Elektronische Gesundheitsakte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Elektronische Patientenakte)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Elektronische Gesundheitsakte

Die Elektronische Gesundheitsakte oder elektronische Patientenakte, engl. electronic health record, ist eine geplante Datenbank, in der die Anamnese, Behandlungsdaten, Medikamente, Allergien und weitere Gesundheitsdaten der gesetzlich Krankenversicherten sektor- und fallübergreifend, landesweit einheitlich gespeichert werden sollen. Die eGA ist in den deutschsprachigen Ländern ein zentraler Pfeiler der von Industrie und Gesundheitsbehörden verfolgten E-Health-Konzepte. Sie ist eine Ausprägungsform der elektronischen Akte.

Ärzte, Zahnärzte, Apotheken und Pflegeeinrichtungen sollen sie bei Bedarf überall ohne Zeitverlust abrufen können.[1] Die Daten können je nach Modell zentral oder dezentral gespeichert werden. Die Teilnahme soll zunächst für alle Akteure freiwillig sein. Patienten sollen selbst über den Umfang und die Dauer der Speicherung entscheiden dürfen.

Die Ausgestaltung der landesweiten Systeme soll gesetzlich geregelt werden. Als Zugangsschlüssel sollen die von den Krankenkassen ausgegebenen Krankenversicherungskarten (E-Card in Österreich, eGK in Deutschland und in der Schweiz) und die Heilberufsausweise (HBA) dienen. Das Ziel der Neuerung ist es, Prozesse und Ergebnisqualität in medizinischen Behandlungsabläufen steuern zu können.[2][3] Darin unterscheiden sich die staatlich geplanten Systeme grundlegend von privaten internetbasierten Angeboten wie Google Health, HealthVault (Microsoft) oder Evita (Swisscom).

Österreich startete die nationale Elektronischen Gesundheitsakte namens ELGA trotz massiver Kritik am 2. Januar 2014.[4][5]

In Deutschland wird das Konzept seit 2011 mit regionalen Modellversuchen erforscht.[6]

Allgemeines[Bearbeiten]

Schon seit Jahren entwickelt sich das Gesundheitswesen dorthin, dass Daten zunehmend elektronisch gespeichert werden und zudem zentral abrufbar sind. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA, englisch personal health record PHR) ist ähnlich wie die elektronische Krankenakte eines Krankenhauses eine Sammlung von medizinischen Daten einer Person. Zusätzlich verfügt die eGA im Gegensatz zur elektronischen Patientenakte (ePA, englisch electronic health record EHR) über Möglichkeiten, nichtärztliche Informationen (Wellnessinfos, Diäten, krankengymnastische Hinweise, ...) zu integrieren. Sie ist Internet-basiert mit minimalen Clientanforderungen. Die Datenhoheit hat nur der Nutzer, nicht eine Institution des Gesundheitswesens. Er kann nach einem komplexen Sicherheitskonzept anderen Personen wie Ärzten oder Institutionen wie Krankenhäusern Zugriff auf die Informationen gewähren (lesend und/oder schreibend) oder nicht.

Vorteile[Bearbeiten]

  • Jeder Arzt hat alle wichtigen Daten schnell verfügbar.
  • Im Notfall können Ärzte im Krankenhaus sofort sehen, welche Vorerkrankungen ein Patient hat und ob er bestimmte Medikamente nicht verträgt.
  • Patienten können unabhängig von der Dokumentationspflicht der Ärzte und Zahnärzte medizinische Daten speichern und verwalten, um ihre Informationslage im Gesundheitswesen zu verbessern.
  • Für Versicherungen entstehen Effizienzvorteile, wenn Überweisungsscheine, Rezepte und Arztbriefe elektronisch in die eGA dem Patienten ausgestellt werden.

Nachteile[Bearbeiten]

  • Viele Ärzte lehnen die elektronische Krankenakte ab. Sie glauben, dass handschriftliche Aufzeichnungen ausführlicher sind und mehr relevante Details enthalten.
  • Aufgrund des persönlichen Stils ließen sich aus den handschriftlichen Anmerkungen relevante Informationen schneller extrahieren. Eine Studie im British Medical Journal widerlegt diese Einwände.[7]
  • Für die eGA gibt es weder Vorgaben hinsichtlich der Zugriffsrechte, noch technische Vorgaben für den Schutz der Daten (wie kryptografische Verfahren). Die Bundesärztekammer (BÄK) fordert die strengen Anforderungen des Datenschutzes der eGK auch für die eGA.[8]
  • Nachdem der Patient die Entscheidungshoheit darüber hat, welche Daten gespeichert werden und welche nicht, sind die Gesundheitsdaten in der ePA durch die nur teilweise enthaltenen Informationen nur begrenzt aussagefähig. Die abrufenden Ärzte oder Zahnärzte können sich damit nicht auf sie verlassen oder allein daraus diagnostische oder therapeutische Konsequenzen ableiten.
  • Eingabefehler, Fehldiagnosen oder nicht validierte Daten können zu falschen medizinischen Schlussfolgerungen führen.
  • Zukünftige Begehrlichkeiten auf die Daten durch Politik, Krankenkassen, Versicherungen oder Arbeitgeber sind nicht auszuschließen.
  • Der Datenschutz, auch im Sinne der ärztlichen Schweigepflicht, ist dauerhaft nicht gewährleistet und hängt vom Fortschritt der Informationstechnik ab.

Unterschiede und Vorteile zu anderen elektronischen Akten[Bearbeiten]

Entsprechend dem Behandlungsvertrag (vertragliche Nebenpflicht), Berufsrecht und anderen gesetzlichen Vorgaben, die im Rahmen medizinischen Handelns zum Tragen kommen, muss die von den behandelnden Ärzten und Zahnärzten geführte Dokumentation von Behandlungsmaßnahmen als Beweismittel aktuell, ausführlich, fehlerfrei und vollständig sein. Die ePA existiert üblicherweise beim Arzt oder Zahnarzt in dessen Klinik- oder Praxis-EDV-System und werden von diesem als Primärsystem seiner ärztlichen Dokumentation gepflegt und verantwortet. Die Aufzeichnungen verbleiben meist geschützt in der einrichtungsinternen lokalen Infrastruktur, da sich Arzt und Zahnarzt nicht dem Risiko aussetzen, diese außerhalb ihres Einflussbereiches abzulegen. Bei seinem behandelnden Arzt kann sich jeder Patient Einsicht in seine Krankenakte oder Kopien der medizinischen Aufzeichnungen verschaffen. Im Praxisalltag wird davon nur selten Gebrauch gemacht. Als Grund dafür wird weniger Desinteresse vermutet, sondern die Befürchtung vieler, der Arzt könne den Informationswunsch als Misstrauen deuten, wodurch der Patient Nachteile bei seiner weiteren Behandlung befürchten müsse.

Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal der elektronischen Gesundheitsakte zur einrichtungsbezogenen, arztgeführten ePA ist die alleinige Verfügungsgewalt des Patienten über seine Akte und damit seine medizinischen Daten. Er alleine entscheidet, wer welche Daten in seiner Akte speichert, ändert und wer welche Informationen einsehen und nutzen darf. Der Patienten erhält durch den Einsatz einer eGA die Möglichkeit, jeden Behandlungsprozess zu verfolgen und kritisch zu hinterfragen. Er kann aktiv Einfluss auf die Erhaltung oder Wiedererlangung seiner Gesundheit nehmen. Die die Gesundheit betreffenden Entscheidungen konzentrieren sich weiterhin auf die Expertise der Ärzte.

Beinhalten kann diese persönliche Dokumentation ärztliche fallbezogene Einzeldokumentationen wie auch von ihm selbst erstellte Inhalte (z.B. eigene Beobachtungen, Messwerte), unabhängig davon, ob der Patient die Informationen in die Akte selbst einstellt oder gegebenenfalls einen Arzt damit beauftragt. Im Gegensatz zur Speicherung von Patientendaten durch seine Behandler, unterliegt der Patient selber nicht dem Gebot der Datensparsamkeit des § 3a des Bundesdatenschutzgesetzes. Er kann deshalb seine Gesundheits- und Krankheitsinformationen in beliebiger Menge sammeln und speichern. Es ist zu erwarten, dass in elektronischen Gesundheitsakten mehr Informationen enthalten sein werden, als in elektronischen Patientenakten.

Es lassen sich am Beispiel radiologischer Untersuchungen unnötige Strahlenexpositionen vermeiden.

Vor Herausforderungen sieht sich das Konzept der eGA in Bezug auf die Sicherstellung der Vertraulichkeit, Verlässlichkeit (Integrität, Authentizität, Nichtabstreitbarkeit, Vollständigkeit) und Verfügbarkeit der Daten.

Zusammenspiel der verschiedenen Aktentypen[Bearbeiten]

Niedergelassene Ärzte und Zahnärzte haben eine ePA in ihrer Praxis-EDV. Damit dokumentieren sie ihre Behandlungen und kommunizieren teilweise direkt elektronisch mit ärztlichen Kollegen, z. B. per E-Mail. Gleichzeitig kann ein niedergelassener Arzt an einem Praxisnetz teilnehmen, welches gemeinsam eine virtuelle ePA führt. Dort werden Kopien der ärztlichen Dokumentation aus der Praxis-EDV gespeichert. Zusätzlich kann der gleiche Arzt aber auch noch in anderen Praxisnetzen oder krankheitsbezogenen Netzen (Brustkrebsnetz, Diabetesnetz etc.) teilnehmen, in denen ebenfalls eine virtuelle ePA geführt wird. Diese Kommunikation ist nur zulässig, wenn der Patient den Arzt oder Zahnarzt von seiner Schweigepflicht explizit für den Einzelfall entbunden hat. Ferner gibt es Ärzte und Kliniken, die nicht elektronisch kommunizieren und nur intern dokumentieren. Alle diese verteilt vorliegenden Informationen können mit einer elektronischen Gesundheitsakte durch den Patienten gesteuert zumindest so zusammengefasst werden, dass transparent wird, wo welche Informationen vorliegen.

Das Konzept der elektronischen Gesundheitsakte berücksichtigt die Notwendigkeit der verschiedenen parallelen Patientenakten bei Ärzten und Kliniken. Die eGA kann jedoch ein höheres Ziel verfolgen, in dem sie eine übergeordnete Instanz der verschiedenen Aktenformen bei Ärzten und Zahnärzten darstellt und diese integriert. Damit wird eine wichtige Forderung nach Schnittstellen zu anderen EDV-Systemen (insbesondere zu Praxis- und Klinik-EDV-Systemen) für den gemeinsamen Informationsaustausch (also dem digitalen Import und Export von Daten) laut. Aus Sicht einer effizienten Behandlung ist auch ein Informationsaustausch zwischen den behandelnden Einrichtungen erforderlich.

Gesetzliche Regelungen[Bearbeiten]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

Der Health Insurance Portability and Accountability Act von 1996, kurz (HIPAA), regelt in den Vereinigten Staaten die elektronische Verarbeitung von Patientendaten, jedoch nicht die privater Anbieter.[9]

Deutschland[Bearbeiten]

Seit 2004 ist eine persönliche elektronische Gesundheitsakte (eGA, PHR) nach § 68 SGB V[10] eine satzungsfähige Leistung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Das BVA genehmigt seit 2005 Satzungen, auf deren Grundlage die Software-Lizenzgebühren von den Krankenkassen übernommen werden. Laut § 305 SGB V[11] haben gesetzlich Versicherte Anspruch darauf, über abgerechnete Leistungen schriftlich informiert zu werden. Nach § 84 SGB X[12] dürfen sie Daten berichtigen, löschen oder sperren.

Anbieter (Beispiele)[Bearbeiten]

Einige Anbieter haben sich aus Kosten- bzw. Nachfragegründen aus dem Markt zurückgezogen.

Online[Bearbeiten]

Für diesen Zugriff werden keine besonderen Ausweise oder Lesegeräte benötigt.

  • Atos IT Solutions and Services GmbH[13]
  • Careon GmbH[14]
  • Georg Wittschier[15]
  • Gesakon GbR[16][17] Pilotprojekt (geschlossener Benutzerkreis) vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium.*
  • Microsoft HealthVault
  • IhrArzt24 eGA[18]
  • Robert Leibold (von Diweka Ltd)[19]
  • SDR Nordqualität UG[20]
  • Vita-X AG[21][22]

Online (eingestellt)[Bearbeiten]

Offline auf USB-Massenspeicher[Bearbeiten]

Sollten die Sicherheitsbedenken doch zu groß sein, so kann man natürlich die Daten auf einem USB-Stick oder Speicherkarte in der gleichen Form abspeichern, wie bei der Online-Version. Jedoch sind diese Daten bei einem Verlust nicht ersetzbar (falls nicht anderswo ebenfalls gespeichert). Beispiele:

  • Ivan Moro[25] Dort werden die medizinischen Patientendaten verschlüsselt und mit Zugriffsrechten ausgestattet, so dass sie auch beim Verlust des Sticks für andere nicht lesbar sind. Auch nach dem Verlust des Passwortes (jedoch nicht des USB-Sticks) durch den Patienten sind die Daten für Gesundheitsanbieter mit Zugriffsrechten weiter verwendbar.
  • Georg Wittschier[26]

Lösungen außerhalb der Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

  • Microsoft (UK, US)
  • Umedex AG[27] (US, CH, EU)
  • In Österreich wird eine nationale elektronische Gesundheitsakte (ELGA) mit dem Ziel der Vernetzung aller Gesundheitsdienstleister entwickelt. Für die Umsetzung ist die im November 2009 gegründete ELGA GmbH[28] verantwortlich. Eigentümer, der nicht auf Gewinn ausgerichteten Gesellschaft, sind Bund, Länder und die Sozialversicherung.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frank Warda: "Elektronische Gesundheitsakten - Möglichkeiten für Patienten, Ärzte und Industrie. Aktueller Stand der Entwicklung in Deutschland". 2005, 300 S., ISBN 3-938975-00-8
  2. E-Health-Strategien: Drei Länder, drei Wege. Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A-562 / B-457 / C-457
  3. Kriterienkatalog für telemedizinische Projekte, Bundesgesundheitsministerium (PDF; 144 kB)
  4. Österreich: Elektronische Gesundheitsakte beschlossen. Dtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2392 / B-1950 / C-1910
  5. Gesundheitsakte ELGA startet trotz massiver Kritik
  6. Elektronische Patientenakte: Der Bürger als „Souverän der Akte“. Dtsch Arztebl 2011; 108(43): A-2295 / B-1936 / C-1916
  7. J. Hippisley-Cox, M. Pringle u.a.: The electronic patient record in primary care–regression or progression? A cross sectional study. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 326, Nummer 7404, Juni 2003, S. 1439–1443, ISSN 1468-5833. doi:10.1136/bmj.326.7404.1439. PMID 12829558. PMC 162256 (freier Volltext).
  8. H. E. Krüger-Brand: Elektronische Gesundheitsakte: Mehr Schutz nötig. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 106, Nummer 49, 2009, S. A-2458/B-2111/C-2051.
  9. The ECPA and Personal Health Record Systems. The Privacy Place. Abgerufen am 20. Mai 2013.
  10. § 68 SGB V
  11. § 305 SGB V
  12. § 84 SGB X
  13. Assignio
  14. Gesundheitsakte
  15. Online-Krankenakte
  16. Akteonline
  17. H. U. Prokosch, F. Ückert u. a.: akteonline.de: Patientenorientierte Gesundheitsakte. In: Dtsch Arztebl. Band 99, Nummer 18, 2002. S. [21].
  18. IhrArzt24 eGA
  19. Krankenakte-Online
  20. Notfallkarte.
  21. CGM Life
  22. TÜV Geprüft (PDF; 607 kB)
  23. LifeSensor
  24. Ärzteblatt
  25. PRAXISstick (für DE, FL, AT und CH).
  26. USB-Krankenakte
  27. Omni
  28. ELGA GmbH

Siehe auch[Bearbeiten]