Elise Richter

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Elise Richter (Photographie aus Wiener Bilder, 18. September 1907)[1]

Elise Richter (* 2. März 1865 in Wien; † 21. Juni 1943 im Ghetto Theresienstadt) war eine österreichische Romanistin und Universitätsprofessorin. 1905 habilitierte sie als erste Frau an der Universität Wien.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elise Richter wurde als Tochter des Chefarzts der k.k. priv. Südbahngesellschaft, Maximilian Richter (* 1824 Trencsen, Ungarn; † 1890 Wien), und dessen Frau Emilie (Emmy) Lackenbacher (* 1832 Essegg; † 1889 Wien) geboren und wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen einer assimilierten jüdischen Familie auf. Sie hatte eine ältere Schwester Helene, die als Anglistin bekannt wurde. Mit 20 Jahren erkrankte sie an Rheuma, das sie nie mehr loswurde. Ab 1891 durfte sie einzelne Vorlesungen an der Universität Wien als Gasthörerin besuchen. Als es 1896 Frauen gestattet wurde, zur Reifeprüfung anzutreten, legte Richter 31-jährig als Externistin am Akademischen Gymnasium in Wien die Matura ab – als erste Frau. Ein Jahr später wurden Frauen auch an der philosophischen Fakultät der Universität Wien zugelassen. Richter inskribierte Romanistik als ordentliche Hörerin, schloss ihr Studium 1901 ab und habilitierte 1905 als erste Frau an der Universität Wien. 1921 wurde sie wiederum als erste Frau zum Außerordentlichen Professor [sic] ernannt. Später leitete sie das Phonetische Institut. Sie untersuchte die physiologischen und psychologischen Grundlagen der Sprache. Als 1929 der Lehrstuhl für Romanistische Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck vakant war, gab es in ganz Österreich keine habilitierten Romanisten außer der schon 61-jährigen Elise Richter, die aufgrund ihres Alters nicht infrage kam.[2]

Richter war auch politisch aktiv, gründete den „Verband der Akademikerinnen“ und rief 1927 zur Gründung einer Frauenpartei auf. Sie sah sich aber nicht als Frauenrechtlerin.[3] Sie lehrte bis zu ihrem Ausschluss aus der Universität durch die nationalsozialistischen Machthaber aufgrund der Rassengesetze im Jahr 1938.

1943 wurde Richter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Wenige Monate nach der Deportation starb sie am 21. Juni 1943.[4]

Im Jahr 2008 wurde in Wien Floridsdorf (21. Bezirk) der Elise-Richter-Weg nach ihr benannt.

Im Juni 2016 wurde sie mit einer Büste im Arkadenhof der Universität Wien geehrt.[5][6]

Richter-Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1942 gelangte die Bibliothek der beiden Schwestern von etwa 3.000 Bänden unter dem politischen Druck der NS-Zeit an die Universität Köln. Nachdem dort der Schriftwechsel zur Bibliothek im Archiv gefunden wurde, wird seit 2005 im Rahmen der NS-Provenienzforschung diese Bibliothek rekonstruiert, publiziert und – wenn möglich – an Erben restituiert. Zudem soll in Köln ein kleiner Platz zwischen der Universitäts- und Stadtbibliothek und Philosophikum nach den Richterschwestern benannt werden.[7]

Elise-Richter-Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Deutsche Romanistenverband vergibt seit 1999 anlässlich des Deutschen Romanistentags einen mit 1500 Euro dotierten Förderpreis für herausragende romanistische Habilitationen und Dissertationen, der nach Elise Richter benannt ist.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen. Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale) 1903
  • Fremdwortkunde. Teubner, Leipzig 1919.
  • Lautbildungskunde. Einführung in die Phonetik. Teubner, Leipzig/ Berlin 1922.
  • Wie wir sprechen. Sechs volkstümliche Vorträge. 2., vollst. umgearb. Aufl. Teubner, Leipzig 1925.
  • Die Entwicklung des neuesten Französischen. Velhagen & Klasing, Bielefeld/ Leipzig 1933.
  • Beiträge zur Geschichte der Romanismen I. Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts. Niemeyer, Halle, Saale 1934.
  • Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 1977.
  • Summe des Lebens. WUV-Universitätsverlag, Wien 1997 (Autobiographie, Typoskript 1940).
  • Erziehung und Entwicklung, in: Elga Kern (Hrsg.): Führende Frauen Europas, München ; Basel : E. Reinhardt, 1999 (1928), S. 45–61

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der erste weibliche Privatdocent in Oesterreich. In: Wiener Bilder, 12. Jahrgang, Nr. 31, 18. September 1907, S. 5 (mit Bild) (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrb
  2. Kurze Geschichte des Instituts für Romanistik der Universität Innsbruck. Universität Innsbruck
  3. Petra Stuiber: Elise Richter: „Mein zweites Leben soll nicht gemordet werden“. Der Standard vom 12. Juni 2015.
  4. Elise Richter, Todesfallanzeige bei holocaust.cz
  5. orf.at - Sieben Frauendenkmäler für Uni Wien. Artikel vom 28. Oktober 2015, abgerufen am 28. Oktober 2015.
  6. derStandard.at - Arkadenhof der Uni Wien beherbergt nun auch Frauen-Denkmäler. Artikel vom 30. Juni 2016, abgerufen am 1. Juli 2016.
  7. Christine Haffmans: Wiedergutmachung durch Erinnerung, Opfer und Nutznießer: Die Rekonstruktion der Richter-Bibliothek in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. In: Mit Uns. (Mitarbeiterzeitschrift Uni-Köln), Juni 09, S. 20f + September 09 Teil II: Notverkauf nach Köln. (PDF; 11,3 MB), S. 22f.