Elektronikschrott in Guiyu

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Guiyu (chinesisch 贵屿) in der Provinz Guangdong von China ist eine Agglomeration aus vier angrenzenden Dörfern mit der Gesamtgröße von rund 52 Quadratkilometern, die weithin als größter Elektronikschrottplatz der Welt[1] oder „Hauptstadt“ des Elektronikschrotts[2] wahrgenommen wird. Im Jahr 2005 waren rund 60.000 Menschen mit der Verwertung von Elektronikschrott in der Größenordnung von täglich rund 100 LKW-Ladungen beschäftigt.[3] Der Umgang mit und die Verarbeitung von schädlichen und toxischen Elektronikabfällen ohne hinreichenden Schutz für Umwelt und die Beschäftigten führte zum Spitznamen „elektronischer Friedhof der Welt“ für die Region.[4]

Gesundheitsbeeinträchtigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele der primitiven Recycling-Methoden in Guiyu setzen Gifte frei und gefährden die Gesundheit der Beschäftigten. Überdurchschnittliche Fehlgeburtsraten sind in der Region gemeldet. Arbeiter brechen mit bloßen Hände elektronische Geräte und Komponenten auf, um wiederverwendbare Teile einschließlich Chips zu entnehmen. Leiterplatten werden „gekocht“, um Chips und Lote zu entfernen, Drähte und andere Kunststoffe abzuschwelen und Metalle wie Kupfer und Silber herauszulösen. Mit gefährlichen, hochkorrosiven Säurebädern wird an den Flussufern das Gold aus den Mikrochips extrahiert. Dort wird auch Toner aus Patronen und Druckern gewaschen. Kinder sind der mit polychlorierten Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen (Dioxinen) belasteten Asche ausgesetzt. Der Rauch rund um Guiyu schlägt sich in der Umgebung nieder. Im Boden haben sich Blei, Chrom, Zinn und andere Schwermetalle angereichert. Die weggeworfene Elektronik liegt in vergifteten Senken, aus denen Wasser versickert und das Grundwasser unbenutzbar macht. Trinkwasser wird daher aus anderen Regionen bezogen. Die Bleiwerte im Sediment liegen nach Angaben des Basel Action Networks über dem Doppelten der europäischen Grenzwerte.[5] 80 % der Kinder leiden an einer Bleivergiftung, ihr Blut ist im Durchschnitt 54 % höher mit Blei belastet als dasjenige von Kindern in der nahe gelegenen Stadt Chendian.[6][7] Asche und Plastikmüll häufen sich nahe den Reisfeldern und Deichen des Flusses Lianjiang.

Eine Studie bewertete das Ausmaß der Schwermetallbelastung in dem Gebiet: Mit Hilfe von Staubproben analysierten Wissenschaftler mittlere Schwermetallkonzentrationen in einer Werkstatt in Guiyu und stellten fest, dass die Konzentrationen von Blei und Kupfer im Vergleich zu 30 km entfernten Gebieten 371 bzw. 115 Mal höher waren.[8] Die gleiche Studie ergab, dass Sedimente aus dem nahe gelegenen Fluss Lianjiang mit polychlorierte Biphenylen (PCB) dreimal stärker verunreinigt sind, als es eine Leitlinie vorsieht.

Wirtschaftliche Gründe für die Entsorgung in Guiyu[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökonomische Anreize, strenge Umweltschutzregelungen oder auch fehlende oder nicht umgesetzte erzwungene Bestimmungen in den Herkunftsländern und die Globalisierung des Müllhandels führen zum Export von Elektronikschrott. Die Wertschöpfung mit Teilen der ausgedienten Elektronik sind ein Anreiz für Menschen, aus anderen Provinzen nach Guiyu zu ziehen und dort zu arbeiten. Der durchschnittliche Beschäftigte, Erwachsener oder Kind, erwirtschaftet am Tag bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von sechzehn Stunden knapp 1,50 USD (oder 17 US-Cents pro Stunde) mit dem Teilerecycling oder der Rohstoffrückgewinnung. Selbst dieser relativ kleine Gewinn ist genug Motivation für die Arbeiter, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen.[9]

Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf Guiyu, das einst vom Reisanbau lebte,[10] ist durch die Verschmutzung nicht mehr in der Lage, genießbare Lebensmittel anzubauen. Das Wasser des Flusses ist für die Gewinnung von Trinkwasser nicht mehr geeignet.

Berichterstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Situation Guiyus als Drehscheibe von Elektronikschrott wurde erstmals im Dezember 2001 von dem gemeinnützigen Basel Action Network dokumentiert, das mit seinem Bericht und dem Dokumentarfilm Exporting Harm die Praxis der Giftmüllabfuhr in Entwicklungsländer aufzeigt.[5] Die durch diesen Bericht und die anschließenden wissenschaftlichen Studien[11] aufgeworfenen Gesundheits- und Umweltfragen haben internationale Organisationen wie das Basel Action Network und später Greenpeace sowie dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und das Basler Übereinkommen stark betroffen. Die Mediendokumentation von Guiyu wird von der chinesischen Regierung aus Angst vor der Exposition oder aus rechtlichen Maßnahmen streng geregelt. Zum Beispiel dokumentierte eine Novembersendung von 60 Minutes, einem populäres US-Fernsehnachrichten-Programm, die illegalen Sendungen elektronischer Abfälle von Recyclern in den USA nach Guiyu. Während der Dreharbeiten an illegalem Recycling-Müll vor Ort in Guiyu, versuchten Vertreter der chinesischen Recycler ohne Erfolg, die Aufnahmen des 60 Minutes-Fernsehteams beschlagnahmen zu lassen.[12] Greenpeace hat mit verschiedenen Methoden gegen die Umweltauswirkungen des Elektroschrottrecycling in Guiyu sensibilisiert und protestiert. Darunter der Bau einer Statue aus in Guiyu gesammeltem Elektroschrott. Dem Transport einer LKW-Ladung von in Guiyu entsorgtem Elektroschrott zurück zum Hauptsitz von Hewlett-Packard. Greenpeace machte Lobby gegen große Unternehmen der Unterhaltungselektronik, die Verwendung giftiger Stoffen in ihren Produkten möglichst einzustellen.[13]

Bemühungen um die Bereinigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 2007 hatte sich die Situation in Guiyu nur wenig verändert obwohl die chinesische Zentralregierung bemüht war, den lange andauernden Import von Elektroschrott zu unterbinden und das Verbot durchzusetzen. Danach erstellte Studien belegen in der Region einige der weltweit höchsten Umweltbelastungen mit Dioxin.[14] Durch die Arbeit der Aktivistengruppen kam Bewusstseinsbildung für die Situation. Ihre und die Arbeit der Presse ist von Regierung und Polizei nicht gerne gesehen. Die mit dem Schrott beschäftigten Arbeiter stammen überwiegend aus ländlichen Gegenden.[15]

Präsident und Gründer Robert Houghton von Redemtech, einem Unternehmen für Anlagenmanagement und Aufbereitung sagt, dass erkannt wurde wie gefährlich die Zustände dort sind. Er forderte neue Gesetze, die die verträglichere Entsorgung von Batterien erzwingen. Sie haben zu einer Infrastruktur geführt, die für Menschen und Unternehmen erträglicher wurde. Das habe die dortige Haltung verändert.[16]

Von der Gemeindeverwaltung von Guiyu wurde ein Dekret erlassen, das das Abschwelen von Elektroschrott im offenen Feuern und das Auflösen von Bauteilen in Schwefelsäure verbietet. Es wurden Kontrollen und Geldstrafen bei Verstößen angekündigt. In diesem rechtlichen Rahmen wurden über 800 Kohleöfen rückgebaut, wodurch die Luftqualität wieder die für Wohngebiete akzeptable Stufe II erreichte.[17]

Das Umfassende System zur Lösung der elektronischen Abfallverunreinigung der Region Guiyu der Stadt Shantou, (chinesisch 汕头市贵屿地区电子废物污染综合整治方案, Pinyin Shàntóu shì guì yǔ dìqū diànzǐ fèiwù wūrǎn zònghé zhěngzhì fāng’àn) wurde 2013 von der Provinzregierung Guangdong genehmigt.[18][19]

Im Dezember 2015 wurden Recyclingbetriebe in einen neu angelegten Industriepark angesiedelt, der eine geplante Verarbeitungskapazität von 4 Mio. t Elektronikschrott hat.[2] Momentan werden dort jährlich 1,7 Mio t verarbeitet.[20]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tim Johnson: E-waste dump of the world, The Seattle Times, 9. April 2006.
  2. a b China's Notorious E-Waste Village Disappears Almost Overnight. bna.com, abgerufen am 2. Dezember 2016.
  3. Xinhua General News Service: China Daily: Chinese recycling base in pursuit of sustainable development
  4. Miranda Yeung: There's a dark side to the digital age, South China Morning Post 21. April 2008.
  5. a b Exporting Harm: The High-Tech Trashing of Asia. 25. Februar 2002 (PDF).
  6. George Monbiot: ß In: The Guardian. 21. September 2009.
  7. Blood Lead and Cadmium Levels and Relevant Factors Among Children from an E-Waste Recycling Town in China, doi:10.1016/j.envres.2008.04.002.
  8. Anna O. W. Leung, Nurdan S. Duzgoren-Aydin, K. C. Cheung, Ming H. Wong: Heavy Metals Concentrations of Surface Dust from e-Waste Recycling and Its Human Health Implications in Southeast China. In: Environmental Science & Technology. 42, 2008, S. 2674–2680, doi:10.1021/es071873x.
  9. Waste not want not? In: Business Daily Update.
  10. You’ll never think the same way again. (Memento des Originals vom 30. März 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.theforbiddenknowledge.com auf theforbiddenknowledge.com.
  11. Scientific Articles (Memento vom 6. April 2004 im Internet Archive)
  12. Following The Trail Of Toxic E-Waste. cbsnews.com
  13. Tschang Chi-Chu: Greenpeace launches e-waste drive in China (Microfilm Rolle NL26190 http://eresources.nlb.gov.sg/), The Straits Times. 24. Mai 2005.
  14. China’s Electronic Waste Village. (Memento vom 14. Januar 2014 im Internet Archive)
  15. Nicola Albrecht: Tödlicher Müll in China, ZDF auslandsjournal 2013
  16. David Biello: Trashed Tech Dumped Overseas: Does the U.S. Care? – A new report proves that the fed's environmental watchdog has knowingly allowed toxic e-waste to be shipped overseas, Scientific American, 19. September 2008
  17. ‘Clean-tech’ start-ups are pushing the green button. (Memento vom 25. Juli 2011 im Internet Archive) auf unep.org.
  18. 汕头贵屿90%儿童受重金属污染- 中国日报网. chinadaily.com.cn, abgerufen am 1. Dezember 2016 (chinesisch, Shantou Guiyu 90 % der Kinder von Schwermetallbelastung betroffen).
  19. 贵屿环境污染综合整治通过省验收_要闻_汕头市政府门户网站. shantou.gov.cn, 1. April 2016, abgerufen am 1. Dezember 2016 (Umfassende Behandlung der Umweltverschmutzung durch die Provinz Guiyu).
  20. China Deals With Growing Electronic Waste Challenge. bna.com, abgerufen am 2. Dezember 2016.