EinDollarBrille

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Die EinDollarBrille

Die EinDollarBrille (englisch OneDollarGlasses) ist eine von dem deutschen ehemaligen Lehrer Martin Aufmuth für die Bevölkerung der ärmsten Länder der Welt konstruierte Brille, die vor Ort von Einheimischen hergestellt wird. Die Bezeichnung EinDollarBrille bezieht sich auf die Kosten für das Material einer Brille, nicht auf den Verkaufspreis der Brille, der wenige US-Dollar beträgt.[1]

Bisher wurden weltweit etwa 100.000 Menschen mit einer EinDollarBrille versorgt.[2] Der von Aufmuth gegründete gemeinnützige Verein EinDollarBrille e. V. hat sich zum Ziel gesetzt, 150 Millionen Brillenexemplare weltweit herstellen und vertreiben zu lassen. Diese Zahl gründet sich auf Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation und betrifft alle Menschen der Erde, die zwar dringend eine Brille benötigten, sich diese allerdings nicht leisten können.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mathematik- und Physiklehrer Martin Aufmuth begann 2010 mit der Entwicklung der EinDollarBrille und der zu ihrer Herstellung erforderlichen Werkzeuge. Am 29. April 2010 meldete er auf die Brille die Gebrauchsmuster DE202010006431U1 und DE202010006432U1 an.[3][4]

Im Juni 2012 gründete er den Verein EinDollarBrille e.V. in Erlangen. Seit 2014 ist er nicht mehr als Lehrer tätig, um sich ganz seiner Idee widmen zu können. Im Januar 2015 stellte Aufmuth die Brille und sein Konzept im Hauptquartier der UNESCO in Paris vor, im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Jahrs des Lichts.[5]

Aufgrund des überzeugenden Konzepts (siehe Auszeichnungen) und der positiven Resonanz in den Medien[6] werden Martin Aufmuth und seine Mitarbeiter mittlerweile von zahlreichen Partnern, Helfern und Spendern unterstützt.[7] In Deutschland haben sich Regionalgruppen gegründet, um die Idee weiter zu fördern. Sie dienen auch als Anlaufstellen für Interessenten. Solche Regionalgruppen gibt es in Berlin, Bremen, Erlangen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, München und Stuttgart.[8] Als Partnerorganisation in der Schweiz wurde im Dezember 2015 der Verein EinDollarBrille Schweiz mit Sitz in Zürich gegründet.[9]

Die Brille[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brille besteht aus stabilem Federstahl, Polycarbonatgläsern sowie Schrumpfschlauch und, auf Wunsch, aus bis zu zwei farbigen Schmuckperlen. Das Material für eine Brille kostet etwa einen US-Dollar.

Stahldraht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Brillengestell wird ein spezieller Federstahldraht verwendet, welcher zum Beispiel auch für Zahnspangen benutzt wird. Dieser ist nickelfrei, antiallergen, hochflexibel und bruchfest. Das Ursprungsmodell der EinDollarBrille war aus nur einem Stück Draht gefertigt. Derzeit besteht das Grundmodell aus drei Drahtteilen (Mittelteil und zwei Bügel). Seit 2017 werden auch eckige Brillenrahmen (für eckige Gläser) sowie Rahmen mit seitlichem Doppelbügel hergestellt. Mit diesen Varianten für anspruchsvollere Kunden lassen sich höhere Preise erzielen.[10]

Kunststoffgläser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gläser sind eine Spezialanfertigung aus bruchfestem Polycarbonat mit gehärteter, kratzfester Oberfläche,[11] die in polierten Formen sphärisch gegossen werden und keiner Nachbearbeitung bedürfen, so dass teure Maschinen zum Schleifen und Fräsen der Gläser nicht benötigt werden.[12] Die Gläser werden in China produziert. Die Qualität wird in Deutschland regelmäßig überprüft. Das Sortiment bestand zunächst aus Gläsern mit Stärken von −6,0 bis +6,0 Dioptrien in Schritten von 0,5 Dioptrien.[12] Seit 2016 sind sogar Gläser mit bis zu −10,0 und +8,0 Dioptrien verfügbar, außerdem kamen eckige Gläser und optische Sonnenbrillengläser zum Sortiment hinzu.[13]

Zur Befestigung der Brillengläser im Brillenrahmen sind an den Gläsern seitlich jeweils zwei Einkerbungen eingefräst.

Schrumpfschlauch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Farbiger oder farbloser Schrumpfschlauch aus Polyolefin wird dort eingesetzt, wo die Haut das Metall der Brille berührt: am Nasensteg und an den Bügelenden.

Schmuckperlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in zahlreichen Farben wählbaren Schmuckperlen suchen sich die Käufer selbst aus. Die Perlen verleihen der Brille ein individuelles Design und ermöglichen den Kunden den Kauf einer Brille nach ihrer persönlichen Vorstellung.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biegemaschine für die Herstellung der EinDollarBrille. Links im Bild zeigt der Daumen die Markierung an, bis zu der der Hebel geführt werden muss, um den Draht im 90-Grad-Winkel zu biegen. Die farbigen Punkte auf der schwarzen Platte ermöglichen die Einstellung der Brillengröße passend zum Augenabstand des Kunden.

Die Brille kann von den Menschen vor Ort nach gründlicher Schulung ohne elektrische Energie selbst hergestellt werden, wodurch dort Arbeitsplätze entstehen bzw. bereits entstanden sind.

Die wichtigste Voraussetzung zur Herstellung von EinDollarBrillen ist die von Martin Aufmuth konstruierte Biegemaschine, mit der die Fassung der Brille aus Stahldraht zurechtgebogen wird. Im Jahr 2013 war bereits die elfte Generation der Biegemaschine im Einsatz[14] und ab Ende 2016 die zwölfte Generation.[15] Mit der Maschine können Brillen für drei unterschiedliche Pupillendistanzen hergestellt werden.[16] An der Biegemaschine befindet sich ein Hebel zum Biegen von 90-Grad-Winkeln. Separates Werkzeug dient zur Herstellung der Rundungen für die Aufnahme der Gläser und am Nasensteg. Die Maschinen werden aus Spendenmitteln finanziert und samt Zubehör in den Projektländern kostenlos zur Verfügung gestellt.

Mit einem Sehtest wird bei jedem Kunden bestimmt, welche Brechkraft (in Dioptrien) seine Brillengläser haben müssen. Dann werden die passenden Gläser aus dem Gläserkasten genommen und durch einfaches Einklicken in den Brillenrahmen eingefügt. Zuletzt werden die Enden der Bügel von Hand so nach unten gebogen, dass die Brille bequem auf den Ohren aufliegt und gut sitzt.[17]

Die Herstellung einer Brille dauert nur etwa zehn Minuten.[18] Ein Team von sechs Personen kann mit einer Biegemaschine und den zugehörigen Werkzeugen bis zu 30.000 Brillen pro Jahr herstellen.[19]

Vertrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preisgestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verkaufspreis für eine Brille liegt für das Standardmodell mit elliptischen Gläsern in etwa beim Zwei- bis Dreifachen eines ortsüblichen Tageslohns.[20] Die neueren Sondermodelle mit eckigen Gläsern oder dunklen optischen Gläsern (Sonnenbrillen mit Korrekturfunktion) werden meistens teurer verkauft. Der Preis ist unabhängig von der Brechkraft der Gläser, er variiert aber je nach der Kaufkraft in der Region. Beispielsweise wurden 2017 folgende umgerechnete Verkaufspreise berichtet: allgemein rund 5 Euro;[21] für das Standardmodell in Ouagadougou (Hauptstadt von Burkina Faso) rund 7 Euro, für Sondermodelle in Burkina Faso 7 bis 15 Euro.[22] Zum Vergleich: Herkömmliche Brillen kosten bei Optikern in Entwicklungsländern mindestens 30 Euro, oft weit mehr.[23] Der Sehtest wird grundsätzlich kostenfrei angeboten, um Interessenten nicht abzuschrecken.[24] Vom Verkaufserlös werden Material sowie Löhne für Brillenhersteller und Optiker bezahlt. Auch die Reisen zu den Dörfern, in denen die Brillen verkauft werden, verursachen Kosten, die mit dem Erlös abgedeckt werden müssen.

Projektländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kind in Malawi mit EinDollarBrille

Die EinDollarBrillen werden derzeit in acht Projektländern hergestellt und verkauft: Malawi (es war das erste Projektland), Burkina Faso, Kenia und Äthiopien in Afrika, Brasilien, Bolivien, Mexiko in Lateinamerika sowie seit September 2017 auch Indien.[25] Die Aktivitäten in Ruanda und Nicaragua wurden bis auf weiteres eingestellt.

Über ein neueres Vertriebsmodell mit Partnern, das künftig auf weitere Länder ausgedehnt werden soll, werden auch Regionen in Uganda und Nepal mit EinDollarBrillen versorgt.[26]

In Deutschland wird die EinDollarBrille nicht in Verkehr gebracht. Man kann aber Kontakt zu einer Regionalgruppe aufnehmen und sich dort in die Brillenherstellung einweisen lassen.[8] Seine eigene Brille kann man dann nach Hause mitnehmen.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Aufmuth und sein Konzept der EinDollarBrille wurden inzwischen vielfach ausgezeichnet:[27]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: OneDollarGlasses – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wie eine Brille das Leben verändern kann sueddeutsche.de, 6. November 2013. Zitat: „Die Materialkosten betragen rund einen US-Dollar. Verkauft wird die Brille, je nach Land und Brillenvariante, für drei bis sechs Dollar.“
  2. Jahresbericht 2017 des EinDollarBrille e.V., S. 6 (PDF).
  3. Gebrauchsmuster DE202010006431U1: Brille mit Schmuckelement. Anmelder: Martin Aufmuth.
  4. Gebrauchsmuster DE202010006432U1: Brille. Anmelder: Martin Aufmuth.
  5. International Year of Light – Launch IYL 2015 Opening Ceremony. In: light2015.org. 18. Dezember 2014, abgerufen am 5. Oktober 2015 (englisch).
  6. Medienecho eindollarbrille.de
  7. Partner und Unterstützer eindollarbrille.de
  8. a b Jahresbericht 2017 des EinDollarBrille e.V., S. 35 (PDF).
  9. EinDollarBrille Schweiz: Über uns onedollarglasses.ch
  10. Jahresbericht 2017 des EinDollarBrille e.V., S. 8 und 48 (PDF).
  11. Die Gläser eindollarbrille.de
  12. a b Die Ein-Dollar-Brille öffnet Augen Mittelbayerische Zeitung, 6. Dezember 2014
  13. Jahresbericht 2016 des EinDollarBrille e.V., S. 7 (PDF).
  14. Jahresbericht 2013 des EinDollarBrille e.V., S. 25 (PDF).
  15. Jahresbericht 2016 des EinDollarBrille e.V., S. 36 (PDF).
  16. Die Biegemaschine eindollarbrille.de
  17. Zu den einzelnen Arbeitsschritten siehe Bildervortrag: EinDollarBrille in Uganda 2014 (PDF), S. 28–50.
  18. Bildervortrag: EinDollarBrille in Uganda 2014 (PDF), S. 48.
  19. In älteren Publikationen wurde die maximale Produktionskapazität der Biegemaschine mit 50.000 Brillen pro Jahr angegeben, so noch im Jahresbericht 2016 des EinDollarBrille e.V., S. 7. Dieselbe Angabe steht auch auf der Website des Vereins unter Die Biegemaschine (Stand Juli 2018). Dieser sehr hohe Wert war eine optimistische Schätzung. Im Jahresbericht 2017 wurde die Angabe nach unten korrigiert: „ihre Produktionskapazität liegt bei bis zu 30.000 Brillen pro Jahr“ (S. 10). Auch bei dieser neueren Schätzung wird wieder eine Arbeitsteilung in einem Team aus „rund sechs Personen“ unterstellt. In einem Strategiepapier vom Mai 2017 wird die maximale Produktivität der Biegemaschine noch etwas niedriger angesetzt, mit 25.000 Brillen pro Jahr (S. 4 f.).
  20. Die EinDollarBrille eindollarbrille.de
  21. Strategiepapier, Stand Mai 2017, S. 4 (PDF).
  22. Strategiepapier, Stand Mai 2017, S. 6 f. (PDF)
  23. Strategiepapier, Stand Mai 2017, S. 3 (PDF).
  24. Strategiepapier, Stand Mai 2017 (PDF), S. 7.
  25. Jahresbericht 2017 des EinDollarBrille e.V., S. 12 ff. (PDF).
  26. Jahresbericht 2017 des EinDollarBrille e.V., S. 37 (PDF).
  27. Auszeichnungen eindollarbrille.de
  28. Gewinner des empowering people. Award für herausragende technische Erfindungen ausgezeichnet siemens-stiftung.org, Pressemitteilung vom 30. Oktober 2013.
  29. EinDollarBrille e.V. ist das „Gute Beispiel 2016“ br.de, Pressemitteilung vom 5. Mai 2016. Siehe auch das Bewerbungsvideo für diesen Wettbewerb.