Eisenbahnunfall von Abergele

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Bei dem Eisenbahnunfall von Abergele kollidierte am 20. August 1868 in der Nähe der Ortschaft Abergele, in der Grafschaft Conwy in Wales, ein Schnellzug mit entlaufenen Güterwagen. In den Trümmern starben beim anschließenden Brand durch auslaufendes Paraffinöl 33 Menschen. Dies war der schwerste Eisenbahnunfall in Großbritannien bis zu diesem Zeitpunkt.

Massengrab für die Unfallopfer

Ausgangslage[Bearbeiten]

Am 20. August 1868 war der „Irish Mail“ der London and North Western Railway (LNWR), ein Schnellzug, von dem Londoner Bahnhof Euston nach Holyhead unterwegs. Der Zug bestand aus der Lokomotive, einem Wagen für den Zugführer, zwei Bahnpostwagen, Gepäckwagen, vier Reisezugwagen und einem weiteren Wagen für einen Zugbegleiter am Zugschluss. Der Zug war um 7 Uhr 30 in London abgefahren und um 11:30 in Chester angekommen. Hier wurden weitere vier Reisezugwagen vor die aus London gekommenen Reisezugwagen in den Zug eingestellt. Dieser befuhr nun die North Wales Coast Line. Um 12 Uhr 39 durchfuhr der Zug den Bahnhof Abergele mit etwa 65 km/h. Die Türen der Reisezugwagen waren – wie damals üblich – aus Sicherheitsgründen von außen verschlossen.

In Llanddulas sollte er einen Güterzug überholen, der aber mit 43 Güterwagen zu lang war, um ihn insgesamt in eines der beiden dort gelegenen Überholungsgleise zu stellen, weil dort auch Güterwagen zum Beladen mit Material aus einem benachbarten Steinbruch abgestellt waren. Der Güterzug musste deswegen geteilt werden. Bei dem erforderlichen Rangiermanöver wurden sechs Güter- und ein Bremswagen vorübergehend auf dem Durchfahrtsgleis abgestellt, das ein Gefälle von 1 % in Richtung Abergele aufwies. Die abgestellten Wagen wurden lediglich von der Bremse des Bremswagens gehalten, die Bremsen der einzelnen Wagen nicht aktiviert. Dessen beide Bremser waren abgestiegen, um bei dem Rangiermanöver zu helfen. Die abgestellte Wagengruppe war durch das Einfahrtsignal des Bahnhofs gedeckt, d.h. der folgende „Irish Mail“ wäre vor der Bahnhofseinfahrt auf ein „Halt“ zeigendes Signal getroffen.

Unfall[Bearbeiten]

Bei einem Rangiermanöver traf eine Wagengruppe mit zu hohem Impuls auf die abgestellte Wagengruppe, deren Bremse löste sich und sie rollte 2,8 km im Gefälle auf den herannahenden Schnellzug zu. Bedingt durch die Lage der Strecke in zwei gegenläufigen Kurven und Einschnitten sah der Lokführer des „Irish Mail“ die Wagen erst auf sich zukommen, als sie nur noch 200 m entfernt waren. Lokführer und Heizer lösten eine Notbremsung aus, der Lokomotivführer konnte rechtzeitig abspringen und kam mit Verletzungen davon, der Heizer verblieb auf der Maschine.

Der Zug bewegte sich vermutlich noch mit einer Geschwindigkeit von 45–50 km/h als er von den entlaufenen Güterwagen mit etwa 20–25 km/h getroffen wurde. Lokomotive, Schlepptender und der Wagen des Zugführers entgleisten. Dies war noch keine Katastrophe. Allerdings hatten zwei der entlaufenen Güterwagen 50 Holzfässer mit insgesamt 8 Kubikmetern Paraffinöl geladen, von denen einige durch den Aufprall zerstört wurden. Das Paraffinöl hatte einen Entzündungspunkt von 58 °C. Es ergoss sich auf die Lok und die ersten vier Reisezugwagen des Schnellzugs und entzündete sich dabei. Die und Lok der Schlepptender und alle Wagen bis einschließlich des führenden Bahnpostwagens standen explosionsartig in Sekundenschnelle in Brand. Da die Türen der Reisezugwagen verschlossen waren, hatten die Reisenden keine Chance, zu entkommen.[1]

Rettung war hier nicht mehr möglich, alle Reisenden in den ersten vier Wagen kamen ums Leben, ebenso wie der Zugbegleiter im ersten Wagen und der Heizer. Die folgenden Personenwagen konnten abgekuppelt und in Sicherheit gebracht werden, bevor die Flammen auf sie übergriffen und blieben unbeschädigt. Hier gab es nicht einmal Schwerverletzte. Diese Reisenden konnte ihre Fahrt gegen 18 Uhr fortsetzen.

Unfallopfer[Bearbeiten]

Die Verbrennung in den vorderen Wagen war so stark, dass bis auf drei Tote eine Identifikation nicht möglich war. Sie wurden in einem Massengrab auf dem Friedhof der St. Michaels-Kirche in Abergele gemeinsam beigesetzt. Unter denjenigen, die aufgrund persönlicher Gegenstände identifiziert werden konnten, war Henry Maxwell 7. Baron von Farnham. Auch seine Frau, Anna, geborene Stapleton, kam bei dem Unfall ums Leben.

James Hamilton, später erster Herzog von Abercorn, zu diesem Zeitpunkt Lord Lieutenant of Ireland, war Fahrgast in einem der hinteren Wagen und kam so unverletzt davon.

Untersuchung[Bearbeiten]

Der offizielle Untersuchungsbericht wurde von dem Oberst der Pioniere F. H. Rich gefertigt[2], der auch schon den Eisenbahnunfall von Staplehurst begutachtet hatte. Er sah die Hauptursache für den Unfall darin, dass die für die entlaufenen Wagen zuständigen Bremser nicht vorschriftsmäßig gehandelt hatten. Er kritisierte den Betrieb im Bahnhof und seitens der LNWR im Allgemeinen weiter, weil Aufsicht fehlte und die Gleisanlagen unterdimensioniert waren. Weiter beanstandete er, das Gefahrgut ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen, wie jedes andere Transportgut befördert werde. Obwohl keine Forderung des Berichts wurden in der Folgezeit vermehrt Sicherungsweichen eingebaut, die entlaufende Wagen von den Durchgangsgleisen wegleiten. Erst 1879 wurde der Transport von flüssigem Gefahrgut auf der Eisenbahn in Großbritannien geregelt.[3]

Den beiden Bremsern des Bremswagens, der sich unter den entlaufenen Wagen befand, wurde Totschlag vorgeworfen, im Strafverfahren wurden sie allerdings freigesprochen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Hume: Death by Chance: The Abergele Train Disaster 1868. Llanrwst 2004: ISBN 0-86381-900-1
  • Geoffrey Kichenside: Great Train Disasters. Avonmouth 1997. ISBN 0-7525-2229-9, S. 21f.
  • Oswald Stevens Nock: Historic Railway Disasters. Ian Allan Ltd. 1980. ISBN 0-7110-1752-2, S. 21–24.
  • L.T.C. Rolt: Red for Danger. 4. Aufl. Newton Abbot 1982. ISBN 0-7153-8362-0, S. 181–184.
  • John Murray: Railwaymen Politics & Money. London 1997. ISBN 0-7195-5150-1, S. 153–154.
  • Adrian Vaughan: Railway Blunders. Hersham 2003. ISBN 0-7110-2836-2, S. 25.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • BBC-Seite zu dem Unfall

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Einen ähnlichen Verlauf nahm bereits der Eisenbahnunfall von Versailles, fast ein viertel Jahrhundert zuvor.
  2. Untersuchungsbericht (PDF; 304 kB)
  3. Petroleum Act 1879.

53.288821-3.617592Koordinaten: 53° 17′ 20″ N, 3° 37′ 3″ W