Elbewerft Boizenburg

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Elbewerft Boizenburg
Logo Elbewerft Boizenburg.jpg
Rechtsform 1948–1990 VEB
1991–1997 GmbH
Gründung 1948
Auflösung 1997
Sitz Boizenburg
Branche Schiffsbau

Die Elbewerft Boizenburg war eine Werft für den Bau von Binnenschiffen und kleinen Seeschiffen in Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1793 bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Mai 1793 gründete der Schiffszimmermeister Franz Jürgen Lemm in Boizenburg einen Bootsbaubetrieb.[1] Zunächst fertigte die Werft, die 14 Schiffbauer beschäftigte, kleine Boote und Elbkähne. 1839 begann die Lemmsche Werft mit dem Bau ihres ersten Raddampfers, der später auf den Namen Alexandrine getauft wurde. 1840 lief der 45 m lange und 9,45 m breite Raddampfer vom Stapel. Das Schiff fuhr vom 20. Juni 1841 bis 1842 regelmäßig nach Hamburg und zurück.[2]

1889 wurde in Boizenburg das erste deutsche Motorboot mit Petroleummotor (System Capitaine[3]) gebaut, welches später auf den Namen Regina[4] getauft wurde. Erfinder Emil Capitaine war erst im Frühjahr des Jahres in die Stadt gekommen, um in der Werft seinen Petroleummotor zu testen. Werftbesitzer Franz Heinrich Martin Lemm entwickelte zudem eine verstellbare Schiffsschraube, so erreichte das Boot eine höhere Manövrierfähigkeit.

1895 begann die Lemmsche Werft mit dem Bau des ersten Stahlschiffes.

Die Werft blieb bis 1917 in Familienbesitz und wurde dann an das Bankhaus Carlo Thomsen verkauft. Nach dem Verkauf wurde das Unternehmen in die Norderwerft AG eingebracht.

1921 wurde die Elbewerft mit der Norddeutsche Union Werke (Tönning) verschmolzen, die 1925 in Konkurs gingen und in die Auffanggesellschaft Boizenburger Werft GmbH kam.

Seit 1933 erhielt die Werft zahlreiche Rüstungsaufträge. Es kam zeitweise zu Konflikten zwischen NSDAP und dem Hauptgesellschafter, dem Werftdirektor Siegfried Mahr, der an der Beschäftigung zweier jüdischer Angestellter festhielt. Er wurde 1938 wegen angeblicher Steuerhinterziehung am Bahnhof Hagenow-Land von der Gestapo festgenommen und für drei Monate inhaftiert. Mahr nahm sich am 12. September 1938 das Leben.[5] Daraufhin übernahm das Bankhaus Carlo Z. Thomsen die Führung des Unternehmens, das von nun an die Bezeichnung Thomsen & Co, Werft, Fahrzeug und Maschinenfabrik GmbH erhielt.[5] Unter der Leitung von Oswald Thomsen und seinem Betriebsleiter Heinrich Vaessen wurde die Werft zum reinen Rüstungsbetrieb, der unter anderem U-Boot Segmente (Typ VII C[6]) und zum Ende des Krieges auch Bemannte Torpedos herstellte. Zudem lieferte der Rüstungsbetrieb 300 Sturmboote, 600 M-Boote, 1000 Pontons und 20 größere Landungsboote.[7] 1944 erhielt das Unternehmen vom NS-Regime die Auszeichnung als Kriegsmusterbetrieb.[8]

Im Zweiten Weltkrieg wurden in der Werft mehrere hundert sowjetische, polnische, französische, niederländische und belgische Zwangsarbeiter eingesetzt. Die im firmeneigenen Ausländer- und Fremdarbeiterlager auf dem Elbberg lebten. Die Belegschaft der Werft Thomsen & Co. wuchs bis Kriegsende auf 1800 Beschäftigte an, von denen ein Großteil ausländische Zwangsarbeiter waren.[9] Im August 1944 wurde das Fremdarbeiterlager zum KZ-Außenlager ausgebaut. Dort wurden nunmehr über 400 ungarische Jüdinnen inhaftiert. Sie mussten bis April 1945 unter unmenschlichen Bedingungen in der Werft Zwangsarbeit verrichten.[10][11]

1945 bis 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stückzahl[12] Schiffstyp
00049 Fischkutter
00051 Logger
00111 Kühllogger
00046 Gefrierschiffe
00027 Kühlmotorschiffe
00017 Klappschuten
00015 Seetanker
00051 Werkstattschiffe
00015 Seetanker
00085 Motorgüterschiffe
00016 Frosttrawler
00005 Faröerkutter
00015 Seetanker
00018 Islandkutter
00002 Binnentanker
00013 Containerkümos
00049 Binnenfahrgastschiffe
00008 Sonderaufträge
ges. 567

Die Werft kam ab Mai 1945 unter Treuhandverwaltung. Der Krieg hatte keine nennenswerten Schäden hinterlassen und von einer Demontage wurde abgesehen. In der ersten Nachkriegszeit produzierte die Werft Güter für den täglichen Bedarf, wie Herde und Wagenräder. Noch 1945 wurde im Rahmen von Reparationsleistungen mit der Fertigung von 12 Fischkuttern[13] begonnen. Am 16. März 1946 fand der erste Stapellauf nach dem Krieg statt und am 30. März wurden die Fischkutter an die SMAD übergeben. Ab Ende März 1946 wurden auf Anweisung der SMAD alle Schiffbaufremden Tätigkeiten aufgegeben. Nach weiteren Reparationsaufträgen, die die Fertigung von Heringsloggern und Gefrierschiffen im Wert von rund 200 Mio. DM umfassten, wurden Küstenmotorschiffe gebaut. Es folgten Motorgüterschiffe für die Binnenschifffahrt, Fischkutter und Hecktrawler, die für den Export und für das VEB Fischkombinat Saßnitz bestimmt waren. 1957 exportierte die Werft Küstenmotorschiffe nach Albanien und Fischkutter nach Island und Kuba.

1970 wurde die Boizenburger Werft mit der Roßlauer Schiffswerft vereinigt, woraus der VEB Elbewerften Boizenburg/Roßlau entstand. Im Anschluss wurde eine Serie von 24 kleinen Containerschiffen der Serie Boltenhagen gebaut, die im Zubringerdienst und Küstenverkehr eingesetzt wurden. Es folgten sehr arbeitsaufwendige Kabinenfahrgastschiffe, vorwiegend der Dmitriy-Furmanov-Klasse, die auf den Binnenwasserstraßen der UdSSR verkehren sollten. Nach ihrer Fertigstellung wurden die Kabinenfahrgastschiffe nach Hamburg verbracht. Wegen der geringen Durchfahrtshöhe der Elbbrücken musste jedoch vor dem Transport das oberste Deck demontiert werden. Nach dem anschließenden erneuten Zusammenbau in Hamburg, wurden die Kabinenfahrgastschiffe im Schwimmdock oder mit Schwerlastschiffen zu ihren Einsatzorten nach Fernost in die UdSSR verbracht. Ebenfalls für die UdSSR entstand eine große Anzahl von Container-Binnen-Küstenmotorschiffen des Typs CBK. Die neue rationalisierte Serienfertigung führte auch zu innerbetrieblichen Maßnahmen, wie intensiver Mitarbeiterschulung, Neubau einer Schiffbauhalle zur Sektionsbauweise und dem Bau einer Helling für Schiffsgewichte bis zu 2.000 t.

1979 erfolgte die Eingliederung in das Kombinat Schiffbau.

1990 bis 1997[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Wiedervereinigung wurden die Werften getrennt und die Elbewerft Boizenburg GmbH wurde eine Tochter der Deutschen Maschinen- und Schiffbau AG (DMS AG).

Die DMS AG war die Nachfolgeeinrichtung des Kombinats Schiffbau, das bis 1990 die Aufträge aller Werften im Osten Deutschlands koordinierte. Nach der anschließenden Privatisierung der Betriebe der DMS AG durch die Treuhandanstalt übernahm die Unternehmensgruppe Petram und Brand die Elbewerft Boizenburg. Wegen der Zahlungsunfähigkeit des Hauptauftraggebers wurde 1997 Insolvenz beantragt.

In der Elbewerft Boizenburg wurden fast 500.000 BRT/BRZ an Schiffsraum gebaut. Mit der Insolvenz der Elbewerft im Jahr 1997 endete auch der traditionelle Schiffbau in Boizenburg.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Harald Keil (Hrsg.): Technische Innovationen in der Binnenschifffahrt. 100 Jahre Schiffbautechnische Gesellschaft. Springer, Berlin 2001, ISBN 978-3-642933-90-5.
  • Rolf Schönknecht, Armin Gewiese: Binnenschiffahrt zwischen Elbe und Oder. Steiger Moers, Hamburg 1996, ISBN 978-3-921564-98-1.
  • Heinz Schröter, Rudolf Wulff, Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg. Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, ISBN 3-928473-44-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Elbewerft Boizenburg/Roßlau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karin Wulf: Boizenburg in alten Ansichten, Band 1, Europäische Bibliothek, Zaltbommel 1997, S. 7.
  2. Hans Szymanski: Die Dampfschiffahrt in Niedersachsen und in den angrenzenden Gebieten von 1817 bis 1867. Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2011, ISBN 978-3-867416-78-8 , S. 273.
  3. Polytechnisches Journal - Die Gaskraftmaschinen auf der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung zu München 1898. In: dingler.culture.hu-berlin.de. Abgerufen am 21. November 2016.
  4. Heinz Schröter, Rudolf Wulff, Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg.Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, S. 12.
  5. a b Uwe Wieben: Menschen in Boizenburg: Ihr Wirken in Politik und Kultur, im Handwerk, in der Werft und in der Plattenfabrik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Akademische Verlagsanstalt Leipzig, Leipzig 2013, S. 164.
  6. Heinz Schröter, Rudolf Wulff und Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg. Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, S. 49.
  7. Heinz Schröter, Rudolf Wulff und Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg. Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, S. 47.
  8. Uwe Wieben: Menschen in Boizenburg: Ihr Wirken in Politik und Kultur, im Handwerk, in der Werft und in der Plattenfabrik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Akademische Verlagsanstalt Leipzig, Leipzig 2013, S. 166.
  9. Michael Buddrus (Hrsg.): Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg. Die Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg 1939–1945. Eine Edition der Sitzungsprotokolle. Edition Temmen, Bremen 2009, S. 971 (Anmerkung Nr. 21).
  10. offenes-archiv.de, Thomsen Boizenburg, abgerufen am 23. April 2016.
  11. Uwe Wieben: Menschen in Boizenburg: Ihr Wirken in Politik und Kultur, im Handwerk, in der Werft und in der Plattenfabrik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Akademische Verlagsanstalt Leipzig, Leipzig 2013, S. 169.
  12. Heinz Schröter, Rudolf Wulff und Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg. Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, S. 122–142.
  13. Heinz Schröter, Rudolf Wulff und Gert Uwe Detlefsen: 200 Jahre Elbewerft Boizenburg. Verlag Detlefsen, Bad Segeberg 1994, S. 50.