Elektromülldeponie Agbogbloshie

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Agbogbloshie und die Korle-Lagune (2005)
Auf der Müllhalde von Agbogbloshie (2011)

Agbogbloshie ist ein Stadtteil der Millionenmetropole Accra im westafrikanischen Ghana. Nordwestlich des Hauptgeschäftsviertels von Accra am Ufer der Korle-Lagune gelegen, leben hier 40.000 Menschen auf einer Fläche von etwa 1600 ha (16km²) Land. Bekanntheit erlangte Agbogbloshie durch das UNICEF-Siegerfoto aus dem Jahr 2011 mit dem Titel: Ghana: Unser Müll in Afrika von Kai Löffelbein. Das Bild symbolisiert die Auswirkung illegal eingeführten Elektronikschrotts, der aus Europa stammt. Bei der nicht organisierten und vollkommen unsachgemäßen Trennung der Wertstoffe – u. a. mit Hilfe von offenen Feuern – entstehen hochgiftige Dämpfe aus den Bauteilen. Aufgrund dessen wurde der Ort 2013 von der Umweltorganisation Blacksmith Institute zu einem der am schlimmsten verseuchten Orte der Welt gewählt.[1]

Armut und Umweltproblematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ghana selbst leidet nicht unter Dürrekatastrophen; Nahrungsmittel sind ausreichend vorhanden. Allein die ungleiche Verteilung stellt ein Problem dar. Im Vergleich zu den Nachbarländern hat es sogar relativen Wohlstand erlangt. Das ist der Grund für massenhafte Zuwanderung, insbesondere aus nördlich gelegenen Regionen. Hinzu kommt eine ausgeprägte Abwanderung vom Land in die Städte, wodurch die dortige Arbeitslosenquote stark ansteigt. Vor allem für junge Menschen, deren Ausbildungsstand gering ist, bedeutet dies häufig den sozialen Abstieg in die Obdachlosigkeit. Es kommt zur Slumbildung mit ihren typischen Begleiterscheinungen: Krankheiten, Prostitution, Drogenhandel und Kriminalität.

Agbogbloshies Müllhalde ist darüber hinaus mit einer speziellen Form der Umweltverschmutzung belastet: Hier landen jährlich Millionen Tonnen Elektronikschrott, die von den Bewohnern auf verwertbare Rohstoffe (überwiegend Eisen, Aluminium und Kupfer) hin durchsucht werden. Dazu werden die Bildschirme von Fernsehern und Computern mit einfachsten Hilfsmitteln zertrümmert. Jedoch enthalten alte CRT-Monitore und Röhrenfernseher zum Schutz vor Röntgenstrahlen bis zu vier Kilogramm Blei, das neben Phosphor und Cadmium freigesetzt wird.[2]:S. 7–8. Zusätzlich können beim Deponieren von Elektronikschrott Gifte wie Quecksilber und Arsen in den Boden gelangen.[3]:S. 24–26.

Um an das Innere zu gelangen wird auf den Gehäusen alter Schaumstoff angezündet, der den Kunststoff wegschmilzt. Wertvolles Kupfer wird gewonnen, indem die Plastikummantelung von Kabeln in offenen Feuern verbrannt wird – eine Arbeit, die hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen durchgeführt wird. Durch das Verbrennen von Kunststoffen können unter anderem Dioxine entstehen. Problematisch ist diese Form der Luftverschmutzung nicht nur durch die Aufnahme über Atemwege und Haut, sondern auch durch die Kontamination der dort angebauten Feldfrüchte. Dioxine setzen sich auf der Oberfläche von Blättern ab und gelangen dadurch in den Nahrungsmittelkreislauf.[3]:S. 25–26. In unmittelbarer Nähe zur Müllhalde befindet sich zudem ein bedeutender Gemüsemarkt. Bodenproben, die Greenpeace untersucht hat, wiesen Bleikonzentrationen auf, die zum Teil 100-mal höher als in nicht kontaminierter Erde waren. Ebenso wurden Belastungen durch Cadmium und Phthalate festgestellt, die von der Industrie als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt werden.[4] Darüber hinaus können sich bestimmte chemische Rückstände in tierischen Fetten einlagern, die beim Verzehr von Fisch, Fleisch, Eiern oder Milchprodukten aufgenommen werden.[3]:S. 26.

Rinnsale sickern durch die Mülldeponie, die in einem ehemaligen Feuchtgebiet liegt und verseuchen das Grundwasser. Es leitet die Giftstoffe in den vormals fischreichen Odor-Fluss, der längst tot ist. Mit diesem Wasser wird das Gemüse auf den angrenzenden Feldern gegossen. Nach kaum einem Kilometer mündet der Odor nahe der Korle-Lagune (eines der am stärksten verschmutzten Gewässer der Erde)[3]:S. 25. in den Atlantik. Werfen die Fischer dort ihre Netze aus, verfangen sich darin zunehmend Monitore und Kühlschrankteile.[2]:S. 5/10.

Folgen für die Gesundheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agbogbloshie (2012)

Laut Mike Anane, einem ghanaischen Umweltjournalisten, kann man sich höchstens zwei Stunden auf der Müllhalde Agbogbloshies aufhalten, ohne gesundheitliche Schäden davonzutragen.[2]:S. 4. Deshalb und wegen der hohen Kriminalität wird der Ort im Volksmund auch Sodom und Gomorra genannt. In den Medien wird der Ort teilweise auch als Toxic City bezeichnet.

Seine Bewohner leben in Verschlägen, die sie aus alten Brettern und Blech errichtet haben. Sanitäre Einrichtungen fehlen ebenso wie sauberes Wasser. Alltäglich sind Schnittwunden und Verbrennungen, die sie sich bei ihrer Arbeit (oft barfuß und ohne Handschuhe) zuziehen.

Die Giftstoffe gefährden Kinder in besonderem Maße da in der Wachstumsphase Blei und Cadmium der Knochensubstanz eingelagert wird. Der Qualm ruft unmittelbare Beschwerden wie ständige Kopfschmerzen, gerötete Augen und Schlaflosigkeit hervor. Später können Gedächtnisschwund, Bluthusten[2]:S. 9. und Asthma[3]:S. 26. auftreten. Langfristig kann die Entwicklung des Fortpflanzungssystems, des Gehirns oder des Nervensystems beeinflusst werden.

Chronische Bleivergiftung führt bei Kindern schon ab 100–200 µg/l im Blut zu geringfügig verringerter Intelligenz und psychomotorischen Defiziten sowie zu einer leicht beeinträchtigten Nierenfunktion. Zur Enzephalopathie kommt es bei Erwachsenen ab 1200 µg/l, bei Kindern schon ab 800–1000 µg/l. Unbehandelt enden diese krankhafte Veränderungen des Gehirns bei Kindern oft tödlich und verursachen bei Überlebenden bleibende neurologische und neuropsychologische Schäden. Jedoch erreichen viele Kinder nicht einmal das zwanzigste Lebensjahr – vorher sterben sie an Krebs (beispielsweise Leukämie),[3]:S. 26. Nierenversagen oder anderen Krankheiten.[2]:S. 7.

Illegal eingeführter Elektronikschrott[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Mitte der 2000er Jahre die ersten Container mit gebrauchten Computern in Ghana eintrafen, waren diese Teil eines Hilfsprogramms. Doch schnell missbrauchten unseriöse Händler das Etikett „Secondhand“, um illegal Elektronikschrott zu exportieren – mit gravierenden Folgen für das Land.[3]:S. 24.

Seit nunmehr acht Jahren setzt sich Mike Anane im Kampf gegen illegal eingeführten Elektronikmüll ein. Seiner Aussage nach sind 80 Prozent der gebrauchten Elektrogeräte, die in Agbogbloshie landen, Schrott.[2]:S. 5. Doch auch funktionierende Geräte gelangen am Ende ihrer Lebensdauer auf die Deponie. In den letzten sechs Jahren wuchsen die Schrottmengen, die aus ganz Europa, den USA, Kanada und Australien stammen, zunehmend an. Yaw Amoyaw-Osei, Gründer des Umweltverbands Green Advocacy, bestätigt, dass eine ganze Reihe ausländischer Händler in die Elektroschrottimporte und -exporte verwickelt sind.[2]:S. 6. Die Wertstoffe hingegen, die den Menschen auf der Müllhalde gerade so das Überleben ermöglichen, gelangen über Zwischenhändler zurück an die Herstellerfirmen in Europa und Amerika.[2]:S. 5.

Dieses Vorgehen der Industrieländer verstößt gegen die Basler Konvention von 1989, die lediglich von Afghanistan, Haiti und den USA nicht ratifiziert worden ist. Hierbei handelt es sich um ein internationales Übereinkommen, das ein umweltgerechtes Abfallmanagement sowie grenzüberschreitende Transporte regelt. Demnach darf Müll nur in Staaten eingeführt werden, die über Einrichtungen zur fachgerechten Entsorgung verfügen.

Selbst das deutsche Umweltbundesamt weiß nicht, wer in diesen illegalen Handel verwickelt ist. Es verweist an einzelne Händler, die defekte Geräte vor den Recyclinghöfen abpassen oder in unentgeltlichen Aktionen einsammeln. Greenpeace verfolgte jedoch einen funktionsuntüchtigen Fernseher mit einem eingebauten Peilsender von einem Londoner Recyclinghof bis nach Nigeria. Auch die BBC konnte den Weg eines defekten Fernsehgeräts von einer Londoner Straße bis nach Ghana verfolgen.[2]:S. 6. In ähnlicher Weise gelang es einem Team der ARD-Sendung Panorama in Zusammenarbeit mit einem Rechercheteam von Follow the Money, die Verwertungswege von mehreren defekten TV-Geräten bis nach Accra nachzuverfolgen.[5][6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Green IT
  • Guiyu (größtes Elektroschrott-Verwertungs-Gebiet in China)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Agbogbloshie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Top Ten Threats 2013.pdf des Blacksmith Institutes
  2. a b c d e f g h i Alles Schrott – Was der illegale Elektromüll in Ghana anrichtet. auf SWR2.
  3. a b c d e f g Geof Knight: Plastic Pollution.
  4. EU-Elektronikschrott landet in afrikanischen Kinderhänden. auf Golem IT-News für Profis.
  5. http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2014/Wo-landen-unsere-Schrottfernseher,gpsjagd102.html
  6. http://future.arte.tv/de/giftige-geschaefte-mit-elektromuell#article-anchor-18766

Koordinaten: 5° 33′ 1,08″ N, 0° 13′ 33,6″ W