Eiserner Heinrich (Braunschweig)

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Der „Eiserne Heinrich“
Einweihung des „Eisernen Heinrichs“ am 5. Dezember 1915 vor dem Braunschweiger Schloss.
Abbildung des Tonmodells auf der Titelseite der Propagandazeitung Die Braunschweiger im Weltkriege.
Innenseite eines Faltblattes für eine Spende von 50,00 Mark vom Ausschuß für die Aufstellung „Heinrichs des Löwen in Eisen“.

Der Eiserne Heinrich, auch als Heinrich der Löwe in Eisen bezeichnet[1], ist eine 3,90 m hohe Nagelfigur aus afrikanischem Weißholz, die bei einer so genannten Kriegsnagelung während des Ersten Weltkrieges in Braunschweig entstand.[2]

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Sehr bald nach Beginn des Ersten Weltkriegs kam der patriotische Brauch in Österreich-Ungarn auf, die Zivilbevölkerung an der Heimatfront mit in die Unterstützung der kämpfenden Truppe einzubeziehen, indem ihr die Möglichkeit gegeben wurde, durch Geldspenden ihren eigenen Kriegsbeitrag zu leisten. Solche Solidaritätsbekundungen mit der kämpfenden Truppe bzw. den Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten fanden alsbald auch im Deutschen Kaiserreich ihre Anhänger.

An prominenten, meist geschichtsträchtigen Orten, wurden Figuren oder Objekte aus Holz aufgestellt, die lokale oder nationale Symbole darstellten. Die Bevölkerung hatte so Gelegenheit, gegen eine mehr oder weniger hohe Spende Nägel (meist aus Eisen, gelegentlich auch aus Messing, Silber oder Gold) in diese einzuschlagen. Die dadurch gesammelten Beträge wurden in der Regel wohltätigen Zwecken zugeführt und entlasteten so den durch den Krieg strapazierten Staatshaushalt. Zu ersten Kriegsnagelungen – als so genannte Schulnagelungen auch in Schulen – kam es bereits Ende 1914.[3]

Der „Eiserne Heinrich“[Bearbeiten]

Hauptartikel: Heinrich der Löwe

Ein Ausschuss unter Vorsitz des braunschweigischen Ministers Friedrich Boden wurde ins Leben gerufen, um über Form und Art eines dem Anlass würdigen Standbildes zu befinden. Der Entwurf der Figur geht auf den Bildhauer Arnold Kramer zurück, der dafür zunächst ein Tonmodell anfertigte. Nach seinen Plänen bearbeiteten die Bildhauer Wilhelm Lüddeckens und Hans Bethmann einen ursprünglich vier Meter hohen, ein Meter breiten und 63 Zentner schweren Stamm. Die fertige Statue hatte schließlich eine Höhe von 3,50 m (3,90 m mit Plinthe).

Dargestellt ist der entschlossen dreinblickenden und offensichtlich zum Kampf bereiter Welfenherzog Heinrich der Löwe in Kettenrüstung mit Schwert und Schild. Auf dem Sockel des Standbildes stehen die Jahreszahlen 1914, 1915 und 1916. Die Figur steht in der Tradition der Roland-Figuren[2], entsprach aber in Wirklichkeit der während des Weltkrieges vorherrschenden vaterländischen Propaganda; die Verehrung Heinrichs des Löwen in Stadt und Herzogtum Braunschweig sollte zum Zwecke der Aufrechterhaltung und Stärkung der Kampfmoral des gesamten Landes instrumentalisiert werden.

Das Faltblatt zur „Aufstellung Heinrichs des Löwen in Eisen“ beschreibt den Zweck der Nagelfigur, bzw. der Nagelungen:

„Es soll zeugen von den Heldentaten deutscher Männer im gewaltigen Weltkriege, den gefallenen Helden zur Ehre, den Hinterbliebenen zum Trost, den Kriegsbeschädigten zur Unterstützung, der Opferwilligkeit der Bevölkerung Braunschweigs zum Ruhme und der Jugend zur Nacheiferung.“

Unter einem speziell für den Zweck der öffentlichen Aufstellung von Stadtbaurat Max Osterloh entworfenen, an drei Seiten offenen Präsentationsbau mit Baldachin, wurde das überlebensgroße Standbild am 5. Dezember 1915 auf dem Platz vor dem Braunschweiger Schloss feierlich eingeweiht und erste Nägel eingeschlagen. Der Bau war mit dem Motto „Braunschweigs Dank an seine Heldensöhne“ überschrieben.[1]

Nägel gab es in vier verschiedenen Varianten und damit Preiskategorien, um der Bevölkerung die Gelegenheit zu geben, nach den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten bzw. nach „patriotischen Gesinnung“ zu spenden. So waren Nägel aus Eisen mit einem Preis von 50 Pfennig die billigsten, es folgten solche aus Messing, Silber und schließlich die teuersten aus Gold. Die Preise pro Nagel betrugen je nach gewähltem Material sowie nach gewählter Position und Größe zwischen 50 Pfennig und 300 Mark. Jeder Spender erhielt für seine Gabe, je nach Höhe des Betrages, entweder eine „Spendenquittung“ oder eine aufwendig gestaltete Faltkarte mit einem Foto der Heinrichsfigur und dem handschriftlichen Eintrag der gespendeten Summe. Noch heute befindet die Liste all derer, die einen Nagel eingeschlagen haben, in Form eines Gedenkbuches im Braunschweigischen Landesmuseum.[1] Viele der größeren Nägel, tragen den Namen des Spenders (Einzelpersonen, Unternehmen, Vereine, Schulen etc.). Im Zentrum des Schildes befindet sich der Nagel des letzten Welfenherzogs von Braunschweig Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Anders als erwartet, flossen die Spenden jedoch nur in geringem Maße. Lediglich Adel, Militär und Bürgertum betrachteten eine Spende als vaterländische Pflichterfüllung. Mit fortschreitender Dauer des Krieges und der sich dadurch verschärfenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme, spendeten immer weniger Menschen, sodass der Staat vermehrt auf Schulnagelungen setzte.[4]

Die in Braunschweig gesammelten „Nagel-Spenden“ kamen verschiedenen humanitären Einrichtungen zu, die sich um braunschweigische Soldaten an der Front und in Lazaretten in Braunschweig und Umgebung kümmerten, so beispielsweise dem Roten Kreuz, dem örtlichen „Liebesgaben-Ausschuss“, braunschweigischen Männer- und Frauenvereinen oder Kriegsversehrten.

Der „Eiserne Heinrich“ wurde nach dem Ende des Krieges vom Schlossplatz in das nur wenige Hundert Meter entfernte „Vaterländische Museum“ am Burgplatz, das heutige Braunschweigische Landesmuseum, gebracht und ist dort seit Ende 1918 zu besichtigen.[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Diers: Nagelmänner. Propaganda mit ephemeren Denkmälern im Ersten Weltkrieg. In: Diers (Hrsg.): Mo(nu)mente. Formen und Funktionen ephemerer Denkmäler. Berlin 1993, S. 113–135.
  • Wulf Otte: Eiserner Heinrich. In:  Luitgard Camerer, Manfred Garzmann, Wolf-Dieter Schuegraf (Hrsg.): Braunschweiger Stadtlexikon. Joh. Heinr. Meyer Verlag, Braunschweig 1992, ISBN 3-926701-14-5, S. 67.
  • Wulf Otte: Heinrich der Löwe in Eisen. In: Braunschweigisches Landesmuseum. Informationen und Berichte. Braunschweig 1987, S. 34–38.
  • Wulf Otte In: Jochen Luckhardt, Franz Niehoff (Hrsg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. Band 3: Nachleben. Hirmer, München 1995, ISBN 3-777-46690-5, S. 215–216.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Wulf Otte In: Jochen Luckhardt, Franz Niehoff (Hrsg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. Band 3: Nachleben. S. 215.
  2. a b c Wulf Otte: Eiserner Heinrich. In: Braunschweiger Stadtlexikon S. 67.
  3. Elfriede Kuhr: …da gibt's ein Wiedersehn! Kriegstagebuch eines Mädchens 1914–1918. Kerle, Freiburg 1982, S. 94.
  4. Andreas Eberhard In: Wulf Otte, Heike Pöppelmann, Ole Zimmermann (Hrsg.): 1914 … schrecklich kriegerische Zeiten. Veröffentlichung des Braunschweigischens Landesmuseums 116, Appelhans Verlag, Braunschweig 2014, ISBN 978-3-944939-04-9, S. 59.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Eiserner Heinrich (Braunschweig) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

52.26472510.523068Koordinaten: 52° 15′ 53″ N, 10° 31′ 23″ O