Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230

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Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230
Internes Verbandsabzeichen

Internes Verbandsabzeichen
Aufstellung 1960/1973/1993
Land DeutschlandDeutschland
Streitkräfte Bundeswehr
Teilstreitkraft Heer Heer
Truppengattung Heereslogistiktruppe
Typ Stabilisierungskräfte
Stärke ~ 250 Mann
Unterstellung Gebirgsjägerbrigade 23
Standort Bad Reichenhall
Kommandeur
Kommandeur Oberfeldveterinär Heike Henseler

Das Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230 (Eins-/AusbZ f. TrgTWes 230) ist eine Nachschubeinheit des deutschen Heeres mit Standort in der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall. Das Einsatz- und Ausbildungszentrum ist in der Größe etwa mit einer Kompanie vergleichbar. Es zählt zu den Heereslogistiktruppen und ist Teil der Gebirgsjägerbrigade 23 und daher Teil der deutschen Gebirgstruppe. Es dient darüber hinaus ähnlich wie die Zentren des Heeres als zentrale Aus- und Weiterbildungsstätte und zur Weiterentwicklung des militärischen Tragtierwesens der Bundeswehr. Als Transportmittel im Hochgebirge werden Haflinger und Maultiere eingesetzt. Neben Truppenteilen mit Diensthunden ist das Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230 der einzige Truppenteil der Bundeswehr mit tierischen Kompanieangehörigen.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soldaten des Tragtierwesen 230 und PzGrenBtl 391 bei der Versorgung des Observation Point Zitadelle (auf 2.400 m Seehöhe) während der Tragtiererprobung des deutschen Heereskontingentes im Kosovo 2002. Eingesetzt wurden ausschließlich einheimische Tiere.

Gebirgstruppen werden im Gebirge und schwierigem Gelände durch einen auf das Gebirge spezialisierten Train mittels Tragtieren insbesondere durch Maultiere als Transportmittel versorgt. Die Hauptaufgabe der Gebirgstragtierkompanie ist die Unterstützung der Gebirgsjägertruppe durch den nachfolgenden, selten begleitenden Transport von Waffen, Munition, Verpflegung und anderen Versorgungsgütern sowie die Anschlussversorgung. Diese Aufgabe wird entweder zusammen mit Fahrzeugen (in der Gebirgsjägerbrigade 23 ist dafür das Gebirgslogistikbataillon 8 ausgeplant) oder Hubschraubern wahrgenommen, oder bei schlechtem Wetter sowie unter extrem ungünstigen Geländebedingungen auch durch die Tragtiere allein. Der Auftrag der Gebirgstragtiereinheit umfasst auch den Einsatz der Pferde als Reittiere bei der Erkundung, beim Halten von Verbindungen oder bei Spähtrupps in rückwärtigen Gebieten oder in weniger gefährdeten Räumen sowie schwierigem Gelände wie beim KFOR-Einsatz im Kosovo.

Auch in Zeiten von Hightech-Waffensystemen sind die Gebirgstragtiere der Bundeswehr die einzige Möglichkeit, die Truppe in schwierigem, stark durchschnittenem Gelände bei ungünstigem Wetter zu versorgen. So sieht die Heeresdienstvorschrift HDv 342/300 den Einsatz von Tragtieren in Friedensmissionen, aber auch in friedenserhaltenden, friedenserzwingenden, friedenskonsolidierenden und humanitären Einsätzen vor, und kann daher auch Spezialkräfte im Einsatz unterstützen.

Siehe auch: Gebirgskrieg

Spezialeinsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maultiere und Haflinger sind die einzigen Transportmittel, die in der Lage sind, auch große Entfernungen lautlos und unauffällig zu überwinden. Die Tragtierkompanie unterstützt daher auch Spezialkräfte wie das Kommando Spezialkräfte oder Fernspäher beim Transport von schweren Waffen, Munition und Verpflegung zum Einsatzort sowie beim Rücktransport von Verwundeten und befreiten Geiseln zu einer Einsatzbasis im unwegsamen Gelände durch Tragtiere, seltener durch Reitpferde. Aufgrund der Gliederung sind diese jedoch im feinddurchsetzten Gebiet durch Sicherungselemente zu sichern. Für eine erweiterte Ausbildung wurden Angehörige des Kommandos Spezialkräfte beim Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen 230 im Reiten ausgebildet.

Spähkräfte können in schwierigem Gelände durch Tragtiere beim Transport von Ausrüstung und Versorgungsgütern unterstützt und diese auch in Feindgebiet bis zu einem rückwärts gelegenen Versorgungspunkt mit Tragtieren verbracht werden. Dort sind die Lasten durch die Spezialkräfte zu übernehmen und von dort die letzte Wegstrecke selbst zu transportieren. Der Verbleib der Tragtiere im Verfügungsraum, um Abtransporte zu übernehmen oder sich unmittelbar zu entfernen, ist lageabhängig.

Ausbildung und Weiterentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich wie die Zentren des Heeres und die Truppenschulen bildet das Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen 230 zentral für das Heer Personal und Tragtiere aus und erprobt neue Ausrüstung und Einsatzverfahren im Bereich Gebirgstragtierwesen.

Die allgemeine lehrgangsgebundene Ausbildung des Führernachwuchses im Bereich Nachschub übernimmt dagegen die Logistikschule der Bundeswehr. Für den veterinärmedizinischem Bereich ist das Einsatz- und Ausbildungszentrum auf die Zusammenarbeit mit den Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen des Zentralen Sanitätsdienstes angewiesen.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bundeswehr stellte in der Gebirgstruppe bereits 1958 in Mittenwald die Gebirgstragtierkompanie 8 für die 1. Gebirgsdivision auf. Ein abgesetzter Zug lag ab Januar 1960 in Bad Reichenhall. Dieser Zug wurde zur Keimzelle des späteren Einsatz- und Ausbildungszentrums für Gebirgstragtierwesen 230.

1973 erfolgte eine Umgliederung in zwei selbstständige Tragtierkompanien: die Gebirgstragtierkompanie 220 in Mittenwald für die Gebirgsjägerbrigade 22, und die Gebirgstragtierkompanie 230 in Bad Reichenhall, die der Gebirgsjägerbrigade 23. Die Gebirgstragtierkompanie 220 wurde im April 1981 aufgelöst. Seit Oktober 1981 ist die Gebirgstragtierkompanie 230 die einzige noch Pferde und Maultiere haltende Einheit der Bundeswehr. Am 1. Oktober 1993 erfolgte die Umbenennung der Kompanie in Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen 230, am 1. Juli 2014 in Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230.

Ursprünglich wurden die Tragtiere zum Transport der 120 mm Mörser der Gebirgsjägerbataillone und der Gebirgshaubitze Modell 56 der Gebirgsartilleriebataillone der Gebirgsjägerbrigaden und der für diese Geschütze notwendigen Munition im Gebirge eingesetzt. Sowohl die Mörser als auch vormals die Gebirgshaubitzen konnten in mehrere Traglasten zerlegt und auf speziellen Tragsätteln verlastet werden. Der Einsatz von Gebirgshaubitzen ist heute nicht mehr notwendig, da die Reichweite der Panzerartillerie mit Panzerhaubitzen eine ausreichend Artillerieunterstützung gewährleistet. Eine unmittelbare Feuerunterstützung durch die Schweren Jägerkompanien der Gebirgsjäger erfolgt weiterhin durch Mörser.

Aufgrund der im Kosovo gemachten Erfahrungen, wo ein großer Teil der Gebirgstragtierkompanie 230 im halbjährlichen Wechsel zur Friedenssicherung bei berittener Geländeüberwachung und Patrouillen eingesetzt wird (vgl. die schweizerischen Patrouillenreiter), sowie wegen der politischen Forderung, zukünftig zwei Auslandseinsätze gleichzeitig durchführen zu können, wird die Erweiterung der Struktur der Tragtierkomponente erwogen.

Organisation und Führung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Taktisches Zeichen des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Tragtierwesen 230

Das Einsatz- und Ausbildungszentrum wird in den Strukturen einer Kompanie geführt und besteht aus einer Kompanieführungsgruppe und drei Tragtierzügen. Der Kompaniechef bekleidet den Dienstgrad Oberfeldveterinär. Er und sein Stellvertreter sind Sanitätsoffiziere und approbierte Veterinäre. Diese übernehmen die medizinische Betreuung der Reit- und Tragtiere. Einige Soldaten sind Hufbeschlagschmiede und Pferdewirte mit Zusatzausbildung Pferdepfleger sowie Pferdewirtschaftsmeister.

Tragtiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei Tragtierzüge verfügen über je 24 Tragtiere zu 8 Haflingern als Reit- und Tragtiere und 16 Mulis. Die gesamte Traglast liegt damit bei rund 2,5 t je Zug zusätzlich Eigenbedarf. Die Kompanie hat im Veterinärtrupp weitere sechs Tragtiere, die als Umlaufreserve bereitgehalten werden. Die Tiere können sowohl mit Reit- oder Packsätteln als auch mit einachsigen Karren zum Einsatz kommen. Als Transportmittel für die Tragtiere werden spezielle LKW 5t tmilgl mit Transportaufbau genutzt.[2] Die Container verfügen über einen Stallraum zur Unterbringung von vier Tragtieren. Mulis und Haflinger werden nach etwa 15 Jahren außer Dienst gestellt und sind dann zwischen 20 und 25 Jahre alt.

Für den Einsatz als Tragtier bedarf es einer mehrwöchigen Ausbildung und Übungsphase, bei der das Tragtier Vertrauen zum Tragtierführer fassen muss und der Tragtierführer die Eigenschaften des Tragtiers kennenlernt. Daher können im Einsatz auch einheimische Hilfskräfte als Tragtierführer mit ihren Tragtieren eingesetzt und ausgebildete Tragtierführer als Führungspersonal herangezogen werden.

Maultiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Maultier (auch Muli genannt) ist eine Kreuzung aus Pferdestute und Eselhengst. Die umgekehrte Kombination aus Pferdehengst und Eselstute wird Maulesel genannt. Die Maultiere sind zumeist größer als ihre Eselväter, aber meist kleiner als ihre Mütter. Das Stockmaß beträgt zwischen 140 und 155 cm, variiert aber je nach Rasse der Elterntiere. Der Vorteil der Maultiere gegenüber Pferden besteht in ihrer höheren Leistungsfähigkeit sowie der leichteren Führbarkeit. Ein Maultier kann in Tagesmärschen bis zu 40 km in acht Stunden Lasten von rund 120 kg bei einem Steigen von rund zwölf Höhenmeter pro Minute tragen. Für ihre Nutzung als Last- oder Saumtiere spricht des Weiteren die hohe Trittsicherheit in steilem Gelände. In steilen Kurven auf Serpentinensteigen setzen sie ihre schmalen Hufe geschickter als Pferde. Sie ertragen Kälte wie Hitze besser als Pferde. Ihr Regenerationsvermögen ist besser als das der Pferde. Ebenso sind sie genügsamer und anspruchsloser in der Fütterung und Haltung.

Die Versorgungsnummer für das Maultier ist: 8820-12-123-0282.[3]

Haflinger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haflinger

Haflinger sind eine 135–145 cm große, ursprünglich aus Südtirol stammende, alte Pferderasse. Die Tiere gehen vermutlich auf die Kreuzung von Noriker, ein alpenländisches Kaltblutpferd, und Araber zurück (vgl. auch Araber-Haflinger). Die Alpenponys sind typische Hochgebirgspferde, sehr kräftig und trittsicher. Sie sind gleichermaßen gut zum Reiten und Tragen einsetzbar. Sie sind Lichtfüchse, d. h. fuchsfarben mit heller Mähne und hellem Schweif.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Redaktion Heer: Einsatz- und Ausbildungszentrum für Gebirgstragtierwesen 230. Bundesministerium der Verteidigung, 27. Juni 2014, abgerufen am 12. Juli 2014.
  2. Vorstellung des Tragtier-Transportcontainers. Präsentation des neuentwickelten Tragtier-Transportcontainers im Rahmen der Internationalen Divisionsskimeisterschaften am Großen Arber. CHS SPEZIALCONTAINER Shelter and Engineering GmbH, Februar 2012, abgerufen am 12. Juli 2014.
  3. Michael Poppe: Das Heer 1950–1970 Konzeption, Organisation und Aufstellung. Oldenbourg Verlag, München 2006, S. 303.