Egon Vietta
Egon Vietta (* 11. Januar 1903 in Bühl/Baden; † 29. November 1959 in Darmstadt; wirklicher Name: Karl Egon Fritz) war ein deutscher Reiseschriftsteller, Essayist, Dramatiker und Kritiker.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Egon Vietta wurde am 11. Januar 1903 als Karl Egon Fritz in Bühl in Baden geboren. Sein Vater war der Tabakunternehmer Anton Fritz, der in zweiter Ehe mit Isabella di Vietta verheiratet war. Die Firma des Vaters ging im Ersten Weltkrieg bankrott, die Familie hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Nach dem Abitur studierte er von 1921 bis 1928 Jura in Berlin und ab 1924 in Freiburg. In Berlin belegte er zudem Seminare in Philosophie, Kunstgeschichte und Sprachen. 1926 trat er der SPD bei und schrieb sein erstes Theaterstück "Gerechtigkeit für Pablo". Nach der Juraprüfung machte er das Referendariat in Freiburg. Darauf folgte 1929 eine Zeit als Rechtsassessor in Schopfloch (Schwarzwald). Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er strafversetzt an ein Versicherungsamt in Karlsruhe. Vietta trat im Jahr 1937 der NSDAP bei.[1] 1938 wurde er trotzdem aus dem Badischen Staatsdienst wegen "kulturbolschwistischer" und "antinazistischer Einstellung" entlassen und nach Preußen versetzt. Er ging nach Stade bei Hamburg und schloss sich dort dem Widerstand der "Weißen Rose" an. Von Stade aus war er Hauptschriftleiter der Zeitschrift "Italien", der Monatsschrift der deutsch-italienischen Gesellschaft, die in Hamburg erschien. In der Zeitschrift setzte er sich für den Humanismus ein. Zudem hielt er Vorträge in Hamburg und Bremen über die moderne Malerei Italiens. 1944 floh er vor der Gestapo nach Italien. Frau und Kind blieben in Deutschland zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Vietta nach Stade zurück. 1946 war er zeitweilig Pressereferent des niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Kopf. 1947 ließ er sich beurlauben und war als freier Journalist tätig. Er schrieb für Die Zeit, die FAZ, Die Welt, das Hamburger Abendblatt und andere. Von 1951 bis 1955 war er als Dramaturg und Berater am Landestheater Darmstadt angestellt. Danach bis zu seinem Tod war er insbesondere als Reiseschriftsteller tätig.
Egon Vietta war zweimal mit Dorothea Bernhardiner Vietta geb. Feldhaus (1913–1959) verheiratet. Aus der ersten Ehe, die am 15. März 1941 in Italien geschlossen und bereits 1943 geschieden wurde, sind 1941 der Germanist Silvio Vietta und die Tochter Ivonne Isabella (geb. 1948) hervorgegangen. Die 1947 begonnene zweite Ehe wurde am 19. Dezember 1958 zum zweiten Mal geschieden. Aus einer früheren Ehe, die 1929 mit Anna Maria Winter geschlossen und im Februar 1940 geschieden wurde, die er in Freiburg kennengelernt hatte, stammte Rainer Fritz-Vietta (1935–2018). Egon Viettas Grabstätte befindet sich auf dem Alten Friedhof in Darmstadt.
Prägung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Viettas zahlreiche Veröffentlichungen, darunter mehr als 20 Bücher, charakterisieren ihn als einen vielseitigen, leidenschaftlichen und polemischen Kulturmenschen, der vom Seinsdenken Martin Heideggers geprägt war. Seit Herbst 1935 war Vietta, damals Beamter in Karlsruhe, mit dem Maler Willi Baumeister (1889–1955) befreundet, der im Dritten Reich als „entarteter Künstler“ diffamiert wurde und trotz Berufsverbots heimlich arbeitete. Vietta erwarb in dieser Zeit mehrere Bilder Baumeisters, u. a. Mit Horizontlinie (heute Westfälisches Landesmuseum Münster). Er korrespondierte mit bedeutenden Zeitgenossen wie Gottfried Benn und Hermann Broch; der Briefwechsel mit Letzterem wurde 2012 veröffentlicht.[2]
Seinen Bühnenwerken war keine bleibende Resonanz beschieden. Die Veröffentlichungen als Theater- und Kunstkritiker, dahingegen, wirkten über sein Lebensende hinaus.
Wirken im Dritten Reich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1937 war Vietta auf Reisen in Rom, Malta und Nordafrika und 1938 noch einmal in Nordafrika zusammen mit dem Ethnologen Leo Frobenius unterwegs. Während des Dritten Reiches war Vietta ähnlich wie Rudolf Bach (Regisseur) (Sizilische Tage, 1940), Werner Helwig (Raubfischer in Hellas, 1939; Im Dickicht des Pelion, 1941), Gustav René Hocke (Das verschwundene Gesicht, 1939), Erhart Kästner (Griechenland. Ein Buch aus dem Kriege, 1942) und Eckart Peterich (Die Götter und Helden der Griechen, 1938) einer literarischen Strömung zuzurechnen, die den Versuch unternahm, eine als zeitlos und ideal gedachte, in der antiken mittelmeerischen Kultur wurzelnde Humanität zu beschwören. Diese Haltung verstand sich als Abkehr vom Zeitgeist, obgleich auch die Ästhetik des Faschismus und des Nationalsozialismus sich auf die Antike berief.
Ein Beispiel dieser literarischen Neoklassik ist Viettas 1943 veröffentlichte, in seltsam zeitloser Gegenwart angesiedelte Erzählung Corydon. Ihr Titel spielt auf Vergils II. Ekloge an, die von der Liebe des Hirten Corydon zu dem schönen Knaben Alexis handelt, und zitiert damit ein homoerotisches Motiv. Ebenfalls unter dem Titel Corydon hatte sich André Gide in seinen Quatres dialogues socratiques (1911, endgültige Fassung 1924) mit der Homosexualität auseinandergesetzt. Dennoch erweckt Viettas Erzählung eher den Eindruck eines Spiels mit gelehrten Zitaten als den eines „Schlüsselwerkes“ im engeren Sinn. Sie handelt vor griechischer Kulisse von der Freundschaft des Ich-Erzählers Eduard, eines deutschen Arztes, mit dem Maler Gil, der sich weigert, sesshaft zu werden und bürgerlichen Ansprüchen zu genügen. Eduard übernimmt die Erziehung von Gils Sohn Corydon.
Dramaturg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Theaterdramaturg wurde er 1951 von Gustav Rudolf Sellner nach Darmstadt geholt. Vietta gewann seinen Freund Willi Baumeister für Bühnenbilder und Kostümentwürfe. Auch gehörte Vietta zu den Organisatoren des Darmstädter Gesprächs 1955, anlässlich dessen Intendanten, Regisseure und andere Intellektuelle – unter ihnen Theodor W. Adorno und Friedrich Sieburg – die ersten zehn Jahre deutschen Nachkriegstheaters kritisch resümierten. Dort und in seiner Kampfschrift Katastrophe oder Wende des deutschen Theaters (1955) griff Vietta das System der subventionierten Staatstheater an, die lediglich eine „Funktion im öffentlichen Haushalt“ seien; demgegenüber trat er dafür ein, der Bühne ihren aus der Antike stammenden kultischen Charakter als „Ort der Offenbarung“ zurückzugeben. Viettas Haltung ist von Ernst Schumacher als reaktionär kritisiert[3] und – insofern gewiss überzogen – sogar in die Nähe der NS-Ideologie gerückt worden. Auch der Kritiker Friedrich Luft hat zwar die von Vietta und anderen formulierte „Umsturztheorie“ als radikal abgelehnt, aber darauf hingewiesen, dass die Kritik am „Repräsentations- und Subventionstheater“, in dem „nichts für uns und heute Zutreffendes“ geschehe, durchaus ihre Berechtigung hatte.[4]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gerechtigkeit für Pablo (Freiburg im Breisgau 1926)
- Der Engel im Diesseits (Freiburg 1929)
- Die Kollektivisten (Freiburg im Breisgau 1930)
- Empfindsame Reise nach Lappland (Frankfurt am Main 1937)
- Der Tanz. Eine kleine Metaphysik (Frankfurt am Main 1938)
- Geheimnisvolles Libyen. Ritt durch den Fezzan (Frankfurt am Main 1939)
- Romantische Cyrenaika. Dichtung einer Reise (Hamburg 1941; Neuausgabe Säckingen 1949)
- Corydon (Frankfurt am Main 1943, Neuausgabe Freiburg 1948)
- Theologie ohne Gott (Zürich 1946)
- Goethe in Italien oder Die italiänische Reise. Komödie (Hamburg 1947)
- Georg Trakl. Eine Interpretation seines Werkes (Hamburg 1947)
- Briefe über den Tanz (Hamburg 1948)
- Iphigenie in Amerika. Schauspiel (Hamburg 1948)
- Versuch über die menschliche Existenz in der französischen Philosophie. Zum philosophischen Werk von Jean Paul Sartre (Hamburg 1948)
- Die Vögel ehren Aristophanes. Eine Komödie (Hamburg 1948)
- Mediterranea (Düsseldorf 1948)
- Monte Cassino. Schauspiel (1949)
- Theologie ohne Gott. Versuch über die menschliche Existenz in der modernen französischen Philosophie (Zürich 1949)
- Die Seinsfrage bei Martin Heidegger (Stuttgart 1950)
- Die drei Masken. Schauspiel (Frankfurt am Main 1952)
- Zauberland Kreta (Wien/Innsbruck/Wiesbaden/Zürich 1952)
- Italien mit und ohne Renaissance (Stuttgart 1954)
- Katastrophe oder Wende des deutschen Theaters (Düsseldorf 1955)
- Europa ist in Asien gebettet (Darmstadt 1955)
- Alexander scheitert an Indien (Bern 1957)
Als Herausgeber
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Darmstädter Gespräch Theater 1955 (Darmstadt 1955)
Briefwechsel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- „Sich an den Tod heranpürschen...“ – Hermann Broch und Egon Vietta im Briefwechsel 1933–1951. Hrsg. von Silvio Vietta und Roberto Rizzo (Göttingen 2012), ISBN 978-3-8353-1088-9
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Egon Vietta im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Egon Vietta im Stadtlexikon Darmstadt
- Fritz, Karl Egon. Hessische Biografie. (Stand: 11. Januar 2022). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Siehe Alexander Cammann, Adam Soboczynski: Es ist wieder da, in: Die Zeit, 23. Januar 2014
- ↑ Egon Vietta, Silvio Vietta, Roberto Rizzo: "Sich an den Tod heranpürschen -- ": Hermann Broch und Egon Vietta im Briefwechsel 1933-1951. Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1088-9.
- ↑ Theater der Zeit — Zeit des Theaters, München 1960, S. 179.
- ↑ Theater in Deutschland oder das überfüllte Vakuum, in: Jahresring 55/56, Stuttgart 1955, S. 369 ff.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vietta, Egon |
| ALTERNATIVNAMEN | Fritz, Egon (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Reiseschriftsteller, Essayist, Dramatiker und Kritiker |
| GEBURTSDATUM | 11. November 1903 |
| GEBURTSORT | Bühl |
| STERBEDATUM | 29. November 1959 |
| STERBEORT | Darmstadt |