Elle (2016)

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Filmdaten
Deutscher Titel Elle
Originaltitel Elle
Produktionsland Frankreich, Deutschland
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 2016
Länge 130 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Paul Verhoeven
Drehbuch David Birke
Produktion Saïd Ben Saïd,
Michel Merkt
Musik Anne Dudley
Kamera Stéphane Fontaine
Schnitt Job ter Burg
Besetzung

Elle (frz. = sie) ist ein Erotik-Thriller von Paul Verhoeven aus dem Jahr 2016. Die französisch-deutsche Koproduktion basiert auf dem Roman Oh... von Philippe Djian und stellt eine erfolgreiche und selbstsichere Unternehmerin (gespielt von Isabelle Huppert) in den Mittelpunkt, die in ihrem Haus von einem maskierten Mann überfallen und vergewaltigt wird. Als Tochter eines in ganz Frankreich bekannten Massenmörders meidet sie den Gang zur Polizei, wird aber weiter bedrängt, bis sich herausstellt, dass der Täter ein von ihr selbst begehrter Mann ist, woraus sich zwischen beiden ein erotisches Rollenspiel entwickelt.

Mit Elle, seinem ersten Film in französischer Sprache, gelang Verhoeven nach 10-jähriger Pause eine viel beachtete Rückkehr in die Kinos. Uraufführung war am 21. Mai 2016 im Rahmen des Wettbewerbs um die Goldene Palme bei den 69. Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Vier Tage später startete der Film in den französischen und am 16. Februar 2017 in den deutschen Kinos.[1]

Elle gewann bereits eine Vielzahl von Preisen, unter anderem den Critics’ Choice Movie Awards 2016 und den Golden Globe Awards 2017, jeweils als Bester fremdsprachiger Film, sowie den französischen César 2017 als Bester Film. Außerdem kandidierte Elle als offizieller französischer Beitrag für einen Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film, wurde aber nicht nominiert – im Unterschied zu Isabelle Huppert, die ins Rennen um den Oscar als Beste Hauptdarstellerin ging. Diese Auszeichnung wurde ihr nicht zuerkannt, dafür aber viele andere in der gleichen Kategorie, darunter der Golden Globe Awards 2017, der New York Film Critics Circle Awards 2016 und der César 2017.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die knapp 50-jährige, als Single in Paris lebende Michèle Leblanc wird am helllichten Tag in ihrem Haus von einem maskierten Mann brutal überfallen und vergewaltigt. Anstatt die Polizei zu benachrichtigen, beseitigt sie die Spuren des Verbrechens, lässt die Schlösser austauschen, besorgt sich Pfefferspray und eine Axt – und lebt ihr Leben vorerst ganz normal weiter.

Michèle betreibt gemeinsam mit ihrer Freundin Anna ein kleines, aber erfolgreiches Computerspielunternehmen. Kompetent und selbstsicher führt sie den Betrieb und weiß sich gegenüber ihren überwiegend jüngeren, männlichen Angestellten zu behaupten. Sie finanziert ihrem Sohn Vincent, der bei einer Fast-Food-Kette jobbt und sich von seiner schwangeren Freundin Josie dominieren und ausnutzen lässt, eine neue Wohnung. Vincent stammt aus der geschiedenen Ehe mit Richard, einem Hochschullehrer und wenig erfolgreichen Schriftsteller. Richard hat Beziehung zu einer Doktorandin angefangen, fühlt sich aber immer noch zu Michèle hingezogen. Michèle unterhält währenddessen eine heimliche Affäre mit Annas Ehemann Robert. Auch ihren neuen Nachbarn Patrick findet sie begehrenswert, einen weitaus jüngeren, attraktiven Börsenmakler, der mit seiner erzkatholischen Ehefrau Rebecca im Haus gegenüber wohnt.

Im engsten Freundeskreis erwähnt Michèle den Überfall, weigert sich aber weiterhin, die Polizei einzuschalten. Ihre Freunde wissen, warum: Seit Michèles Vater, ein bis dahin unbescholtener Bürger und praktizierender Katholik, vor knapp vier Jahrzehnten scheinbar wahllos 27 Menschen tötete und ein in diesem Kontext entstandenes unseriöses Foto des damals 10-jährigen Mädchens der Öffentlichkeit suggerierte, Michèle könne mitschuldig sein an dem Massenmord, sind sie und ihre Mutter immer wieder Anfeindungen ausgesetzt – aktuell verstärkt dadurch, dass der lebenslänglich verurteilte Vater ein neuerliches Gnadengesuch gestellt hat.

Michèles Vergewaltiger setzt sie weiter unter Druck. Er schickt ihr anzügliche Nachrichten, bricht während ihrer Abwesenheit ins Haus ein und masturbiert auf ihre Bettwäsche. Eine manipulierte CGI-Animation, die Michèle im aktuell entwickelten Spiel als Vergewaltigungsopfer zeigt, wird in ihrer Firma verbreitet. Sie lässt daraufhin alle Computer hacken – nur um später herauszufinden, dass ausgerechnet der, den sie damit beauftragt hat, die Animation erstellt hatte, als ihr Vergewaltiger jedoch nicht in Frage kommt.

Auf einer Weihnachtsfeier im Familien- und Freundeskreis macht Michèle als Gastgeberin ihrem Nachbarn Patrick heimlich und ungeniert sexuelle Avancen. Zugleich brüskiert sie ihre Mutter Irène vor allen Anwesenden, als diese bekanntgibt, ihren weitaus jüngeren Liebhaber Ralf heiraten zu wollen. Irène erleidet daraufhin einen schweren Schlaganfall. Bevor sie stirbt, bittet sie ihre Tochter zum wiederholten Mal, den Vater zu besuchen. Als Michèle dies tut, wird ihr mitgeteilt, dass er sich in der Nacht zuvor erhängt hat, und sie kann nur spekulieren, ob die erneute Ablehnung seiner Begnadigung oder die Ankündigung ihres Kommens dazu geführt hat. Ihr Sohn Vincent, der um sein kleines Familienglück kämpft, sich aber durch die Geburt eines dunkelhäutigen Kindes noch mehr in Frage gestellt sieht, zieht wieder bei Michèle ein, nachdem ein Streit mit seiner Freundin Josie eskaliert.

Bei einem weiteren Angriff auf sie verletzt Michèle ihren Peiniger, enttarnt ihn als ihren Nachbarn Patrick und treibt ihn in die Flucht. Am Tag darauf jedoch ruft sie ihn um Hilfe, als sie sich nach einem Unfall nicht selbst aus ihrem Auto befreien kann. Sie lässt sich von ihm nach Hause bringen und ihre Beinverletzung behandeln. Auf ihre Frage nach dem Warum seiner Vergewaltigungen antwortet er, sie seien „nötig“ gewesen. Michèle begreift, dass er – anders als sie – zum einvernehmlichen Sex nicht fähig ist, und lässt sich auf ein erotisches Rollenspiel mit ihm ein. Den nächsten Übergriff im Heizungskeller seines Hauses löst sie selbst mit aus, leistet aber scheinbar ernsthaft Widerstand, damit er auf das für ihn „nötige“ Gewaltlevel kommt.

Auf der von Vincent organisierten Release-Party zur erfolgreichen Veröffentlichung des neuen Computerspiels gesteht Michèle ihrer Freundin Anna die Affäre mit Robert. Sie lässt sich von Patrick nach Hause fahren und eröffnet ihm unterwegs, das „kranke“ Spiel beenden und ihn bei der Polizei anzeigen zu wollen. Er versteht dies als Aufforderung zu einem weiteren Übergriff und folgt ihr ins Haus, wo sie ihn offenbar tatsächlich erwartet. Dem heimkehrenden Vincent bietet sich jedoch ein eindeutiges Vergewaltigungsszenario dar, weshalb er den maskierten Täter ohne Zögern von hinten erschlägt. Michèle klärt weder ihren Sohn noch die Polizei über ihr wahres Verhältnis zu Patrick auf. Dessen Witwe Rebecca zieht bald darauf weg und überrascht Michèle beim Abschied mit einem Dank dafür, dass diese Patrick zumindest für kurze Zeit geben konnte, was er „gebraucht“ habe. Vincent und Josie finden wieder zueinander und scheinen beide etwas gereift. Am Ende kommt es auch zur Versöhnung zwischen Michèle und Anna, die sich von Robert getrennt hat, das Haus verkaufen will und die Idee ins Spiel bringt, danach bei ihrer langjährigen Freundin einzuziehen.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der französische Filmproduzent Saïd Ben Saïd hatte Verhoeven den Roman von Philippe Djian als Filmstoff vorgeschlagen. Der Film sollte ursprünglich in den USA produziert und mit US-amerikanischen Schauspielern besetzt werden, daher wurde David Birke als Drehbauchautor engagiert. Zu diesem Zeitpunkt kannte Verhoeven zwar David Birke, wusste aber nicht, dass dieser bisher vor allem B-Movies geschrieben hatte. Verhoeven fand jedoch in Hollywood niemand, der den Film finanzieren oder produzieren wollte, und alle angefragten Schauspielerinnen lehnten die Rolle ab. Isabelle Huppert, die das Buch kannte und selbst schon an eine Verfilmung gedacht hatte, sagte dagegen sofort zu.[2] Das in Englisch verfasste Drehbuch wurde daher verändert - die Geschichte spielt jetzt in Frankreich in einer Produktionsfirma für Videospiele und nicht mehr in der Filmszene in Chicago oder Seattle -, dann in enger Kooperation mit Birke und Verhoeven von dem franko-britischen Drehbuchautor Harold Manning (* 1968) ins Französische übertragen. Produziert wurde der Film von der Pariser SBS-Produktionsgesellschaft in Kooperation mit mehreren französischen Produktionsfirmen, einer belgischen und der deutschen Twenty Vision Filmproduktion [3]

Elle war der erste Film Verhoevens, den er nach eine zehnjährigen Pause gedreht hat, sein erster Film mit Isabelle Huppert, der erste Film, den mit er mit einem ausschließlich französischen Team und französischen Schauspielern gedreht hat und sein erster Kinofilm überhaupt, der mit Digitalkameras gedreht wurde.

Der Film wurde innerhalb von 52 Tagen abgedreht, Drehorte waren das Haus der Protagonistin in Saint-Germain-en-Laye, verschiedene Pariser Straßen, der Friedhof Père Lachaise u.a. Alle Szenen wurden gleichzeitig mit zwei Filmkameras aufgenommen. Der Chefkameramann Stéphane Fontaine wurde dabei durch Lennert Hillege unterstützt, der allerdings im Abspann des Films nicht genannt wird. Verhoeven bezeichnete in einem Interview beide gleichwertig als A-Kameras. [4] Jede Szene wurde für zwei Kameras geplant, die manchmal eng nebeneinander operierten, um eine Kontinuität zu ermöglichen, in der Cuts kaum sichtbar wurden.[5] Beim Filmen wurden keine Dollies oder Stative benutzt, die Kameras befanden sich immer auf den Schultern der Kameraleute. Nach Aussagen von Verhoeven wird dadurch eine Art Beobachterblick (sense of observation) erzeugt, der den Voyeur-Effekt des Films verstärkt. „Die Kamera bewegt sich sacht, fast voyeuristisch". „Wenn man die Kamera auf der Schulter trägt, atmet man, es gibt es immer leichte Schwankungen, in denen die Kamera einem ein Gefühl von Unsicherheit vermittelt“. Laut Verhoeven ergeben sie dabei zwar Probleme bei der Koordination, es eröffneten sich aber gleichzeitig neue Freiheiten für die Kameraleute und größere Möglichkeiten beim Filmdediting. [6]

Für die Cinematografie wählte Fontaine zwei Red Dragon-Kameras. Für die Computer-Animationen konnte Verhoeven auf zwei vorhandene Videospiele einer Pariser Produktionsfirma zurückgreifen, die miteiander kombiniert wurden. [7]

Regisseur Paul Verhoeven bei der Premiere des Films in Amsterdam (2016)

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regisseur und Darsteller, Cannes 2016

Der Film erhielt von Kritikern überwiegend positive Bewertungen. Fast ausnahmslos gelobt wurden Verhoevens Regie und Hupperts schauspielerische Darbietung. Auf der Website Rotten Tomatoes hält der Film derzeit (Stand: Mai 2017) eine Bewertung von 90 %, basierend auf 192 Bewertungen und einer Durchschnittswertung von 8/10. Das Fazit der Seite lautet: „In Elle sieht man Regisseur Paul Verhoeven auf Höchstleistung. Er profitiert zudem von einer herausragenden Darbietung von Isabelle Huppert in der Hauptrolle.“[8]

„Als Rachethriller angekündigt, überraschen an "Elle" nicht zuletzt seine vielen komischen Momente. Die Gewalt, die Hupperts Figur Michèle widerfährt, ist explizit. Aber ihre Reaktionen darauf – wie auch auf etliche weitere Ereignisse in ihrem Leben – sind so unvorhersehbar, dass man oft auflachen muss. Und dann gibt es auch noch Szenen, in denen sich "Elle" einfach derbe Komik leistet“. [9]

Rüdiger Suchsland vom SWR sagt zu dem Film: „Ein großartiger Thriller, eines Hitchcock würdig“, und fährt fort: „Ein Thriller trifft die Gesellschaftskomödie. Immer wieder wechseln die Ebenen. Vieles passiert in diesem schnellen, unterhaltsamen Film. Im Laufe der Handlung öffnet sich Michèle, erlebt die Befreiung von ihren inneren Dämonen. […] Ein toller Film! Voller abgründiger Momente, voller Spannung und Humor. […] Boshaft, witzig, politisch unkorrekt, facettenreich, glänzend gespielt, elegant und fehlerfrei inszeniert – Paul Verhoeven ist zurück im Zentrum des Kinos. Zehn Jahre nach seinem letzten Film "Blackbook" hat der 78-jährige einen neuen Film gedreht – "Elle" mit einer schlechthin großartigen Isabelle Huppert in der Hauptrolle, in einem der besten Auftritte ihrer Karriere". [10]

Die Filmkritik würdigt übereinstimmend die überragende Leistung Isabelle Hupperts. Christopher Diekhaus schreibt in dem Internet-Filmmagazin artechock: „Inmitten all der aber­wit­zigen Wendungen und bösen Spitzen umweht Isabelle Huppert eine faszi­nie­rend-uner­gründ­liche Aura. Obwohl die eigen­wil­lige Michèle bei weitem keine klas­si­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur ist, bleibt ihre Entwick­lung dank des famosen und uner­schro­ckenen Schau­spiels jederzeit inter­es­sant. Mit der fran­zö­si­schen Ausnah­me­ak­trice vor Augen kann man sich eigent­lich nicht vorstellen, dass Elle auch dann so über­zeu­gend funk­tio­niert hätte, wenn der Film – wie ursprüng­lich geplant – mit einer ameri­ka­ni­schen Haupt­dar­stel­lerin auf Englisch gedreht worden wäre. Nur gut, dass sich in den USA niemand an den unbe­quemen Stoff gewagt hat“. [11]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elle wurde außerdem als offizieller französischer Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film ausgewählt, gelangte aber nicht in die engere Auswahl.[12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Profil bei mfa-film.de (abgerufen am 8. Januar 2017).
  2. epd-film, 14. Februar 2017.
  3. Twenty Vision Film Production abgerufen am 15. Mai 2017.
  4. Paul Verhoeven discusses Elle, abgerufen am 17. Mai 2017
  5. Elle: Emanuelle Levy: Interview with Director Paul Verhoeven abgerufen am 17. Mai 2017
  6. Interview mit Paul Verhoeven in: MUBI, 14. Oktober 2016 abgerufen am 16. Mai 2017.
  7. The Rules of the Game: Paul Verhoeven’s Elle in: Cinemascope, abgerufen am 17. Mai 2017
  8. Elle bei Rotten Tomatoes (englisch)Vorlage:Rotten Tomatoes/Wartung/„importiert aus“ fehlt
  9. Hannah Pielarczy: Ausnahmefilm "Elle". Spiegel-online, 15. Februar 2017, abgerufen am 15. Mai 2017
  10. Rüdiger Suchsland: Elle von Paul Verhoeven SWR 2 Kultur, 15. Februar 2017, abgerufen am 15. Mai 2017
  11. Elle in: artechock, abgerufen am 15. Mai 2017
  12. 9 Foreign Language Films advance in Oscar Race bei oscars.org, 15. Dezember 2016 (abgerufen am 6. Januar 2017).