Elisabethanisches Weltbild

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Als elisabethanisches Weltbild bezeichnet man das Weltbild der englischen Gesellschaft zur Regierungszeit von Königin Elisabeth I. (1558–1603). Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte E. M. W. Tillyard für die Zeit der Elisabethaner dieses Konzept einer traditionalen Vorstellungen verhafteten, kaum veränderlich denkenden Gesellschaft der „großen Kette der Wesen“ („great chain of beings“), das der Literaturwissenschaftler Arthur O. Lovejoy einige Jahre zuvor für die gesamte Vormoderne postuliert hatte. Diese Vorstellung hat große Wirksamkeit entfaltet, gilt inzwischen aber als zu geschlossenes Denksystem, um die Gedankenwelt einer ganzen, komplexen Gesellschaft erklären zu können, und damit als überholt.

Entscheidend in der Vorstellung der Elisabethaner war nach diesem Konzept der Gedanke, dass sich die Ordnung des Universums – der Makrokosmos – im Kleinen widerspiegelt - im Mikrokosmos. Jedes Ding war in sich ein Mikrokosmos, in dem sich die Ordnung des Kosmos widerspiegelte. So stand der König dem Staat vor wie Gott der Schöpfung, und die Ordnung des Staates wiederum spiegelte die Ordnung der Schöpfung wider. Auch der einzelne Mensch selbst trug die Ordnung des Ganzen in sich. Dies zeigte sich beispielsweise in der antiken Lehre der vier Säfte (four humours), die in der Elisabethanischen Zeit insbesondere in der Medizin von Bedeutung war: die damals angenommenen vier Elemente der Schöpfung – Luft, Feuer, Erde und Wasser – spiegelten sich in den vier Säften wider, von denen die Elisabethaner glaubten, sie machten den Menschen aus: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim (blood, yellow bile, black bile and phlegm), wobei jeder der vier humours für einen Charakterzug stand.

Elisabethaner waren nach Lovejoy besessen von der Perfektion, die man nur oben finden konnte (also nicht in der Erde, bei den unteren Ständen oder in den unteren Regionen des Körpers), und sie fühlten sich bedroht von Unordnung und Chaos, z. B. Bürgerkrieg, Wahnsinn und vernunftwidrigen Leidenschaften. Veränderungen waren grundsätzlich beängstigend.

Diese Vorstellung hält z. B. die komplizierten Handlungsgerüste William Shakespeares zusammen (Elisabethanisches Theater): Wenn es in der Natur Unordnung gibt, gibt es auch in der Gesellschaft und der Psyche des Individuums Unordnung. Die Rebellion gegen Gott wiederholt sich in der Rebellion gegen den König und den Vater, und zwar bei adligen Bürgern und einfachem Volk. So spiegelt sich beispielsweise in Shakespeares Drama Macbeth der Frevel des Königsmords, der die staatliche Ordnung durcheinanderbringt, in dem Chaos wider, das in der Natur herrscht.

Insbesondere diese Heranziehung von Shakespeare als Beleg für die traditional-konservative Denkweise und den Ruf nach Ordnung (Tillyard schrieb 1944 ein Buch über Shakespeare’s History Plays, von dem aus er seine Ideen für die elisabethanische Gesellschaft entwickelte) ist vielfach kritisiert worden.[1]

Die kulturalistische Wende in der Geschichtswissenschaft und der New Historicism in der Literaturwissenschaft haben auf die Brüche, Fluiditäten und die „unzähligen elisabethanischen Weltbilder“ statt des einen monolithischen hingewiesen. Auch in oberflächlich ordnungsbejahenden Äußerungen könne subversive Kraft stecken. Wichtig sei es, den Entstehungskontext der alle Ordnung bedrohenden Zeit des Zweiten Weltkriegs und der idealistischen, historistischen Denkweise Tillyards zu berücksichtigen, um sein Werk zu verstehen. Denn trotz aller Kritik beschäftige sich die Wissenschaft bis heute mit seinem Werk.[2]

Literatur[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Alexander Leggatt etwa schreibt von der „customary … ritual attack“ dagegen; das Fach habe „established that to see Shakespeare as a propagandist for the Tudor Myth, the Great Chain of Being, and the Elizabethan World Picture will not do.“ Alexander Leggatt: Shakespeare’s Political Drama. The History Plays and the Roman Plays. Routledge, London u. a. 1988, ISBN 0-203-35904-6, S. vii.
  2. Neema Parvini: Shakespeare’s History Plays. Rethinking Historicism. Edinburgh University Press, Edinburgh 2012, ISBN 978-0-7486-4613-5, S. 85.