Einsamkeit

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Der sprichwörtlich einsame Ort namens Solitüde zur Winterzeit. Er wurde nach dem Französischen Wort für Einsamkeit benannt.

Einsamkeit bezeichnet meist die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein, aber gilt auch als Sammelbegriff für besonders dünn besiedelte und meist abgelegene Gegenden[1]. Oft wird mit Einsamkeit eine negativ konnotierte Normabweichung oder ein Mangel verbunden, mitunter werden damit aber auch positive Aspekte in Zusammenhang gebracht, beispielsweise im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die Gedanken ordnen oder Kreativität entwickeln bzw. fördern kann.

Sozialpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Asylbewerberkind im Gemeinschaftsraum einer Asylbewerbersammelunterkunft

In der Sozialpsychologie wird Einsamkeit entweder als Synonym für soziale Isolation verwendet oder als die Bezeichnung der subjektiven Auffassung, an einer ‚sozialen Isolation‘ (= Mangel an sozialen Kontakten) zu leiden – unabhängig davon, ob ein solcher Mangel intersubjektiv nachvollziehbar ist oder nicht. In begrifflicher Hinsicht muss man vom „Einsamsein“ das häufig verwechselte „Alleinsein“ trennen – während Einsamkeit ein unangenehmes Gefühl ist (subjektive Komponente), bezieht sich „allein“ nur auf eine Zustandsbeschreibung (objektive Komponente). Dieser Zustand kann auch durchaus angenehm sein, weil der Mensch seiner Natur nach nicht nur nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung sucht, sondern auch nach Unabhängigkeit – „einsam“ ist dagegen ein ausschließlich negativ konnotierter Begriff. Wichard Puls (siehe Literatur), der in seiner Arbeit den Verursachungsprozess von sozialer Isolation nachzeichnet, versteht unter Einsamkeit das subjektive Innewerden sozialer Isolation. Für ihn stellen Einsamkeitsgefühle die Vorstufe zu Depression und negativen Bewältigungsstrategien wie Alkoholismus dar; zudem wirken sie in einer Rückkopplungsbeziehung verstärkend auf solche Faktoren ein, die die soziale Isolation (als Vorstufe zur Einsamkeit) weiter verfestigen.

Puls zufolge ist ein sogenanntes „interaktives Dilemma der Einsamkeit“ zu beobachten: Ob gewollt oder nicht, bilden sich unter dem Einfluss der Einsamkeit soziale Einstellungen, Verhaltensweisen und Gefühle heraus, die vom gesellschaftlichen Standard abweichen. Beim Versuch, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen, erweist sich dies als in doppelter Hinsicht fatal:

  • Zum einen neigen einsame Personen formal zu einem selbstbezogenen Kommunikationsstil und gehen in unzureichendem Maße auf die kommunikativen Bedürfnisse ihres Gegenübers ein.
  • Zum anderen vertreten sie inhaltlich häufig Einstellungen zum gesellschaftlichen Miteinander, die vom Standpunkt der Normalität aus betrachtet als destruktiv oder zynisch erscheinen können. Dies wiederum verhindert, dass es im Verlauf der Kommunikation zum Aufbau von Sympathie und Attraktion kommt, da die hierfür erforderliche Ähnlichkeit in zentralen Einstellungen der Kommunikationspartner nicht gegeben ist.

Seine Einsamkeit, sein „Anderssein“ oder Abgeschiedensein von anderen Menschen, im positiven Sinn zu akzeptieren – auch wenn Einsamkeit für die meisten Menschen üblicherweise schmerzhaft ist –, anstatt sich ein negatives Bild des Einsam- und Anderssein einreden zu lassen, ist ein wichtiger Schritt, mit Einsamkeit und dem damit verbundenen Schmerz fertigwerden zu können (siehe Bewältigungsstrategie, Stressmanagement).

Ob und in welcher Form eine langfristig isolierte Lebensart möglich ist, hängt in hohem Maße von dem Menschen, aber auch von der Gesellschaft und somit von der Zeitepoche ab. Während in früheren Jahrhunderten die Einbindung des Einzelnen in die Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit war, hat sich dieser Automatismus im Zuge der Industrialisierung teilweise aufgelöst. Die Möglichkeit von Einsamkeit hat somit den Prozess der Individualisierung zur Voraussetzung, den in seiner radikalen Form allein die westlichen Industriegesellschaften durchlaufen haben (sofern man Indien und andere Länder mitzählt, in denen die asketische Form der Einsamkeit heute noch vorkommt).

Sich vollständig freiwillig von der Gesellschaft abzukapseln bzw. unfreiwillig ausgegrenzt zu werden ist in den letzten Jahren in Japan zu einem weit verbreiteten Phänomen geworden, besonders unter Jugendlichen, die sich vom rigorosen Schulsystem (Wettbewerbsdruck), dem enormen Gruppenzwang und dem damit teilweise einhergehenden Mobbing überfordert fühlen. Siehe dazu Hikikomori.

Diese Form des radikalen Abkapselns von der Gesellschaft nimmt auch in vielen anderen Ländern zu und wird zum Beispiel als eine Form der gesellschaftlichen Revolution oder als eine psychische Krankheit betrachtet.

Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klassifikation nach ICD-10
Z60.2 Alleinlebende Person
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Beim geriatrischen Basisassessment werden in der Altersmedizin die sozialen Beziehungen einer Person erfragt, weil es bisher zwar keinen eindeutig nachweisbaren Ursachen-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einzelnen Krankheitsverläufen gibt, jedoch deren Kenntnis zumindest für die Therapieplanung wichtig sein kann. Ob eine enge Beziehung zwischen dem Gefühl der Einsamkeit und einer Alzheimer-Demenz besteht oder nicht, ist nicht eindeutig geklärt. Dazu beobachteten von 2002 an amerikanische Forscher 823 ältere Menschen aus Seniorenheimen in Chicago und Umgebung über einen Zeitraum von vier Jahren. Anfangs war keine der beteiligten Personen an einer Alzheimer-Demenz erkrankt. In der Verlaufsbeobachtung kam es bei denjenigen, die sich einsam fühlten, wesentlich rascher zu einem geistigen Abbau als bei den sozial Aktiveren.

Laut ICD-10 gehört Alleinleben allgemein zu den möglichen Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen können, konkreter werden alleinlebende Personen als Personen mit potentiellen Gesundheitsrisiken aufgrund sozioökonomischer oder psychosozialer Umstände unter dem Schlüssel Z60.2 klassifiziert.

Kunst und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Heinrich Füssli – Die Einsamkeit bei Tagesanbruch (1794–1796), Kunsthaus Zürich
Caspar David Friedrich – Der Wanderer über dem Nebelmeer (ca. 1817)

In der Aufklärung wird Einsamkeit oft positiv gewertet als Rückzug des Menschen aus dem hektischen Alltag zum Zwecke geistiger Aktivität und Selbstbesinnung. Die Epoche der Empfindsamkeit und die Romantik sehen im Einsamen mehr den schwermütig-melancholischen, in seine eigene Innerlichkeit sich zurückziehenden Menschen, der sich den derben Zumutungen einer verständnislosen und oberflächlichen Außenwelt zu entziehen sucht. Gerade durch diesen Rückzug eröffnet sich aber zugleich die Möglichkeit des aufmerksamen, differenzierten In-sich-Hineinhörens im Dienste der Selbstvergewisserung über das eigene Ich. Ein Beispiel ist Goethes empfindsamer Roman Werther, der gerade durch seinen Egozentrismus und den Abstand zu bürgerlichen Konventionen und Moralvorstellungen sein gestalterisch-schöpferisches, autonomes Ich entfaltet, der aber letztendlich darunter leidet, sich mit keinem anderen Menschen (außer mit Kindern) identifizieren zu können. Er begeht also auch deshalb Selbstmord, weil die Gesellschaft ihn sich einsam fühlen lässt, und nicht nur aufgrund einer nicht erwiderten Liebe.

Bekannte Repräsentanten der Einsamkeitsdichtung sind

Sie beschreiben Einsamkeit, Vereinsamung und extreme Melancholie.

In der Malerei thematisieren Caspar David Friedrich und Vincent van Gogh Formen der Einsamkeitserfahrung.

In der Musik sind es – neben Wolfgang Amadeus Mozart – vor allem Franz Schubert (Winterreise, nach Wilhelm Müller), Robert Schumann und Jean Sibelius, die sich dem Themenkomplex Einsamkeit-Melancholie zuwenden.

Während im 19. Jahrhundert Einsamkeit in ihrer Funktion zur Herausbildung des Individuums als wichtige Aufwertung des Einzelnen gegenüber seiner in der älteren Ständegesellschaft vorherrschenden festen Rolleneinbindung gefeiert wird, relativiert sich diese Anfangseuphorie im 20. Jahrhundert, in dem Schattenseiten der zunehmenden Individualisierung immer deutlicher sichtbar wird. Die abnehmende Bindekraft einer den Einzelnen zwar einengenden, aber zugleich auch schützenden und entlastenden Gemeinschaft wird vermehrt als Problem dargestellt. Wichtige Repräsentanten dieser wachsenden Skepsis sind Werke von Heinrich Böll oder Wolfgang Borchert, in denen Kriegsheimkehrer im Mittelpunkt stehen, für die schwer zu entscheiden ist, ob nun das „Gemeinschaftserlebnis“ Krieg oder die Erfahrung von Einsamkeit und Leere bei der Heimkehr die verheerendere Wirkung auf den Menschen hat. Thomas Mann beschreibt in Doktor Faustus das Leben eines Musikers, der durch die Hingabe an seine Kunst in immer größere Distanz zu seiner Umwelt gerät und schließlich dem Wahnsinn anheimfällt.

In der Malerei nimmt vor allem das Werk Edward Hoppers einen herausragenden Rang in Bezug auf die Darstellung von Einsamkeit ein. Beherrschendes Motiv sind stets einsame, entrückte, erschöpfte Menschen, menschenleere Architektur, oft in drückend-heißer, lähmender Sommeratmosphäre, und nahezu leblose Nachtszenen. Die Darstellungen Hoppers sind durch die vollständige Abwesenheit eines kritischen oder gar anklagenden Gestus gekennzeichnet; man kann sie als sachliche, lakonische Schilderung betrachten, die darstellt, wie Menschen den Bezug zueinander verloren haben.

John Boyne schildert 2014 in Die Geschichte der Einsamkeit einsame Priestergestalten, welche daraus eine jeweils andere Lebensgeschichte entfalten: der eine wird zum Kinderschänder an Messdienern im Irland des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Sein Freund, der ihn eigentlich nur von der Ausbildung her kennt, flüchtet sich in ein ritualisiertes, ungeistliches Leben als Lehrer und Bibliothekar, um die Augen vor der Wirklichkeit zu schließen. Die kirchliche Hierarchie kujoniert ihn, aber er steckt alles weg. Die Verdrängung führt dazu, dass er selbst die Verbrechen des Freundes nicht sehen kann. Erst die späte Erkenntnis, dass die Religion ihn in die Einsamkeit statt in die Gemeinschaft geführt hat, veranlasst ihn, sein leben zu ändern.

Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das anthropologische Phänomen Einsamkeit beschäftigt die Philosophen seit der Antike. Bereits Epikur setzt auf die Einsamkeit als Abgeschiedenheit im Garten. Seneca und andere Stoiker bevorzugen das Wechselverhältnis zwischen Einsamkeit und Geselligkeit (de otio et solitudine). In dieser Tradition folgen den antiken Denkern Francesco Petrarca und Michel de Montaigne (Essays, De la solitude). Ein moderner Apologet der schöpferischen Einsamkeit ist Friedrich Nietzsche, der das Motiv in seiner Zarathustra-Dichtung vielfach exponiert. Aus den Einsamen von heute soll Nietzsche zufolge ein neues Volk entstehen und daraus schließlich der „Übermensch“. In Hermann Hesses Werken geht es oft darum, die Problematik der Gegensätzlichkeit von Einsamkeit und Gemeinsamkeit herauszukristallisieren (Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf).

Die schöpferische Einsamkeit

Anthony Storr (1990) beschreibt in seinem Werk, dass eine ausgeprägte schöpferische Begabung eher selten vorkommt, und dass Berühmtheiten wie etwa Descartes, Newton, Locke, Kant, Nitzsche oder Schoppenhauer in keinen üblichen Familienstrukturen oder gar in persönlichen Beziehungen lebten. Es ist denkbar, dass die Beziehungen mancher großer Denker durch Geisteskrankheit, Alkoholismus oder Drogenmissbrauch stark gestört waren. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass die schöpferische Begabung, geistige Labilität nach sich ziehen könnte und somit ein zweifelhafter Segen wäre. Natürlich lässt sich diese Vermutung nicht auf jeden Einzelnen anwenden. Voltaire beispielsweise lebte zölibatär, und Gibbon lebte alleine, aber glücklich. Gibbon selbst beschrieb sein Leben folgendermaßen:

„Die Liebe zum Studieren, eine Leidenschaft, die aus der Freude neue Kraft erhält, bildet jeden Tag, jede Stunde eine stete Quelle unabhängigen und vernünftigen Vergnügens; und ich spüre keinerlei Rückgang meiner geistigen Fähigkeiten.“ (Storr 1990, S. 13, zit. nach Gibbon 1900)

Durch die heute weit verbreitete Überzeugung, dass man wahres Glück nur durch intime Beziehungen erfahre, besonders durch die sexuelle Erfüllung, finden Menschen wie Edward Gibbon in unserer Vorstellung keinen Platz mehr. Er lebte während der Arbeit an seinem Werk „Geschichte des Verfalls und Untergangs des Römischen Reiches“ sehr zurückgezogen, pflegte jedoch sehr wohl auch Freundschaften und fühlte sich wohl in Gesellschaft. Die Hauptquelle seiner Selbstachtung und Freude lag jedoch definitiv in seiner Arbeit. Storr (1990) spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Bedeutung, die wir heute den zwischenmenschlichen Beziehungen beimessen, zu hoch ist. Zwischenmenschliche Beziehungen beinhalten stets ein Element der Unsicherheit, deshalb sollte man in ihnen nie den einzigen Wert zur persönlichen Erfüllung sehen. Genies unterscheiden sich in manchen Dingen kaum von gewöhnlichen Menschen. Sie haben ähnliche Bedürfnisse und Wünsche. Dies kann man in ihren Aufzeichnungen erkennen, in denen sie über Einsamkeit, Tod, Liebe oder Freiheit philosophieren – Themen, die alle betreffen, aber von vielen Durchschnittsmenschen so grundlegend nicht wahrgenommen werden. Storr (1990) streitet nicht ab, dass Kinder im Säuglingsalter und in den ersten Lebensjahren auf die Bindung an die Eltern angewiesen sind. Er schreibt darüber, wie wichtig ein Aufwachsen in einer sicheren, liebevollen Umgebung ist. Er bezieht diese Aussage jedoch nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf die Interaktion mit Gleichaltrigen. Ein Beispiel dafür wäre, dass ein Kind die Sexualität außerhalb seines Zuhauses mit anderen Kindern entdeckt. Es ist bewiesen, dass Kinder von Eltern, die selber sexuelle Probleme haben, ungewöhnlich isoliert leben. Seit langem forschen Wissenschaftler zur Notwendigkeit der Interaktion zwischen Eltern und Kindern und deren Umfeld. Selten jedoch hat sich ein Forscher die Frage gestellt, wie wertvoll es für Kinder sein könnte, ihnen Zeit und Gelegenheit zum Alleinsein zu geben. Dieser Zustand könnte ihre Phantasie fördern. Viele Menschen, die schöpferische Leistungen erbracht haben, schildern Gefühle aus ihrer Kindheit, die sie nicht im Kontakt mit anderen Menschen, sondern in ihrer Einsamkeit gespürt haben.

„In der Kindheit und Knabenzeit ergriff mich diese Verzückung, wenn ich im Freien glücklich war. War ich fünf oder sechs? Gewiß nicht sieben. Es war ein Frühsommermorgen. Ein silbriger Dunstschleier schimmerte und zitterte über den Lindenbäumen. Die Luft war mit ihrem Duft beladen; die Temperatur eine Liebkosung. Ich erinnere mich – ich muß es mir nicht ins Gedächtnis zurückrufen -, daß ich auf einen Baumstumpf kletterte und mich mit einem Mal in Es-Haftigkeit getaucht fand. Damals benannte ich es nicht so. Ich brauchte keine Worte. Es und ich waren eins.“ (Berenson 1949, S. 18)

Der Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen ist immer von zentraler Bedeutung, da er ein Ausdruck für emotionale Reife ist. Ist jedoch der Aspekt der Fähigkeit des Alleinseins nicht auch ein Aspekt der emotionalen Reife?

Wenn Kleinkinder sich an ihre Eltern klammern, gilt das als ein Zeichen von Unsicherheit. Ein Kind kann die Abwesenheit der Mutter, beziehungsweise das Alleinsein besser ertragen, wenn es zuvor die Sicherheit erhalten hat, dass die Mutter wieder zurückkehrt. Der Wissenschaftler Donald Winnicott (1974) formuliert seine These folgendermaßen: Er meint, dass der Ursprung zur Fähigkeit des Alleinseins im Säuglingsalter liege. Wenn die unmittelbaren Bedürfnisse des Säuglings gestillt seien und die Mutter gerade für nichts sorgen müsse, beruhe die Fähigkeit zum Alleinsein auf der Erfahrung, in Gegenwart eines anderen Menschen allein zu sein. Wenn der Säugling also in Gegenwart eines anderen Menschen alleine ist, kann er sein eigenes personales Leben entdecken. Winnicott meint also, dass die Ich-Entwicklung dann beginnt, wenn der Säugling entspannt in der Gegenwart der Mutter allein ist. Storr (1990) fasst diese Gedankengänge zusammen:

„Die Fähigkeit, allein zu sein, wird also verknüpft mit Selbstentdeckung und Selbstverwirklichung, mit der Wahrnehmung der tiefsten eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Impulse.“ (Storr 1990, S. 47)

Wenn einem das Leben einen Streich spielt, und man sich widerwillig neu orientieren muss, ist die Fähigkeit allein zu sein, eine wertvolle Hilfe, um die geistige Einstellung zu verändern. Veränderungen können dazu beitragen, das Leben und den Sinn neu zu bewerten. Bei vielen großen religiösen Führern kann man erkennen, dass sie der Einsamkeit eine wichtige Rolle zugesprochen haben. Sie kamen alle zu dem Schluss, dass Alleinsein die Erkenntnis und die Veränderung fördert. Beispielsweise verbrachte die heilige Katharina von Siena drei Jahre in völliger Abgeschiedenheit in ihrem kleinen Zimmer in der Via Benincasa und hatte dort eine Reihe von mystischen Erlebnissen, bevor sie ihr Leben in der Gesellschaft wieder aufnahm, lehrte und predigte.

Freud (1969) schrieb einst den Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“. Er beschreibt darin, dass der Glückliche nie phantasiere, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche seien die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie sei eine Wunscherfüllung – eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit. Dies könnte bedeuten, dass Freud die Phantasie, als eine Flucht ansieht, um der Realität zu entkommen. Im Gegenzug zu Freud betrachtet Storr die Phantasie als einen Teil der biologischen Ausstattung des Menschen. Er vertritt die Meinung, dass die Phantasie unser Begleiter sei, wenn wir Brücken zwischen der inneren Phantasiewelt und der Außenwelt schaffen. Er sagt, dass eine Menschheit ohne Phantasie nicht im Stande sei, sich im materiellen Sinne ein besseres Leben vorzustellen, solch eine Menschheit hätte auch weder Musik, Literatur, Religion noch Malerei. Er veranschaulicht seine Aussage mit Beispielen, die beweisen, dass viele wissenschaftliche Hypothesen aus einem Höhenflug der Phantasie entstanden sind. Beispielsweise Newton, der den damals absurd erscheinende Gedanken, dass die Schwerkraft eine universale Kraft sein müsse, die auf riesige Entfernungen wirke, erst bestätigt bekam, als dies mit Hilfe der Mathematik bewiesen wurde. Storr (1990) sagt, dass der Mensch von Natur aus eine innere Phantasiewelt besitze, die sich zwar von der äußeren Wirklichkeit unterscheide, aber mit ihr verbunden sei. Gerade diese Diskrepanz rege das schöpferische Potential an.Sowohl bei der Lektüre von Freuds „Selbstdarstellung“, als auch bei Jungs „Erinnerungen, Träume, Gedanken“, ist festzustellen, dass sie wenig über persönliche Beziehungen berichten. Das lässt darauf schließen, dass das, was in ihren Selbstdarstellungen aufgezeigt wird, ihnen am meisten am Herzen lag. Wie wichtig persönliche Beziehungen für den schöpferisch begabten Menschen auch sein mögen, so ist ihm doch sein Interessengebiet oftmals viel wichtiger. Die Identifikation des Ichs erfolgt über die Arbeit und nicht über persönliche Beziehungen. Die Phantasie hat es ermöglicht, dass man das Unpersönliche nutzen kann, um zur Selbstverwirklichung gelangen zu können. Bruno Bettelheim, der israelische Jugendliche untersuchte, die in einem Kibbuzim aufgewachsen sind, betonte, dass sich Gruppengefühle hemmend auf die Kreativität auswirken:

„Ich glaube, daß es für sie fast unmöglich ist, persönliche Überzeugungen zu haben, die von jenen der Gruppe abweichen, oder sich auf schöpferische Art schriftlich ausdrücken – nicht nur, weil die persönlichen Gefühle unterdrückt werden, sondern weil das Ich zerbrechen würde. Wenn das Ich im Grunde ein Gruppen-Ich ist, dann ist der Gegensatz zwischen privatem Ich und Gruppen-Ich ein selbstzerstörendes Erlebnis. Und das persönliche Ich fühlt sich zu schwach zum Überleben, wenn sein stärkster Aspekt, das Gruppen-Ich, verlorengeht.“ (Bettelheim 1971, S. 295)

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christliche Mystiker beschreiben Jesus Christus oft als einsamen Menschen, zum Beispiel Maria Valtorta (1897–1961) schreibt über ihn: „Die tiefen und liebreichen Lehren und Gespräche Christi, Seine einsamen Ergießungen, Seine Gebete zum Vater und Sein Einswerden mit diesem in der Stille der Nächte oder der Tiefe der Haine, in die Christus sich zurückzog, um den Trost der Vereinigung mit Seinem Vater zu suchen – Er, der Große Einsame, der Große Unbekannte und Unverstandene.“

Leo Tolstoi[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Je einsamer jemand ist, desto deutlicher hört er die Stimme Gottes.“[2]

„Ein zeitweiliger Rückzug von allen Dingen des Lebens und Nachdenkens über das Göttliche ist für deine Seele eine ebenso notwendige Nahrung, wie es die materielle Nahrung für deinen Körper ist.“[3]

„Auf der höchsten Bewußtseinsstufe ist der Mensch allein. Eine solche Einsamkeit kann sonderbar, ungewöhnlich, ja auch schwierig erscheinen. Törichte Menschen versuchen, sie durch die verschiedensten Ablenkungen zu vermeiden, um von diesem erhabenen zu einem niedriger gelegenen Ort zu entkommen. Weise dagegen verharren mit Hilfe des Gebetes auf diesem Gipfelpunkt.“[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Caroline Bohn: Die soziale Dimension der Einsamkeit. Unter besonderer Berücksichtigung der Scham. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3475-9.
  • Hans Peter Dreitzel: Die Einsamkeit als soziologisches Problem, Verlag Die Arche, Zürich 1970.
  • Hans D. Van Hoogstraaten: Einsamkeit, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 3, Argument-Verlag, Hamburg, 1997, Sp. 204-211.
  • Panagiotis Kanellopoulos: Die Einsamkeit in ihrer „gemeinschaftlichen“ und „gesellschaftlichen“ Problematik, in: Reine und Angewandte Soziologie. Eine Festgabe für Ferdinand Tönnies zu seinem achtzigsten Geburtstage am 16. Juli 1935, Hans Buske, Leipzig 1936.
  • Gerhard W. Lauth, Peter Viebahn: Soziale Isolierung. Ursachen und Interventionsmöglichkeiten, Psychologie-Verlags-Union, Weinheim 1987, ISBN 3-621-27034-5.
  • Wichard Puls: Soziale Isolation und Einsamkeit. Ansätze zu einer empirisch-nomologischen Theorie, Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 1989, ISBN 3-8244-4026-1.
  • Reinhold Schwab: Einsamkeit. Grundlagen für die klinisch-psychologische Diagnostik und Intervention. Huber, Bern 1997, ISBN 978-3-456-82862-6.
  • Udo Tworuschka: Die Einsamkeit. Eine religionsphänomenologische Untersuchung, Bonn 1974.
  • Berenson, Bernard: Sketch for a Self-Portrait. Phanteon Books, New York 1949
  • Bettelheim, Bruno: Die Kinder der Zukunft. Gemeinschaftserziehung als Weg einer neuen Pädagogik. Molden Verlag, Wien 1971
  • Storr, Anthony: Die schöpferische Einsamkeit. Das Geheimnis der Genies. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1990
  • Storr, Anthony: Die schöpferische Einsamkeit. Das Geheimnis der Genies. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1990, zit. nach: Gibbon, Edward: Memoirs of My Life and Writings. Hg. G. Birkbeck Hill, London 1900, S. 239-241
  • Winnicott, Donald: Die Fähigkeit zum Alleinsein. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Kindler Verlag, München 1974, S. 46-52
  • Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: Freud-Studienausgabe. Band 10. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1969

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.duden.de/rechtschreibung/Einsamkeit
  2. Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 61 (ohne Nachweis)
  3. Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 64 (ohne Nachweis)
  4. Zitiert nach Martin Tamcke: Tolstojs Religion. Eine spirituelle Biographie. Insel Verlag, Berlin 2010, S. 65 (ohne Nachweis)