Elgin Marbles

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Blick in den Saal der Elgin Marbles im British Museum

Als Elgin Marbles (wörtlich ‚Elgin-Marmore‘) werden jene Marmorskulpturen und -fragmente bezeichnet, die Lord Elgin von Bauten der Akropolis von Athen entnehmen ließ und später an das British Museum in London verkaufte. Sie umfassen Teile des Frieses, einige Metopen sowie Stücke vom Ost- und Westgiebel des Parthenon, außerdem eine der Mädchenfiguren aus der Kore­nhalle des Erechtheion.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Metope, einen Kentauren im Kampf mit einem Lapithen darstellend
Statuengruppe vom östlichen Pediment
Fries von der Westseite, Nr. II, 2

Lord Elgin, damals Botschafter im Osmanischen Reich, besorgte sich von Abdullah Kaimacan eine Erlaubnis mit dem Inhalt “to remove some stones”.[1]

„[…] dafür zu sorgen, dass sie […] [gemeint sind Elgins Leute] […] keine Hindernisse antreffen mögen beim Zutritt, bei der Untersuchung und beim Studium der Bilder und Gebäude, die sie aufzeichnen wollen. Auch dürfen sie Gerüste aufstellen und ihre Instrumente benützen. Des Weiteren dürfen sie mit ihren Leitern von allen Dingen Abdrücke mit Mörtel machen. Sie dürfen die Fragmente und alle Ruinen vermessen. Sie dürfen Grabungen an den Fundamenten vornehmen, um auf beschriftete Steinblöcke zu stoßen. Und wenn sie einige Steinblöcke mit Inschriften oder Figuren darauf, mitnehmen wollen, ist dem nicht zu widersprechen.“

Sultan Selim III.[2]

Anschließend ließ er die Stücke aus den Bauten herausbrechen und brachte sie 1801 in Begleitung des badisch-russischen Malers Feodor Iwanowitsch Kalmück nach Großbritannien, wo er sie 1816 an das British Museum verkaufte. Angeblich habe Elgin ursprünglich nur Gipsabdrücke anfertigen lassen wollen.

Eine Reihe von Verschiffungen brachten die Schätze in den Jahren 1802–1812 nach England, wobei nur ein Unglück passierte: HMS Mentor, eine Yacht mit einem Kupferboden, sank 1804 in einem Sturm vor der griechischen Insel Kythira. Glücklicherweise konnte die ganze Ladung geborgen werden. Elgin verließ die Botschaft 1803 und kam erst 1806 wieder auf englischem Boden an. Die nachfolgenden 10 Jahre blieb die Sammlung in seinem Besitz.

Im Jahr 1810 veröffentlichte Elgin eine Verteidigung seiner Aktionen, welche die meisten seiner Kritiker zum Schweigen brachte. Die letzte Sendung der Elgin Marbles erreicht London im Jahre 1812, und im Jahre 1816 wurde Elgins gesamte Sammlung von der Britischen Krone für die Summe von £ 35.000 erworben, etwa der Hälfte von Elgins Kosten.[3]

Elgins Vorgehensweise löste bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine große Welle der Empörung aus; man sprach von Diebstahl. August Kuhn schrieb 1823 über die Kuriosität, dass „Elgin durch den Raub griechischer Kunstwerke seinem Namen eine Art von Unsterblichkeit gesichert hat“.[4] Ähnlich berichtete 1825 auch Maximilian Löwenthal, der die Entnahme ebenfalls als Raub bezeichnete.[5] 1840 schrieb Hermann von Pückler-Muskau über die Beschädigungen am Bauwerk durch Elgins Mitarbeiter und sprach von einer „Schändung des Parthenon“, er stellte auch die Frage der Rückgabe.[6]

Seit 1939 werden die Elgin Marbles im British Museum in einem eigenen, von dem Kunsthändler Joseph Duveen gestifteten Raum präsentiert; sie gehören zu den berühmtesten Exponaten des Museums. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Elgin Marbles in der U-Bahn-Station Aldwych gelagert, um sie vor Luftangriffen zu schützen.[7]

Frage der Restitution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fragen um die Restitution der Elgin Marbles gehören zu den ältesten Debatten um Restitution. Erste Diskussionen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Anders als bei der Frage der Rückgabe anderer Objekte, wie beispielsweise der Büste der Nofretete an Ägypten, handelt es sich im konkreten Fall um herausgelöste Teile von Gesamtkunstwerken, die noch dazu möglicherweise auf dem Weg der Täuschung entwendet wurden.

In der griechischen und Teilen der britischen Öffentlichkeit besteht die Ansicht, dass die Fragmente an deren Schöpfungsort permanent zusammengeführt werden sollten. Über rechtliche Möglichkeiten verfügt der griechische Staat jedoch nicht, so dass nur Appelle an die Vernunft und persönliches Engagement bleiben.

Nachdem sich die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri verstärkt mit der Fragestellung der Restitution an die Öffentlichkeit gewandt hatte, wurde von dem Byzantinisten Robert Browning und der Filmemacherin Eleni Cubitt im Jahr 1983 in London das British Committee for the Restitution of the Parthenon Marbles (BCRPM) gegründet, das inzwischen Teil der International Association for the Reunification of the Parthenon Sculptures ist.

Die Argumente von Seiten des British Museum variieren, ohne dass sich in der Fragestellung etwas ändert. Die Argumentation des British Museum, in Athen gebe es keinen geeigneten Platz, die Elgin Marbles auszustellen, wurden durch die Eröffnung des Neubaus des Akropolismuseums wesentlich entkräftet. In diesem wird bewusst Platz für die fehlenden Teile des Skulpturenschmucks freigehalten.

Auch ohne Fortschritte gelangt die Thematik der Restitution immer wieder in die tagesaktuelle, kurzlebige Berichterstattung, beispielsweise:

2006 rückte sie eine Aktion der Universität Heidelberg erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: Die Universität übergab im September 2006 ein kleines Bruchstück aus dem Parthenon, 8 x 11 cm groß, dem Akropolismuseum in Athen. Das Bruchstück war vermutlich 1871 als Mitbringsel eines Reisenden in die Heidelberger Sammlung gekommen.

Während einer Pressekonferenz in London zum Film Monuments Men – Ungewöhnliche Helden sprach sich George Clooney 2014 für eine Rückgabe der Elgin Marbles aus. Von Londons Bürgermeister Boris Johnson wurde er daraufhin bezichtigt, eine „Agenda der Beutekunst wie einst Hitler“ zu verfolgen. Die Aussage kommentierte Clooney wiederum nur ironisch.[8]

Im Mai 2015 gab die griechische Regierung bekannt, die Rückgabe der Elgin Marbles nicht vor einem Gericht erstreiten zu wollen. Vorausgegangen war ein Rechtsgutachten mit dem Ergebnis, dass die Chancen, einen Prozess zu gewinnen, praktisch aussichtslos seien.[9]

Zustand und Erforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pferdekopf, seit 1938 im polierten, marmorweißen Zustand

Die Bauwerksfragmente wurden 1937 bis 1938 auf Wunsch von Joseph Duveen poliert, damit sie ohne die Patina der Jahrhunderte erneut im Weiß des Marmors erscheinen sollten.[10] Dabei ging ein Teil der Bearbeitungsspuren und Details verloren, wie beispielsweise die feinen Sehnen an einem Pferdekopf.

2009 konnten mit Hilfe einer hochempfindlichen Methode auf manchen Skulpturen Spuren des Pigments Ägyptisch Blau nachgewiesen werden. Seit längerem vermuteten Forscher, dass der heute in reinweißem Marmor erstrahlende Parthenon ursprünglich zumindest teilweise bemalt war (so wie die meisten antiken Skulpturen und Bauwerke), was durch diesen Fund nun als gesichert angesehen werden kann.[11]

Skulpturen und Fragmente aus dem Parthenon befinden sich darüber hinaus in folgenden Museen:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Elgin Marbles – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hannes Hartung: Kunstraub in Krieg und Verfolgung. de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 978-3-11-092539-5, S. 18. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  2. Der klassische Klau. Das British Museum und der Parthenonfries (Memento vom 22. November 2012 im Internet Archive) In: br.de
  3. Henry Ellis: The Elgin and Phigaleian Marbles of the Classical Ages in the British Museum, Bd. 1, 1846.
  4. August Kuhn: Der Freimüthige, 1823, S. 420.
  5. Maximilian Löwenthal: Skizzen aus dem Tagebuche einer Reise durch Frankreich, 1825, S. 30.
  6. Hermann Pückler-Muskau: Südöstlicher Bildersaal, 1840, S. 312.
  7. J. E. Connor: London's Disused Underground Stations. Capital Transport, London 2001, ISBN 1-85414-250-X, S. 98–99.
  8. Clooney-Kritik von Londons Bürgermeister: Lehrstunde für Mister Johnson. In: Spiegel Online. 16. Februar 2014, abgerufen am 1. Januar 2015.; George Clooney gerät mit Londons Bürgermeister aneinander. In: tt.com. 16. Februar 2014, abgerufen am 1. Januar 2015.
  9. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 112, 16. Mai 2015, S. 9.
  10. BBC NEWS – UK – Magazine – What's been said about the Marbles. In: news.bbc.co.uk. 23. März 2004, abgerufen am 1. Januar 2015.
  11. Alison Abbott: Traces of paint confirmed on Parthenon sculptures vom 15. Juni 2009, doi:10.1038/news.2009.574. Siehe auch: Ilka Lehnen-Beyel: Parthenon in Farbe. In: wissenschaft.de. 17. Juni 2009, abgerufen am 1. Januar 2015.