Eierwurf von Halle

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Platz vor dem Stadthaus

Als Eierwurf von Halle wird eine Protestaktion bezeichnet, bei der Demonstranten den damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl am 10. Mai 1991 in der Stadt Halle (Saale) vor dem Stadthaus unter anderem mit Eiern bewarfen. Das Ereignis wurde als symbolischer Wendepunkt für das Verhältnis zwischen dem „Wendekanzler“ Helmut Kohl und der ostdeutschen Bevölkerung betrachtet.[1][2]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das öffentliche Bewerfen von Menschen mit Lebensmitteln, wie beispielsweise bei einem Tortenwurf, soll in der Regel das Opfer als Ausdruck des politischen Protests der Lächerlichkeit preisgeben.

Nach der Wende und dem Mauerfall prognostizierte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die ökonomische Zukunftsperspektive für die „neuen Bundesländer“ bildhaft als „blühende Landschaften“, was zunächst zu Begeisterung, später jedoch nach Betriebsstilllegungen und zunehmender Arbeitslosigkeit verstärkt zu Frustration unter der ostdeutschen Bevölkerung führte. Als Bundeskanzler reiste er zu Antrittsbesuchen in mehrere Städte im Osten Deutschlands.[3] Bereits bei einem Besuch Anfang April 1991 in Erfurt wurden Eier in seine Richtung geworfen, die ihn allerdings nicht trafen.[2] Auf seiner Rundreise im Mai besuchte er zunächst die Buna-Werke, um dort für deren Erhalt zu sprechen, fuhr anschließend nach Bitterfeld und zuletzt zu einem „Informationsaufenthalt“ nach Halle.[4]

Ablauf der Ereignisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Weg vom Ratshof zum Stadthaus[5] wurde Helmut Kohl von mehreren hundert Menschen empfangen. Er ging auf einige der Anwesenden zu und schüttelte ihnen die Hände. Dabei waren Pfiffe und Buh-Rufe sowie ein Sprechchor, der wiederholt „Lügner, Lügner“ rief, zu hören. Einige Dutzend junger Demonstranten hinter einem Absperrgitter begannen Kohl mit Eiern, Tomaten und Farbbeuteln zu bewerfen und trafen diesen am Kopf und auf dem Anzug. Kohl rannte daraufhin auf die Personen zu. Er begann mit ihnen, getrennt durch das sich teilweise verschiebende und öffnende Gitter, eine Rangelei und versuchte nach ihnen zu greifen. Unter Abwesenheit der Polizei versuchten mehrere Leibwächter Kohls ihn von der Menge zu entfernen, während Kohl weiterhin beworfen wurde. Unter den Werfern befand sich der damalige stellvertretende Vorsitzende der Jusos in Halle und 21-jährige Jurastudent Matthias Schipke, der währenddessen auf den Schultern eines anderen Demonstranten saß und eine Juso-Fahne in der Hand hielt.[6]

Direkt im Anschluss an die Rangelei ging Kohl auf andere Besucher zu, die sich ebenfalls hinter dem Absperrgitter befanden, um ihnen die Hände zu schütteln. Nach der Veranstaltung verließ Kohl das Gebäude unter Polizeischutz durch den Hinterausgang. Schipke wurde später auf Fernsehaufnahmen identifiziert und verhaftet, blieb jedoch straffrei, da Kohl keine Anzeige erstattete.

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Kohl kritisierte nach dem Ereignis die Sicherheitslage als „miserabel“ und gab dem damaligen Innenminister von Sachsen-Anhalt Wolfgang Braun eine Mitschuld. Diesem und der Polizei Sachsen-Anhalt wurde ein unzureichendes Sicherheitskonzept vorgeworfen. Die Eierwerfer bezeichnete Kohl als „transportablen Pöbelhaufen“, der mit Halle nichts zu tun habe. Seine offensive Reaktion während der Würfe kommentierte er später einem Journalisten gegenüber mit den Worten: „Da ich nicht die Absicht habe, wenn jemand vor mir steht und mich bewirft, davonzulaufen, bin ich eben auf die zu und da stand ein Gitter dazwischen und das war von Nutzen – für wen habe ich nicht gesagt, das überlasse ich Ihnen.“.[2] Kohl stand für sein offensives Vorgehen in der Kritik. Der damalige Polizeiinspektor in Magdeburg Karl Lichtenberg machte Kohl zudem mitverantwortlich für die Situation, da dieser entgegen dem Protokoll 60 Meter vor dem vorgesehenen Punkt aus dem Auto gestiegen sei, um der Menge entgegenzutreten. Der damalige Chef des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt Volker Limburg äußerte ebenfalls, dass Kohl sich damit nicht an das Sicherheitskonzept gehalten habe, was zu einem „Sicherheitsvakuum“ geführt habe, „bis die Kräfte umgelagert“ worden seien.[7]

Schipke, der an der Protestaktion beteiligt war, gab später an, dass dies als Spaß geplant gewesen sei, und entschuldigte sich für die Tat: „Ich distanziere mich wirklich von meinem Verhalten. Ich möchte mich auch hier beim Kanzler Kohl dafür entschuldigen. Ich stehe voll dahinter, dass wir eine Kundgebung da gemacht haben. Aber nicht mehr von der Gewalt, die davon ausgegangen ist. Und Eierwerfen ist wahrscheinlich auch Gewalt.“[3] Später sagte er in einem Fernsehinterview, dass sich auch der Bundeskanzler für seine Versprechen hätte entschuldigen müssen, „die er nicht einhalten konnte oder nicht einhalten wollte“.[8]

Die CDU verlangte von dem SPD-Parteichef Hans-Jochen Vogel eine Entschuldigung, die der jedoch ablehnte. Franz Müntefering verurteilte die Aktion als „extremistische Ausschreitungen“, zeigte jedoch Verständnis für die Frustration der Demonstranten, da Kohl bezüglich der Entwicklung der neuen Bundesländer nicht erfüllbare Illusionen geweckt habe, und bezeichnete dies als das eigentliche „dicke Ei“.[9]

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt Reinhard Höppner kritisierte einen angeblich falschen Fokus bei der Berichterstattung: „Der wichtigste Schaden ist der, dass nach Halle nur noch über das Eierwerfen diskutiert worden ist. Über die Probleme, die wir hier haben, und um die es eigentlich geht, über die man auch intensiv hätte diskutieren und streiten müssen, die sind runtergefallen. Und damit sind die Menschen, die es betrifft, heruntergefallen.“[2]

Schipke wurde von der SPD mit einem Parteiausschluss gedroht, er verließ die SPD allerdings freiwillig. In der öffentlichen Debatte wurden Schipke und der Aktion auch Sympathien bekundet.

Fotos der Aktion wurden von einer Zeitung für eine Werbekampagne verwendet.[10]

Zum 20. Jahrestag des Ereignisses wurde dem Eierwurf im Rahmen einer Kunstaktion ein „temporäres Denkmal“ gesetzt.[11]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Steffen Honig: Helmut Kohl: Ehrgeiz, Einheit, Eierwürfe. Abgerufen am 4. Februar 2017.
  2. a b c d mdr.de: Arbeitsamt und Eierwürfe | Teil 3/3 | MDR.DE. (mdr.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  3. a b Martina Züger: Stichtag - 10. Mai 1991: Eierwürfe auf Helmut Kohl in Halle. 10. Mai 2016 (wdr.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  4. Steffen Könau: 25-jähriges Jubiläum : Angriff des Einheitskanzlers auf Eierwerfer in Halle. In: Mitteldeutsche Zeitung. (mz-web.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  5. Heute vor 25 Jahren: der Eierwurf von Halle. In: Du bist Halle. 10. Mai 2016 (dubisthalle.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  6. Steffen Könau: Vor 20 Jahren: Eier auf den Einheitskanzler. In: Mitteldeutsche Zeitung. (mz-web.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  7. Warnke, Hendrik Ziegler: Handbuch der politischen Ikonographie. Band 1, S. 116 ff.
  8. Eierwürfe auf Bundeskanzler Kohl in Halle (am 10.5.1991). In: Stichtag. WDR 2, 10. Mai 2016, abgerufen am 10. Februar 2017.
  9. Rohe Argumente. (tagesspiegel.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  10. Steffen Könau: 25-jähriges Jubiläum : Angriff des Einheitskanzlers auf Eierwerfer in Halle. In: Mitteldeutsche Zeitung. (mz-web.de [abgerufen am 4. Februar 2017]).
  11. Nico Elste: Aktionskünstlerin Simone Schicke im Interview. 15. Mai 2011, abgerufen am 4. Februar 2017.

Koordinaten: 51° 28′ 56,2″ N, 11° 58′ 13,9″ O