Einheitsschule

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Die deutsche Einheitsschule geht historisch unter anderem auf Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Lehrervereins zurück, der schon in der Revolution von 1848/49 wichtige Grundzüge eines künftigen Schulwesens entwickelte. In diesem Sinne versteht man unter der Einheitsschule den Schulaufbau von Kindergarten bis zur Universität für alle Kinder.

Damit steht die Einheitsschule dem dreigliedrigen bzw. gegliederten Schulsystem in Deutschland gegenüber.

Politik in der Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

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Die achtjährige Einheitsschule sollte auf Anordnung der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eingeführt werden (Kontrollratsdirektive Nr. 54 von 1947). Dennoch wurde mit dem Verweis auf die strittige Diskussion über Begabung das mehrgliedrige Schulsystem beibehalten. In den 1970er Jahren gab es in einigen sozialdemokratisch regierten Bundesländern Bestrebungen, das mehrgliedrige Schulsystem durch Gesamtschulen zu ersetzen, die dem Konzept einer Einheitsschule nahekamen. Allerdings mussten diese Gesamtschulen mit den anderen Schulen konkurrieren. Außerdem waren sie insofern keine Einheitsschulen, als sie intern eingeteilt waren in Kurssysteme, die das mehrgliedrige Schulsystem intern abbildeten. Es kam nur vereinzelt zur Etablierung von wirklichen Einheitsschulen, wie beispielsweise der Laborschule Bielefeld. Seit den 1980er Jahren wurden keine neuen Anläufe zur Realisierung von Einheitsschul-Konzepten begonnen. Erst mit den international vergleichenden Bildungsstudien (TIMSS, PISA, IGLU), in denen deutsche Schüler sehr schlecht abschnitten, gleichzeitig aber einer extrem hohen sozialen Selektion ausgesetzt waren, wird wieder ernsthaft über die Etablierung von Einheitsschulen („Schulen für alle“) nachgedacht. Um vom mehrgliedrigen in ein eingliedriges Schulsystem überzugehen, wird von Bildungsforschern um Klaus Hurrelmann auch das zweigliedrige Modell propagiert: Hauptschulen, Realschulen und - falls vorhanden - Gesamtschulen werden fusioniert, erhalten eine eigene Oberstufe und bieten wie das Gymnasium, das zunächst bestehen bleibt, alle Schulabschlüsse an. Das Problem dabei ist, die beiden Schultypen im sogenannten "Zwei-Wege-Model" (Hurrelmann) wirklich gleichwertig zu gestalten. So sind sich die existierenden Gesamtschulen häufig dem Vorwurf des leistungsmäßig schlechten Abschneidens ausgesetzt, dabei wird allerdings der sog. „Creaming-Effekt“ übersehen. Dieser besagt, dass die Schülerschaft einer Gesamtschule nicht - wie vorgesehen - aus gleichmäßigen Anteilen von starken und schwachen Schülern besteht, sondern zum großen Teil aus den schwächeren, da die Eltern der stärkeren Schüler ihre Kinder bevorzugt aufs Gymnasium schicken. Somit ist die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Schulformen sehr schwierig.

In einigen Bundesländern gibt es im bildungspolitischen Spektrum nun Konzepte, das mehrgliedrige Schulsystem langfristig abzuschaffen. Als Gründe für diese neue Politik werden angeführt

  • die demografische Veränderung: Viele kleine Gemeinden können sich aufgrund des Bevölkerungsrückgangs verschiedene Schultypen nicht mehr leisten, und es wird für die Zeit ab 2010 ein dramatischer Rückgang der Studierendenzahlen prognostiziert, wenn die Bildungspolitik so fortgesetzt wird wie bisher.
  • die Kritik der frühen Selektion im mehrgliedrigen System durch internationale Organisationen wie die OECD, die UNICEF, die UNESCO, die Europäische Kommission und zuletzt der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen mit seiner Bildungsstudie über Deutschland
  • die Kritik durch einige Wirtschaftsverbände und Denkfabriken an der frühen Selektion
  • die „Abstimmung mit den Füßen“: in NRW fanden 2006 14.000 Eltern keinen Platz für ihre Kinder in Gesamtschulen und 2007 waren es 16.000 Eltern, die ihre Kinder in Gesamtschulen einschulen wollten und keinen Platz bekamen; in Schleswig-Holstein schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf die privaten Einheitsschulen der dänischen Minderheit.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die deutsche Diskussion um die Einheitsschule um 1920[Bearbeiten]

Mit der Odenwaldschule in Heppenheim ist in Deutschland 1910 die erste Gesamtschule durch die Reformpädagogik gegründet worden. Durch die Novemberrevolution 1918 war die Möglichkeit einer Umgestaltung des Schulsystems gegeben. 1919 wurde der Bund Entschiedener Schulreformer gegründet, der u. a. die Ideen und Modelle einer "elastischen" und "differenzierten" Einheitsschule propagierte und in dem die Einheitsschule als beste Voraussetzung für die Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens anerkannt wurde. Zwar traten die MSPD und die USPD noch für die Einheitsschule ein, doch der Weimarer Schulkompromiss ließ in der Weimarer Verfassung davon nur noch wenig übrig: „Das öffentliche Schulwesen ist organisch auszugestalten.“ (Art. 145). Zum Wortführer der Einheitsschule wurde neben den Vertretern des Bundes Entschiedener Schulreformer auch Johannes Tews, der für den Deutschen Lehrerverein (DLV) arbeitete, der große Teile der Volksschullehrer vereinigte. Auch der SPD-Bildungspolitiker Heinrich Schulz setzte sich für eine öffentliche, kostenfreie, weltliche, koedukative Schule mit einheitlichen Lehrplänen ein - und blieb damit angesichts der Koalitionszwänge erfolglos.

Die Greilsche Schulreform[Bearbeiten]

Mit den Stimmen von SPD, USPD und KPD wurde am 24. Februar 1922 das Einheitsschulgesetz vom Thüringer Landtag beschlossen. Es regelte unter anderem den stufenförmigen Aufbau der Thüringer Schule in Form von Unter-, Mittel- und Oberschule. Die Reform ist nach dem thüringischen Volksbildungsminister und Lehrer Max Richard Greil (SPD) benannt.

Die Berliner Einheitsschule[Bearbeiten]

1948 wurde in Berlin mit den Stimmen der SPD, SED und LDPD das Gesetz zur Einheitsschule verabschiedet. Es galt für die gesamte Stadt, wurde aber nach der Teilung im Westteil 1951 durch die Berliner Schule abgelöst.

Konzipiert wurde die Berliner Einheitsschule größtenteils von Reformpädagogen des ehemaligen "Bundes Entschiedener Schulreform", die schon in der Weimarer Zeit an Berliner Versuchsschulen, vor allem an der Karl-Marx-Schule in Neukölln, tätig gewesen waren.

Kernstücke der Einheitsschule waren die 8-jährige Grundschule, eine Oberschule mit praktischem und wissenschaftlichem Zweig sowie eine elastische Mittelstufe mit Kern- und Kursunterricht. Außerdem wurde die allgemeine Koedukation eingeführt. Die strikte und frühe Trennung der Schülerinnen und Schülern in verschiedene Schulzweige war ein Hauptkritikpunkt am herkömmlichen Schulsystem gewesen, dem mit einer langen Grundschulzeit von 8 Jahren entgegengewirkt werden sollte.

Da das Gesetz zur Berliner Einheitsschule sein Zustandekommen vor allem der Zusammenarbeit von SPD und SED verdankte, war es spätestens 1948/49, nach der Teilung der Stadtverwaltung in West-Berlin mit dem Stigma eines sozialistischen, sowjetisch orientierten Schulsystems behaftet.

Von konservativen Kreisen des Bildungsbürgertums, den beiden christlichen Kirchen – insbesondere der katholischen Kirche – und fast der gesamten West-Berliner Presse wurde geradezu ein Schulkampf entfacht, der kurz vor den Wahlen im Dezember 1950 seinen Höhepunkt erreichte. Nach den Berliner Wahlen vom 3. Dezember 1950 gab es eine CDU-FDP-Mehrheit im West-Berliner Senat. Zwar wurde eine große Koalition aus CDU und SPD gebildet, da man der Auffassung war, die Stadt brauche in ihrer prekären Lage Stabilität und eine starke Regierung, doch eine Mehrheit für die Einheitsschule existierte nicht mehr. Die Revision des Gesetzes zur Einheitsschule wurde bereits im Dezember 1950 beschlossen und brachte eine deutliche Annäherung an das Schulsystem der westlichen Bundesländer. Die Fritz-Karsen-Schule in Neukölln blieb als „Schule besonderer pädagogischer Prägung“ trotz der Revision als Einheitsschule bestehen.[2] Als Besonderheit blieb in West-Berlin die sechsjährige Grundschule bestehen. Sie konnte aber von einigen humanistischen Gymnasien mit grundständigen Lateinklassen (ab der 5. Klasse) umgangen werden. Dieser Kompromiss besteht im Prinzip bis heute.

In den 60er Jahren hatte die SPD wieder eine Mehrheit im Berliner Abgeordnetenhaus und versuchte mit der Gesamtschule 1968 einen zweiten Versuch, eine Vereinheitlichung im Bildungssystem zu erreichen.

Die Einheitsschule der DDR[Bearbeiten]

Im Bildungssystem der DDR wurde der Gedanke der Einheitsschule nach Vorgaben der Alliierten umgesetzt, allerdings in sowjetischer Prägung. 1946 führte die sowjetische Besatzungsmacht im Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule die achtklassige Einheitsschule ein. Die Deutsche Verwaltung für Volksbildung und nach der DDR-Gründung 1949 das Ministerium für Volksbildung sorgte für einheitliche Lehrpläne auf der Basis des Marxismus-Leninismus. Den Aufbau der sozialistischen Schule schloss 1959 und 1965 das Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem ab.[3]

Weder Kinderkrippe noch Kindergarten waren Pflicht. Kinder, die den Kindergarten nicht besuchten, mussten allerdings in die „Vorschule“ gehen. Hier wurden im letzten Jahr vor der Einschulung ein Mal pro Woche Mengenlehre, Malen, Basteln und Singen in spielerischer Art und Weise mit den Kindern geübt. Alle Kinder besuchten die Polytechnische Oberschule (1. - 10. Klasse, ab 1965) und blieben größtenteils in dieser Zeit in einer Gruppe zusammen. Sehr viele Kinder erreichten auf diesem Bildungsweg einen Abschluss nach 10-jähriger Schulzeit, der nach 1990 mit dem Realschulabschluss gleichgesetzt worden ist.

Auch in der DDR gab es Ausnahmen von der Einheitsschule: Lernschwache oder behinderte Kinder besuchten Hilfs- oder Förderschulen. Speziell begabte Schüler wurden ab einem bestimmten Grad der Begabung außerhalb des Einheitsschulsystems an Spezialschulen gefördert. Am bekanntesten sind hier die KJS (Kinder- und Jugendsportschulen). Das Abitur (höhere Reife) wurde an der Erweiterten Oberschule (9. bis 12. Klasse, gegen Ende der DDR 11. bis 12. Klasse) von etwa 10 % eines Jahrgangs abgelegt. Eine Möglichkeit für weitere ca. 10 % der Schüler, eine Hochschulzulassung zu erwerben, war die Berufsausbildung mit Abitur. Bei diesem Bildungsgang absolvierte der Jugendliche innerhalb von 3 Jahren eine Berufsausbildung und die Abiturstufe.[3]

Vorteile[Bearbeiten]

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Aus Sicht der Befürworter ist sie sozial gerechter, da nicht der weitere Bildungs- und Berufsweg schon durch die Schulwahl frühzeitig vorgezeichnet wird und sich spezielle Fördereffekte schwächerer Schüler ergeben. Diese Auffassung wurde durch die PISA-Studien bedingt bestätigt.

Dass die Einheitsschule auch gute Ergebnisse im Leistungsbereich bringen kann, zeigen die Ergebnisse der PISA-Studie, bei der Staaten mit einem Einheitsschulsystem wie beispielsweise Finnland Spitzenplätze erreicht haben. Obwohl davon ausgegangen werden muss, dass die guten Ergebnisse nicht ausschließlich auf das Einheits- oder Gesamtschulsystem zurückzuführen sind (sämtliche PISA-Verlierer haben auch Einheitsschulsysteme, während einige Staaten mit gegliederten Systemen auch sehr gut abschneiden), sondern auch auf gezielte Einzelförderung, verstärkte Schulautonomie, Kurssystem und Projektarbeit im Gegensatz zu Frontalunterricht, zeigt das Ergebnis doch, dass auch mit dem Einheits- bzw. Gesamtschulsystem gute Erfolge erzielt werden können. Schaut man detaillierter in die Schullandschaften der Länder mit Einheitsschulsystemen, so fällt jedoch auf, dass sich unter dem Begriff "Gesamtschule" auch sehr unterschiedliche Schulen finden. In Finnland z.B. muss jede Schule dem örtlichen Bedarf entsprechend ihr eigenes Schulprofil entwerfen. Begabtenkurse werden ab Klasse 3 angeboten. Auf diese Weise entstehen Schulen, die sich im Leistungsniveau so stark unterscheiden, dass einige mit deutschen Hauptschulen, andere eher mit deutschen Gymnasien vergleichbar sind. Durch die freie Schulwahl sortieren sich die Schülerströme so, dass deutlich homogenere Klassen entstehen als der Begriff Gesamtschule impliziert.[4]

Nachteile[Bearbeiten]

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Aus Sicht der Gegner sei eine Einheitsschule eine „Gleichmacherei“, und der Schüler könne nicht entsprechend seinen Begabungen gefördert werden. So würden leistungsstärkere Schüler zu wenig gefordert und gefördert, wohingegen leistungsschwache Schüler durch die besseren Leistungen ihrer Mitschüler gedemütigt würden.[5] Wie sehr die Gesamtbildung durch ein Einheitsschulmodell leiden kann, ist am Beispiel der USA zu erkennen. Die dortigen Schüler hängen deutschen Standards um Jahre hinterher. Allerdings muss dabei auch in Betracht gezogen werden, dass in den USA die Qualität der einzelnen Schulen durch die kommunale Verantwortung und Finanzierung sehr schwankt und auch eine Teilung zwischen Privatschulen und öffentlichen Schulen erfolgt. Die große Verbreitung von Privatschulen in den USA ist aber vor allem auf die schlechten öffentlichen Schulen zurückzuführen.

Auch in Frankreich ist nach Studien zufolge das Niveau deutlich gesunken, die Einheitsschule hätte außerdem die Chancen von Migranten nicht erhöht.[6]

Meinungen in der Bevölkerung[Bearbeiten]

Bei einer Forsa-Umfrage sprachen sich im Jahr 2004 41 Prozent der Bevölkerung dafür aus, dass die Schüler bis zur 9. oder 10. Klassen zusammen bleiben sollten. 52 Prozent waren für das jetzige Schulsystem. 2007 sprachen sich weniger Personen für eine Einheitsschule aus. Bei einer neuen Forsa-Umfrage sprachen sich 89 Prozent aller Befragten für den Erhalt der Gymnasien aus, 68 Prozent waren gegen eine Abschaffung der Hauptschule. Im Unterschied zur offiziellen Linie der Parteien traten Anhänger der SPD und der Linken entschieden für den Erhalt der Gymnasien ein (SPD: 88 Prozent, Linke: 85 Prozent).[7]

In Österreich sind 73 Prozent der Befragten (repräsentative telefonische Umfrage im Mai 2006 unter 500 Personen) für die Beibehaltung des derzeitigen differenzierten Schulwesens, 24 Prozent sind für die Gesamtschule. Damit ist die Zustimmung zur Beibehaltung des derzeitigen Schulwesens gestiegen. 2005 waren noch 54 Prozent für die Beibehaltung des differenzierten Schulwesens, 43 Prozent waren damals für die Gesamtschule.[8]

Ob sich diese Meinungen in den verschiedenen sozialen Schichten unterschieden, ist nichts bekannt. Von den befragten Frauen sind deutlich mehr für eine Gesamtschule als von den befragten Männern.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Einheitsschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. WDR-Beitrag 17. Februar 2007
  2. Marion Klewitz: Berliner Einheitsschule 1945–1951. Entstehung Durchführg und Revision des Reformgesetzes von 1947/48 (= Historische und pädagogische Studien. Bd. 1). Colloquium-Verlag, Berlin 1971, ISBN 3-7678-0296-1.
  3. a b Das Bildungs- und Erziehungssystem. In: Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR. Bayerische Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit, München 1998, S. 556–564.
  4. Thelma von Freymann: Zur Binnenstruktur des finnischen Schulwesens. In: Freiheit der Wissenschaft. Heft 2, Juni 2002, ISSN 0343-7752, S. 1–5, (PDF; 59 kB).
  5. Helmut Fend: Gesamtschule im Vergleich. Bilanz des Ergebnisse des Gesamtschulversuchs. Beltz, Weinheim u. a. 1982, ISBN 3-407-54126-0.
  6. http://www.focus.de/schule/schule/unterricht/ausland/tid-10906/einheitsschule-in-frankreich-das-niveau-ist-dramatisch-gesunken_aid_314049.html
  7. Landeselternausschuss Berlin 2. Dezember 2007: Mehrheit der Deutschen will gegliedertes Schulsystem behalten abgerufen am 1. März 2008
  8. derstandard.at: Mehrheit der Österreicher für gegliedertes Schulsystem
  9. learn.bildungonline.at: Mehr Frauen als Männer für Gesamtschule