Eiserner Vorhang

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Europa zur Zeit des Eisernen Vorhangs:
  • Warschauer-Vertrags-Staaten
  • NATO-Staaten
  • militärisch neutrale Staaten
  • Die SFR Jugoslawien war ein blockfreier realsozialistischer Staat und nicht Teil des Ostblocks.
    Albanien (rote Streifen) war seit 1960 kein Ostblockstaat mehr.
  • Als Eiserner Vorhang wird in Politik und Zeitgeschichte nach dem Namensgeber aus dem Theaterbau sowohl der ideologische Konflikt als auch die physisch abgeriegelte Grenze bezeichnet, durch welche Europa in der Zeit des Kalten Krieges geteilt war. Er bildete nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu den Revolutionen im Jahr 1989 die Trennlinie zwischen den marktwirtschaftlich orientierten demokratischen Staaten im Westen und den planwirtschaftlich geleiteten, sozialistischen Diktaturen im Osten.

    Die innerdeutsche Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR und die Berliner Mauer waren Teil des Eisernen Vorhangs.

    Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Erhaltenes Teilstück der Grenzbefestigung zwischen der Tschechoslowakei (Čížov) und Österreich (Hardegg)
    Ein Stück Streckmetall-Zaun, wie er an der innerdeutschen Grenze verbaut war

    Während des Ersten Weltkriegs wurde der Begriff erstmals aus dem Theaterbereich in politisch-militärische Kontexte entliehen; die Urheberschaft ist unklar. Der britische Historiker Patrick Wright schreibt die erste Verwendung Violet Paget zu, die den Begriff Anfang 1915 unter dem Pseudonym Vernon Lee über Bachs Weihnachtsmusik in England und Deutschland und den „monströsen eisernen Vorhang“ verwendete, der die beiden Länder jetzt trenne.[1] Die aus Deutschland stammende belgische Königin Elisabeth äußerte 1915 gegenüber Pierre Loti über die Entfremdung gegenüber ihrer deutschen Verwandtschaft: „Ein eiserner Vorhang ist gefallen zwischen meiner Familie und mir“.[2] Am 29. Februar 1916 verwendete der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg den Begriff in seiner bedeutsamen „U-Boot-Denkschrift“ – er bezeichnete den damals häufig erwogenen Plan als nicht durchführbar, England durch einen U-Boot-Krieg von der Außenwelt abzutrennen „wie durch einen eisernen Vorhang“.[3]

    1924 äußerte der britische Botschafter in Berlin, Edgar Vincent, das demilitarisierte Rheinland (damals von alliierten Truppen besetzt) solle ein ‘iron curtain’ sein, um Frankreich vor zukünftigen Angriffen deutscher Truppen zu bewahren.[4]

    In den 1920er Jahren wurde die Wendung vom Eisernen Vorhang gelegentlich in Schriften über den Ersten Weltkrieg gebraucht. So sprach der Nachrichtendienstler Herbert von Bose 1930 in einem Aufsatz von „dem eisernen Vorhang der feindlichen Fronten“, der Europa während des Krieges durchzogen habe.[5]

    Der Lissabon-Korrespondent Max Walter Clauss (1901–1988) verwendete die Bezeichnung am 18. Februar 1945 in einem Beitrag auf der Titelseite der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich.[6]

    Eine Woche später verwendete in derselben Zeitung Joseph Goebbels die Bezeichnung in einer Reaktion auf die Ergebnisse der Konferenz von Jalta: Bei einer deutschen Kapitulation würde sich vor dem von der UdSSR besetzten Territorium „sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker begänne“;[7] die britische Zeitung The Times übernahm die Formulierung.

    Am 5. Juli 1945 nutzte Konrad Adenauer den Begriff in einem Brief an den Journalisten Hans Rörig[8] bezogen auf die wahrgenommene Bedrohung durch die Sowjetunion:

    „Ich sehe die Entwicklung mit [steigender] Sorge. Rußland läßt einen eisernen Vorhang herunter. Ich glaube nicht, daß es sich bei der Verwaltung der Hälfte Deutschlands, die ihm überantwortet ist, von der Zentralen Kontrollkommission irgendwie beeinflussen lassen wird.[9]

    Hinter Russlands eisernem Vorhang: schwedisches Buch von 1923

    Der Bezug dieser Metapher auf die Sowjetunion lässt sich lange vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachweisen. 1918, im Jahr nach der Oktoberrevolution, schrieb der russische Autor Wassilij Rosanow in seiner Polemik Die Apokalypse unserer Zeit: „Unter Rasseln, Knarren und Kreischen senkt sich ein eiserner Vorhang auf die russische Geschichte […] herab. Die Vorstellung geht zu Ende.“ Im englischen Sprachraum nutzte Ethel Snowden den Begriff „iron curtain“ 1920 in einem positiven Reisebericht über das „bolschewistische Russland“. Offenbar in Abgrenzung gegen eine negative Begriffsbenutzung schrieb sie über ihre begeisterte Ankunft in St. Petersburg: „Wir waren endlich hinter dem ,eisernen Vorhang‘!“[10]

    Winston Churchill prägte den Ausdruck dann im beginnenden Kalten Krieg als Bezeichnung für die Abschottung des Ostblocks gegen den Westen: Zuerst benutzte er ihn bezogen auf die Rote Armee am 12. Mai 1945, wenige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, in einem Telegramm an US-Präsident Truman: „An iron curtain is drawn down upon their front. We do not know what is going on behind.“[6] Im Juli 1945 abgewählt, formulierte Churchill als Oppositionsführer am 5. März 1946 bei seiner Rede “The Sinews of Peace” („Die Sehnen (= die Stärke) des Friedens“) in Fulton, Missouri in Anwesenheit Trumans:

    “From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an Iron Curtain has descended across the Continent. Behind that line lie all the capitals of the ancient states of Central and Eastern Europe. Warsaw, Berlin, Prague, Vienna, Budapest, Belgrade, Bucharest and Sofia; all these famous cities and the populations around them lie in what I must call the Soviet sphere, and all are subject, in one form or another, not only to Soviet influence but to a very high and in some cases increasing measure of control from Moscow.”

    „Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt. Dahinter liegen all die Hauptstädte der alten Staaten Mittel- und Osteuropas. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Diese berühmten Städte und die Bevölkerung ringsum liegen alle im sowjetischen Wirkungskreis, so muss ich es nennen, und unterliegen, auf die eine oder andere Weise, nicht bloß sowjetischem Einfluss, sondern zu einem sehr hohen und in einigen Fällen zunehmendem Maße der Lenkung durch Moskau.[11]

    Diese Rede gilt – nicht zuletzt wegen dieser Formulierung – „als Fanfarenstoß für den Kalten Krieg“.[12]

    Die Risse zwischen Ost und West vertieften sich im Jahr 1947, als der US-Präsident mit der Truman-Doktrin einen neuen politischen Kurs verkündete: Amerika werde allen Staaten beistehen, die vom (sowjetischen) Kommunismus bedroht würden; der kriegszerstörten europäischen Wirtschaft bot es den „Marshallplan“ mit Wiederaufbauhilfen an. Josef Stalin untersagte dann den osteuropäischen Ländern die Teilnahme daran; nach der Währungsreform und Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands einschließlich West-Berlins im Juni 1948 blockierte die Sowjetunion die Energie- und Lebensmittelversorgung West-Berlins, worauf die Westalliierten eine bis 1949 bestehende Luftbrücke errichteten. Die Teilung der Welt in zwei Lager und die damit zusammenhängende faktische Errichtung einer zunehmend streng kontrollierten Grenze, der Eiserne Vorhang, waren damit zementiert.

    Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Militärische Verträge
    Wirtschaftliche Verträge

    Wenn auch der Eiserne Vorhang Deutschland wegen der Teilung besonders traf, zählten nicht nur die Berliner Mauer (13. August 1961 – 9. November 1989), die innerdeutsche Grenze und die tschechoslowakischen Grenzbefestigungen zur Bundesrepublik dazu. Er zog sich durch ganz Europa von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer.

    Jugoslawien war nach dem sog. Tito-Stalin-Bruch am 28. Juni 1948 kein Ostblockstaat mehr und gründete später u. a. mit Ägypten, Indien und Indonesien die Bewegung der Blockfreien Staaten.

    Die Bering- und La-Pérouse-Straße als Seegrenzen der UdSSR zu den USA (Alaska) bzw. zu Japan wurden meist nicht dazugezählt, obwohl sie de facto zur Blockgrenze gehörten.

    Teilstücke:

    Weitere Befestigungen gab es zwischen:

    Bis zur Anerkennung der Souveränität im österreichischen Staatsvertrag 1955 bestand auch im besetzten Österreich die Gefahr einer Trennung quer durch das Land.

    Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    DDR-Passierschein für den Aufenthalt in Orten im Grenzgebiet

    Der Begriff Eiserner Vorhang beschreibt nicht nur die realen Grenzbefestigungen, sondern im übertragenen Sinn auch die Politik der Abgrenzung. Diese Politik wurde, im Gegensatz zu den Befestigungsanlagen, die nur von den entsprechenden Ostblockstaaten errichtet wurden, auch vom Westen in den Nachkriegsjahren auf den unterschiedlichsten Feldern betrieben. Er war somit nicht nur physisch existent, sondern ebenfalls in der Politik, bei der UNO, in den Medien, im Sport und in der Wirtschaft präsent und fand seine Verlängerung bis in die Länder der Dritten Welt, wo zahlreiche Stellvertreterkriege zwischen Ost und West ausgetragen wurden.

    Der Eiserne Vorhang war insbesondere eine Wohlstandsgrenze, die bis heute zu spüren ist. Während es nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten durch Planwirtschaft, Kommandostrukturen aber auch die Domminanz der UdSSR zu einem langsamen wirtschaftlichen Niedergang kam, führten im Westen Demokratie, Marktwirtschaft, die Gründung der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) und Marshallplanmittel zu einem stetigen Wiederaufbau. Gerade diese Schaffung von Wohlstand und Attraktivität im Westen in Verbindung mit deren medialen Verbreitung über das Fernsehen und Radio führten dann zu einer zunehmenden Fluchtbewegung aus dem Osten.[13]

    Der Eiserne Vorhang hinterließ in allen angrenzenden Ländern seine Spuren. Viele nachbarschaftliche Beziehungen zwischen Staaten diesseits und jenseits des Vorhangs verschwanden im Laufe der Jahrzehnte. Besonders im wirtschaftlichen Bereich war diese Grenze eine tote Grenze, sodass dort bestehende Betriebe abwanderten (vgl. Zonenrandgebiet). Infolgedessen wanderten viele Bewohner aus diesen Gegenden ab. Auch die Sprachbarrieren wurden größer, da kaum jemand in den westlichen Ländern die Sprache des unmittelbaren, aber nicht erreichbaren Nachbarlandes lernte. Auf östlicher Seite wurden oft kilometerbreite Sperrzonen errichtet und vom Militär in Beschlag genommen, nachdem die Bewohner, oft auch unfreiwillig, umgesiedelt worden waren (z. B. Aktion Ungeziefer).

    Die Grenzbefestigungen wurden im Laufe der Zeit immer stärker und effizienter ausgebaut. Trotzdem versuchten zahlreiche Menschen die Flucht in den Westen, was wegen Minenfeldern, Hundelauf-Anlagen, Schießbefehlen und zeitweise Selbstschussanlagen mit Lebensgefahr verbunden war. Wer bei dem Versuch scheiterte, wurde z. B. in der DDR wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. 2013 ging eine Quelle von 1684 Toten als Opfer des DDR-Grenzregimes am Eisernen Vorhang aus.[14] Valide Zahlen zu gelungenen und gescheiterten Fluchten existieren bis heute nicht.

    An der Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich kamen in den Jahren bis 1989 fast 800 Menschen ums Leben, davon 129 durch Fluchtversuch. Der Rest waren Soldaten, die durch Unfälle im Minengürtel oder Suizid starben.[15]

    Versuche zur Überwindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Nach der Abkühlung im Verhältnis der westlichen und der östlichen Weltmacht bis zum Beginn des Kalten Krieges gab es u. a. von christlichen Kreisen Bestrebungen zur Überwindung des Eisernen Vorhangs. So sagte bei der I. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam der tschechische Theologe Josef Hromádka:

    „Kein Vorhang, sei er aus Gold, Silber oder Eisen, darf uns voneinander trennen: alle nationalen und klassenmäßigen Vorurteile müssen ausgelöscht werden […]“[16]

    In Österreich wurde der Eiserne Vorhang auf Grund der im Staatsvertrag festgeschriebenen österreichischen Neutralität auf kultureller, wenn auch nicht auf politischer Ebene in Richtung seiner nördlichen und östlichen Nachbarn etwas aufgeweicht. So konnten Österreicher wesentlich früher als die übrigen Westeuropäer ohne Visum nach Ungarn einreisen. Umgekehrt durften jedoch keine Ungarn nach Österreich ausreisen.

    Reisefreiheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Reisen für DDR-Bürger unter 65 Jahren ins sogenannte nichtsozialistische Ausland waren nach 1961 nur auf Antrag, nur bei bestimmten Anlässen und meist nur dann möglich, wenn eine Rückkehr in die DDR wahrscheinlich war (z. B. zurückgelassene Kinder oder Ehepartner, keine „Westverwandtschaft“). Ab 1964 durften alle Rentner einmal im Jahr Besuchsreisen zu Westverwandten machen, später gab es weitere Reiseerleichterungen. In anderen Ostblockstaaten existierten ähnliche Regelungen. Es gab auch noch stärker einschränkende Reisebedingungen, etwa in Rumänien oder der UdSSR.

    Anders war die Situation in Jugoslawien als zwar sozialistischem, aber blockfreiem Staat: Für Westeuropäer war die Ein- und Ausreise nicht komplizierter als nach Italien oder Frankreich. Jugoslawien war auch das einzige sozialistische Land, dessen Staatsbürger visafrei nach Westeuropa, Nordamerika und in andere Teile der Welt reisen konnten. Die Wirtschaft profitierte durch die Devisen der Millionen westlicher Touristen, die jährlich an die Mittelmeerküste kamen. Des Weiteren kamen schon in den 1960er Jahren Gastarbeiter aus Jugoslawien aufgrund des Anwerbeabkommens nach Deutschland, sowie nach Österreich und in die Schweiz. So genossen die Jugoslawen dank Präsident Titos (Außen-)Politik bereits damals einen westlichen Lebensstil und Reisefreiheit.

    Öffnung des Eisernen Vorhangs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Durchbruch von Ungarn nach Österreich am 19. August 1989
    Symbol des Eisernen Vorhangs:
    die Berliner Mauer

    In Europa wurden die Grenzanlagen entlang des Eisernen Vorhangs zuerst von Ungarn ab dem 2. Mai 1989 abgebaut. Die symbolische Öffnung eines Grenzzaunes am 27. Juni 1989 durch die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn bei Sopron gilt als erste „offizielle“ Öffnung des Eisernen Vorhangs.[17] Die Ungarn wollten aber trotz symbolischen Abbaues des Zaunes durch verstärkte Bewachung der Grenze die Bildung einer grünen Grenze verhindern beziehungsweise die Sicherung ihrer Westgrenze technisch anders lösen.[18] Weder wurden durch den Abbau der veralteten ungarischen Grenzanlagen die Grenzen geöffnet noch wurden die bisherigen strengen Kontrollen beseitigt und die Abschottung durch den Eisernen Vorhang war über dessen ganze Länge noch voll intakt.[19]

    Die Öffnung eines Grenztors zwischen Österreich und Ungarn beim Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 setzte dann eine Kettenreaktion in Gang an deren Ende es keine DDR mehr gab und der Ostblock zerfallen war.[20] Dabei gelangten als erste Massenflucht 661 Ostdeutsche über die Grenze von Ungarn nach Österreich.[21] Das Paneuropa Picknick entwickelte sich aus einem Treffen von Ferenc Mészáros vom Ungarischen Demokratischen Forum (MDF) und des Präsidenten der Paneuropa-Union Otto von Habsburg im Juni 1989. Die lokale Organisation in Sopron übernahm das Ungarische Demokratische Forum, die sonstigen Kontakte liefen über Otto Habsburg und den ungarischen Staatsminister Imre Pozsgay. Für das geplante Picknick wurde umfassende Werbung durch Plakate und Flugzettel unter den DDR-Urlaubern in Ungarn gemacht. Die Paneuropa-Bewegung ließ tausende Flugzettel verteilen, mit denen zu einem Picknick nahe der Grenze bei Sopron eingeladen wurde. Viele der DDR-Bürger verstanden die Botschaft und kamen angereist.[22] In drei großen Wellen überwanden dann die Flüchtlinge während des unter Leitung von Walburga Habsburg[23] stattfindenden Picknicks und der dort vorgenommenen "symbolischen" Grenzöffnung den Eisernen Vorhang.[24] Es war die größte Fluchtbewegung aus Ost-Deutschland seit dem Bau der Berliner Mauer.[25]

    Die bei der Veranstaltung nicht anwesenden Schirmherren des Picknick, Otto Habsburg und der ungarische Staatsminister Imre Pozsgay, sahen in der geplanten Veranstaltung eine Chance, die Reaktion Gorbatschows auf eine Grenzöffnung am Eisernen Vorhang zu testen.[26] Dabei wurde insbesondere geprüft, ob Moskau den in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen den Befehl zum Eingreifen geben würde.[27] Denn noch im Frühjahr 1989 gab es innerhalb der Sowjetunion in Tiflis und im Baltikum Armeeeinsätze gegen Demonstrationen[28] und war es im Sommer 1989 unklar ob die Sowjetunion oder andere Ostblockstaaten militärisch intervenieren würden, falls es zu einer ungelegenen antikommunistischen und antisowjetischen Entwicklung käme.[29] So begrüßte am 4. Juni 1989 die DDR-Führung öffentlich die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, was als Drohung zu verstehen war, dass solches auch in der DDR denkbar wäre.[30] Gemäß einem Bericht des damaligen DDR-Botschafters in Budapest Gerd Vehres vom 11. August 1989 hielten die Botschafter der Ostblockstaaten unterschiedliche Reaktionen auf das geplante Paneuropa-Frühstück für zweckmäßig; Vehres wies auf die besonders problematischen Folgen der beim Picknick geplanten vollständigen Grenzöffnung hin.[31]

    Erich Honecker diktierte nach dem Paneuropa-Picknick dem Daily Mirror vom 19. August 1989: „Habsburg verteilte Flugblätter bis weit nach Polen hinein, auf denen die ostdeutschen Urlauber zu einem Picknick eingeladen wurden. Als sie dann zu dem Picknick kamen, gab man ihnen Geschenke, zu essen und Deutsche Mark, dann hat man sie überredet, in den Westen zu kommen.“ Obwohl die ungarische Operativgruppe des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit Informationen über das Paneuropäische Picknick hatte, reagierten die Offiziere nicht und der Stasi blieb nichts weiter übrig, als den Rücktransport der verlassenen Fahrzeuge zu organisieren.[32] Auch der ungarische Staatssicherheitsdienst wußte laut seiner Akten schon seit dem 10. Juli 1989, dass aufgrund eines Vorschlags Otto von Habsburgs an der Grenze eine Veranstaltung geplant war; am 31. Juli 1989 informierte die ungarische „Abwehr gegen die innere Reaktion“ ihre Vorgesetzten über dessen Vorbereitungen.[33]

    Nachdem Massenmedien diese Grenzöffnung verbreitet hatten, überwanden drei Tage nach dem Paneuropäischen Picknick 240 Menschen die österreichisch-ungarische Grenze; nur teilweise versuchten ungarische Grenztruppen Grenzübertritte mit Waffengewalt zu verhindern.[34] Während immer mehr Ostdeutsche, durch die mediale Verbreitung der Flucht beim Paneuropa Picknick informiert, nun erfolgreich auf eigene Faust flüchteten, gab es am 23. und 24. August 1989 Versuche mit einem weiteren Picknick an den 19. August anzuknüpfen. Habsburg bzw. Pozsgay waren bei diesen Retro-Veranstaltungen nicht beteiligt und die ungarische Abwehr verhinderte dort teils mit Warnschüssen den Grenzübertritt und schickte die DDR-Bürger zurück.[35] Aber mit der Massenflucht beim Paneuropäischen Picknick, dem daraufhin zögernden Verhalten der SED-Spitze und dem Nichteingreifen der Sowjetunion brachen die Dämme. Nun machten sich die medial informierten Ostdeutschen zu Zehntausenden nach Ungarn auf, das nun nicht mehr bereit war, seine Grenzen völlig dicht zu halten beziehungsweise seine Grenztruppen zur Anwendung von Waffengewalt zu verpflichten. Die Führung der DDR in Ostberlin wagte auch nicht, die Grenzen des eigenen Landes völlig zu verriegeln.[36]

    Der zunehmende Druck durch fluchtwillige DDR-Bürger führte dazu, dass in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 die ungarischen Behörden keine Kontrollen an der Westgrenze zu Österreich durchführten und dadurch eine Massenflucht von DDR-Bürgern, die nahe der Grenze in Lagern verharrten, nach Österreich ermöglichten. Zunehmend versuchten Flüchtlinge dann auch über westdeutsche Botschaften in Budapest, Prag und Warschau in den Westen zu gelangen.[37] Bis zum Fall der Berliner Mauer verließen etwa 50.000 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik Deutschland.[38]

    Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der innerdeutschen Grenze in den Tagen danach war ein wichtiger Meilenstein beim Zerfall des Eisernen Vorhangs; erstere gilt auch als ein Symbol für das Ende des Kalten Krieges. Auch die Tschechoslowakei baute ihre Grenzbefestigungen noch im Dezember desselben Jahres ab. Die Herrschaft der sozialistischen Machthaber im Ostblock erodierte durch diese miteinander verknüpften Ereignisse seit Sommer 1989, sodass bis zum Dezember 1989 die Regierungssysteme in der DDR, in Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Bulgarien und in Rumänien wechselten.

    Heute sind viele ehemalige Grenzstreifen-Gebiete Biotope. Das Projekt Grünes Band Europa versucht, einen möglichst zusammenhängenden Biotopverbund entlang der 8500 km langen ehemaligen Grenzen zu schaffen. Auf dem Geländestreifen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entstand im Rahmen Grünes Band Deutschland ein fast 1400 km langer Grüngürtel.

    Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • Ewald Ehtreiber: Eiserner Vorhang. In: Oswald Panagl, Peter Gerlich (Hrsg.): Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich. öbv, Wien 2007, ISBN 978-3-20-905952-9.
    • Dieter Felbick: Schlagwörter der Nachkriegszeit 1945–1949. De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017643-2, S. 236–241 Vorschau, mit weiteren Nachweisen auf S. 239.
    • Stefan Karner, Michal Stehlík (Hrsg.): Österreich, Tschechien, geteilt – getrennt – vereint, Beitragsband und Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung 2009. Verein zur Förderung der Forschung von Folgen nach Konflikten und Kriegen, Graz / Wien 2009, ISBN 978-3-901661-28-0.
    • Manfred Sapper, Volker Weichsel: Freiheit im Blick. 1989 und der Aufbruch in Europa. Berliner Wissenschafts-Verlag BWV, Berlin 2009, ISBN 978-3-8305-1604-0.
    • Andreas Schmidt-Schweizer: Die Öffnung der ungarischen Westgrenze für die DDR-Bürger im Sommer 1989. Vorgeschichte, Hintergründe und Schlußfolgerungen. In: Südosteuropa-Mitteilungen. Südosteuropa-Gesellschaft, München 37.1997, 1, ISSN 0340-174X, S. 33–53.
    • Dietmar Schultke: Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer von 1945 bis 1990. Aufbau, Berlin 2008, ISBN 978-3-7466-8041-5.

    Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

     Commons: Eiserner Vorhang – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
     Wiktionary: Eiserner Vorhang – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    1. Vernon Lee: Bach’s Christmas Music in England and in Germany. In: Jus Suffragii. Bd. 9, 1915, Nr. 4, S. 218 (freier Zugang auf Patrick Wrights Website, 27. Mai 2008).
    2. Im Original: „Un rideau de fer est tombé entre ma famille et moi“. Marie José von Belgien: Albert et Élisabeth de Belgique, mes parents. Plon, Paris 1971, S. 297. Siehe zum frühen Gebrauch des Ausdrucks im politischen Sinn auch Bartlett’s Familiar Quotations, 14. Auflage. 1968, S. 924, 2. Spalte, Fußnote 1.
    3. Theobald von Bethmann Hollweg: Denkschrift des Reichskanzlers über den Ubootkrieg vom 29. Februar 1916. In: ders.: Betrachtungen zum Weltkriege. 2. Teil: Während des Krieges. Hobbing, Berlin 1921, S. 260–273, hier S. 266.
    4. Twirling the Tassels of the Iron Curtain. In: The Daily Telegraph, 25. Oktober 2007 (Rezension zu Patrick Wright: Iron Curtain: From Stage to Cold War. Oxford University Press, Oxford 2007; weitere Rezension).
    5. Herbert von Bose: USA in Tätigkeit. In: Hans Henning Grote (Hrsg.): Vorsicht Feind hört mit! Berlin 1930, S. 153.
    6. a b Rainer Blasius: Politisches Schlagwort. Nicht Churchill prägte den Begriff „Eiserner Vorhang“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2015.
    7. Joseph Goebbels: Das Jahr 2000. In: Das Reich. vom 25. Februar 1945, S. 1–2. Zitiert nach Jörg K. Hoensch: „Rückkehr nach Europa“ – Ostmitteleuropa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Heiner Timmermann, Hans Dieter Metz (Hrsg.): Europa – Ziel und Aufgabe. Festschrift für Arno Krause zum 70. Geburtstag. (Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Bd. 90), Duncker & Humblot, Berlin 2000, ISBN 3-428-10174-X, S. 135–151, hier S. 142, Fn. 7. Siehe auch Wolfgang Mieder: Biographische Skizze zur Überlieferung des Ausdrucks „Iron Curtain“ / „Eiserner Vorhang“. In: Muttersprache. Zeitschrift zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache (1981), S. 1–14; Harald Lange: Eiserner Vorhang. In: Kurt Pätzold, Manfred Weißbäcker (Hrsg.): Schlagwörter und Schlachtrufe. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte. Bd. 2, Militzke, Leipzig 2002, ISBN 3-86189-270-7, S. 59–63.
    8. Zur Person Rörig, Hans. In: Archive.NRW.de.
    9. Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945–1955. Ausgewählt und eingeleitet von Hans Peter Mensing. Goldmann, München 1999, ISBN 3-442-75560-3, S. 18.
    10. Im Original: “We were behind the ‘iron curtain’ at last!” Ethel Snowden: Through Bolshevik Russia. London u. a. 1920, S. 32. Sie verwendete die Formulierung in diesem Buch nur einmal.
    11. The Sinews of Peace. In: NATO.int (englisch).
    12. David Reynolds: From World War to Cold War. Churchill, Roosevelt, and the International History of the 1940s. Oxford University Press, Oxford u. a. 2006, ISBN 0-19-928411-3, S. 257–260, Zitat S. 260: „the Fulton speech [has] been understood as the clarion call to Cold War“.
    13. Vgl. u.a. Eric Frey "Marshallplan: Die Geburt des Westens" in Der Standard vom 27. Mai 2017.
    14. Vgl. Sven Felix Kellerhoff "Deutlich mehr Opfer am Todesstreifen" in Die Welt vom 8. November 2013.
    15. Fast 800 Tote an Grenze Österreichs zur CSSR auf ORF vom 12. November 2013
    16. Heinz Kloppenburg: Von Amsterdam nach Prag. In: Evangelische Zeitstimmen. ISSN 0531-4828, Band 45/46, Hamburg 1964, S. 8 f.
    17. Sommer der Ausreise Der „Eiserne Vorhang“ fällt, mdr.de, Foto Ein Schnitt, der die Welt veränderte.
    18. Vgl. Miklós Németh im Interview mit Peter Bognar, Grenzöffnung 1989: „Es gab keinen Protest aus Moskau“, in: Die Presse vom 18. August 2014.
    19. Vgl. Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland – Die Geschichte der Wiedervereinigung (2009), S. 72.
    20. Vgl. u. a. Dieter Szorger, Pia Bayer (Red.), Evelyn Fertl (Red.): Das Burgenland und der Fall des Eisernen Vorhangs. Begleitband zur Ausstellung. Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Band 132, ZDB-ID 975252-3. Amt der Burgenländischen Landesregierung – Abteilung 7 – Landesmuseum, Eisenstadt 2009, ISBN 978-3-85405-175-6 (PDF; 3,9 MB); Bettina Hartmann: 25 Jahre Paneuropäisches Picknick: Einmal Ungarn – und nie mehr zurück, in: Stuttgarter Nachrichten vom 19. August 2014.
    21. Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 1999, S. 725.
    22. Vgl. Hilde Szabo: Die Berliner Mauer begann im Burgenland zu bröckeln, in: Wiener Zeitung vom 16. August 1999; Otmar Lahodynsky: Paneuropäisches Picknick: Die Generalprobe für den Mauerfall, in: Profil vom 9. August 2014.
    23. Vgl. Hans Rauscher "Ich dachte mir, das könnte der Beginn von etwas sein" in Der Standard vom 16. August 2009.
    24. Vgl. Bettina Hartmann "Einmal Ungarn - und nie mehr zurück" in Stuttgarter Nachrichten vom 19. August 2014.
    25. Siehe Otmar Lahodynsky: Paneuropäisches Picknick: Die Generalprobe für den Mauerfall, in: Profil vom 9. August 2014; Rainer Stepan "Als Österreich noch ein "Versteher" Osteuropas war" in Die Presse vom 18. Juni 2017.
    26. Vgl. Thomas Roser: DDR-Massenflucht: Ein Picknick hebt die Welt aus den Angeln, in: Die Presse vom 16. August 2018.
    27. Vgl. „Der 19. August 1989 war ein Test Gorbatschows“, in: FAZ vom 19. August 2009.
    28. Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland – Die Geschichte der Wiedervereinigung. 2009, S. 58.
    29. Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland – Die Geschichte der Wiedervereinigung. 2009, S. 52.
    30. Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland – Die Geschichte der Wiedervereinigung. 2009, S. 27.
    31. György Gyarmati, Krisztina Slachta (Hrsg.): Das Vorspiel für die Grenzöffnung, Budapest 2014, S. 169 ff.
    32. Picknick in die Freiheit – Das Paneuropäische Picknick in Sopron und die Stasi. In: BStU, abgerufen am 3. April 2017.
    33. György Gyarmati, Krisztina Slachta (Hrsg.): Das Vorspiel für die Grenzöffnung, Budapest 2014, S. 89 ff.
    34. Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland – Die Geschichte der Wiedervereinigung (2009), S. 73 ff.
    35. Siehe György Gyarmati, Krisztina Slachta (Hrsg.): Das Vorspiel für die Grenzöffnung, Budapest 2014, S. 92.
    36. Vgl. Michael Frank: Paneuropäisches Picknick – Mit dem Picknickkorb in die Freiheit, in: SZ vom 17. Mai 2010.
    37. Stefan Locke: Nackte Angst und übergroße Hoffnung. 30. September 2014.
    38. Andreas Oplatka: Als die Grenze im September 1989 aufging. (Memento vom 16. September 2014 im Internet Archive) In: MFA.gov.hu.