Egon Becker

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Egon Becker (Foto: ISOE/Jürgen Mai, 2013)

Egon Becker (* 2. November 1936 in Niederauerbach (Zweibrücken)) ist gelernter Elektriker, Ingenieur, promovierter Physiker, Sozialwissenschaftler und Spiritus rector der Sozialen Ökologie. 1986 war er einer der Gründer des außeruniversitären Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Inhaltsverzeichnis

Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elternhaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Egon Becker kam in dem westpfälzischen Dorf Niederauerbach zur Welt, das am 1. April 1938 nach Zweibrücken eingemeindet wurde. Seine Eltern sind der gelernte Schreinermeister Karl Becker (1909–2006) und dessen Ehefrau Frieda (1913–2012), die zur Zeit der Geburt ihres Sohnes als Stepperin in einer Schuhfabrik und ab 1945 als Hausfrau arbeitete. Der Vater war vor 1933 in verschiedenen Organisationen der Arbeiterbewegung aktiv (SAJ, SPD und SAP, in der Holzarbeitergewerkschaft, bei den Naturfreunden, der Friedensgesellschaft und der Eisernen Front). Er besuchte 1932/33 die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin und war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus.

Das nahe Saargebiet war vor 1935, dem Jahr des Anschlusses an das Deutsche Reich, ein wichtiger Rückzugs- und Transitraum für politische Flüchtlinge aus dem Reich, und auch Karl Becker war in illegale Aktivitäten involviert. Er schmuggelte zusammen mit einer SAP-Gruppe und mit Hilfe seiner Brieftauben Flugblätter und Propagandamaterial aus Frankreich nach Deutschland und half Emigranten über die Grüne Grenze ins Saargebiet. Mitte 1933 wurde er verhaftet und verblieb bis 1934 in Schutzhaft.

Etwa zweieinhalb Jahre nach Beckers Geburt wurde sein Vater zur Wehrmacht eingezogen. Zunächst in Frankreich eingesetzt, musste er ab 1941 am Russlandfeldzug teilnehmen. Bei Sewastopol auf der Krim wurde er 1942 schwer verwundet und nach Deutschland zurücktransportiert. Vom weiteren Militäreinsatz blieb er als Schwerbeschädigter verschont. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete er ab 1948 als Stadtjugendpfleger und später als Leiter des Jugendamtes in Zweibrücken. 1944 war als zweites Kind der Sohn Walter geboren worden.

Kriegs- und Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Egon Becker, der von sich selbst sagt, in einem bäuerlich-handwerklichen Milieu aufgewachsen zu sein, erlebte als Kind die Kriegs- und dann die Nachkriegszeit. Die Familie wurde zweimal evakuiert, 1939 nach Hof (Saale) und 1944 nach Kleinglattbach bei Vaihingen an der Enz. Am 8. April 1945 erlebte er hier mit dem Einmarsch der französischen Truppen das Ende des Zweiten Weltkriegs. Als neunjähriges Kind sah er die Baracken des Konzentrationslagers Vaihingen und überlebende Häftlinge, die nach der Befreiung durch französische Soldaten ins Dorf wankten. Bis heute beschäftigt ihn die Frage, wie seine Erinnerungen mit dem zusammenpassen, was er von seinen Eltern erfahren oder viel später gelesen hat.

Im Sommer 1945 kehrte Familie Becker in ihre Heimat zurück. Zweibrücken war im März 1945 bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört worden, das Elternhaus kaum noch bewohnbar. Den Zeitumständen entsprechend war Sohn Egon schon als Kind in die Versorgung der Familie eingebunden, wozu das Organisieren von Lebensnotwendigem auf dem Schwarzmarkt ebenso gehörte wie die Teilnahme an Hamsterfahrten in die Vorderpfalz.

Schule und Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Becker besuchte vier Jahre lang die Volksschule in Niederauerbach und wechselte dann auf die die Oberrealschule, das spätere Helmholtz-Gymnasium Zweibrücken. Hier erwarb er 1953 die Mittlere Reife und begann danach eine Lehre als Elektroinstallateur. Nach der Gesellenprüfung 1955 arbeitete er für kurze Zeit in dem erlernten Beruf, auf den er später während des Studiums als Werkstudent immer wieder zurückgreifen konnte. Während der Lehrzeit absolvierte er einen Fernkurs in Elektrotechnik bei der privaten Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD), wodurch einige Beziehungen zu dieser Stadt entstanden. Auch der SGD blieb er später noch verbunden: Nach Abschluss seines Ingenieurstudiums verdiente er sich dort als Verfasser von Lehrbriefen zu Grundlagen der Elektrotechnik und als Kursleiter einen Teil seines Lebensunterhalts.

Die prägende Kraft des Milieus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im „bäuerlich-handwerklichen Milieu“ des Dorfes lebten viele Menschen, die in der Schuhfabrik Dorndorf in Niederauerbach, in den großen Metallbetrieben Dingler-Werke und Heinrich Lanz AG in Zweibrücken und einige auch in den Bergwerken im nahen Saargebiet ihren Lebensunterhalt verdienten. Im Dorf und in der Stadt Zweibrücken gab es einige Enklaven, in denen Reste der sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geprägten Arbeiterkulturbewegung überlebten. Bildungsstreben und Lesehunger zeichneten diese Kultur aus. Sich politisch zu betätigen und sich zugleich als qualifizierter Facharbeiter oder Verwaltungsfachmann zu bewähren, gehörten zum Credo. Dazu kam der feste Glaube, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt sozialen Fortschritt nach sich zieht.

Eine dieser Enklaven war die Familie Becker. Vater Karl Becker war Vertrauensmann der Büchergilde Gutenberg, Sohn Egon brachte die Bücher mit dem Fahrrad zu den Mitgliedern in Zweibrücken und den Vororten. Das Wohnhaus der Eltern war voller Bücher. Regelmäßig wurde die Zeitschrift Kosmos gelesen. Ein Onkel, Wilhelm Becker, hatte als Meister und Monteur der Firma Dingler in der Sowjetunion und in Berlin gearbeitet. Dort war er dem Freidenkerverband beigetreten, bezog die Zeitschrift Urania und hielt nach 1945 Vorträge über die materialistische Weltanschauung und die Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus. Dieser Onkel war es auch, der Becker mit populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern über Naturforschung versorgte. Als Schüler und Lehrling stieß er dadurch auf Ernst Haeckel und die vier Welträtsel, auf Louis de Broglie und dessen Untersuchungen über Licht und Materie, auf eine Volksausgabe von Das Kapital von Karl Marx. Der junge Becker war von diesen Gedankenwelten fasziniert, auch wenn er sie noch kaum verstehen konnte. Was blieb, war eine Ahnung davon, dass sich das naturwissenschaftliche Weltbild in einem tiefgreifenden Umbruch befindet. Entstanden ist damals ein Denkmotiv, das sein gesamtes Leben prägen wird: Die Gesellschaft als veränderbar zu begreifen, die Natur erleben, lieben, erkennen und sorgsam nutzen.

Die Herausbildung politischer Grundorientierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1950er Jahre waren die Zeit, in der sich Beckers politische Grundorientierung herauszubilden und zu festigen begann.

„Nach 1945 bin ich in einer Nie-Wieder-Kultur groß geworden: nie wieder Krieg und Militär, nie wieder Faschismus. In meinem Elternhaus lernte ich zudem die sozialdemokratische Überzeugung kennen, der Kapitalismus müsse demokratisch überwunden werden.
Bei mir ist daraus eine zunächst ziemlich diffuse Anti-Haltung entstanden. Als Jugendlicher und junger Erwachsener verstand ich mich anti-militaristisch, anti-faschistisch, anti-autoritär, anti-etatistisch und anti-kapitalistisch. Diese Haltung war nicht abstrakt und auch nicht moralisierend. Sie war geprägt von konkreten Erfahrungen in der Kriegs- und Nazizeit, mit starken Gefühlen verbunden und ethisch fundiert. Damit aber kein falsches Bild entsteht: Ich war damals keineswegs nur politischer Mensch, sondern auch ein Wanderer im Pfälzer Wald, Tramper durch halb Europa und ein Jugendlicher mit romantischen Neigungen, der sowohl die Natur als auch die Gesellschaft verstehen wollte - und schließlich auch mich selbst. Und ich habe mich immer als links definiert und den Mittelweg verachtet.[1]

Links zu sein war dabei für Becker eng verwoben mit der „Utopie einer friedlichen, demokratischen, gerechten und freien Gesellschaft“ und zielte auf einen demokratischen Sozialismus freier Menschen. „Das war aber ein anderer Sozialismus als der in der DDR und Sowjetunion real existierende.“[1]

Über den Rhein gehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dass solch ein im besten Sinne unruhiger Geist sich mit der Perspektive auf ein jahrzehntelanges Leben als Elektroinstallateur zufriedengeben könnte, ist schwer vorstellbar. Ohne Abitur aber war der Ausbruch aus dem vertrauten Milieu schwierig, Umwege mussten gegangen werden. Für non-konforme Pfälzer Jugendliche hieß das damals: über den Rhein gehen.

Am 15. September 1955 begann Becker ein Studium an der Staatlichen Ingenieurschule für Maschinenwesen in Darmstadt, die später in der Hochschule Darmstadt aufging. Er studierte Allgemeine Elektrotechnik, Hochfrequenz- und Nachrichtentechnik.

In der Ingenieurschule lernte er den von der Frankfurter Akademie der Arbeit nach Darmstadt gewechselten Franz Josef Furtwängler kennen, der hier als Dozent für politische Bildung tätig war. Furtwängler regte Beckers Wissensdurst an, versorgte ihn mit immer neuen Buchempfehlungen und trug so wesentlich zu dessen weiterer philosophischer und soziologischer Bildung bei.

1958 schloss Becker das Studium als Ingenieur ab.

Im Oktober 1960 heiratete er die Chemie-Laborantin Margitta Klein (* 1942 – † April 1988 in Lille). Die Ehe wurde im Juni 1964 wieder geschieden.

Vom Ingenieur zum Physiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studium der Physik und Mathematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende der 1950er Jahre war für viele Ingenieurschul-Absolventen der naheliegendste Schritt, unmittelbar ins Berufsleben einzutreten. Becker aber empfand sein Ingenieurstudium im Nachhinein als zu industrie- und anwendungsorientiert, ohne theoretischen Tiefgang und frei von philosophischer Reflexion. Er nutzte die Möglichkeit, 1958 das Abitur für Nichtschüler abzulegen, das ihm die Aufnahme eines Studiums an einer Universität oder Technischen Hochschule erlaubte. Bei der Vorbereitung zu dieser ungewöhnlichen Prüfung hat ihn der oben erwähnte Franz Josef Furtwängler tatkräftig unterstützt.

Was folgte, war in den Jahren 1958 bis 1964 ein Studium der Physik und Mathematik an der damaligen Technischen Hochschule Darmstadt. Hinzu kamen aber für einen angehenden Naturwissenschaftler – zumindest damals noch – eher atypische Nebenfächer: Er studierte Politikwissenschaft bei Eugen Kogon, dessen Buch Der SS-Staat er schon in seiner Zweibrücker Schulzeit gelesen hatte, und bei Arkadij Gurland, von dem er viel über das Verhältnis von marxistischer Theorie und sozialdemokratischer Politik lernte; bei Karl Schlechta, der ihn mit Nicolai Hartmann und Karl Jaspers bekannt machte, studierte er Philosophie; über Martin Wagenschein, bei dem er Pädagogik studierte, lernte er die Phänomenologie kennen. Parallel zum Studium dieser Geisteswissenschaften in Darmstadt war Becker Gasthörer an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, besuchte dort unregelmäßig Veranstaltungen in Philosophie und Soziologie und studierte viele Bändchen aus der Reihe Rowohlts deutsche Enzyklopädie und die nach und nach publizierten Texte der Kritischen Theorie.

Diplom und Promotion in Festkörperphysik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen Ende seiner Studienzeit war Becker studentische und wissenschaftliche Hilfskraft an der Fakultät für Physik und der Mathematik an der TH Darmstadt. Zu Gute kam ihm hierbei seine Ausbildung zum Elektroingenieur, denn er sollte als Diplomarbeit eine funktionstüchtige Apparatur entwerfen und aufbauen, mit der Spin-Gitter-Relaxationszeiten paramagnetischer Salze nach der Impulsmethode (so auch der Titel seiner Diplomarbeit) gemessen werden konnten. Dies gelang auch. In seiner 1964 vorgelegten Diplomarbeit wird diese Apparatur beschrieben und mit anderen Messmethoden verglichen. Zugleich aber legte er in dieser Arbeit die Umrisse einer thermodynamisch und quantentheoretisch fundierten Messtheorie vor.

Nach dem Diplom wurde Becker als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Technische Physik der TH Darmstadt eingestellt, um Messungen an Kristallen von Seltenen Erden durchzuführen und seine theoretischen Überlegungen fortzusetzen. Seine Arbeitsschwerpunkte waren Festkörperphysik, Quantentheorie des Magnetismus und Thermodynamik.

In seiner neuen Funktion nahm Becker zusammen mit einigen Kollegen mit der zuvor erwähnten Apparatur zahlreiche Messungen an verschiedenen Kristallen der Seltenen Erden bei Temperaturen wenige Grad über dem absoluten Nullpunkt vor.[2] Diese Kristalle gehen bei einer kritischen Temperatur vom ungeordneten paramagnetischen Zustand in kollektive Zustände des Ferro- oder Antiferromagnetismus über. An den aus anderen Messungen bekannten kritischen Temperaturpunkten wurden eigentümliche Messwerte registriert, die sich mit den bisher vorhandenen linearen Theorien nicht erklären ließen. Becker entwickelte eine neue Theorie, auf quantenstatistischer Grundlage, mit der er zeigte, dass sich diese Messwerte als nicht-lineare Effekte erklären lassen. In seiner Dissertation von 1967 – Eine Methode zur Bestimmung frequenzabhängiger magnetischer Suszeptibilitäten im Bereich der Mikrowellen: Magnetisierungsänderung bei Mikrowellenabsorption in linearer und quadratischer Näherung – verallgemeinerte er diese Erklärung – und wechselte damit zugleich von der experimentellen zur theoretischen Physik.

Schon damals zeichnet sich bei Becker eine Denkfigur ab, mit der er anscheinend während seines gesamten wissenschaftlichen Lebens gearbeitet hat: Phänomene in einem eingegrenzten Realitätsbereich möglichst genau wahrnehmen und empirisch beschreiben; darin ein theoretisches Problem identifizieren; ein hypothetisches Lösungsprogramm entwerfen; gefundene Lösungen verallgemeinern und auf andere Realitätsbereiche anwenden.

Im Juli 1967 wurde Egon Becker mit Auszeichnung zum Dr. rer. nat. promoviert.

Forschungsaufenthalt in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Yale-Professor Werner P. Wolf (* 1930 in Wien)[3] erfuhr von Beckers Arbeit und lud ihn noch im August 1967 ein, als Postdoc in seine Arbeitsgruppe zu kommen. Am 1. Oktober 1967 begann Becker als angestellter Research Fellow an der Yale University in New Haven.

„Im dortigen Physics Department trifft er auf die späteren Nobelpreisträger Murray Gell-Mann und Lars Onsager; er besucht Seminare bei dem Wissenschaftshistoriker Th. S. Kuhn und dem Systemtheoretiker Karl W. Deutsch; und er forscht zusammen mit dem Physiker Werner P. Wolf und dem Chemiker Stanley Mroczkowski, beides jüdische Wissenschaftler, geflohen vor dem Nazi-Regime - Wolf aus dem austro-faschistischen Wien, Mroczkowski aus dem Warschauer Ghetto. Die Erfahrungen in Yale sind tiefgreifend und prägend - nicht nur, dass er als junger Deutscher von Emigranten akzeptiert und geschätzt wird, sondern auch, dass ihn seine Kollegen als eine politisch aktive Person achten, die in der Opposition gegen den Vietnamkrieg mitarbeitet.[4]

Wissenschaftlich war Becker in dieser Zeit ziemlich produktiv. Im intellektuell und naturwissenschaftlich anregenden Klima der Yale University entstand eine Reihe von Arbeiten, die in renommierten physikalischen Zeitschriften erschienen sind. Darin werden die in Darmstadt begonnenen Arbeiten fortgesetzt, die Theorie auf andere Fälle angewendet und zugleich verallgemeinert. Er beschäftigte sich damals intensiv mit der Quantenfeldtheorie von Viel-Teilchen-Systemen und den mathematischen Eigenschaften der Greenschen Funktionen und brachte die in seiner Dissertation nur umrissene Theorie in eine formal-mathematisch anspruchsvollere allgemeine Form. Das war damals wissenschaftliches Neuland; heute können Studierende diese theoretischen Methoden in Lehrbüchern kennenlernen, zum Beispiel in Wolfgang Noltings Grundkurs Theoretische Physik 7.[5]

Neben seinen intensiven physikalischen Forschungen beteiligte sich Becker als „politisch aktive Person“ an den Anti-Kriegsprotesten – auch an denen während des Parteitages der Demokratischen Partei Ende August 1968 in Chicago, die als blutiger Höhepunkt der US-amerikanischen 68er-Bewegung gelten. Auch er wurde Opfer der sehr repressiven Polizeitaktik und wegen zivilen Ungehorsams inhaftiert, aber nach einer Intervention der Yale University kam er nach einem Tag wieder frei.

Bei all dem ging der Kontakt zu Deutschland nicht verloren. Für die Zeitschrift ZIVIL (siehe unten) berichtet Becker über Entwicklungen und Konflikte in den USA, er übersetzte und kommentierte für die Blätter für deutsche und internationale Politik und schrieb über Amerikas Linke in der Wochenzeitung Die Tat, dem Organ der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Diese Aktivitäten sind nur verständlich, wenn man seine politischen Aktivitäten vor dem Aufenthalt in den USA etwas genauer betrachtet.

Politische Aktivitäten in den 1960er Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits während seiner Studienzeit an der Ingenieurschule Darmstadt löste sich Becker nach und nach aus dem sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geprägten Herkunftsmilieu, und die Distanz wuchs im Laufe seiner Studienzeit immer mehr. Das Studium im Umfeld der Kritischen Theorie und der dort vertretenen undogmatisch-marxistischen Gesellschaftstheorie schärfte seinem linkssozialistischen Blick auf Geschichte und Gesellschaft. Nach und nach wurde aus seiner diffusen Anti-Haltung eine theoretisch fundierte kritische Position, und parallel zu seinem Studium bestimmte eine vielfältige politischen Praxis sein damaliges Leben.

1958 war Egon Becker Gründungsmitglied des Darmstädter Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und blieb dem Verband bis zu dessen Auflösung verbunden. Prägend für ihn war auch seine Mitarbeit in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) in Darmstadt. Es war die Zeit, in der er unter dem Einfluss der Dialektik der Aufklärung begann, sich mit „den Debatten um Modernisierung und der Ideologie des Fortschritts ernsthaft auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Ergebnis war, den sogenannten wissenschaftlich-technischen Fortschritt, an dem ich als Ingenieur und Physiker mitarbeitete, als ambivalent und riskant anzusehen. Schließlich waren Krieg, Faschismus und kapitalistische Produktion diesem ‚Fortschritt‘ durchaus förderlich und er war für sie auch nötig und nützlich.“[1]

Der Kampf gegen die Wiederbewaffnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kampf gegen die Wiederbewaffnung und der Kampf dem Atomtod waren für linke Politik seit den 1950er Jahren prägende Aktivitäten. Becker beteiligte sich an ihnen auf vielfältige Weise. Obwohl als 1936 geborener Angehöriger eines Weißen Jahrgangs und somit vom Dienst in der Bundeswehr befreit, war er lange Jahre im Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) aktiv. 1964 wurde er Mitglied des VK-Bundesvorstandes und Redaktionsmitglied der Verbandszeitschrift ZIVIL. Presserechtlich verantwortlich zeichnete damals Herbert Stubenrauch (1938–2010)[6]. In dieser Zeitschrift veröffentlichte Becker zahlreiche Aufsätze, in denen er die Idee eines politischen Pazifismus mit radikaler Kritik an restaurativen politischen Tendenzen und kapitalistischen Herrschaftsformen verknüpfte. Diese politische Position vertrat er auch in anderen Publikationen, so zum Beispiel in dem im Herbst 1965 erschienen Artikel Landserhefte – Ein Beitrag zur Restauration faschistischen Denkens. Im Kontext der gesellschaftlichen Situation Mitte der 1960er Jahre lautete Beckers Resümee:

„Sprache und Geist der Landserhefte setzt sich fort im Jargon von Bundeswehr-Ausbildern und Stammtischgesprächen. Das macht jene Produkte der ‘Rechtfertigungsliteratur’ zum Politikum. Mir scheint, der Ruf nach dem Staatsanwalt, der die Landserhefte verbieten soll, ist vergeblich. Der primitive Militarismus dieser Hefte korrespondiert zu stark mit dem offiziellen der bundesrepublikanischen Nachkriegspolitik. Eine Gesellschaft, die widerstandslos den Ungeist der bunten Hefte aufnimmt, hat ihn nötig. Es ist zu wünschen, daß die vorliegende Dokumentation etwas dazu beiträgt, in den literarischen Sumpfblüten der Landserhefte etwas von dem Nährboden zu erkennen, auf dem sie gedeihen: Die bundesrepublikanische Gesellschaft, die sich anschickt die nazistische Vergangenheit dadurch zu bewältigen, daß sie deren Strukturelemente restauriert.[7]

Politische Bildungsarbeit bei der Naturfreundejugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1959 bis 1963 war Becker Mitglied der Landesjugendleitung der hessischen Naturfreundejugend, dem Jugendverband der Naturfreunde. Die Naturfreunde, denen schon seine Eltern angehört hatten, gehörten zweifellos zu dem „sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geprägten Herkunftsmilieu“, nicht aber die hessische Naturfreundejugend. Diese Organisation, deren Vorsitzender damals Klaus Vack war, verortete sich links von der SPD und wollte mithelfen, „die Klassenstruktur der gegenwärtigen Ordnung zu beseitigen und eine sozialistische Demokratie zu schaffen“.[8] Die Naturfreundejugend war maßgeblich an der Organisation der Ostermärsche beteiligt und verstand sich als Teil der Außerparlamentarischen Opposition. Becker war bei der Naturfreundejugend für die Bildungsarbeit verantwortlich, organisierte Studienfahrten, koordinierte die Ostermarsch-Aktivitäten des Verbands und war zwischen 1963 und 1966 auch Redaktionsmitglied der Verbandszeitschrift wir sind jung. In zahlreichen Artikeln und Buchbesprechungen versuchte er das politische Profil der Organisation zu schärfen. Er befreundete sich in dieser Zeit mit den linkssozialistischen Marxisten Fritz Lamm und Leo Kofler, mit denen er auf Seminaren und in vielen Briefen politische und philosophische Fragen diskutierte.

Das Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Egon Becker gehörte 1964 einer vierköpfigen Delegation der hessischen Naturfreundejugend an, die als Beobachter an dem von der FDJ organisierten dritten Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin teilnahmen. Ihrer kritischen Bewertung des Pfingsttreffens stellt die Beobachtergruppe gleichwohl ihr Bekenntnis voran, dass ihre „Betrachtungsweise der Vorgänge beim ‘Deutschlandtreffen’ von der Position eines sozialistischen Jugendverbandes“ ausgehe.[9] Es sollte ausgelotet werden, „welche Möglichkeiten für ‚gesamtdeutsche Gespräche und Diskussionen‘ dieses Treffen bot“, um ein Stückchen Wahrheit zu ergründen, welche im Widersprüchlichen solcher Veranstaltungen liegt.[10] In ihren Thesen und Vorschlägen kommt die Gruppe zu dem Schluss, dass, „wer menschliche und politische Kontakte wünscht, die uns einer Verständigung näher bringen, die auch einem Liberalisierungsprozess in der DDR dienen könnten, die FDJ nicht umgehen“ kann. Um diesen Prozeß zu intensivieren, schlagen sie unter anderem in einem merkwürdig gewundenen Duktus vor, die „Organe der Naturfreunde sollten prüfen, ob die Naturfreundejugend bereit sein könnte – [..] im Bundesjugendring (DBJR) zu beantragen, daß frühere Beschlüsse des Bundesjugendringes, die Kontakte der Mitgliederverbände zur FDJ untersagen, aufgehoben werden“.[11]

Dass Becker und seine drei Mitstreiter hier mehr als zurückhaltend formulierten, war dem politischen Klima in der Bundesrepublik in der Mitte der 1960er Jahre geschuldet. Reisen hinter den Eisernen Vorhang, verbunden mit sogenannten Ostkontakten, waren für eine westdeutsche Jugendorganisation in der Mitte der 1960er Jahre alles andere als selbstverständlich, noch dazu, wenn der direkte Kontakt zu offiziellen DDR-Organisationen wie der FDJ aufgenommen wurden. Der Geschäftsführende Ausschuss des DBJR, tat im März 1965 genau das Gegenteil dessen, was Becker & Co vorgeschlagen hatten: In der Naumburger Erklärung des DBJR wurden offizielle Kontakte zur FDJ weiterhin abgelehnt.[12] Und auch innerhalb der Naturfreunde gab es Vorbehalte gegenüber DDR-Kontakten: „Begegnungen mit der FDJ oder Bündnisse mit der SEW werden von vielen älteren Naturfreunden mit Skepsis betrachtet. Der Verfassungsschutz beobachtete die Naturfreundejugend.“[13]

Die Gegenwärtigkeit des Faschismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit weitverbreiteten Skepsis und Abneigung gegen Ostkontakte gehörte Egon Becker Ende Mai/Anfang Juni 1965 erneut einer von ihm mitorganisierten Reisegruppe an, die unmittelbare Kontakte zu Menschen in der DDR und in Tschechoslowakei suchte. Vorausgegangen war dieser Reise ein gemeinsames Seminar der Naturfreundejugend Hessen und der Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau unter dem Titel „Bilanz nach 20 Jahren“, in dem die deutsche Vergangenheit nicht bewältigt, sondern aufgearbeitet werden sollte – auch in Auseinandersetzung mit dem in linken Kreisen üblichen „Nie-wieder“-Bekenntnis. Teilnehmer des Seminars reisten dann in dessen Folge durch die DDR, die Tschechoslowakei, Österreich und die Bundesrepublik Deutschland und besuchten die ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald, Theresienstadt, Mauthausen und Dachau sowie die von der SS vernichtete tschechische Stadt Lidice.[14] Die Erfahrungen aus Seminar und Reise mündeten in der Publikation verjährt vergessen vergeben?, die sich nicht als Reisebericht verstand, sondern als „Arbeitshilfe für die weitere Auseinandersetzung mit dem Faschismus“.[15] Und zumindest für den Teil der Reise, der durch die DDR führte, kommt Claudia Lepp zu der Einschätzung: „Eine von der evangelischen Jugend Darmstadt gemeinsam mit der Naturfreundejugend durchgeführte Fahrt nach Buchenwald verlief für die FDJ [..] enttäuschend, weil die jungen Bundesbürger sich weigerten, das System der DDR zu befürworten und es stattdessen kritisierten. Der Kontakt brach daraufhin ab.“[16]

Egon Becker (rechts) bei einer Diskussion während der Studienfahrt 1965 (Bild mit freundlicher Genehmigung von Rolf Kunitsch, 64839 Münster)
An dieser Studienfahrt nahm auch Kristin Grünewald (hinten in der Bildmitte) teil, die spätere Kristin Becker-Grünewald (siehe: Die Familie). Rechts im Bild (in der hellen Jacke): Edgar Weick.[17] (Bild mit freundlicher Genehmigung von Rolf Kunitsch, 64839 Münster)

Zu den Autoren der zuvor genannten Publikation gehörte auch Egon Becker. Sein Beitrag unter dem Titel Pflichterfüllung und Sachverstand – Anmerkungen zu den guten Eigenschaften des guten Deutschen wendet sich gegen eine moralisierende Betrachtung der in den Konzentrationslagern begangenen Gräueltaten und lenkt den Blick auf „das System des industriellen Massenmordes und der staatlich organisierten totalen Ausbeutung“. Diese System sei „weder durch Erregung noch durch Bekenntnisse durchschaubar zu machen“, sondern nur durch die Offenlegung von dessen Bedingungen.[18] Becker wendet sich gegen „bequeme Formeln“ nach dem Muster, der Faschismus sei das legitime Kind des Monopolkapitalismus, betont den Zusammenhang von Faschismus und Spätkapitalismus, sieht aber, dass sich „spätkapitalistische Herrschaft nicht notwendig als offene faschistische Gewaltherrschaft vollziehen“ muss. Die Bedingungen des Nazismus liegen „viel zu sehr im Historischen, im Sozialen und Politischen [..], als daß ihnen mit der – unbedingt nötigen – Erregung über SS-Bestien beizukommen wäre“.[18] Unter Verweis auf die über die Naziherrschaft hinaus erhalten gebliebenen kapitalistischen Strukturen zieht er den Schluss, dass in der Bundesrepublik „auf eigenartige, nicht-terroristische Weise, manches Ziel der faschistischen Terrorherrschaft erreicht [wurde]; die Integration der Opposition ins Betriebssystem, die Immunisierung der Gesellschaft gegen ihre notwendige Veränderung, die Degeneration des freien Bürgers zum Beifallspender für die Regierungspolitik ...“[18]

Beckers weitere Analyse gilt jedoch weniger diesen gesellschaftlichen Strukturen, als vielmehr der „romantisch-idealistischen Haltung vieler Deutscher und der extremen ‚Sachlichkeit‘ der gleichen Menschen“.

„Idealistische Moralvorstellungen, hohe Geistigkeit, tiefe Religiosität, feines, künstlerisches Empfinden paarten - und paaren sich immer noch! - mit Untertanengeist, bürokratischer Engstirnigkeit, moralischem Unbeleckt-Sein und technizistischer Unmoral. Die vielzitierten ‚guten Eigenschaften‘ der Deutschen: Treue und treue Pflichterfüllung, arbeitsfrohe Tüchtigkeit, sachliches Denken und kühler Verstand sind die natürlichen Grundlagen nicht nur des sogenannten Wirtschaftswunders, sondern auch der deutschen Bestialitäten - wie sie in Auschwitz ihre extremsten Formen annahmen. Solange die Sache über die Menschen triumphiert, sind die Gaskammern noch keine Geschichte.[18]

In Anlehnung an Joachim Fest beschreibt Becker am Beispiel von Albert Speer, dass „die wichtigsten Träger der Gewaltherrschaft nicht die Bestien in SS-Uniform waren, sondern die pflichteifrigen Diener, welche einer traditionellen Berufsethik folgten. In einem eng begrenzten Bereich ‚erfüllten sie ihre Pflicht‘ und machten so die totale NS-Herrschaft erst möglich. [..] Der einzelne fühlt sich moralisch abgesichert, wenn sein Tun entweder im Dienste einer ‚höheren Sache‘ erfolgt oder seine Handlungen sich im Rahmen der bestehenden Gesetze bewegen. Die Legitimität und Moralität der Gesetze oder der ‚Höheren Ziele‘ verbleibt dabei zumeist außerhalb der moralischen Bewertung.“[18] Becker konstatiert ein Fortbestehen dieser Denk- und Verhaltensweisen unter den Bedingungen einer radikal veränderten Herrschaftsausübung, die – Bundesrepublik Mitte der 1960er Jahre – nicht mehr auf Gewalt und Terror angewiesen ist. Aber, so lautet sein Fazit in Anlehnung an ein Zitat von Adorno: „Der Faschismus lebt. Die ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ scheitert permanent - oder wird vom Vergessen und der Rede ‚macht Schluß mit der Beschmutzung des eigenen Nestes‘ abgelöst. Der Faschismus lebt weiter in Geisteshaltungen und objektiven gesellschaftlichen Strukturen.“[18]

Mitarbeit in der Kampagne für Abrüstung und in der Opposition gegen die Notstandsgesetze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der kritischen Auseinandersetzung mit der Deutschen Geschichte und deren fortdauernden Kontinuitäten in der bundesrepublikanischen Gesellschaft war es für Becker kein weiter Weg vom Kampf gegen die Wiederbewaffnung zum Kampf gegen den Atomtod, zumal drei Organisationen, in denen er sich engagierte – die Naturfreundejugend Hessen, der Verband der Kriegsdienstverweigerer und die Kampagne für Abrüstung – in Offenbach über lange Jahre hinweg in einer Bürogemeinschaft zusammenarbeiteten. Diese verfügte über „drei Räume, Aktenordner, Karteikästen, eine Adrema, Telefon, Schreibmaschinen, Fax, Kopierer und einen legendären Rotaprint-Drucker. Und es hatte mit Klaus Vack einen politisch und organisatorisch versierten Sekretär – und mit seiner Frau Hanne die perfekte Büroleiterin. Wenn es nötig war, konnten sie auf viele freiwillige Helferinnen und Helfer zurückgreifen, vor allem aus dem Kreis der Offenbacher Naturfreunde.“[19] Dort wurden weiterhin klassische Protestkampagnen konzipiert und koordiniert, doch so, wie sich mit der Studentenbewegung neue Protestformen in Deutschland etablierten (Sit-ins, Go-ins, Teach-ins), so entstanden im Umfeld der Ostermärsche neue „Aktionsformen, die auch den Gag nicht verschmähten und auf die Eroberung von Aufmerksamkeit gerichtet waren (Aktion »Volkssarg«, »BALD-Zeitung«, »Seid nett zu Springer, enteignet ihn jetzt« und ähnliche)“.[20]

Dass das Kalkül „Eroberung von Aufmerksamkeit“ aufging, zeigte 1965 die erwähnte Aktion »Volkssarg«, die sich Egon Becker und Karl-Heinz Goll[21] ausdachten, und die als Teil der Anti-Notstands-Kampagne vom Hessischen Ostermarsch organisiert worden war. Die Aktion fand in Hanau, Oberursel und Offenbach statt, und ein vorbereitendes Flugblatt informierte die dortigen Bürgerinnen und Bürger darüber, dass der Bundestag in einem Gesetz den Luftschutz wiederbelebt und darüber hinaus ein Gesetz über die Bereitstellung von Volkssärgen für den Verteidigungsfall (Bundessargbevorratungsgesetz) beschlossen habe. Die Bevölkerung wurde in dem Flugblatt aufgefordert, sich einen Volkssarg anzuschaffen und solle sich vorab auf einer öffentlichen Volkssargausstellung über die amtlich geprüften Typen und deren richtige Verwendung informieren. In der Tat fanden dann zu den im Flugblatt angekündigten Terminen in den drei Orten öffentliche Präsentationen der Volkssärge statt.

Als Initiator der Aktion und selbsternannten Gesetzgeber des Bundessargbevorratungsgesetzes machte die Illustrierte Der Stern Egon Becker aus und zitierte ihn mit den Worten: „Als Physiker kann ich mir ein Bild von den Auswirkungen eines Atomkrieges machen. Da erscheinen einem die Vorkehrungen des Notstandsgesetzes noch sinnloser als dem Laien.“[22] Süffisant wird in dem Stern-Artikel anerkannt: „Was die Ostermarschierer wegen ihrer Sektierer- und Wiedertäuferallüren bisher nicht erreichten, das hat ihnen Volkssarg-Beckers schwarzer Humor verschafft: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Zum ersten mal ist eine ihrer Aktionen auch von Andersgläubigen ernst genommen worden.“[22]

CDU-nahe Publikationen sprachen weniger wohlwollend von der Aktion »Volkssarg« und sahen in ihr eine „makabre Aktion der neutralistischen ‚Ostermarschierer‘“, durch die vor allem alte Leute „irregeführt und in Angst versetzt“ worden seien.[23] Und wenn sich die der Kalten Kriegs Ideologie verhaftete CDU/CSU empörte, war auch die Aufmerksamkeit der Obrigkeit garantiert. Becker wurde 1965 in Frankfurt mehrfach angeklagt: wegen Staatsverleumdung, wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und wegen „Amtsanmaßung“ infolge der Aktion Volkssarg, wobei es auch darum ging, ob man sich ein nicht existentes Amt überhaupt anmaßen kann. Zum Glück für ihn wurde alle diese Verfahren eingestellt, aber ob sie damit auch für die Staatsschutz-Organe vergessen waren, blieb offen. 1992 gehörte er allerdings zu den Unterzeichnern des Aufrufs Offenlegung unserer Verfassungsschutzakten!.[24] Die Aktion galt explizit den „in den Zeiten des Kalten Krieges und einer vorwiegend administrativ-repressiven Auseinandersetzung mit der außerparlamentarischen Opposition (ApO)“ gesammelten Informationen des Verfassungsschutzes. Reaktionen dieser Behörde im Sinne der Unterzeichner des Aufrufs sind nicht überliefert.

Joan Baez beim Ostermarsch 1966 in Frankfurt

Anlässlich der Feier zu Beckers 80. Geburtstag erinnerte sich Thomas Kluge: „Ich habe vor Augen ein Foto von Dir, wo Du ein Mikrophon hältst auf dem Römer, in das Joan Baez auf einer Ostermarschveranstaltung spricht.“[25] Das nebenstehende Foto zeigt nicht exakt dies, doch das im Profil noch halb sichtbare Gesicht im Rücken des Sängers Christopher Sommerkorn ist das von Becker, der Joan Baez 1966 bei ihren Ostermarschauftritten in Essen und Frankfurt begleitete und für sie dolmetschte.

Die Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 1968 kehrte Becker nach Deutschland zurück. Im Dezember 1968 heirateten er und die Studentin Kristin Grünewald im Frankfurter Römer. Sie studierte in dieser Zeit an der Goethe-Universität in Frankfurt Geschichte und Politik, arbeitete nach dem Referendariat an der Frankfurter Ernst-Reuter-Schule ab 1972 als Lehrerin am Helene-Lange Gymnasium in Frankfurt-Höchst und von 1978 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2008 an der Philipp-Reis-Schule in Friedrichsdorf, einer kooperativen Gesamtschule. Ihre Eltern waren entschiedene Gegner der Nazis. Paul Grünewald (1912–1996) wurde 1934 verhaftet, kam zunächst in verschiedene Gefängnisse und dann bis 1940 ins Konzentrationslager Buchenwald. Die Mutter, Gertrud Grünewald, geborene Liebig (1917–2015)[26], wurde 1934 als 17-jährige ebenfalls verhaftet und saß bis 1935 im Frankfurter Gefängnis am Klapperfeld[27].

Egon Becker und Kristin Becker-Grünewald zogen 1971 kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes Anke von Frankfurt an den Taunusrand nach Oberhöchstadt, heute ein Stadtteil von Kronberg im Taunus. 1975 wurde ihr Sohn Daniel geboren und 1982 ihr Sohn Johannes. Anke Becker ist Zeichnerin und Kuratorin geworden[28], Daniel Volkswirt[29] und Johannes Schriftsteller[30].

Von der Physik zur Wissenschaftstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erzwungene Abschied von der Physik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland hatte Becker ein dickes aber unfertiges Manuskript im Gepäck: Green’s Function Theory of Phase Transitions in Solid State Physics. Auf der Homepage des ISOE heißt es über seine bis dahin verfolgten Forschungsschwerpunkte: „Als Physiker beschäftigte ihn vor allem die Frage, wie aus Unordnung Ordnung entsteht.“[31] Folgt man dagegen den Ausführungen des selbsternannten Chronisten der Frankfurter Universität, Notker Hammerstein, dann war es Beckers Absicht, die hergebrachte Ordnung der Ordinarienuniversität in totale Unordnung zu versetzen.[32]

Becker ging nach Frankfurt, weil ihm von dem gerade zum Professor für Theoretische Physik an der Goethe-Universität berufenen Peter Fulde eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt zur Festkörperphysik angeboten und die Habilitation in Aussicht gestellt worden war. Becker nahm dieses Angebot an. Neben seiner Arbeit in Frankfurt kam es zu Forschungsaufenthalten in Grenoble und Nottingham.

Nach seiner Rückkehr aus den USA beließ es Becker jedoch nicht bei einem ausschließlich wissenschaftsbezogenen Engagement. Er wurde bald zum Sprecher der Nichthabilitierten und zu deren Vertreter im Senat der Goethe-Universität gewählt. Dort vertrat er, bei seinem bisherigen Werdegang nicht verwunderlich, hochschulpolitische Positionen, die auf eine Demokratisierung der Hochschule zielten. Drittelparität war die Forderung der Stunde, aber darüber hinausgehend auch ein anderes Verständnis von Wissenschaft, in dem sich die Universität und die dort betriebene Wissenschaft selber zum Gegenstand der Reflexion machen sollten. Ausgehend von den Postulaten der Kritischen Theorie im Positivismusstreit galt die Kritik der „als wertfrei auftretenden institutionalisierten Wissenschaft“, von der von studentischer Seite und von großen Teilen des akademischen Mittelbaus behauptet wurde, sie begebe sich mit dem Verzicht auf eine wertende Stellungnahme „der Möglichkeit, wissenschaftliche Rationalität in den Bereich gesellschaftlicher Normen und politischer Entscheidungen hineinzutragen und nehme damit immer schon Partei für die etablierten Mächte. Daraus wurde die Forderung abgeleitet, daß Wissenschaft die Funktion der gesellschaftlichen Aufklärung wahrnehmen und daß einzelne Wissenschaftler diese Funktion als eine gesellschaftliche Verantwortung bewußt übernehmen solle.“[33]

Dass Becker mit einem derartigen Wissenschaftsverständnis auf heftigen Widerstand in dem mehrheitlich von Professoren besetzten Senat der Universität stoßen und sich dem Vorwurf des Filibusterns und des an den Professoren begangenen Zeitdiebstahls aussetzen musste[34], könnte als übliche Begleitmusik in hochschulpolitischen Auseinandersetzungen durchgehen. Doch für Becker führte es direkt zu negativen Folgen in seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld.

Egon Becker war von Yale her von einem kollegialen Umgang geprägt, der auf gegenseitigem Respekt beruhte und nicht auf der Position in einer hierarchischen Struktur. Am Institut für Theoretische Physik in Frankfurt traf er jedoch auf das genaue Gegenteil – und das vor allem bei dem gleichaltrigen Ordinarius Peter Fulde und dessen wenig älterem Kollegen Walter Greiner. „Amtsautorität zählt hier mehr als sachliche Argumente. Die damals noch recht jungen Ordinarien versuchen mit allen Mitteln, das Institut gegen die Einflüsse und Wirren der Studentenbewegung abzuschirmen.“[4] In diesem Aufeinandertreffen zweier Kulturen avancierte Becker schnell zu einem Beispiel dafür, dass „Assistenten, die Standesinteressen vertraten oder sich sonst politisch engagierten [..] oft genug erfahren [mussten], daß ihre Vorgesetzten für solchen Eifer wenig Verständnis zeigten“. Er musste „den Lehrstuhl für Theoretische Physik verlassen, weil der Physik-Ordinarius Peter Fulde ihm seinen befristeten Anstellungsvertrag nicht verlängerte – wie Fulde sagt ‘aus wissenschaftlichen und persönlichen Gründen’.“[35]

Für den Universitätschronisten Hammerstein, der sich erkennbar Fuldes und Greiners Sichtweisen des Konflikts zu eigen machte, ist Becker jemand, der sich mutwillig seinen wissenschaftlichen Verpflichtungen entzog, um Politik zu machen – schlimmer noch: Politik in eigener Sache.

„Becker, als Vorsitzender des Rats der Nichthabilitierten, machte daraus eine öffentliche Angelegenheit. Er verfasste nicht nur Flugblätter in eigener Sache, er informierte die Presse, dass er aus politischen Gründen der Universität verwiesen werde, und mobilisierte Nichthabilitierte in einigen Fakultäten, gegen seine Entlassung zu protestieren. Dem schlossen sich nicht allzu viele an. Es gab Vollversammlungen, denen Becker vorsaß, bei denen Resolutionen auch an die Adresse Wiesbadens verabschiedet wurden. Becker wusste als erprobter Redner immer wieder seinen Fall als Beispiel für undemokratisches, die anstehende Reform bekämpfendes und Abhängige unterdrückendes Ordinariengehabe darzustellen. Ihm schien es nicht problematisch, sein politisches Mandat für sein persönliches Fortkommen zu nutzen. Misstrauen zwischen manchen Assistenten und ihren Professoren garantierte in diesen erregten Jahren jedem Gerücht und jeder Behauptung Plausibilität.[36]

Für Hammerstein ist klar, dass der von ihm so bezeichnete »Fall Becker« „die Situation der Universität in der Öffentlichkeit nicht gerade stärkte“ und „Parteigänger Beckers, meist fachfremd,“ in Fuldes und Greiners Veranstaltungen eindrangen und Diskussionen einforderten. Das, worum es bei diesen Diskussionsverlangen ging, die er aus einer nicht näher bezeichneten Quelle zitiert, ist für den Historiker Hammerstein bedeutungslos: Die „Entwicklung des selbstständigen wissenschaftlichen Arbeitens und der Kritikfähigkeit der Studenten“, die Beteiligung der Studenten bei der „Vorbereitung und inhaltlichen Durchführung der Lehrveranstaltungen“, „Fragen des Zusammenhangs zwischen naturwissenschaftlicher Forschung und an Profitmaximierung orientierten privaten Interessen“, sind für Hammerstein anscheinend keiner Auseinandersetzung wert, denn für ihn waren das alles nur „Probleme, die den seinerzeitigen Mitgründer des SDS an der Darmstädter TH interessierten und denen er auch weiterhin wortreich nachgehen wollte.“[36] Mit Erfolg, wie Thomas Kluge die Folgen beschreibt, die sich für Becker aus dieser Auseinandersetzung ergaben.

„In dieser Interventions- und Umbruchssituation hat sich für Beckers Biographie und Laufbahn etwas Entscheidendes ereignet: Er versucht jetzt seine wissenschaftliche Arbeit und seine politischen Aktivitäten nicht mehr äußerlich auseinanderzuhalten. Vielmehr machte er neben der Physik auch das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zum Thema seiner universitären Tätigkeit; und er beginnt gleichzeitig mit dem Versuch, Physik und andere Naturwissenschaften aus einer philosophischen und soziologischen Perspektive zu betrachten. Was bisher lediglich als sein persönliches Problem erschien, wird jetzt zu einer mit Anderen geteilten politischen und intellektuellen Herausforderung. Auf diese Weise hat sich ein wichtiger Kristallisationskern für zahlreiche neue Aktivitäten herausgebildet.[4]

Die Arbeitsstelle Hochschuldidaktik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als gewählter Vertreter der Nichthabilitierten im Senat der Universität und als Vorsitzender des Rats der Nichthabilitierten war Becker vorerst unkündbar, und es musste eine Beschäftigungsmöglichkeit für ihn innerhalb der Universität gefunden werden. Dazu Hammerstein: „Becker wurde an der Abteilung für Erziehungswissenschaften als Mitarbeiter beschäftigt, da es in dieser explosiven Situation nicht denkbar war, eine Entlassung aus universitären Diensten auszusprechen.“[36]

Tatsächlich bestand die Lösung, die schließlich mit Unterstützung des neuen Hessischen Kultusministers Ludwig von Friedeburg zustande kam, in der Einrichtung einer Arbeitsstelle Hochschuldidaktik, die der damals noch existierenden Abteilung für Erziehungswissenschaften (AfE) formal angegliedert wurde. Die AfE war eine der Universität nur assoziierte Ausbildungsstätte für Grund-, Haupt- und Realschullehrer. Die Arbeitsstelle hatte zunächst lediglich zwei Mitarbeiter: Egon Becker als wissenschaftlicher Assistent und eine Sekretärin. Der Kanzler der Universität, Achaz von Thümen[37], stellte dafür einige Räume in einem alten Gebäude neben der Stadt- und Universitätsbibliothek sowie bescheidene Mittel für den Aufbau einer Fachbibliothek zur Verfügung.

Nach der Neuorganisation der Goethe-Universität und der Integration der AfE in die neu gebildeten Fachbereiche im Jahre 1971 wurde die Arbeitsstelle als Arbeitsbereich Wissenschafts- und Hochschuldidaktik dem ebenfalls neu errichteten fachübergreifenden Didaktischen Zentrum (DZ) der Goethe-Universität zugeordnet und finanziell, personell und räumlich wesentlich besser ausgestattet. 1972 erfolgte Beckers Berufung auf eine Professur für Wissenschafts- und Hochschulforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität. Sein DZ-Arbeitsbereich wurde zu einer selbständigen Arbeitsgruppe Wissenschafts- und Hochschulforschung im Fachbereich Erziehungswissenschaften.

Der Wechsel von der Physik zur Wissenschafts- und Hochschuldidaktik bedeutete fraglos für Becker einen tiefen biographischen Einschnitt. Doch er musste sich nicht neu erfinden, denn er konnte unmittelbar an die Fragestellungen anknüpfen, die ihn zuvor in Konflikt mit seinen früheren Ordinarien gebracht hatten. Hochschuldidaktik war damals eine Chiffre, hinter der sich verschiedene Ansätze zur Kritik universitärer Forschungs- und Ausbildungsprozesse vereinten und ihre entschiedensten Verfechter fanden sich in der Bundesassistentenkonferenz (BAK) zusammen, in der sich auch Becker engagierte. Als Vertreter der BAK arbeitete er von 1969 bis 1972 in den Planungsgruppen Lehrerausbildung und Physik der neu gegründeten Universität Bremen mit und beteiligte sich an der Konzeption eines Projektstudiums.

Nur am Rande spielte in jenen Jahren das eine Rolle, was allgemein mit dem Begriff Didaktik assoziiert wird: der Vermittlungsaspekt, d. h. die Planung und Durchführung von Unterricht und Lehrveranstaltungen. Vielmehr ging es um Hochschuldidaktik als Rationalisierungsstrategie und als Projektwissenschaft mit emanzipatorischem Interesse, Didaktische Strategien der Studienreform oder auch um Strategien der Bildungsproduktion.[38], wobei Hochschuldidaktik stets als „Kritik technokratischer und idealistischer Konzepte von Studienreform“ begriffen wurde[39], die als Handlungsforschung „in der Form von ‘empirischer Sozialforschung als politische Aktion’ betrieben werden“ sollte.[40]

In Beckers Arbeitsbereich Wissenschafts- und Hochschuldidaktik des DZ versuchte ab 1970 die interdisziplinären Projektgruppe Textinterpretation und Unterrichtspraxis (Projektgruppe TUP) diesen Ansatz in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) großzügig geförderten und von Becker und dem Soziologen Jürgen Ritsert geleiteten Forschungsvorhaben praktisch umzusetzen. Das Direktorium des DZ tolerierte diesen Ansatz aber lediglich im Sinne eines „sehr mechanisch definierten Wissenschaftspluralismus“.[40] Jeder Versuch, ihn zur konzeptionellen Grundlage für die Arbeit des gesamten Zentrums zu machen, wurde zurückgedrängt. 1975 musste die Projektgruppe einräumen, dass ihr bisheriger Ansatz revisionsbedürftig war.

„Es stellte sich heraus, daß das Vertrauen der Projektgruppe in die Veränderungskraft einer sozialwissenschaftlichen Methode auf der Überschätzung eines Aspektes der für Textinterpretation in der Unterrichtspraxis relevanten ‚wissenschaftlichen Kompetenz‘ beruhte. Der Überschätzung eines Aspektes der ‚wissenschaftlichen Kompetenz‘ auf Seiten der Lehrer entsprach eine zu starke Betonung rein kognitiver Lernziele auf der Schülerseite. [..] Als neue Problemstellung rückte nun der Prozeß der ‚beruflichen Sozialisation‘ von Lehrern immer mehr in das Zentrum des analytischen und praktischen Interesses der Projektgruppe.[41]

Auch das Konzept der Aktions- bzw. Handlungsforschung ließ sich als Untersuchungsmethode nicht länger aufrecht erhalten; eine „in stärkerem Maße empirische Untersuchungsarbeit“[41] erwies sich als notwendig. Insbesondere dieses Abrücken von den Postulaten der Handlungsforschung stellte Becker fünf Jahre später, 1980, nach dem faktischen Abschluss der Arbeiten des TUP-Projekts, nicht frei von Resignation in den Kontext der veränderten bildungspolitischen Voraussetzungen. „Gleichzeitig steuerte die staatliche Bildungspolitik immer stärker in eine Phase der Restriktionen, und praktische Reformarbeit in Schule und Hochschule wurde immer schwieriger. Die offizielle Förderung in einer Zeit bildungspolitischer Restriktionen und ein stark politisch-praktischer Ansatz schlossen sich aus.“[42]

Von der Hochschuldidaktik zur kritischen Sozialwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn der Versuch gescheitert war, das Didaktische Zentrum als Ort kritischer Reflexion universitärer Forschungs- und Ausbildungsprozesse zu etablieren, bedeutete das für Egon Becker keinen Rückzug von der kritischen Auseinandersetzung mit den damaligen Reformbestrebungen, vor allem aber mit denen im Bereich der Lehrerausbildung, für die das Didaktische Zentrum zuständig war. Eher theoretisch-abstrakt geschah das in dem zusammen mit Bernd Wagner verfassten Buch Ökonomie der Bildung, womit sich beide wohl einen Platz in der Reihe der „Anfang der 1970er-Jahre neomarxistisch orientierte[n] Politologen“ verdient hätten, wie die linken Kritiker der Bildungsökonomik in dem entsprechenden WIKIPEDIA-Artikel stark verkürzt charakterisiert werden. Dagegen wenden sich Becker und Wagner gegen den von ihnen konstatierten „›bildungsökonomischen Grundkonsens‹ zwischen dem ›neomarxistischen‹ Ansatz und der traditionellen Bildungsökonomie“, der „in der Reduktion des Bildungswesens auf seine ökonomische Funktion und der Bildungsökonomie auf ihre strategischen Anweisungen zur Anpassung an die Erfordernisse des ökonomischen Systems“ liege.[43] Sie plädieren stattdessen für eine Fortführung der von Elmar Altvater und Freerk Huisken initiierten Kritik der Politischen Ökonomie des Ausbildungssektors, die „sowohl die Wissenschaft selbst wie auch die real stattfindenden Veränderungen im Bildungsbereich [..] zum Gegenstand“ hat. Sie stellen sich dabei in die Tradition einer materialen Wissenschaftskritik, in der Wissenschaftsanalyse nicht auf die Perspektive einer Einzelwissenschaft verengt ist. „Wissenschaftskritik sollte nicht in der Summe ‚kritischer‘ Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftssoziologie oder Wissenschaftsdidaktik aufgehen; sie war vielmehr als radikale Kritik des gesamten Entstehungs- und Verwendungszusammenhangs bürgerlicher Wissenschaft gedacht – die eigene Existenz als kritischer Kritiker mit eingeschlossen.“[44]

Heruntergebrochen wurden diese im Duktus der 1970er Jahre formulierten allgemeinen Fragestellungen von Becker immer wieder auf Themen wie Berufsorientierung, Studienberatung, Lehrerbildung, Leistungsmessung und Notengebung oder Curriculumforschung. In solchen Themenbereichen spürte er „theoretische Probleme in praktischer Gestalt“ auf und bezog sie dadurch auf umfassende politisch-ökonomische Zusammenhänge. Nach der Selbstauflösung der Bundesassistentenkonferenz (BAK) im Jahr 1974 wurde die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) so etwas wie die neue politische Heimat der kritischen Reformer, die Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik (AHD), aus der später die Deutsche Gesellschaft für Hochschuldidaktik hervorging[45], bildete den Organisationsrahmen für theoretische und konzeptionelle Diskussionen. Becker gehörte bis 1980 dem Vorstand und dem Herausgeberkreis der AHD-Publikationen an.[46]

Nach der gemeinsamen Arbeit im TUP-Projekt kam es Mitte der 1970er Jahre zwischen Egon Becker und dem schon erwähnten Jürgen Ritsert zu einer engen und langanhaltenden Zusammenarbeit, die auf gemeinsamen wissenschafts- und gesellschaftstheoretisch geprägten Interessen beruht.

„Es entstehen mehrere gemeinsame Vorhaben, beispielsweise ein fachbereichsübergreifender Grundkurs über Theorien und Methoden der Sozialwissenschaften, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte große Projekt ›Sozialgeschichte der Sozialwissenschaften und Sozialphilosophie‹, oder das kleine Projekt ›Natur und Naturwissenschaften in der Kritischen Theorie‹. Dabei erweist es sich als vorteilhaft, dass Becker neben Physik und Mathematik auch Philosophie und Soziologie studiert hat, die Texte der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Marcuse) gut kennt und auch in der Marx'schen Kritik der Politischen Ökonomie bewandert ist.[4]

Dass sich die universitäre Welt und darüber hinaus das Bildungssystem Ende der 1970er Jahre resistent zeigten gegenüber kritischen Interventionen aus den eigenen Reihen, bedeutete allerdings für Becker keine Abkehr von seinem Wissenschaftsverständnis. Auch 40 Jahre später bleiben für ihn Lehre und Studium „aktive Momente im universitären Wissensprozess, der hier öffentlich wird, im politischen Raum verortet ist und sich über die Generationen hinweg fortsetzen soll. [..] Die im hochschuldidaktischen Diskurs [..] entwickelten Vorstellungen, Ideen und Konzepte (nennen wir sie einmal abkürzend ‚Theorie’) sind [..] nicht aus meinem Kopf verschwunden. Sie waren bei der Arbeit in der Hochschul- und Wissenschaftsforschung immer ein Ausgangspunkt für Präzisierungen und Kritik und konnten in unterschiedlichen theoretischen Kontexten rekonstruiert werden – um beispielsweise zu untersuchen, wie in einer Universität System und Lebenswelt zusammenhängen, oder wie sich hier das Wissenschaftssystem und das Bildungssystem verschränken.“[47] Erkennbar sind allerdings Schwerpunktverlagerungen im eigenen politisch-wissenschaftlichen Arbeitsfeld.

Von der Wissenschaftstheorie zur Sozialen Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Im Rahmen seiner Professur an der Goethe-Universität war Becker lange Zeit in herausgehobener Position in verschiedenen Hochschulgremien tätig, so unter anderem im Senat. Zudem war er als Mitglied der Gruppe ‚Demokratische Hochschulreform‘ in zentralen Ausschüssen der Goethe-Universität, unter anderem im Lehr- und Studienausschuss. Von 1986 bis 1988 war er Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaften. Zwischen 1984 und 1993 nahm er Gastprofessuren in Kassel, Rio de Janeiro und Mexico City wahr.“[31] Was hier wie ein kursorischer Überblick über eine normale Universitätskarriere klingt, blendet die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus, die für Egon Beckers Hochschullaufbahn seit dem Beginn der 1980er Jahre bestimmend und zugleich Gegenstand wissenschaftlicher Reflexionen waren. In dem Buch Keine Gesellschaft ohne Natur, der 2016 veröffentlichten Sammlung ausgewählter Aufsätze von ihm, das mit dem Abschnitt Ökologie und Politik beginnt, wird das sehr deutlich. In der von Thomas Kluge verfassten Einleitung wird auf die ökonomischen, politischen und kulturellen Veränderungen seit dem Ende der 1970er Jahre Bezug genommen und die in diesem Zusammenhang entstandenen neuen sozialen Bewegungen: Umweltbewegung, Friedensbewegung, Anti-AKW-Bewegung, Frauenbewegung. Dabei gewann vor allem die Auseinandersetzung mit der Ökologie, die sich aus der Sicht vieler Aktivisten und Theoretiker der Umweltbewegung zu einer neuen Leitwissenschaft entwickeln sollte, für Becker an Bedeutung.

Die Naturgruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Becker, dem vom Habitus her auch als Professor viele akademische Gepflogenheiten suspekt waren und der in Doktorandenkolloquien „hauptsächlich Foren für Profilierungen des wissenschaftlichen Nachwuchses und für das Zelebrieren professoraler Eitelkeiten“ sah, ließ sich 1980 von dem damals mit seiner Dissertation beschäftigten Thomas Kluge überzeugen, genau eine solche Veranstaltung anzubieten.[48] Das führte ab dem Wintersemester 1980/81 zu dem regelmäßigen Kolloquium für Doktoranden mit dem Titel Natur und Naturwissenschaft in einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Zu den Teilnehmern, die sich bald als Naturgruppe verstanden, zählten mehrere an Fragen der Wissenschaftskritik interessierte Stipendiaten des Evangelischen Studienwerks Villigst. Andere Teilnehmer versuchten, das Marxsche Verfahren einer Kritik der politischen Ökonomie auf eine Kritik der Naturwissenschaften zu übertragen, und auch Naturwissenschaftler mit wissenschaftskritischen Ambitionen schlossen sich an. „Sämtliche Teilnehmer hatten neben ihren jeweiligen Fächern auch Philosophie studiert. Und in gewisser Weise befanden sich alle in einer Phase biographischer Umbrüche.“[48]

Die Arbeit in der Naturgruppe, die sich 1985 aufgrund unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer und politischer Auffassungen auflöste, hatte dennoch weitreichende Folgen. Becker und Kluge gehörten zu den Mitbegründern des ISOE und Becker bekannte: „Ohne die gemeinsame Arbeit in der Naturgruppe wäre ich wohl kaum in der Lage gewesen, meine Rolle bei der Begründung und Institutionalisierung der Sozialen Ökologie angemessen auszufüllen.“[48] Seit der gemeinsamen Zeit in der Naturgruppe arbeitet Becker auch bis heute mit Bernhard H. Schmincke zusammen, der theoretische Physik, Philosophie und Medizin studiert hat und als Arzt und Naturschützer in Detmold lebt. In ihrer Zusammenarbeit geht es um Fragen der Naturphilosophie, der Wissenschaftstheorie der Physik und der Philosophischen Anthropologie. Die bislang letzte gemeinsame Publikationen aus dieser Zusammenarbeit erschien 2015 und trägt den Titel Die Entdeckung der Unmöglichkeit einer kritischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse durch Thomas Gehrig (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie).

Die Wald-Uni[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Kontext der zuvor erwähnten neuen Sozialen Bewegungen gehörte auch die Bürgerbewegung gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, die sich vor allem im Kampf gegen den Bau der Startbahn West gebildet hatte. Diese Bürgerbewegung versuchte seit den 1970er Jahren, mit Mitteln des zivilen Ungehorsams, mit politischen und juristischen Interventionen und schließlich auch mit einem Volksbegehren den Bau der Startbahn zu verhindern.

Im Februar 1982, das Volksbegehren gegen die Startbahn West war bereits im Oktober 1981 durch den Staatsgerichtshof des Landes Hessen abgelehnt worden, war die Wiederaufnahme der für den Bau der Startbahn notwendigen Rodungsarbeiten absehbar. Dennoch erschien in der Februar-Ausgabe des umwelt express. Zeitung der Bürgerbewegung gegen die Startbahn West ein Artikel, der weiteren Widerstand signalisierte: „Die Walduniversität wird Realität! Nach lange verzögerter Geburt ist sie nun endlich da. Am 14./15.2.82 findet in Mörfelden-Walldorf die Eröffnungsveranstaltung statt. Neben Vorträgen über die ökologischen Folgen des Startbahnbaus für Tier- und Pflanzenwelt, über den gewaltfreien Widerstand in parlamentarischen Demokratien und über Arbeit und Arbeitslosigkeit im Rhein/Main Gebiet gibt es jede Menge Diskussionen zu aktuellen Problemen des ökologischen Kampfes in Gesellschaft und Politik.“[49]

Die Initiative zu dieser im März 1982 durch den Umweltpfarrer Kurt Oeser eröffneten Wald-Uni ging maßgeblich von dem Politologen Egbert Jahn aus und wurde vor allem von Mitgliedern der Frankfurter Universität getragen, darunter auch Becker und die oben erwähnte Naturgruppe, die im März 1982 im Rahmen der Wald-Uni eine Arbeitsgruppe „Politik mit Gutachten. Die falsche Alternative: Ökologie und Ökonomie“ initiierte.

„Dort wird intensiv darüber diskutiert, wie sich die parlamentarische Politik gegenüber Einsprüchen von Bürgerinitiativen verhält, welche Rolle der Wissenschaft in diesen Prozessen zukommt, wie mit wissenschaftlichen Gutachten Politik betrieben wird und welche Bedeutung dem Laien-Wissen zukommt. Diese Diskussionen wirken auf den Hochschulbetrieb zurück: In Vorlesungen und Seminaren einer kleinen Professorengruppe aus mehreren Fachbereichen werden Themen behandelt, die in einer osmotischen Verbindung zu diesen politischen Prozessen stehen: Bei Becker geht es um das Verhältnis Mensch/Natur/Gesellschaft in verschiedenen Wissenschaften, den neuzeitlichen Naturbegriff, die Naturfrage bei Marx, den Sozio-Biologismus, ... Heute ist es nur noch schwer verständlich, wie derartige scheinbar bloß akademische Themen untergründig mit dem Startbahn-Konflikt verbunden waren - aber sie waren es.[50]

Der damalige Präsident der Goethe Universität, der Chemie-Professor Hartwig Kelm, und der damalige hessische Kultusminister Hans Krollmann kritisierten das Vorhaben heftig und forderten die Initiatoren auf, ihre Unterstützung zurück zu ziehen. Bereits am 16. Februar 1982 wurde in einer kleinen Anfrage der CDU-Abgeordneten Gottfried Milde senior, Heinrich Lauterbach und Arnulf Borsche die Qualifikation von Egbert Jahn für eine politikwissenschaftliche Professur massiv bestritten. Er betreibe eine „verbale Harmonisierung von Ungereimtheiten“ und sei mit den „elementaren Bedingungen der demokratischen Ordnung nicht vertraut.“ Wegen dessen „fataler Minderqualifikation“ sei seine „führende Funktion in der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, die mit bedeutenden Landesmitteln gefördert wird“ nicht zu verantworten.[51]

Dienstrechtlich blieb dieser politische Angriff für Egbert Jahn zwar folgenlos, allerdings durfte aufgrund eines Gerichtsentscheids der Name Walduniversität nicht mehr verwendet werden. In der Folge wurde ein Trägerverein für die „Walduni“ gegründet, doch Universitätspräsidenten Kelm untersagt Jahn, Räume der Goethe-Universität, seine Diensträume und die Unipost für die Walduni zu nutzen.

Dass die Veranstaltungen der Wald-Uni nicht nur auf das Denken und Handeln ihrer Teilnehmer einwirken wollten, sondern für alle Akteure bedeutsam waren, machte Becker 2008 in einem Interview deutlich. Gefragt, wer oder was ihn in seinem Engagement für die Umwelt besonders geprägt habe, antwortete er: „Umweltpolitisch geprägt haben mich in den 1970er und 1980er Jahren Konflikte wie die um den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Eine prägende intellektuelle Herausforderung waren für mich in dieser Zeit Texte wie die Studie des Club of Rome über Die Grenzen des Wachstums oder Hans Magnus Enzensbergers Kritik der politischen Ökologie.“[52]

Auf dem Weg zur Sozialen Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Kind der oben erwähnten neuen Sozialen Bewegungen ist auch die Partei Die Grünen, die am 12./13. Januar 1980 in Karlsruhe gegründet worden war, und die in Hessen vor allem durch die Umweltbewegung gegen die Startbahn West politisches Gewicht errang. Es ist alles andere als ein Zufall, dass Beckers Buch Keine Gesellschaft ohne Natur mit einem Aufsatz beginnt, der in der Folge einer Diskussion der Frankfurter Wählerinitiative der »Spontis für die Grünen« im September 1983 entstanden war und in der „eher am Rande [..] auch über eine naturphilosophische und ethische Fundierung grüner Politik gestritten“ worden war.[53]

Für Egon Becker, der bei dieser Veranstaltung auf dem Podium saß, bot sich hier die Gelegenheit, „über Wissenschaft nicht nur nachzudenken, sondern dieses Ansinnen auch in die Hand zu nehmen“[4], wissenschaftliche Arbeit und politische Aktivitäten noch stärker miteinander zu verzahnen. Im Nachgang zu der Diskussion hat er 1984 den Aufsatz Natur als Politik? veröffentlicht[54], in dem er sich mit dem ökologischen Verständnis von Manon Maren-Grisebach und Carl Amery auseinandersetzte.

„Sie glaubten, eine sichere Begründungsbasis in der biologischen Ökologie gefunden zu haben, die sie in den Rang einer ›neuen Leitwissenschaft‹ erheben, um so den ›Platz des Menschen in der Welt‹ korrekt zu bestimmen und die wissenschaftliche Grundlage für eine ›radikale Kritik des Industriesystems‹ zu finden. Becker analysiert die Doppelgestalt dieser Begründungsversuche als eine ›technizistische Romantik‹, die den grünen Diskurs zu ordnen versucht: einerseits ein lebensphilosophisch eingefärbtes ganzheitliches Denken; andererseits ein Bild der Natur als biokybernetische Weltmaschine. In dem Aufsatz ist eine Denkbewegung vorgezeichnet, die sich durch die gesamte Geschichte der Sozialen Ökologie ziehen wird: Kritik an vorschnellen naturalistischen oder kulturalistischen Lösungen der ›Naturfrage‹ und Konzentration auf die inzwischen erkennbar gewordene neue theoretische Problematik. Mit der Konzentration der theoretischen Aufmerksamkeit auf Beziehungen statt auf Dinge und pauschale Großentitäten wie ›Gesellschaft‹ oder ›Natur‹ bekommt die Naturfrage eine Fassung, die sich unter den ontologischen und epistemologischen Voraussetzungen des modernen dualistischen Denkens nicht mehr beantworten lässt. Die Zeit war reif für neues Denken und eine starke wissenschaftspolitische Intervention.[53]

Die Forschungsgruppe Soziale Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Chance für „eine starke wissenschaftspolitische Intervention“ kam aus dem politischen Raum. 1985 konstituierte sich in Hessen erstmals in Deutschland eine Koalitionsregierung unter Beteiligung der Grünen: Joschka Fischer wurde Minister für Umwelt und Energie im 3. Kabinett von Holger Börner. In der Folge berief der Hessische Ministerpräsident im Mai 1986 eine unabhängige Gutachtergruppe und Egon Becker als deren Sprecher. Die berufenen Gutachter (neben Becker Hildegard Brenner, Iring Fetscher, Wilhelm Schumm[55], Klaus Traube und Ernst Ulrich von Weizsäcker) und die auf Zeit eingestellten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Thomas Jahn, Thomas Kluge, Martina Kreß[56], Fritz Reusswig[57], Michael Scharping[58], Elvira Scheich, Engelbert Schramm, Irmgard Schultz[59], Corinna Willführ[60]) „bildeten zusammen die ‘Forschungsgruppe Soziale Ökologie’. Der Auftrag an die Forschungsgruppe lautete, bis Ende 1987 ein Gutachten über ‘inhaltliche Forschungsschwerpunkte’ und über den ‘organisatorischen Rahmen’ der sozial-ökologischen Forschung in Hessen zu erstellen“.[61]

Die Forschungsgruppe, die schon zu Beginn der Arbeit beschlossen hatte, gemeinsam einen Text ohne Nennung individueller Autorinnen und Autoren zu verfassen, versucht im Teil A des Gutachtens unter dem Titel Soziale Ökologie – Ein wissenschaftlicher Neueinsatz? die Frage zu beantworten, was unter Sozialer Ökologie verstanden werden soll. Dem folgt mit dem Teil B ein einstimmiges Votum der Gutachtergruppe für eine disziplinübergreifende neue wissenschaftliche Herangehensweise, in der weder die naturwissenschaftlichen noch die sozialwissenschaftlichen Disziplinen dominieren sollen.[62] Betont wird zudem, dass es eine „der Grundtatsachen sozial-ökologischer Forschung [ist], daß sie wesentliche Anstöße von außerhalb der Universitäten erhält, darunter solche, die von zivilisationskritischen und naturphilosophischen Autoren und Autorinnen ausgehen“.[63] Und: „Die Erforschung sozial-ökologischer Probleme in Hessen sowie die Entwicklung von Modellen umweltverträglicher Arbeits- und Lebensformen muß unter aktiver Einbeziehung der jeweils Betroffenen geschehen, denen das Recht eingeräumt werden muß, die Fortentwicklung der wissenschaftlichen Fragen mitzubeeinflussen. Hier zeigt sich, daß die sozial-ökologische Forschung auch methodisch über die traditionelle Wissenschaft hinausführen muß.“[64] Diese Forderung verweist auf Intentionen, die schon mit der Wald-Uni verfolgt worden waren.

In der Abwägung unterschiedlicher Modelle und Möglichkeiten, sozial-ökologische Forschung in Hessen zu verankern und langfristig finanziell abzusichern, kommen die Gutachter „zu dem Ergebnis, daß
− mittels eines Forschungsförderungsgesetzes eine parlamentarisch kontrollierte und öffentlich legitimierte thematische Förderung sozial-ökologischer Forschung erforderlich ist und
− durch die Gründung eines vom Land getragenen und zugleich auf Drittmittel angewiesenen außeruniversitären "Hessischen Instituts für Soziale Ökologie"
die charakterisierten Defizite in der hessischen Forschungslandschaft angemessen bearbeitet werden können.“[65]

Ein Institut für die sozial-ökologische Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob eine rot-grüne Landesregierung bereit gewesen wäre, diesem Votum zu folgen, muss offen bleiben. Als die Forschungsgruppe ihr Gutachten der hessischen Staatskanzlei übergab, regierte dort bereits der von der CDU gestellte Ministerpräsident Walter Wallmann. Die rot-grüne Koalition war im Februar 1987 zerbrochen, weshalb es im April 1987 zu Neuwahlen gekommen war, die zu einer CDU-FDP-Koalition unter Walter Wallmann führten. Für den nahm dessen Staatssekretär, Alexander Gauland, das 500seitige Gutachten in Empfang. Trotzdem ging Becker davon aus, dass das „angesammelte "geistige Kapital" [..] nicht einfach abgeschrieben oder vergeudet werden [sollte]. Sozial-ökologische Problemlagen werden durch einen Regierungswechsel nicht zum Verschwinden gebracht; wissenschaftliche Versuche, sie genauer zu erkennen und bearbeitbar zu machen, sollten politische Konjunkturen überdauern.“[61]

Gleichwohl war mit der fristgerechten Übergabe des Gutachtens die Arbeit der Forschungsgruppe Soziale Ökologie zunächst einmal beendet; am 1. Januar 1988 wurden neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitslos. Aber: „Aus dieser Gruppe geht schließlich [1989] die außeruniversitäre Gründung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt hervor. In der Gründungsphase dieses Instituts wird zunächst ein Anschluss an das frühe interdisziplinäre Forschungsprogramm von Horkheimer gesucht und dessen Vorstellungen von einer »dynamischen Konstellation von Individuum, Gesellschaft und Natur« eigenständig theoretisch weiterentwickelt.“[4] Die Hoffnungen des Mitbegründers Egon Becker hatte sich erfüllt.

Auch größere hochschul- und wissenschaftspolitische Veränderungen im Sinne des Gutachtens schienen damals nicht ausgeschlossen. Im Dezember 1989 gab die Bundestagsfraktion der Partei DIE GRÜNEN ein Gutachten in Auftrag, in dem die Bedingungen und Möglichkeiten einer ökologischen Orientierung des Wissenschaftssystems untersucht werden sollten (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie). Becker hat dieses Gutachten verfasst, und dabei stark auf seine hochschul- und wissenschaftssoziologischen Studien und seine Vorarbeiten für die Forschungsgruppe Soziale Ökologie zurückgegriffen. Im Zentrum stand der Versuch, eine Theorie der Hochschule aus sozial-ökologischer Sicht zu entwerfen. Darauf aufbauend werden dann Probleme und Ansatzpunkte einer sozial-ökologischen Wissenschafts- und Hochschulpolitik behandelt und politische Konsequenzen formuliert.

Das Gutachten ist in den Wirren der Deutschen Wiedervereinigung untergegangen. Becker und sein damaliger Mitarbeiter, Peter Wehling[66], haben die hochschul- und wissenschaftspolitischen Teile später umgearbeitet. Daraus ist 1992 das Buch Risiko Wissenschaft. Ökologische Perspektiven in Wissenschaft und Hochschule entstanden.

In dem Gutachten wird aber auch das bereits für die Forschungsgruppe Soziale Ökologie skizzierte Allgemeine Programm einer sozial-ökologischen Forschung weiter ausgearbeitet und genauer begründet. Soziale Ökologie wird darin in mehrfacher Weise bestimmt:
• als problemorientierte Forschung
• als Projektwissenschaft
• als Krisenwissenschaft
• als Grenzwissenschaft
• als Interdisziplin
• als kritische Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse.

Im ISOE wurden die einzelnen Bestimmungen zu einer Programmatik für die Projektarbeit im Institut verdichtet. Seit seiner Gründung versucht das Institut dieser Programmatik zu folgen, und auch Becker orientiert sich bei seiner Theoriearbeit bis heute daran. Eine Zwischenbilanz erfolgte 2006 in dem zusammen mit Thomas Jahn herausgegebenen Buch Soziale Ökologie. Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen. In dem Buch Keine Gesellschaft ohne Natur ist eine Auswahl seiner Beiträge zur Entwicklung einer Sozialen Ökologie zusammengestellt und von Thomas Kluge kommentiert worden.

Außeruniversitäre Forschung und universitärer Alltag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es kann vorausgesetzt werden, dass die Gründung eines außeruniversitären Forschungsinstituts mit vielen Risiken – nicht zuletzt finanziellen – verbunden ist und Arbeitskraft bindet.[67] Gleichwohl hatte Egon Becker in den 1980er und 1990er Jahren auch noch seine Verpflichtungen als Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität zu erfüllen. Das waren nicht nur Lehrveranstaltungen, sondern auch die Betreuung und Begutachtung zahlreicher Diplomarbeiten und Dissertationen. An diesem Fachbereich engagierte er sich in dieser Zeit auch, wie oben schon erwähnt, über sechs Jahre in der Fachbereichsleitung, davon zwei Jahre als Dekan. In dieser Zeit befand sich der Fachbereich im Umbruch, hatte einen Strukturplan auszuarbeiten und Zukunftsvorstellungen zu entwerfen. Eine seiner Nachfolgerinnen als Dekanin, Isabell Diehm[68] bescheinigt ihm einen „expliziten und dabei absolut fundierten interdisziplinären Blick auf die Erziehungswissenschaft“, das Festhalten „an kritischer Mehrperspektivität“ und Engagement „gegen technokratische Reformbestrebungen“. Dies habe ihn befähigt, „studentische Kritik, die sich auf Lehre und Didaktik bezog, ernst- und aufzunehmen“.[69]

In Beckers Lehrveranstaltungen ab 1985 überwiegen anfangs noch Themen, die die Reflexionen über Wissenschaften oder deren Selbstreflexion zum Gegenstand haben[70]: „Sozialwissenschaftliche Theorie und soziale Wirklichkeit“, „Einführung in Denkweisen der Soziologie und Erziehungswissenschaft“, „Naturwissenschaft und kritische Gesellschaftstheorie“, „Die Universität als soziales System“. Darin geht es auch immer um die Erneuerung der kritischen Theorie im Lichte neuerer Entwicklungen in den Naturwissenschaften und in den Systemtheorien. Ab dem Sommersemester 1991 tauchen biologische und soziale Ökologie explizit in den Themen der angekündigten Lehrveranstaltungen auf: „Umwelterziehung oder ökologische Pädagogik“, „Sozialökologischen Wissenschaftsforschung: Chaos und Selbstorganisation in Natur und Gesellschaft“. Das außeruniversitäre Forschungsinteresse, das vielfach auch begleitet wird von Interventionen im politischen Raum[71], verschränkt sich zunehmend mit der universitären Lehre.

Umwelt und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab dem Beginn der 1990er Jahre ist dann noch eine zweite Tendenz aus Beckers Lehrangeboten ablesbar. Fragen der biologischen, sozialen und kulturellen Ökologie werden um eine ausdrücklich globale Betrachtungsweise erweitert, Veranstaltungsthemen wie „Umwelterziehung und Umweltzerstörung in der ‘Dritten Welt’“ (1991) oder „Ökologie und Entwicklung: Aspekte einer Theorie des praktischen Überlebenswissens“ weisen die Richtung. Hintergrund hierfür ist seine Mitarbeit an dem am Fachbereich Erziehungswissenschaften angesiedelten Aufbaustudiengang Erziehung und internationale Entwicklungen, der auf Vorarbeiten von Ernest Jouhy und Patrick Dias[72] basierte.

„Es war ein englischsprachiger international orientierter Studiengang, in dem im Jahresturnus Fragen der Entwicklung, der Modernisierung und der Ökologie kritisch gelehrt und diskutiert wurden. Die Studierenden kamen von allen Kontinenten. Im ersten Studienjahrgang war das Generalthema Umwelt und Entwicklung.[73]

Egon Becker war für dieses ‚Generalthema‘ verantwortlich. Er versuchte zusammen mit Studierenden aus Afrika, Lateinamerika und Europa die Idee einer nachhaltigen Entwicklung mit dem Diskurs über Entwicklungspolitik zu verbinden. Ins Zentrum rückten dabei die menschlichen Grundbedürfnisse:

„Die menschlichen Aktivitäten, mit denen Grundbedürfnisse befriedigt werden, begründen zugleich Verhältnisse zur natürlichen Mitwelt, zu anderen Menschen und zum kulturellen Umfeld. Es sind gesellschaftliche Naturverhältnisse, die dauerhaft reguliert werden müssen, damit menschliches Leben möglich und der gesellschaftliche Lebensprozeß intergenerativ fortsetzbar ist. (...) Arbeit und Produktion, Ernährung, Fortbewegung und Fortpflanzung sind basale Naturverhältnisse; Kleidung, Wohnung und Schutz vor Bedrohungen sind von der Regulation dieser basalen Verhältnisse abhängig. Die verschiedenen Regulationsformen bilden Elemente einer historischen Kultur, sind eingebunden in symbolische Ordnungen – vermittelt über Sprache, Riten, Mythen, Religion, Kunst und Wissenschaft.[74]

Diese Bestimmung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse wird in den programmatischen Arbeiten des ISOE seit Jahren zwar variiert, aber im Kern nie verändert.[75]

Im Sommersemester 1995 fand unter dem Titel „Umwelt und Entwicklung in verschiedenen Kulturen“ Beckers letzte Lehrveranstaltung in diesem Arbeitsfeld statt. Im Jahr 1998 stellte die Universität nach längeren Auseinandersetzungen den Aufbaustudiengang endgültig ein.

„Heute kann man sagen, dass es eine für Frankfurter Verhältnisse zu früh gestartete Initiative war, wurde sie doch von vielen im Fachbereich Erziehungswissenschaften mit Missgunst betrachtet und im Zusammenspiel mit Universitätsspitze und Wissenschaftsministerium auf eine kaum noch nachvollziehbare Weise eingeengt, ausgetrocknet und schließlich abgebrochen. Heute freilich wäre sie ein wichtiger Beitrag zu einer sich als exzellent und international darstellenden Universität.[73]

Danach folgten Veranstaltungen, die sich wieder vorrangig der Wissenschaftskritik und der Reflexion über Wissenschaft zuwandten. Nicht immer sind die Veranstaltungsthemen explizit sozialökologisch konnotiert, doch man kann davon ausgehen, dass die Soziale Ökologie für die meisten seiner Veranstaltungen der zentrale Bezugspunkt geblieben ist.

Die Universität – eine paradoxe Institution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer seiner letzten Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1999 widmete sich Becker noch einmal der „paradoxen Institution“, der er so lange Jahre verbunden war, und der er nach dem darauffolgenden Wintersemester vorzeitig den Rücken kehrte. Als einen Grund dafür gibt er in einem Interview an, dass er nicht mehr in einer Institution mit einem ökonomistischen Selbstverständnis arbeiten wollte; ein anderer Grund war wohl der Abbruch des Aufbaustudiengangs „Erziehung und internationale Entwicklungen“[76]

Abschied von Illusionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kritik an der Ökonomisierung der Universität sowie deren fehlender Wille zur Selbstreflexion und demokratischer Erneuerung machte er zum Thema seiner am 28. Januar 2000 gehaltenen Abschiedsvorlesung unter dem Titel Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie). Er geht von einer ihm „banal“ vorkommenden Beschreibung aus: In einer Universität seien „Forschung, Lehre und Studium zusammengehörige Momente der Wissenschaft“ – und genau dieser Zusammenhang mache den ›Kern‹ der Universität aus. Darauf bezogen stellt er eine normative These auf: „Politik an der Universität, das sollte die Fortsetzung der Wissenschaft mit anderen Mitteln sein.“[77] Gemeint war damit wohl kaum die real existierende Wissenschaft, sondern das Wissenschaftsideal diskursiver Verständigung, das in ein politisches Ideal zur Realisierung demokratisch-partizipativer Formen weitergeschrieben werden sollte. Im Rückblick auf dreißig Jahre Hochschulentwicklung sei dieses Reformkonzept, das auch er immer wieder vertreten habe, gescheitert.[78]

„Dass politische Willensbildung in der Universität durch Diskurs, Partizipation und Öffentlichkeit zu Stande käme, war die idealistische Voraussetzung dieses Konzeptes. Später wurde es als Gremienverfassung mit paritätischer Vertretung der einzelnen Statusgruppen rechtlich ausgestaltet. Heute müssen wir feststellen, dass daraus keine demokratische Universität hervorgegangen ist, sondern eine komplizierte Partizipationsbürokratie.[79]

Dieser „Partizipationsbürokratie“ fehle der gesellschaftskritische Stachel und der demokratische Veränderungswille. Statt dessen habe ein betriebswirtschaftlicher Jargon Einzug gehalten und „die Worte, mit denen über die allgemeinen Angelegenheiten und Probleme der Universität gesprochen wird, [entstammen] vorwiegend der ökonomischen Sphäre“.[80] Er gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass sich die Wissenschaft so verändern kann, dass zukünftig eine demokratische Politik an der Universität möglich wird.[78]

Becker nimmt in seiner Abschiedsvorlesung „Abschied von Illusionen“ – auch von seinen eigenen, die in dem von ihm benutzten kollektiven „uns“ enthalten sind.

Erstens ist uns die theoretische Sicherheit abhanden gekommen, in der Marx'schen Kritik der politischen Ökonomie den passenden Schlüssel zum Verständnis der globalen kapitalistischen Gesellschaft gefunden zu haben, Gesellschaftstheorie also mit marxistischer Gesellschaftspolitik in eins setzen zu können. Und zweitens hat sich die geschichtsphilosophische Sicherheit eines dualistischen Weltbildes aufgelöst, wonach der Sozialismus die einzige historische Alternative zum Kapitalismus sei. [..]
Ich finde den Verlust dieser irrlichternden Orientierungen nicht übermäßig bedauerlich. Mit ihnen ist das Pathos, der selbstgerechte Entlarvungsgestus und der autoritäre Dogmatismus der radikalen Linken entweder verschwunden oder zur lächerlichen Pose erstarrt. Es können jetzt unbefangener und mit weniger historischem Ballast schon lange virulente Fragen neu gestellt werden.[80]

Den im Geist der kritischen Theorie formulierten Gedanken, „die Universität sowohl als Ort der Wissenschaft als auch als Ort der Politik anzusehen – als Produktionsstätte und als demokratische Republik“[81], hält er dadurch aber keineswegs für obsolet. Er konstatiert allerdings einen Wandel, in dem die Universität „unter äußerem Anpassungsdruck und innerem Problemdruck eine neue Gestalt“ annimmt: die eines modernen Dienstleistungsbetriebes.[81] Damit einher gehe der Ersatz der „ineffiziente[n] Partizipationsdemokratie durch ein effizienteres Management“, das der Professorenschaft weitgehend genehm sei, aber die Rolle der Studenten neu definiere: „Wenn die Universität zum Dienstleistungsunternehmen umdefiniert wird, dann werden die Studenten zu Kunden, die Dienstleistungen annehmen oder verweigern können.“[82] Becker hofft allerdings, dass sie sich stärker wieder auf ihre Produzentenrolle besinnen.

„Dann könnten sie, statt mehr Sitze in Gremien zu verlangen, in denen nur in einem sehr eingeschränkten Sinne Demokratie praktiziert wird, mehr Beteiligung an der Forschung einfordern. Ihr politisches Ziel wäre dann, in den Forschungsbetrieb hineinzukommen und nicht in die Gremien. Das wäre eine spannende Entwicklung: Die Fortsetzung der Wissenschaft als Politik bekäme dann eine neue Gestalt. Die Frage, wer zu den Bürgern der akademischen Republik gehört, könnte dann erneut auf die Tagesordnung gesetzt werden.[82]

Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass er in seiner Abschiedsvorlesung auch begründet, warum er mit der Gründung eines privatrechtlich organisierten außeruniversitären Forschungsinstituts, dem ISOE, für sich den Zusammenhang von Lehre und Forschung institutionell auftrennte: Lehre an der Universität und Forschung im ISOE. Darüber jedoch sprach er nicht.[83]

Die Akteure der universitären Erneuerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwölf Jahre später, in einer vom ISOE an der Goethe-Universität organisierten Vorlesung Nachhaltige Wissensprozesse – Bleibt die Universität ein privilegierter Ort der Wissenschaft? (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie), knüpft Becker direkt an seine Abschiedsvorlesung an und macht erneut das Verhältnis von Forschung und Lehre zum Thema. Er konstatiert starke Veränderungen der Universität durch den Bologna-Prozess, der die Struktur von Lehre und Studium verändert habe, und durch die Exzellenzinitiative, die einseitig forschungsfokussiert sei. Beide Prozesse zusammen würden den Eindruck erwecken, „als ob Lehre und Forschung unabhängig voneinander verändert werden könnten“ und so den Kern dessen zerstören, „was seit dem 19. Jahrhundert eine moderne Universität charakterisiert“. Hinzu käme die nach wie vor vorherrschende ökonomische Begründung von Reformen, die auf die Funktionalität der Universität für außerwissenschaftliche Zwecke ziele und sie zum Dienstleistungsunternehmen degradiere.[84]

Dem setzt Becker die Vorstellung entgegen, die Universitäten seien Orte, an denen in einem breiten Fächerspektrum und in vielfältigen Diskurs- und Kommunikationsformen das Wissen über Mensch, Gesellschaft und Natur durch Forschung ständig erneuert, auf Wahrheit und Richtigkeit geprüft und theoretisch geordnet werde. So könne der gesellschaftliche Wissensprozess nachhaltig in Fluss gehalten und intergenerationell weitergetrieben werden. Auf diese Weise sorge die Universität „für die Nachhaltigkeit gesellschaftlicher Wissensprozesse“.[85] Die klassische „Idee der Universität“ lasse sich daher im Horizont der Nachhaltigkeit neu formulieren, allerdings nur dann, wenn ein „prozessorientiertes Nachhaltigkeitsverständnis“ im Sinne des Brundtland-Berichts zugrunde gelegt werde.[86]

Dieses neue Verständnis, das er in der Sozialen Ökologie – und damit auch in der Arbeit des außeruniversitären ISOE – bereits fest verankert sieht[86], scheint ihm für die Universitäten weitaus schwerer durchsetzbar, denn der gesellschaftliche Wissensprozess habe sich in der Informationsgesellschaft radikal verändert, sei im Internet gewissermaßen ortlos geworden. Becker stellt daher die Frage:

„Wie können Universitäten unter den Bedingungen der ›Informationsgesellschaft‹ sich so verändern, dass sie nachhaltige Entwicklungen befördern und dabei zugleich ihren Eigensinn und ihre systemische Funktion gegen den Ökonomisierungsdruck und die Exzellenzillusionen stärken?[87]

Angesichts der fortgeschrittenen Aufspaltung der Wissenschaft in Teildisziplinen lasse sich diese Frage nicht mehr in der Tradition des Humboldtschen Einheitsgedankens (Einheit der Wissenschaft, Einheit von Forschung und Lehre, Einheit von Wissenschaft und Bildung, Einheit von Lehrenden und Lernenden) beantworten, sondern verlange ein neues Programm:

„Auch das Programm einer nachhaltigen Wissenschaft braucht spezifische kommunikative Formen wissenschaftlicher Argumentation, die sich sowohl in der universitären Lebenswelt als auch in öffentlichen Diskursen praktizieren lassen. Dazu gehören: Orientierung an sozial-ökologischen Problemlagen, Inter- und Transdisziplinarität sowie fachübergreifende Kooperationen. Doch eine philosophisch begründbare Einheit der Wissenschaft kann dabei nicht mehr unterstellt werden. In diesem Wissenschaftsverständnis ist die Einheit lediglich eine regulative Idee, die ausdrückt, dass problemorientierte Inter- und Transdisziplinarität unter bestimmten Bedingungen gelingen kann - und unter anderen scheitert.[88]

Der Eindruck drängt sich auf, dass hier das in der Sozialen Ökologie entwickelte Wissenschaftsverständnis als neue Leitidee der Universität propagiert wird.

Wie oben schon ausgeführt, begründete Becker seinen vorzeitigen Abschied von der Universität auch damit, dass die Forderungen der studentischen Protestbewegung der späten 1990er Jahre im Horizont des ökonomischen Denkens verblieben seien.[76] Trotzdem weist er in seinem Universitätskonzept des Jahres 2012 jenen Studentinnen und Studenten eine zentrale Rolle zu, „deren Intelligenz, Neugier, Kreativität, Sensibilität, Motivation und Lernfähigkeit [..] die Voraussetzungen dafür [sind], dass sich der Wissensprozess von Generation zu Generation auf hohem Niveau fortsetzen kann.“[89] Gemeint sind damit sicherlich nicht alle Studierenden, aber Becker geht davon aus, dass strukturell alle die Möglichkeit haben, lernend zu forschen und forschend zu lernen. Studentinnen und Studenten waren für ihn immer zukünftige ‚Wissenschaftler‘, auch wenn sie nach dem Studium in ganz anderen Berufen tätig werden, und daraus resultiert sein jahrzehntelanger Widerstand gegen die Umformung der Universität zu einer Ausbildungseinrichtung für die Studierenden mit Forschungsprivilegien für die Professorenschaft.

Diese Sicht auf die Studierenden basiert auf Beckers These, die Struktur der Universität sei dadurch bestimmt, dass sich in deren Organisationsrahmen das Bildungs- und das Wissenschaftssystem überlappen.[90] Nach seiner Auffassung manifestieren sich in diesem Überlappungsbereich sowohl die strukturellen Probleme als auch die interessanten Möglichkeiten der Universitäten, durch die sie sich von anderen Bildungseinrichtungen und auch von reinen Forschungsinstituten unterscheiden, und hier verorten sich frühe Reformprojekte wie das „Forschende Lernen“ (BAK) oder das „Projektstudium“ (Bremen) ebenso wie Beckers eigene projektorientierte universitäre Aktivitäten (siehe oben). Auf diesen Ort sollten sich nach seiner Auffassung studentische Aktivitäten konzentrieren.

Im Rückblick auf eine Jahrhunderte alte europäische Universitätstradition stellt er fest: „Öffentlichkeit des wissenschaftlichen Wissens und die Existenz von Studentinnen und Studenten als zukünftige Träger des Wissens konstituieren das Erneuerungspotential der Universität.“[91] Abschließend appelliert er an seine Kolleginnen und Kollegen in der Universität und markiert dabei zugleich eine Differenz zur außeruniversitären Forschung, in der ja in der Regel keine Lehre stattfindet:

„Für die universitäre Wissenschaft ist aber entscheidend, dass das Wissen in eine lehrbare Form gebracht und dass es im Verständnis- und Erfahrungshorizont der Studierenden Resonanzen erzeugt, denn sie müssen den gesellschaftlichen Wissensprozess in Fluss halten und weitertreiben. Um es nochmals und abschließend zu sagen: Das wichtigste Potential einer Universität sind die intellektuellen Fähigkeiten und Motivationen ihrer Studentinnen und Studenten. Ob die Universitäten dieses Potential aktivieren oder austrocknen lassen, daran wird sich entscheiden, ob sie privilegierte Orte der Wissenschaft bleiben - oder zu dem werden, was sich manche Wünschen: angepasste Dienstleistungsunternehmen.[92]

Die offenen Fragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das gesellschaftliche Wissen durch Forschung ständig zu erneuern und zu verbessern, ist sicherlich nicht nur Egon Beckers Forderung an die Universität, sondern für ihn auch Selbstverpflichtung und kein abgeschlossener Prozess. In dem schon zitierten Interview mit der Zeitschrift GAiA aus dem Jahre 2008 skizziert er seine damit verbundene Motivation folgendermaßen:

„Die Menschheit hat im Verlauf ihrer Geschichte ein ungeheures Wissen produziert und angesammelt. Seit Jahrzehnten beschäftigt mich die Frage Bertolt Brechts, wie dieses Wissen von den Menschen genutzt werden kann, um ein glückliches Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu führen. Hinzugekommen ist die Frage, wie dabei zugleich unsere natürlichen und kulturellen Lebensgrundlagen erhalten und erneuert werden können. Auf diese Fragen habe ich bis heute keine befriedigende Antwort gefunden.[52]

Egon Becker anlässlich der Feier zu seinem 80. Geburtstag am 18. November 2016 im Gästehaus der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Foto: ISOE)

Acht Jahre später, anlässlich der Feier zu seinem achtzigsten Geburtstag, formulierte er drei Fragen, die ihn „schon lange umtreiben und bedrängen“ und die er in sich biographisch verwurzelt sieht:

  • „Was bedeutet es heute noch, links zu sein?
  • Was bedeutet die Allgegenwart der digitalen Welt und des digitalen Kapitalismus in Alltag, Wissenschaft und Politik?
  • Was bedeutet es, wenn Wissenschaftler erkennen, dass sie ein Teil des Gegenstandes sind, den sie erkennen möchten?“[93]

Becker lässt diese Fragen offen. Die dritte verweist auf das Beobachterproblem, das er schon dreißig Jahre zuvor in einem Beitrag über Albert Einstein thematisiert und mit dem er sich auch in der Physik beschäftigt hatte.[94] Die beiden anderen Fragen stellt er aber in einen gesellschaftlichen Kontext:

„Ich verstehe mich immer noch als links. Doch das Koordinatensystem hat sich verschoben, die Eindeutigkeiten haben sich aufgelöst, und die Zwischentöne sind wichtiger geworden. Tröstlich ist: der Geist der Utopie erwacht immer wieder, wenn auch schwer zu erkennen ist, ob es dafür noch ein historisches Subjekt gibt. Und wie ist es bei den Jüngeren, die in einer ganz anderen Welt groß geworden sind, einer global verflochtenen Welt, die vom digitalen Kapitalismus durchdrungen ist? Die Wachen und Klugen haben vielleicht schon gelernt, in so einer komplexen und unübersichtlichen Welt zu leben und darin den Geist der Utopie lebendig zu halten. Und die weniger Wachen und Klugen, die ihrer Facebook-Community und ihren Gefühlen mehr vertrauen als wissenschaftlichen Einsichten und begründeten Argumenten? Es spricht vieles dafür, dass sie Megatrends wie Globalisierung, Migration, Urbanisierung und Digitalisierung in erster Linie als Bedrohung verstehen. Dies ermöglicht es anderen, ihre Ressentiments so zu politisieren und zu instrumentalisieren, dass sie Trump oder die AfD wählen. Doch wer kann ausschließen, dass auch sie aufwachen und klüger werden?[93]

Die Fridays-for-Future-Bewegung und die Scientists for Future sind für Egon Becker vermutlich tröstliche Teile des „Geists der Utopie“, der immer wieder erwacht.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nachfolgende Zusammenstellung basiert vorwiegend auf Publikationen von Egon Becker (und auf Publikationen, die er mit anderen zusammen verfasst hat), soweit diese für diesen Artikel von Bedeutung waren, und präsentiert – ebenso wie die Bestandsübersicht der Deutschen Nationalbibliothek – nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Eine umfangreiche Bibliographie seiner Schriften bis 2015 findet sich am Ende des Buches Keine Gesellschaft ohne Natur (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie). Weitere Überblicke bieten die Webseiten Egon Becker on Researchgate.net und Egon Becker on Academia.edu.

Beiträge mit allgemeinpolitischen Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zivil - Zeitschrift für Kriegsdienstverweigerer. Auf dieser Webseite sind einige Ausgaben der Jahrgänge 1966 bis 1970 digital zugänglich, darunter auch solche mit Egon Becker als Autor. Da nicht alle Jahrgänge komplett digitalisiert sind, hier eine Auswahl mit Artikeln von und über Egon Becker:
  • Landserhefte – Ein Beitrag zur Restauration faschistischen Denkens, in: Sonderreihe aus ‘gestern und heute. gedenkartikel, zeitgeschichtliche beiträge und reportagen’[95], Heft 14, Verlag gestern und Heute, München, 1965, S. 2. Das Vorwort der Broschüre stammt von Martin Niemöller.
  • „Deutschlandtreffen“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Pfingsten 1964 in Ost-Berlin. Berichte • Analysen • Kommentare, Naturfreundejugend Deutschlands, Landesverband Hessen, Offenbach, 1964. Diese Broschüre, für die die hessische Naturfreundejugend als Herausgeber zeichnete, wurde von den Landsjugendausschußmitgliedern Egon Becker, Horst Goßfelder, Klaus Vack und Sigi Wenzel erstellt, die als Beauftragte des Landesjugendausschusses das Pfingsttreffen der FDJ beobachteten.
  • Pflichterfüllung und Sachverstand – Anmerkungen zu den guten Eigenschaften des guten Deutschen, in: Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau und Naturfreundejugend Deutschlands – Landesverband Hessen (Hg.): verjährt vergessen vergeben? Eine Arbeitshilfe, S. 9–11.
  • Das Sozialistische Büro – Ein unvollendetes Projekt?, in: Barbara Klaus/Jürgen Feldhoff (Hg.): Politische Autonomie und wissenschaftliche Reflexion. Beiträge zum Lebenswerk von Arno Klönne, PapyRossa Verlag, Köln, 2017, ISBN 978-3-89438-644-3, S. 161–182. (Auch Online auf researchgate.net)

Physikalische Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spin-Gitter-Relaxationszeiten paramagnetischer Salze nach der Impulsmethode, Diplom-Arbeit and der TH Darmstadt, 1964.
  • Eine Methode zur Bestimmung frequenzabhängiger magnetischer Suszeptibilitäten im Bereich der Mikrowellen: Magnetisierungsänderung bei Mikrowellenabsorption in linearer und quadratischer Näherung, Naturwissenschaftliche Dissertation an der Fakultät für Mathematik und Physik der TH Darmstadt, 21. Juli 1967.[96] In deren Folge erschienen zwei Aufsätze:
    • Magnetisierungsänderung bei Mikrowellenabsorption in linearer und quadratischer Näherung, Zeitschrift für Physik A Hadrons and Nuclei, Vol. 209, Nr. 2, April 1968, S. 159–174.
    • Frequenzabhängige magnetische Suszeptibilitäten und renormierte Spinwellenenergien von GdCl3, Physik der Kondensierten Materie, Vol. 8, Nr. 3, November 1968, S. 216–240.
  • Green's Function Theory of a Heisenberg Ferromagnet with Strong Dipole-Dipole Interactions: Magnetization of Gd, (zusammen mit Michael Plischke[97]), Physical Review B, Vol. 1, Nr. 1, Januar 1970, S. 314–318.
  • zusammen mit Friedrich Küch und Siegfried Scheller: A Pulse-Resonance Method for the Determination of Frequency-Dependent Magnetic Susceptibilities in the Microwave Region, in: Physik der kondensierten Materie, 13/1971, S. 179–186.

Publikationen zur Studienreform und Hochschulpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hochschuldidaktik als Rationalisierungsstrategie und als Projektwissenschaft mit emanzipatorischem Interesse, in: Studentische Politik, Nr. 5/1972, S. 11–19, wieder abgedruckt in: Klaus Ulich (Hg.): Aktuelle Konzeptionen der Hochschuldidaktik, Ehrenwirth, München, 1974, ISBN 978-3-431-01615-4, S. 99–116.
  • (zusammen mit Gerd Jungblut) Strategien der Bildungsproduktion. Eine Untersuchung über Bildungsökonomie, Curriculumentwicklung und Didaktik im Rahmen systemkonformer Qualifikationsplanung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1972, edition suhrkamp 556.
  • Projektgruppe ›Textinterpretation und Unterrichtspraxis‹: Projektarbeit als Lernprozeß, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974, edition suhrkamp 675. Der Projektgruppe ›Textinterpretation und Unterrichtspraxis‹ gehörte an: Egon Becker, Hauke Brunkhorst, Marianne Hofmann, Wolf Jöckel, Gerd Jungblut, Inge Jungblut-Ziermann, Fritz Sonnenschein.
  • (zusammen mit Bernd Wagner) Ökonomie der Bildung, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1977, ISBN 3-593-32188-2.
  • Der hochschuldidaktische Diskurs – revisited. Randbemerkungen eines Grenzgängers, veröffentlicht auf researchgate.com, April 2017.

Publikationen zur Sozialen Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Keine Gesellschaft ohne Natur. Beiträge zur Entwicklung einer Sozialen Ökologie, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2016, ISBN 978-3-593-50555-8.
    In einer Rezension des 509seitigen Buches schreibt Udo E. Simonis: „Becker ist kein Einzelkämpfer. Fünf der versammelten Beiträge und viele seiner in diesem Buch nicht erscheinenden Aufsätze hat er in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen verfasst. Die das Buch abschließende „Bibliographie Egon Becker“ (S. 493 bis 509) dokumentiert sein gesamtes Opus historisch sortiert: die Physikalischen Publikationen (1963–1971); Politik und politische Bildung (1952–1969); Studienreform und Hochschulpolitik (1969–1975); Soziologie und Bildungsökonomie (1976–1988) und die größte Kategorie: Wissenschaft und Hochschule in der ökologischen Krise (1982-heute), die allein 150 Publikationen nachweist.
    Darunter erscheinen auch die Gutachten, die Becker und andere verfasst haben und die Geschichte schrieben: „Soziale Ökologie.“ Gutachten zur Förderung der sozial-ökologischen Forschung in Hessen (1987); „Ökologische Orientierung des Wissenschaftssystems.“ Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Die Grünen (1990); „Hochschule neu denken - Neuorientierung im Horizont der Nachhaltigkeit.“ Ein Memorandum (2004).
    Fazit des Rezensenten: Sich durch die in Beckers Buch präsentierte voluminöse sozial-ökologische Diskussion durchzuarbeiten ist ohne Zweifel harte intellektuelle Arbeit und eine echte Herausforderung. Nicht viele Wissenschaftler und Umweltschützer werden das auf sich nehmen wollen – oder können. Doch eines ist sicher: Wann immer einmal die Geschichte der ökologischen Forschung im deutschen Sprachraum geschrieben werden wird, das Werk von Egon Becker und dieses Buch werden dabei eine große Rolle spielen.“[98]
  • Bernhard Helmut Schmincke, Egon Becker: Die Entdeckung der Unmöglichkeit einer kritischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse durch Thomas Gehrig, ISOE-Materialien Soziale Ökologie, Nr. 45, Frankfurt am Main, 2015, ISSN 1614-8193.
  • Nachhaltige Wissensprozesse – Bleibt die Universität ein privilegierter Ort der Wissenschaft? (2012), in: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 269 ff. Dieser Text basiert auf der Publikation Nachhaltige Wissensprozesse. Von der klassischen Idee der Universität zur vorsorgenden Wissenschaft, in: Heike Egner/Martin Schmid (Hg.): Jenseits traditioneller Wissenschaft? Zur Rolle von Wissenschaft in einer vorsorgenden Gesellschaft, oekom verlag, München, 2012, ISBN 978-3-86581-325-1, S. 29–48.
  • zusammen mit Thomas Jahn (Hg.): Soziale Ökologie. Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York, 2006, ISBN 978-3-593-37993-7.
  • Soziale Ökologie – Konturen und Konzepte einer neuen Wissenschaft, in: Gunda Matschonat/Alexander Gerber: Wissenschaftstheoretische Perspektiven für die Umweltwissenschaften, Margraf Publishers, Weikersheim, ISBN 3-8236-1402-9, S. 165–195. Der Text ist wieder abgedruckt in: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 390–417.
  • Politik an der Universität. Oder: Wissenschaft und Demokratie, Abschiedsvorlesung in der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, 2000. Die obigen Zitate aus diesem Text stammen aus dessen Wiederabdruck in dem Buch Keine Gesellschaft ohne Natur.
  • zusammen mit Peter Wehling: Risiko Wissenschaft. Ökologische Perspektiven in Wissenschaft und Hochschule, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1993, ISBN 978-3-593-34973-2.
  • Diskurs-Verwirrungen. Ökologisches Lerne im Entwicklungsprozess. Umrisse einer Theorie des praktischen Überlebenswissens, in: Egon Becker (Hg.): Umwelt und Entwicklung, Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main, 1992, ISBN
  • Ökologischen Orientierung des Wissenschaftssystems, Gutachten, erstellt im Auftrag der Bundestagsfraktion Die Grünen, ISOE-Materialien Soziale Ökologie, Nr. 2, Frankfurt am Main, 1990.
  • Forschungsgruppe Soziale Ökologie (Egon Becker/Hildegard Brenner/Iring Fetscher/Wilhelm Schumm/Klaus Traube/Ernst U. von Weizsäcker/Thomas Jahn/Thomas Kluge/Fritz Reusswig/Michael Scharping/Elvira Scheich/Engelbert Schramm/Irmgard Schultz): Soziale Ökologie. Gutachten zur Förderung der sozial-ökologischen Forschung in Hessen, erstellt im Auftrag der Hessischen Landesregierung, Frankfurt am Main, 1987.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Notker Hammerstein: Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band 2: Nachkriegszeit und Bundesrepublik 1945–1972, Wallstein Verlag, Göttingen, 2012, ISBN 978-3-8353-0550-2.
  • Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau und Naturfreundejugend Deutschlands – Landesverband Hessen (Hg.): verjährt vergessen vergeben? Eine Arbeitshilfe, o. Jg.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur von und über Egon Becker im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Nachbemerkung, in: ISOE: Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Becker, 2017, S. 23–27
  2. Darüber erschien 1971 ein weiterführender Artikel von Becker und seinen Kollegen Friedrich Küch und Siegfried Scheller, die am Aufbau der Apparatur und den damit ausgeführten Messungen beteiligt waren (siehe: Physikalische Publikationen).
  3. Yale University – Department of Applied Physics: Werner P. Wolf – Raymond J. Wean Professor Emeritus of Engineering & Applied Science, Applied Physics & Physics; dort auch ein ausführlicher Lebenslauf.
  4. a b c d e f Thomas Kluge: Einleitung, in: Egon Becker: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 7-12. Über den in dem Zitat erwähnten Stanley Mroczkowski liegen keine biographischen Daten vor. Er gehörte wie Werner P. Wolf dem Applied Physics Department der Yale University an. Über seine wissenschaftlichen Arbeiten informiert das Internet-Portal Researchgate: S. Mroczkowski's research while affiliated with Yale University and other places.
  5. Wolfgang Nolting: Grundkurs Theoretische Physik 7. Viel-Teilchen-Theorie, Springer, Berlin, Heidelberg, New York, 2009; ISBN 9783642016059
  6. Eine umfassende politische Würdigung von Herbert Stubenrauch steht leider immer noch aus. Einige knappe Hinweise finden sich in der Deutschen Digitalen Bibliothek. Unterlagen von und über Herbert Stubenrauch befinden sich in der Sondersammlung Protest, Widerstand und Utopie in der Bundesrepublik Deutschland des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Dort heißt es über ihn: „Herbert Stubenrauch (Pädagoge und Therapeut, 1938-2010): Er gehörte zu den frühen Aktivisten der Ostermarsch-Bewegung, war 1968 Mitbegründer des Sozialistischen Lehrerbundes (SLB) und beteiligte sich 1969 an der Gründung des Sozialistischen Büros (SB). Gemeinsam gaben SLB und SB den "Informationsdienst des Sozialistischen Lehrerbundes" , später "Informationsdienst Arbeitsfeld Schule" heraus. Er unterrichtete als Lehrer an einer Frankfurter Gesamtschule und war als Therapeut tätig.“ (Herbert Stubenrauch auf HIS-online)
  7. Landserhefte – Ein Beitrag zur Restauration faschistischen Denkens (siehe: Beiträge mit allgemeinpolitischen Themen)
  8. Richtlinien für die Naturfreundejugendarbeit, zitiert nach: „Deutschlandtreffen“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Pfingsten 1964 in Ost-Berlin, S. 3
  9. „Deutschlandtreffen“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Pfingsten 1964 in Ost-Berlin, S. 3
  10. „Deutschlandtreffen“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Pfingsten 1964 in Ost-Berlin, S. 6
  11. „Deutschlandtreffen“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Pfingsten 1964 in Ost-Berlin, S. 33
  12. Siehe hierzu: Sabine Troitzsch: Die Beziehungen des Deutschen Bundesjugendrings (DBJR) mit der Freien Deutschen Jugend (FDJ) der Deutschen Demokratischen Republik im Zuge der Entspannungspolitik, in: Archiv der Arbeiterjugendbewegung: Mitteilungen II/2017, S. 28–31
  13. Naturfreundejugend Berlin: Geschichte. Siehe in diesem Zusammenhang auch den Artikel von Theo Sommer: Mehr Angst als Vaterlandsliebe. Der Skandal von Oberhausen, Die Zeit, 36/1965 vom 3. September 1965
  14. „Der Besuch des KZ Auschwitz gehörte zum Programm dieser Reise, doch wir kamen gar nicht nach Auschwitz. Die polnischen Behörden verweigerten uns kurzfristig die Einreise, weil ein für Polen offenbar dramatisches Ereignis ihre AuBenpolitik durcheinander gebracht hat: Ein polnischer Diplomat war in Berlin in den Westen ‚übergelaufen‘. In unser Reiseprogramm wurde dann der Besuch des KZ Mauthausen aufgenommen.“ (Nachtrag von Edgar Weick in: ISOE: Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Becker, S. 18)
  15. Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau und Naturfreundejugend Deutschlands – Landesverband Hessen (Hg.): verjährt vergessen vergeben? Eine Arbeitshilfe, S. 3
  16. Claudia Lepp: Tabu der Einheit? Die Ost-West-Gemeinschaft der evangelischen Christen und die deutsche Teilung (1945–1969), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005, ISBN 3-525-55743-4, S. 750
  17. Ein bislang kaum gewürdigtes Urgestein der linkssozialistischen Bewegungen ist Edgar Weick: „1936 in Karlsbad (CSR) geboren, in Oberhessen als ‚Flüchtlingskind‘ aufgewachsen. Nach dem Besuch des Hessenkollegs und Studium an der Universität Frankfurt war er als Referent für politische Jugendbildung und Erwachsenenbildung an einer Bildungsstätte im Taunus, von 1980 bis 1999 als Leiter der Zentralen Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung an der Fachhochschule Wiesbaden tätig.
    1955 Eintritt in die SPD, 1982 wegen der Auseinandersetzungen um die Startbahn West ausgetreten. Politisch engagiert in der Ostermarschbewegung, in der Kampagne gegen die Notstandsgesetze, im Sozialistischen Büro und im Komitee für Grundrechte und Demokratie.“ (AWO Kreisverband Frankfurt am Main e. V.: Auf dem ‚Roten Sofa‘ – Edgar Weick) In einer Ankündigung eines Buches, an dem er mitgewirkt hat, heißt es über Edgar Weick: „Seit vielen Jahren vollzeitbeschäftigter Rentner, engagiert beim ›Bunten Tisch – Höchst Miteinander‹, in Projekten der ›Erinnerungskultur‹ und in einer Initiative zur künftigen kulturellen Nutzung war auch Redaktionsmitglied von Express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Im Katalog der DNB sind eine Vielzahl von Büchern gelistet, an denen er mitgearbeitet hat.“
  18. a b c d e f Pflichterfüllung und Sachverstand – Anmerkungen zu den guten Eigenschaften des guten Deutschen, S. 9–11
  19. Egon Becker: Das Sozialistische Büro – Ein unvollendetes Projekt?, 162
  20. Karl A. Otto: Gedenken an Arno Klönne
  21. Karl-Heinz Goll studierte Bauingenieurwesen und gehörte in Darmstadt dem SDS an. Er wohnt heute in der Nähe von Darmstadt und beteiligt sich weiterhin an linken Aktivitäten.
  22. a b Gerhard E. Gründler: Bei Alarm Deckel zu. Die Aktion Volkssarg lief in Oberursel an, in: Der Stern, Nr. 31, 1. August 1965
  23. „Empörung über Volkssärge“, in: UNION in Deutschland. INFORMATIONSDIENST der Christlich Demokratischen und Christlich Sozialen Union, 19. Jahrgang, Nr. 29, Bonn, 22. Juli 1965, S. 8
  24. Plattform der Initiative : "Offenlegung unserer Verfassungsschutzakten!"
  25. Thomas Kluge, in: ISOE: Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Becker, S. 7
  26. Ein biografischer Überblick über sie findet sich auf der Webseite Ein Porträt des Widerstandes im Rhein-Main-Gebiet: Gertrud Grünewald. Mehr Informationen und Materialien über ihren Widerstand gegen die Nazis sind über die Webseite des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte zu finden: Frankfurt 1933-1945: Gertrud Liebig.
  27. zur Geschichte des Klapperfelds
  28. Homepage Anke Becker
  29. Europa-Universität Viadrina: Prof. Dr. Daniel Becker
  30. Berliner Festspiele: Hannes Becker
  31. a b Lebenslauf Egon Becker auf der Homepage des ISOE
  32. Notker Hammerstein: Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band 2, S. 858 ff.
  33. Jürgen Klüver und Friedrich O. Wolf (Hg.): Wissenschaftskritik und sozialistische Praxis. Konsequenzen aus der Studentenbewegung, Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt, 1972, ISBN 3-7728-0332-6, S. 19–20
  34. Notker Hammerstein: Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band 2, S. 860
  35. Sprung gewagt, in: DER SPIEGEL, 7/1970, 9. Februar 1970
  36. a b c Notker Hammerstein: Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band 2, S. 862–863
  37. Zu ihm siehe den Beitrag Achaz von Thümen im Frankfurter Personenlexikon
  38. Zu allen drei Titeln siehe Publikationen zur Studienreform und Hochschulpolitik
  39. Projektgruppe ›Textinterpretation und Unterrichtspraxis‹: Projektarbeit als Lernprozeß, S. 19
  40. a b Projektgruppe ›Textinterpretation und Unterrichtspraxis‹: Projektarbeit als Lernprozeß, S. 21
  41. a b Vorbemerkung, in: Bernd Wältz: Gesellschaft und Beruf in Untersuchungen zum Lehrerberuf. Eine Sekundäranalyse neuerer empirischer Arbeiten, Frankfurter Beiträge zur Lehrerausbildung, Band 3, Frankfurt am Main, 1975. Die Reihe Frankfurter Beiträge zur Lehrerausbildung wurde von Manfred Bayer, Egon Becker und Jürgen Ritsert herausgegeben, die auch gemeinsam für die hier zitierte Vorbemerkung verantwortlich zeichnen. Zu Manfred Bayer (* 1937) siehe: Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung e.V. an der Universität Duisburg-Essen: Profil Manfred Bayer
  42. Egon Becker: Vorwort, in: Bernd Wältz: Berufsbelastung und Realitätsdeutung von Lehrern. Eine empirische Untersuchung, päd. extra buchverlag, Bensheim, 1980, S. 8–9
  43. Egon Becker, Bernd Wagner: Ökonomie der Bildung, S. 18
  44. Egon Becker, Bernd Wagner: Ökonomie der Bildung, S. 16
  45. Homepage der Deutsche Gesellschaft für Hochschuldidaktik
  46. In der Festschrift zum 80. Geburtstag des Nestors der Hochschuldidaktik, Ludwig Huber, gibt Becker unter dem Titel Der hochschuldidaktische Diskurs – revisited. Bemerkungen eines Grenzgängers einen Rückblick auf die Geschichte der Hochschuldidaktik in der Bundesrepublik (siehe: Publikationen zur Studienreform und Hochschulpolitik).
  47. Egon Becker: Der hochschuldidaktische Diskurs – revisited, pdf-S. 7
  48. a b c Egon Becker: Thomas Kluge zum 70. Geburtstag, unveröffentlichtes Manuskript, 7. Juli 2018
  49. umwelt express. Zeitung der Bürgerbewegung gegen die Startbahn West, Walldorf, Februar 1982, S. 4
  50. Einleitung zum Abschnitt Ökologie und Politik, in: Egon Becker: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 15
  51. Drucksache 9/6050 - Hessischer Landtag, 9. Wahlperiode: Kleine Anfrage der Abg. Milde, Lauterbach und Borsche (CDU) betreffend Qualifikation für eine Politologie-Professur, Wiesbaden, 16. Februar 1982
  52. a b 12 FRAGEN AN EGON BECKER, in: GAiA. ÖKOLOGISCHE PERSPEKTIVEN FÜR WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT, Ausgabe 17/1, 2008, S. 6. Der zitierte Aufsatz von Enzensberger ist erschienen im Kursbuch 33, Kursbuch/Rotbuch Verlag, Berlin, 1973, S. 1–42
  53. a b Einleitung zu Natur als Politik?, in: Egon Becker: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 20
  54. Eine gekürzte Fassung von Natur als Politik? steht auf academia.edu zur Verfügung.
  55. Kurzbiographie Wilhelm Schumm
  56. Sie arbeitete später für das Deutsche Rundfunkarchiv in Frankfurt am Main.
  57. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Dr. habil. Fritz A. Reusswig
  58. Der Soziologe Michael Scharping (*1957) ist der jüngere Bruder von Rudolf Scharping. 2001 war er Herausgeber des Buches Wissenschaftsfeinde? - "Science Wars" und die Provokation der Wissenschaftsforschung, Westfälisches Dampfboot, Münster, ISBN 978-3-89691-495-8.
  59. ISOE-Team: Irmgard Schultz
  60. Der neue Landbote: Corinna Willführ
  61. a b Egon Becker: Vorbemerkung zum Gutachten Soziale Ökologie, S. 5–8 (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie)
  62. Teil B: Votum, in: Gutachten Soziale Ökologie, S. 23
  63. Teil B: Votum, in: Gutachten Soziale Ökologie, S. 21
  64. Teil B: Votum, in: Gutachten Soziale Ökologie, S. 25
  65. Teil B: Votum, in: Gutachten Soziale Ökologie, S. 28
  66. Goethe-Universität Frankfurt – Fachbereich Gesellschaftswissenschaften: Curriculum Vitae von PD Dr. Peter Wehling
  67. Das ISOE, das als Gemeinnützige GmbH organisiert ist, erhält zwar eine institutionelle Förderung durch das Land Hessen sowie eine Unterstützung durch die Stadt Frankfurt am Main, es ist aber bis heute nicht in einen der großen nationalen Forschungsverbünde, etwa die Leibniz-Gemeinschaft, eingebunden.
  68. Biographische Notiz: Isabell Diehm
  69. Isabell Diehm, in: ISOE: Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Becker, S. 11–13
  70. Quelle: Vorlesungsverzeichnisse der Goethe-Universität
  71. Die Forschungsgruppe Soziale Ökologie ist da nur ein Beispiel dafür; weitere sind Vorträge im Umfeld der Grünen und der ihr nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, aber auch bei der GTZ
  72. Patrick V. Dias in der Deutschen Digitalen Bibliothek
  73. a b Keine Gesellschaft ohne Natur (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie), S. 194
  74. Diskurs-Verwirrungen, 40 ff. (siehe: Publikationen zur Sozialen Ökologie)
  75. Vergleiche hierzu: Diana Hummel, Thomas Jahn, Florian Keil, Stefan Liehr and Immanuel Stieß: Social Ecology as Critical, Transdisciplinary Science - Conceptualizing, Analyzing and Shaping Societal Relations to Nature, in: Sustainability, Volume 9, Issue 7, 2017.
  76. a b In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau heißt es dazu: „Der letzte Streik gab für Egon Becker den Anstoß, der Uni mit 63 Jahren vorzeitig den Rücken zu kehren. Länger als eine Woche hatten Studierende vor zwei Jahren den Uniturm blockiert, um ihre Forderungen für bessere Studienbedingungen und mehr Geld zu unterstreichen. Da saß auch Egon Becker stundenlang eingesperrt im Turm. Als er endlich raus konnte, lieferte er sich hitzige Debatten mit den Studierenden. ‘Da habe ich gemerkt, dies hier ist nicht mehr mein Ort.’ Denn um eine Entwicklung der Hochschule sei es da niemandem mehr gegangen. Sondern vornehmlich ums Geld. Das ist ínzwischen der Alltag an der Hochschule, bedauert Becker. Die Universität werde zunehmend als ökonomische Einrichtung verstanden. Aber es fehle an Debatten, in denen die Uni über sich selbst nachdenkt und über Entwürfe für ihre Zukunft streitet.“ (Lutz Fischer: Erziehungswissenschaftler Egon Becker geht jetzt mit 63 in den Ruhestand, in: Frankfurter Rundschau, 27. Januar 2000)
  77. Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 181
  78. a b Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 182
  79. Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 186
  80. a b Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 187
  81. a b Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 188
  82. a b Politik an der Universität oder Wissenschaft und Demokratie, S. 189
  83. Die institutionelle Trennung ermöglichte es allerdings, dass einige von Beckers wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach Ablauf ihrer universitären Verträge ans ISOE wechselten: Peter Wehling (1995), Immanuel Stieß (1996), Diana Hummel (2002). Sie hatten schon zuvor eng mit dem ISOE zusammengearbeitet. Diana Hummel, die im Bereich ‚Umwelt und Entwicklung‘ eingestellt war, konzipierte im letzten Jahr ihrer Tätigkeit an der Universität ein Projekt für eine Nachwuchsgruppe am ISOE, die dann auch als Kooperationsprojekt mit den Fachbereichen Gesellschaftswissenschaften, Geographie und Biologie zustande kam.
  84. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 271
  85. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 279
  86. a b Nachhaltige Wissensprozesse, S. 277
  87. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 271–272
  88. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 285–286
  89. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 281
  90. Vergleiche dazu auch: Jürgen Klüver : Universität und Wissenschaftssystem, Campus-Verlag, Frankfurt am Main und New York, 1983, ISBN 978-3-593-33221-5; Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1990, ISBN 978-3-518-58065-3, S. 678 ff.
  91. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 287
  92. Nachhaltige Wissensprozesse, S. 286
  93. a b Egon Becker: Nachbemerkungen, in: ISOE: Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Becker
  94. Albert Einstein – Die Unmöglichkeit des göttlichen Beobachters, in: Keine Gesellschaft ohne Natur, S. 86–97
  95. Sonderreihe gestern und heute im Kartalog der DNB
  96. Nachweis von Egon Beckers Dissertation im Katalog der Universitäts- und Landesbibliothek in Darmstadt
  97. Simon Fraser University, Departments of Physics: Michael Plischke, Professor Emeritus
  98. Udo E. Simonis: Keine Gesellschaft ohne Natur (Rezension), auf: SONNENSEITE.com, 12. August 2016