Effizienzmarkthypothese

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Effizienzmarkthypothese (engl. Efficient Market Hypothesis, kurz EMH) wurde 1970 von Eugene Fama[1] als mathematisch-statistische Theorie der Volkswirtschaftslehre aufgestellt. Finanzmärkte, so die These, sind effizient, insofern vorhandene Informationen bereits eingepreist seien und somit kein Marktteilnehmer in der Lage sei durch technische Analyse, Fundamentalanalyse, Insiderhandel oder anderweitig zu dauerhaft überdurchschnittlichen Gewinnen zu kommen.

Grundlagen[Bearbeiten]

Die Effizienzmarkthypothese geht davon aus, dass alle Marktteilnehmer – also Käufer ebenso wie Verkäufer – vollständig rational und auf der Basis gleicher Informationen agieren und die Summe dieser Informationen jederzeit bereits in den Kursen verarbeitet ist. Demnach wäre kein Teilnehmer in der Lage, den Markt auf Dauer zu schlagen. Die Markteffizienz-Theorie wird pointiert mit dem Satz: „Der Markt kann nicht langfristig geschlagen werden“ umschrieben.

Ihre Verfechter verstehen die Preisbildung auf komplexen Finanzmärkten ähnlich wie jene auf traditionellen Märkten. Wie zum Beispiel Kartoffeln auf einem Bauernmarkt: Angebot und Nachfrage sowie Eckdaten über die zukünftige Verfügbarkeit von Kartoffeln reichen aus, um einen fairen Preis zu errechnen. Droht etwa ein schlechtes Jahr für Kartoffelbauern mit extremer Trockenheit, werden die Preise steigen.

Man unterscheidet drei Kernaussagen dieser Hypothese:

  1. schwache Effizienz: Aus den Kursverläufen der Vergangenheit kann nicht auf Kurse in Gegenwart und Zukunft geschlossen werden. Diese erfordert, dass Informationen aus der vergangenen Marktentwicklung eingepreist sind. Die beste Schätzung des zukünftigen Kurses wäre demnach der aktuelle Kurs, eine bessere Prognose z.B. durch technische Analyse sei nicht möglich.[2]
  2. mittelstarke Effizienz: Alle marktrelevanten öffentlich zugänglichen Informationen sind zusätzlich zu den Kursverläufen der Vergangenheit bereits im Kurs enthalten. Fundamentalanalyse wäre demnach sinnlos, weil alle öffentlich verfügbaren Informationen sowieso schon eingepreist seien.[3]
  3. starke Effizienz: Alle marktrelevanten öffentlichen- und Insider-Informationen sind bereits im Kurs enthalten. Demnach würde sich nicht einmal Insiderhandel lohnen. Bei Anwendung der starken Hypothese ist die Nichtvorhersagbarkeit der Aktienkurse die unmittelbare Folgerung. Die Tatsache, dass Insiderhandel stattfindet und sich zumindest kurzfristig lohnt, spricht gegen diese Hypothese.[4]

Empirische Überprüfung[Bearbeiten]

Seit Ende der 1970er Jahre wird die Effizienzmarkthypothese zunehmend in Zweifel gezogen. Bei der empirischen Überprüfung wurden Anomalien gefunden, die im Widerspruch zur Effizienzmarkthypothese stehen wie z.b. Kalenderanomalien („Januareffekt“), Über- und Unterreaktionen und längere Phasen der Übertreibung (Spekulationsblasen).[5][6]

“It should be obvious to the most casual and unsophisticated observer by volatility arguments like those made here that the efficient markets model must be wrong ... The failure of the efficient markets model is thus so dramatic that it would seem impossible to attribute the failure to such things as data errors, price index problems, or changes in tax law.”

„Für den zwanglosen und ehrlichen Beobachter sollte aufgrund der Volatilitätsargumente wie den hier dargestellten klar sein, dass die Effizienzmarkthypothese falsch sein muss ... Das Scheitern des Modells der Effizienzmarkthypothese ist so dramatisch, dass es unmöglich erscheint, das Scheitern solchen Dingen wie Datenfehlern, Problemen des Preisindex oder Änderungen im Steuerrecht zuzuschreiben.“

Robert J. Shiller, 1981[7]
  • Empirische Tests der schwachen Effizienz zeigten, dass diese in der Realität nicht gegeben ist. Eine serielle Korrelation von Kursen besteht höchstens kurzfristig, ein systematisches Ausnutzen von Informationen erfolgt aufgrund der Transaktionskosten nicht.[8]
  • Empirische Untersuchungen zu der mittelstarken Effizienz kommen tendenziell zu einer Bestätigung. Aufgrund von methodischen Problemen sind diese Ergebnisse jedoch mit Vorsicht zu behandeln.[9]
  • In der Literatur herrscht weitgehend Einigkeit, dass starke Effizienz in der Realität nicht vorkommt. Bei Veröffentlichung wichtiger Informationen sind an den Börsen regelmäßig signifikante Kursveränderungen zu beobachten, die Informationen können nicht schon vorher eingepreist gewesen sein.[10]
  • Auch die Random-Walk-Theorie wird empirisch überwiegend abgelehnt.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • E.F. Fama: Efficient Capital Markets, A Review of Theory and Empirical Work, in: Journal of Finance, Vol. 25, S. 383–417, 1970.
  • T. Gudehus T.: Dynamische Märkte, Praxis, Strategien und Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft; s. 5.10 Markteffizienz und Selbstregelung S. 113 ff., Springer, Berlin-Heidelberg-New-York, 2007, ISBN 978-3-540-72597-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Interview mit Eugene Fama
  2. Bertram Scheufele,Alexander Haas, Medien und Aktien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN 978-3-531-15751-1, S. 27
  3. Bertram Scheufele,Alexander Haas, Medien und Aktien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN 978-3-531-15751-1, S. 27
  4. Bertram Scheufele,Alexander Haas, Medien und Aktien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, ISBN 978-3-531-15751-1, S. 27
  5. Ann-Christine Schulz, Die Rolle Der Finanzanalysten Bei Der Verbreitung Von Managementkonzepten, Gabler Verlag, 2011, ISBN 978-3-8349-3016-3, S. 55
  6. Vgl. Christian Christen (2011): Politische Ökonomie der Alterssicherung - Kritik der Reformdebatte um Generationengerechtigkeit, Demographie und kapitalgedeckte Finanzierung. Metropolis-Verlag, Marburg. S. 398.
  7. Ann-Christine Schulz, Die Rolle Der Finanzanalysten Bei Der Verbreitung Von Managementkonzepten, Gabler Verlag, 2011, ISBN 978-3-8349-3016-3, S. 55
  8. Michael Heun, Finanzmarktsimulation mit Multiagentensystemen, Deutscher Universitäts-Verlag, 2007, ISBN 978-3-8350-0937-0, S. 95
  9. Michael Heun, Finanzmarktsimulation mit Multiagentensystemen, Deutscher Universitäts-Verlag, 2007, ISBN 978-3-8350-0937-0, S. 95
  10. Michael Heun, Finanzmarktsimulation mit Multiagentensystemen, Deutscher Universitäts-Verlag, 2007, ISBN 978-3-8350-0937-0, S. 95
  11. Michael Heun, Finanzmarktsimulation Mit Multiagentensystemen, Deutscher Universitäts-Verlag, 2007, ISBN 978-3-8350-0937-0, S. 95