Einzelgrabkultur

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Einzelgrabkultur
Zeitalter: Spätneolithikum
Absolut: 2800 v. Chr. bis 2300 v. Chr.
Ausdehnung
Polen, Baltikum, Südskandinavien, Norddeutschland
Leitformen

geschweifte Becher, Wulstleistentöpfe, Riesenbecher, Amphoren, Näpfe, Streitäxte

Die Einzelgrabkultur (EGK; dän. Enkeltgravskultur) dauerte von ca. 2800 bis 2300 v. Chr.[1] Sie gehört zu den schnurkeramischen Gruppen des Endneolithikums.

Verbreitungsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebiet der Einzelgrabkultur erstreckte sich von Südskandinavien über die Nordhälfte Deutschlands und Polens bis zum Baltikum.

Chronologisch kulturelle Einbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung hier "Corded Ware"

Im südlichen Bereich gehört die EGK zu der Übergangsphase zwischen dem späten Neolithikum und der frühen Bronzezeit, dem Endneolithikum. Im Norden geht sie in das Spätneolithikum (SN) über. Sie folgt auf die nördliche Gruppe der Trichterbecherkultur (TRB) (etwa von 4200 bis 2800 v. Chr.).

Die EGK tritt zeitgleich mit der älteren Saaleschnurkeramik der Schönfelder Nordgruppe und der Glockenbecherkultur (GBK) (2500 bis 2000 v. Chr.) auf. Dabei wird sie von örtlich angrenzenden Kulturen beeinflusst. Becherformen mit einem Hängebauch ähneln dem Zapfenbecher der Aunjetitzer Kultur (AK). Gedrungene Becher, Linienbündelverzierungen und Fischgrätenmuster lassen auf Einflüsse der Glockenbecherkultur schließen.

Im Nordosten schließen sich mit der Oderschnurkeramik im Odermündungsgebiet und der Bootaxtkultur im südlichen Schweden weitere schnurkeramische Gruppen an.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benennung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Einzelgrabkultur wurde 1892 von Johanna Mestorf eingeführt. In ihm wird die Abgrenzung der EGK, mit ihren Einzelbestattungen in oder unter Grabhügeln, von der vorhergehenden Trichterbecherkultur (TBK) mit ihren Kollektivbestattungen in Megalithgräbern deutlich.

Gliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Jütland lassen sich drei Phasen unterscheiden: In der Untergrabzeit sind die Gräber eingetieft, in der Bodengrabzeit ebenerdig und in der Obergrabzeit über Bodenniveau angelegt. Häufige Nachbestattungen in den Hügeln erlauben horizontalstratigrafische Aussagen. Diesen Phasen lassen sich bestimmte Typen von Streitäxten zuordnen, deren Gliederung in zwölf Typen durch den späteren dänischen Rigsantikivar P. V. Glob im Jahre 1944 sogar auf den gesamten Bereich der Schnurkeramik angewandt wurde.

Wirtschaftsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Vertretern der Einzelgrabkultur handelt es sich um Bauernkulturen, die von Ackerbau und Viehzucht bestimmt sind. Es wurden vorwiegend Emmer, Einkorn und Gerste angebaut.

In einem Becher der ältesten Einzelgrabkultur aus einem geschleiften Hügel von Refshojgard in Ostjütland ist eine unverkohlt erhalten gebliebene Kruste mittels Pollenanalyse, konventioneller Mikroskopie und Rasterelektronenmikroskopie untersucht worden. Die identifizierten Stärkekörner weisen auf Bier hin. Da in der frühen EGK dominierend Gerste angebaut wurde, ergibt sich somit, dass das Trinkgefäß aller Wahrscheinlichkeit nach ein aus Gerste gebrautes Bier enthalten haben dürfte. Das Analyseresultat deutet darauf hin, dass dem Bier kein Honig bzw. Met beigemischt war.[2]

Materielle Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Keramik der Einzelgrabkultur

Keramik:

  • Geschweifte Becher meist gleichmäßig schnurverzierter oder rillenverzierter Hals
  • Wulstleistentöpfe
  • Riesenbecher
  • Amphoren
  • Näpfe
Äxte, Beile und Keulenköpfe der Einzelgrabkultur

Streitäxte:

  • Klassische A Axt Typen A1 und A2, herabgezogener Nacken
  • Degenerierte A Äxte Typen A3 und A4
  • C Äxte
  • G Äxte
  • H Äxte
  • K Äxte
  • Facettenäxte
  • Zapfenkeile

Feuersteingeräte:

  • Pfeilspitzen
  • Feuersteinbeile

Grab und Bestattungssitten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst kommen fast nur Einzelbestattungen als Körper- und selten als Brandbestattungen vor, ganz im Gegensatz zur vorausgehenden Trichterbecherkultur (TBK). Am häufigsten für das Verbreitungsgebiet ist zunächst das in die Erde eingetiefte von einem flachen Hügel überwölbte Grab, daneben gibt es hügellose Flachgräber. In Nordjütland kommen später hölzernen Grabkisten (dän. træbyggede gravkiste) und Kreisgräber (dän. Cirkelgrave) hinzu.

Ein Grundsatz dieser nordjütischen Form war die Wiederverwendbarkeit und der damit verbundene Übergang von zunächst nur Teilen der Kultur vom namengebenden Einzelgrab zum Kollektivgrab der vorausgegangenen Trichterbecherkultur. Einzelgrab- und Glockenbecherkultur zeigen ihre Einflüsse in Großsteingräbern überall, wo sich die Kulturen räumlich mit der Verbreitung der Megalithanlage berühren. Rechnet man die Scherben dazu, die aus gestörten Anlagen geborgen wurden, muss man konstatieren, dass die EGK mindestens in der Hälfte aller Großsteingräber vertreten ist.

K. W. Struve (Die Einzelgrabkultur in Schleswig-Holstein) stützt sich für seine Chronologie auf eine Einteilung der Gräber in Untergrabzeit, Bodengrabzeit und Obergrabzeit. Er geht davon aus, dass die Gräber im Laufe der EGK immer weiter oben (bezogen auf das Bodenniveau) angelegt wurden.

Es kommen oft seitliche Hocker und selten Gestrecktbestattungen vor. Die vorherrschende Grabausrichtung ist Ost-West. Meist Becher als Beigabe und Amphoren sowie fast immer eine Steinaxt.

Bestattungen in Baumsärgen? - Wahlitz, Jerichower Land

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die EGK liegen keine das Gesamtgebiet umfassenden Bearbeitungen vor, sondern lediglich regionale Studien:

Dänemark:

Erste Herausarbeitung der Kulturerscheinung in Jütland durch

Spätere Bearbeitung durch

für den inseldänischen Bereich durch

Schleswig-Holstein:

Erste Bearbeitung und Benennung der Kultur durch

  • Johanna Mestorf: Aus dem Steinalter. Gräber ohne Steinkammer unter Bodenniveau. In: Mitteilungen des Anthropol. Vereins in Schleswig-Holstein. Lipsius & Tischer, Kiel 1892, 9-24. ISSN 0179-9703

Umfassende Darstellung mit überregionaler Bedeutung durch

  • Karl Wilhelm Struve: Die Einzelgrabkultur in Schleswig-Holstein und ihre kontinentalen Beziehungen. K. Wachholtz, Neumünster 1955.

Mecklenburg:

  • Jörn Jacobs: Die Einzelgrabkultur in Mecklenburg-Vorpommern. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 24. Schwerin. 1991. ISSN 0138-4279

Mittelelbegebiet, Sachsen-Anhalt:

  • 1905/10 wissenschaftliche Auswertung p. Kupkas.
  • 1920er Ausgrabungen Ende der 20er durch H. Lies in Gerwisch, Jerichower Land
  • 1949 Untersuchungen der Gräber auf dem Taubenberg bei Wahlitz, Jerichower Land
  • 2008 Ausgrabungen bei Stegelitz, Jerichower Land.[3]
  • Michael Scheunemann: Einzelgrabkultur. In: H.-J. Beier und R. Einicke (Hrsg.): Das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet und in der Altmark. Eine Übersicht und ein Abriß zum Stand der Forschung. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas, Band 4. S. 257-268. Beier & Beran. 1994. ISBN 3-930036-05-3
  • Dirk Hecht: Das schnurkeramische Siedlungswesen im südlichen Mitteleuropa. Eine Studie zu einer vernachlässigten Fundgattung im Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit; Heidelberg 2007

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. E. Hübner: Jungneolithische Gräber auf der Jütischen Halbinsel., Kopenhagen 2005, S. 660, Abb. 477.
  2. L. Klassen: Zur Bedeutung von Getreide in der Einzelgrabkultur Jütlands. In: Umwelt-Wirtschaft-Siedlungen im dritten vorchristlichen Jahrtausend Mitteleuropas und Skandinaviens. Offa Bücher N. F. 84, Neumünster 2008, S. 49-65.
  3. [1] Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: Das reichste Inventar der Einzelgrabkultur im Lande