El-Sidron-Höhle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die El-Sidron-Höhle (spanisch Cueva de El Sidrón) ist eine verzweigte Kalkstein-Höhle im Norden Spaniens, im Hochland von Asturien, auf dem Gebiet der Gemeinde Piloña, in der Parroquia Borines, ein Kilometer westlich von Vallobal. In dieser Höhle wurden prähistorische Felszeichnungen entdeckt, ferner fanden Freizeitforscher im März 1994 bei der Erkundung des Höhlensystems die fossilen Überreste einer Gruppe von Neandertalern.[1]

Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insgesamt wurden bisher mehr als 1800 Schädelfragmente, Unterkiefer, Knochen und Zähne sowie ca. 400 Moustérien-Steinwerkzeuge und Steinabschläge gefunden.[2] Die Überreste stammen von mindestens 12 Neandertalern: drei männlichen und drei weiblichen Erwachsenen sowie von drei Jugendlichen und drei Kindern im Alter von ca. zwei, fünf und acht Jahren. Bei allen zeigen die Zähne deutliche Zeichen von Nahrungsmangel. Ein Schädelfragment und ein Stück eines Oberarmknochens wiesen Spuren von Schlägen mit Faustkeilen auf, ein Hinweis darauf, dass sie womöglich eines gewaltsamen Todes starben. Schnittspuren und Bruchstellen an den Knochen deuten auf Kannibalismus hin. Kurz nach dem Tod der Gruppe brach der Boden der Höhle ein: Knochen, Erde und Steine stürzten 20 Meter tief in eine von unterirdischem Wasser ausgespülte Kalksteinkammer. 2013 wurde das Alter der Fossilien auf 48.400 ± 3200 Jahre BP datiert.[3]

Genetische Analysen weisen darauf hin, dass die Gruppenmitglieder miteinander verwandt waren. Im Detail sind die genauen Verwandtschaftsverhältnisse noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass es sich bei der Gruppe um eine Familie handelte, denn zwei der Frauen waren direkt mit den Kindern der Gruppe verwandt und könnten daher ihre Mütter gewesen sein. Bedeutsam ist, dass die drei erwachsenen Männer, die gleiche, die drei erwachsenen Frauen jedoch unterschiedliche Mitochondrien-DNA hatten. Dies bedeutet, dass die Männer aus der gleichen, die Frauen jedoch aus drei verschiedenen Gruppen abstammten. Carles Lalueza-Fox[4] vom Institut für Evolutionsbiologie in Barcelona, der die Analysen durchgeführt hat, deutet dies als eine soziale Praxis der Neandertaler, wie sie auch bei modernen Jäger- und Sammler-Kulturen vorkommt, nämlich, dass die Frauen ihre ursprünglichen Gruppen verließen, während die Männer in der Gruppe des Vaters verblieben.[5] Ob damit auf eine durchgängig patrilineare Sozialpraxis der Neandertaler geschlossen werden kann, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Lalueza-Fox spricht diesbezüglich von einem zumindest patrilokalen Paarungsverhalten der Neandertaler.[2] Die auf Basis der mtDNA-Analyse durchgeführten Abstammungslinien innerhalb der Gruppe lassen ferner eine Geburtshäufigkeit der Neandertaler von ca. 3 Jahren plausibel erscheinen.[2]

Von drei verschiedenen Neandertaler-Knochen aus der El-Sidron-Höhle, die 2006 gefunden wurden (441, 1253 und 1351c)[6], analysierten die Forscher um Carles Lalueza-Fox vom Institut de Biologia Evolutiva in Barcelona die mitochondriale DNA (mtDNA).[7] Zwei Neandertaler (1253 und 1351c) hatten dieselbe, die Sprache ermöglichende Mutation im Bereich Exon 7 des FOXP2-Gens wie der moderne Mensch.[8] Weitere Untersuchungen an Knochen aus der El-Sidron-Höhle ergaben, dass einige Neandertaler ein Gen besaßen, das sie befähigte, bitteren Geschmack zu erkennen.[9] Lalueza-Fox und Kollegen fanden in den Knochen von zwei Neandertalern aus der El-Sidron-Höhle (1252) und aus Monti Lessini eine Variante des MC1R-Gens, die es bei heutigen Menschen nicht gibt und die Mischung von roter und dunkler Pigmentierung von Haar und Haut regelt. Beide Neandertaler hatten helle Haut und rötliche Haare.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Trinidad Torres et al.: Dating of the hominid (Homo neanderthalensis) remains accumulation from El Sidrón cave (Borines, Asturias, North Spain): an example of multi-methodological approach to the dating of Upper Pleistocene sites. In: Archaeometry. Band 52, Nr. 4, 2010, S. 680–705, doi:10.1111/j.1475-4754.2009.00491.x

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stephen S. Hall: Die letzten Neandertaler. In: National Geographic Deutschland, Ausgabe 11/2008.
  2. a b c Carles Lalueza-Fox et al.: Genetic evidence for patrilocal mating behavior among Neandertal groups. In: PNAS. Band 108, Nr. 1, 2011, S. 250–253, doi:10.1073/pnas.1011553108.
  3. Rachel E. Wood, Thomas F. G. Higham et al.: A new date for the Neanderthals from El Sidrón cave (Asturias, northern Spain). In: Archaeometry. Band 55, Nr. 1, 2013, S. 148–158, doi:10.1111/j.1475-4754.2012.00671.x.
  4. People: Carles Lalueza-Fox. Universität Pompeu Fabra, Barcelona.
  5. Interview mit Carles Lalueza-Fox in: Das dunkle Geheimnis der Neandertaler (Memento vom 3. September 2014 im Internet Archive). ARTE, gesendet am 30. August 2014.
  6. Kambiz Kamrani: Neandertals have the same mutations in FOXP2, the language gene, as modern humans. Anthropology.net, 18. Oktober 2007.
  7. Carles Lalueza-Fox et al.: Neandertal Evolutionary Genetics: Mitochondrial DNA Data from the Iberian Peninsula - Molecular Biology and Evolution. In: Molecular Biology and Evolution. Band 22, Nr. 4, 2005, S. 1077–1081, doi:10.1093/molbev/msi094.
  8. Johannes Krause, et al.: The derived FOXP2 variant of modern humans was shared with Neandertals. In: Current Biology. Band 17, Nr. 21, 2007, S. 1908–1912, doi:10.1016/j.cub.2007.10.008, Volltext (PDF; 273 kB).
  9. Carles Lalueza-Fox, et al.: Bitter taste perception in Neanderthals through the analysis of the TAS2R38 gene. In: Biology Letters. Band 5, Nr. 6, 2009, S. 809–811, doi:10.1098/rsbl.2009.0532.
  10. Carles Lalueza-Fox, et al.: A Melanocortin 1 Receptor Allele Suggests Varying Pigmentation Among Neanderthals. In: Science. Band 318, Nr. 5855, 2007, S. 1453–1455, doi:10.1126/science.1147417.

Koordinaten: 43° 23′ 1″ N, 5° 19′ 44″ W