN 978-3-531-15751-1, S. 27.
  8. a b Ann-Christine Schulz: Die Rolle der Finanzanalysten bei der Verbreitung von Managementkonzepten. Gabler Verlag, 2011, ISBN 978-3-8349-3016-3, S. 55.
  9. Vgl. Christian Christen (2011): Politische Ökonomie der Alterssicherung – Kritik der Reformdebatte um Generationengerechtigkeit, Demographie und kapitalgedeckte Finanzierung. Metropolis-Verlag, Marburg. S. 398.
  10. a b c Michael Heun: Finanzmarktsimulation mit Multiagentensystemen. Deutscher Universitäts-Verlag, 2007, ISBN 978-3-8350-0937-0, S. 95.
  11. Paul Krugman: The Dismal Science. In The New York Times, 25. September 2014.