Eigenversicherer

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Ein Eigenversicherer oder Eigenversicherungsunternehmen (englisch Captive Insurance Company oder auch kurz Captive; von englisch captive für „gefangen“ oder „gefesselt“) ist ein firmeneigenes Versicherungsunternehmen, das dem Mutterunternehmen zur Absicherung firmeneigener Versicherungsrisiken im Rahmen der Selbstversicherung dient.

Typischerweise gehören Eigenversicherungsunternehmen zu großen, meist multinationalen Konzernen, da hier am ehesten die erforderliche Betriebsgröße für das firmeneigene Versicherungsportfolio erreicht wird. Bei der Verwendung einer Protected Cell Company oder auch Series LLC ist der Zugang auch für kleinere Unternehmen möglich.

Unterteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man kann Eigenversicherer nach der Art der Konzerneinbindung und der Variation der Einsatzgebiete unterteilen: Ein reiner Eigenversicherer (englisch „pure single captive“) ist der Eigenversicherer eines einzigen Konzerns, der auch nur Risiken dieses Konzerns trägt. Bei einem gemeinsamen Eigenversicherer (englisch „mutual captive“) schließen sich verschiedene Konzerne zusammen, um über ein gemeinsam betriebenes Eigenversicherungsunternehmen ihre Risiken decken zu lassen. Ähnlich aufgebaut sind Industrie-Eigenversicherer (englisch „industry captives“). Über einen im Englischen „broad captive“ genannten Teil-Eigenversicherer werden auch Risiken fremder Unternehmen gedeckt, so dass der Übergang zu einem traditionellen Versicherungsunternehmen fließend ist.

Die Unterteilung der Eigenversicherer nach betriebenem Versicherungsgeschäft ergibt zwei Gruppen: Die Eigenerstversicherer übernehmen die Risiken des Konzerns direkt und geben üblicherweise einen Teil des Risikos an Rückversicherer weiter. Je nach Finanzstärke der Muttergesellschaft selbst werden hierbei teilweise hohe Selbstbehalte vereinbart; oft sind ausschließlich Großschäden gedeckt. Eigenrückversicherer übernehmen dagegen ein Rückversicherungsrisiko, das aus Risiken des Konzerns, die durch einen normalen Erstversicherer getragen werden, verbleibt. Der Eigenrückversicherer wiederum retrozediert gegebenenfalls Teile des übernommenen Risikos an weitere konzernfremde Rückversicherer (sogenannte Retrozessionare). Bei Eigenrückversicherern werden durch hohe Selbstbehalte und Risikominimierung Versicherungsprämien eingespart und ein Teil der Prämie fließt über die Zession der Erstversicherer an den Eigenversicherer wieder in den Konzern zurück.

Eigenschaften und Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Firmensitz des Eigenversicherungsunternehmens wird oft in den USA, Malta, Zypern, Liechtenstein und als „Steueroase“ bekannten Kleinstaaten (schwache Regulierung und niedrige Steuersätze) gewählt. Die nationalen Besteuerungsregeln sind sehr unterschiedlich, so fallen im US-Bundesstaat Delaware 0,3 % Umsatzsteuer bei kleinen Captives und 0,1 % bei großen Captives an. Auch die Gründungsvoraussetzungen sind sehr verschieden und reichen von einem Minimalkapital auf den Britischen Jungferninseln von 10.000 US-Dollar bis hin zu 1.000.000 CHF in Liechtenstein. Ein Beispiel aus den USA: In New York beträgt das Minimalkapital 100.000 US-Dollar.

Da sowohl die Versicherungsprämien als auch die Schadenleistungen im Konzern verbleiben, wird oberflächlich betrachtet das Risiko lediglich konzernintern umverteilt, womit kein Gewinn für das Unternehmen aus dem Betrieb der Eigenversicherung ersichtlich ist. Vorteile für den Konzern können sich dennoch aus mehreren Aspekten ergeben. So ermöglichen die Eigenversicherer das geschickte Jonglieren mit den international unterschiedlichen Steuergesetzen und Regulierungsvorschriften. Zudem ermöglichen Captives dem Konzern Zugriff auf den Rückversicherungsmarkt, so dass gezielter Risiken auf Rückversicherer abgewälzt werden können, als dies bei einer Fremdversicherungslösung für den Konzern der Fall wäre. Im Wege des alternativen Risikotransfers können Eigenversicherungsunternehmen der Verlagerung von Konzernrisiken auf spezielle Vehikel, die einen Zugang zum Rückversicherungsmarkt besitzen, dienen.

Der Eigenversicherer kann für den Konzern auch Vorteile als Kompetenzzentrum für erfolgreiches Schadenmanagement (Beispiel: durch Betreiben von Maßnahmen zur Feuerverhütung für die Betriebsgebäude) ausspielen. Gelingt es, die an den Eigenversicherer gegebenen Risiken zu reduzieren, muss dieser wenig Ausgaben für die Schadenregulierung tätigen; die nicht für die Schadenbegleichung verbrauchten Versicherungsprämien verbleiben so im Konzern.

Von den Versicherungszweckgesellschaften unterscheiden sich die Eigenversicherer unter anderem dadurch, dass sie – als Versicherungsunternehmen – auch Risiken als Erstversicherer decken können. Den Versicherungszweckgesellschaften fehlt hierzu die Erlaubnis zum Betrieb des Versicherungsgeschäfts (§§ 5 ff. VAG).

Durch die Eigenschaft als Versicherungsunternehmen unterliegen Eigenversicherer innerhalb der Europäischen Union der europäischen Versicherungsaufsicht nach Solvency II und den jeweiligen nationalen Regelungen des Versicherungsaufsichtsrechts. Obwohl Eigenversicherer meist ein kleineres Prämienvolumen und einen deutlich kleineren Kreis an Versicherten als übliche Versicherungsunternehmen aufweisen, hat der europäische Gesetzgeber keine regulatorischen Ausnahmen oder prinzipiellen Erleichterungen für Eigenversicherer vorgesehen. Gerade bei kleineren Konzernen kann der Aufwand zur Erfüllung der aufsichtsrechtlichen Berichts- und Veröffentlichungspflichten die oben beschriebenen Vorteile des Einsatzes eines konzerneigenen Erstversicherers aufwiegen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • D. Farny: Versicherungsbetriebslehre, 4. Aufl., Karlsruhe 2006, ISBN 3-89952-205-2
  • P. Bawcutt: Captive Insurance Companies: Establishment, Operation and Management, London 1997, ISBN 978-1856091305
  • Swiss Re, sigma Nr. 1/2003 Alternativer Risikotransfer – Eine Bestandsaufnahme, Zürich 2003, PDF, 343 KB
  • P. Wöhrmann, Ch. Bürer: Instrument der alternativen Risikofinanzierung. In: Schweizer Versicherung. Band 7, 2001 (risknet.de (PDF; 659 kB)).
  • P. Wöhrmann: Die alternative Risikofinanzierung als Teil eines ganzheitlichen unternehmerischen Risk Managements, in: Herausforderung Risikomanagement. Identifikation, Bewertung und Steuerung industrieller Risiken, Gabler Verlag, Wiesbaden 2002, Reinhold Hölscher / Ralph Elfgen (Hrsg.), ISBN 978-3409118316
  • P. Wöhrmann: Risk Management als strategische Investition: Der alternative Risikotransfer als Mittel zur Realisierung optimaler Versicherungskosten. In: Stefan Odenthal, Gerald Wissel (Hrsg.): Strategische Investments in Unternehmen: Wie Sie Werte schöpfen, Kunden binden und Risiken managen. Gabler, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-409-12313-6.
  • Einiko Franz: "Captives - Eine Standortbestimmung", in: Betriebsberater 2011, S. 3037–3047.
  • P. Wöhrmann/A. Ruof: "What to look for in an insurer’s captive proposition", in: Captive Review Magazine, October 2013, p. 44 f.
  • P. Wöhrmann/Roman Gächter: "Innovative Entwicklungen: Herausforderungen europäischer Grossunternehmen mit Captives im Hinblick auf die Implementierung von Solvency II", in: Trendmonitor, HSG, Februar 2014
  • P. Wöhrmann: Strategiewechsel für Captives, in: Versicherungswirtschaft, April 2014, S. 31–34
  • P. Wöhrmann/Ch. Betz: Risk Insight Studies: Segmentsspezifisches Benchmarking zur Captive-Underwriting-Optimierung, in: IVW-HSG Trendmonitor, Ausgabe Nr. 2, 2016, S. 29–33
  • P. Wöhrmann/M. Christen: Asset & Liability Management: Eine neue Priorität für Captive Owner unter Solvency II, in: Trendmonitor, HSG, Dezember 2015, S. 38–42
  • P. Wöhrmann/T. Cunningham:  Efficiency and Profitability, in: Captive Review – Global Programme Report, edition October 2015, P. 14-15
  • P. Wöhrmann/M. Christen: ALM/Harnessing untapped value, in: Solvcency 2 Report 2015, Captive Review, edition July, P. 10-11

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]