Elliniki Radiofonia Tileorasi

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Ellinikí Radiofonía Tileórasi A.E. (ERT A.E.; griechisch Ελληνική Ραδιοφωνία Τηλεόραση, deutsch Griechischer Rundfunk und Fernsehen) war die öffentlich-rechtliche (bis 2011: staatliche) Hörfunk- und Fernsehanstalt Griechenlands. Am 11. Juni 2013 beschloss die griechische Regierung die sofortige Schließung der ERT und Einstellung aller Programme.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte des griechischen Rundfunks begann 1938 mit der Gründung des Athener Radiosenders Radiofonikos Stathmos Athinon. Die ersten experimentellen Fernsehausstrahlungen folgen 1965 aus den Studios des griechischen Rundfunks EIR (Ethniko Idryma Radiofonias) in Athen. Am 23. Februar 1966 startete dann schließlich der offizielle Sendebetrieb.

Die EIRT genannte Gesellschaft bekam 1970 während der Junta eine regimekonforme Konkurrenz, mit dem Namen YENED, die einer PR-Abteilung der Streitkräfte unterstand. 1974 nach dem Ende der Junta wurde YENED zu ERT2. Dimitris Horn wurde provisorisch Direktor der neuen Rundfunkanstalt mit zwei Sendern. Am 1. September 1987 ging ERT3 als Regionalsender mit Sitz in Thessaloniki auf Sendung. Er berichtete schwerpunktmäßig über Nordgriechenland, war jedoch im ganzen Land zu empfangen.

In den 1990er Jahren wurden das Rundfunk- und das Fernsehprogramm stärker getrennt, so dass in den Bezeichnungen für die Fernsehprogramme das R für Radiofonia weggefallen war.

2011 beschloss die griechische Regierung den Umbau der staatlichen Sendeanstalt zu einem öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter.[3] Eine umfassende Sanierung des Senders scheiterte allem voran am Widerstand der Mitarbeiter.

Bis 2013 unterhielt ERT A.E neben den vier Fernsehprogrammen (ET1 und ET3 und über Satellit NET und ERT World) sowie vier Digital-Fernsehprogramme (Prisma+, Cine+, Spor+ und Info+) und 29 Radiostationen nationaler und regionaler Reichweite (NET, Deftero, Trito, ERA Spor, Cosmos, Makedonia, Radio Filia und so weiter). Mit Ausnahme der regionalen Radiostationen und des nordgriechischen ET3 aus Thessaloniki sendeten alle Sender aus dem ERT-Hauptquartier in Agia Paraskevi nordöstlich von Athen. Finanziert wurden die Programme überwiegend aus Rundfunkgebühren und Werbeeinnahmen sowie staatlichen Zuschüssen.[4] Das jährliche Budget lag 2013 bei ca. 205 Mio. Euro.[2] ERT unterhielt ferner ein Internetportal, eine Zeitschrift, ein digitales Archiv und zwei Orchester.[5] Der Marktanteil der ERT sank kontinuierlich, keiner der Radiosender erreichte eine Einschaltquote von über 1,5 % und selbst die Hauptnachrichtensendung erreichte nur noch einen Marktanteil von 6 %[6].

Als Folge der jahrelangen Klientelpolitik der Regierungen hatte ERT im Jahr 2006 5300 Angestellte, von denen einige exorbitante Gehälter bezogen.[7]Im Juni 2013 waren noch 2656[8] Mitarbeiter bei der ERT beschäftigt.[3] Die Mitarbeiterzahl lag siebenmal höher als bei vergleichbaren privaten Sendern. Die jährlichen Kosten beliefen sich zuletzt auf 300 Millionen Euro. Die Regierung warf der ERT Intransparenz und Verschwendung vor und sah nur noch die Möglichkeit eines radikalen Schritts.[9][10]

Schließung[Bearbeiten]

Nach dem Beschluss vom 8. November 2011 des EU-Ministerrats zur Beendigung des übermäßigen Defizits Griechenlands wurde erlassen, unverzüglich Maßnahmen zu treffen und durch „Ministerialbeschlüsse die Schließung, der Zusammenschluss oder die erhebliche Verkleinerung von Einrichtungen einzuleiten. Dies betrifft […] ERT sowie 35 weitere kleinere Einrichtungen“.[11]

Am 11. Juni 2013 beschloss der griechische Ministerpräsident, ohne Zustimmung seiner Koalitionspartner PASOK und DIMAR, die Schließung der ERT und kündigte die unverzügliche Abschaltung aller Sender an.[2] Die ERT-Mitarbeiter widersetzen sich dieser Maßnahme und senden bis heute sämtliche Programme der ERT weiter.[12] Am 11. Juni 2013 wurden gegen 21:00 Uhr UTC die Sendeanlagen unter Polizeischutz auf Anordnung der Regierung abgeschaltet. Seither ist das Sendeangebot von ERT nur noch per Internet und Satellit zu empfangen.[13] Andere Medien wie beispielsweise die zyprische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Cyprus Broadcasting Corporation (CyBC), dessen Server nach kurzer Zeit aufgrund der hohen Nachfrage überlastet waren[14] stellen den Stream aus Solidarität mit den ERT-Angestellten zur Verfügung.[15][16] Die Generaldirektoren der wichtigsten europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verurteilen die Aktion der griechischen Regierung als „undemokratisch und unprofessionell“, weil sie „die Existenz der öffentlich-rechtlichen Medien in Griechenland untergräbt“. Zu den Unterzeichnern zählen der Intendant des Bayerischen Rundfunks für die ARD und die Generaldirektoren von ZDF, SRG SSR, RTS und ORF.[17]

Die Schließung wird in Zusammenhang mit der Erfüllung von Vereinbarungen mit internationalen Geldgebern (Europäische Union, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds) gesehen, nach denen die Entlassung von 4.000 Staatsdienern bis Ende 2013 vorgesehen ist (siehe dazu auch Griechische Finanzkrise).[18] Geschlossen wurden drei staatliche, landesweit ausgestrahlte Fernsehprogramme, sieben landesweit ausgestrahlte Radioprogramme sowie 19 regionale Radiosender.[19] Anstelle von ERT soll Ende August 2013 ein neuer öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit deutlich verringerter Mitarbeiteranzahl (ca. 1.200) eingerichtet werden. Der vorläufige Name lautet NERIT (Nea Elliniki Radiofonia-Internet-Tileorasi), der Sendebeginn ist im Herbst angesetzt.[3][20] Bis zur Neueinrichtung wird die Erhebung von Rundfunkgebühren (rund 50 Euro pro Jahr) ausgesetzt.[2] Die Schließung stieß auf heftigen Widerstand nicht nur der ERT-Angestellten und der politischen Opposition. Auch die kleineren Koalitionspartner PASOK und DIMAR sprachen sich dagegen aus, sodass der Fortbestand der Koalitionsregierung Samaras gefährdet scheint.[21][22] Die griechischen Journalistenverbände riefen zum Streik auf.[23]

Aus Protest schaltete die Europäische Rundfunkunion (EBU), ein Zusammenschluss aus mehreren Rundfunkanstalten Europas, zu dessen Mitgliedern auch die ERT zählt, am 13. Juni 2013 das Satellitensignal und den Livestream mit dem in den ERT-Studios von den protestierenden Mitarbeitern weiterhin produzierten Nachrichtenprogramm ERT NET wieder auf, nachdem die Signale bereits am 11. Juni 2013 gegen 23:40 Uhr MESZ[14] von der ERT abgeschaltet worden waren. Gesendet wird auf den bisherigen Satellitenprogrammplätzen von ERT World auf mehreren Satelliten (unter anderem auch auf dem Satelliten Eutelsat Hot Bird 13A für Europa); der Livestream wird auf der Webseite der EBU angeboten. Am selben Tag wurde von der EBU eine Onlinepetition gestartet, die bereits am ersten Tag über 7500 Unterstützer fand.[24][25]

Gegenwärtig werden die Hörfunkprogramme der ERT in einigen Gebieten Griechenlands über UKW und weltweit über mehrere Kurz- und Mittelwellenfrequenzen ausgestrahlt.[14] Seit dem 7. November 2013 wird der Ton des Fernsehprogramms ET3 auf den früheren Kurzwellenfrequenzen der Stimme Griechenlands (englisch The Voice of Greece) aus Thessaloniki übernommen.[26]

Am 17. Juni 2013 ordnete der Staatsrat, das höchste griechische Verwaltungsgericht, in einer Einstweiligen Verfügung an, dass ERT vorläufig bis zur Errichtung einer neuen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt den Sendebetrieb wieder aufnehmen soll.[27] Die Entscheidung stellt allerdings die Wirksamkeit der Auflösung der ERT A.E. nicht in Frage.[28]

Am 10. Juli 2013 erschien auf den bisherigen ERT-Fernsehfrequenzen das Testbild eines neuen Staatsfernsehens mit dem Namen EDT (griechisch ΕΔΤ Ελληνική Δημόσια Τηλεόραση Ellinikí Dimósia Tileórasi, Griechisches Öffentliches Fernsehen). Er soll offenbar in der Übergangszeit bis zum Start des unter dem Namen NERIT geplanten neuen öffentlich-rechtlichen Anstalt senden[29] und Filme, Telenovelas und Dokumentationen aus dem Archiv von ERT zeigen. Das neue Programm soll aus dem Studio einer Privatfirma in Athen kommen. Die Nachrichten sollen zunächst nur aus internationalen Presseagenturen stammen. Die neuen Mitarbeiter sollen lediglich zeitlich befristete Verträge erhalten. Der genaue Sendestart ist noch unklar.[30]

Besetzung[Bearbeiten]

Das zentrale Gebäude von ERT im Athener Vorort Agia Paraskevi wurde nach offizieller Auflösung vom früheren Personal der Sendeanstalt ununterbrochen besetzt gehalten. Von dort aus wurde im Internet ein Informations-Programm ausgestrahlt. Die Besetzung endete mit der polizeilichen Räumung am frühen Morgen des 7. November 2013.[31] Dagegen protestierten Jorunalistenverbände aus aller Welt. Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von einem „Überfall auf die Pressefreiheit“. DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken nannte das Vorgehen gegen den Sender und seine Journalistinnen und Journalisten „skandalös“, hier werde unter einem Vorwand eine kritische Stimme abgeschaltet.[32]

Trivia[Bearbeiten]

Auf der Startseite des Webportals von ERT wurde am Vormittag des 12. Juni 2013 berichtet, dass am 11. Juni vor 26 Jahren die griechische Ausgabe der Sesamstraße (Sesam öffne dich) „geschlossen“ wurde.[33] Der Bericht war die erste Meldung unter Neuigkeiten und wurde zur Mittagszeit entfernt. Der direkte Link führt seitdem nur zum Textbeitrag ohne Video.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ΦΕΚ Β 1414/11. Juni 2013
  2. a b c d Sparkurs. Griechenland schaltet staatlichen Rundfunk ab. In: Spiegel Online. 11. Juni 2013, abgerufen am 11. Juni 2013.
  3. a b c Proteste aus allen Lagern. Griechenland hat Staatsrundfunk über Nacht abgeschaltet. In: DWDL. 12. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013.
  4. Ferry Batzoglou: Staatsfunk-Streit gefährdet griechische Regierung. In: ZEIT Online, 17. Juni 2013.
  5. Griechenland Zeitung vom 29. Mai 2013, S. 1
  6. http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europastaaten/554233_Schwarze-Bildschirme-bei-ERT-Ende-der-Abzocke.html
  7. Griechenland Zeitung vom 29. Mai 2013, S. 1
  8. Griechenland schaltet Staatssender ab: «Faule Fundamente» In: Westfälische Nachrichten, 12. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013
  9. Drastische Sparmaßnahme. Griechenland macht staatlichen Rundfunk kurzerhand dicht. In: STERN.de. 11. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013.
  10. Staatlicher Rundfunk wird geschlossen. Funkstille in Griechenland. In: tagesschau.de. 11. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013.
  11. Beschluss 2011/791/EU
  12. ERT journalists defy closing down order to continue broadcasts as coalition faces severe test. In: ekathimerini.com. 12. Juni 2013, abgerufen am 11. Juni 2013 (englisch).
  13. ΕΡΤ τέλος. Επεσε την Τρίτη στις 23:15 το σήμα σε όλη την Ελλάδα. In: To Vima. 12. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013 (griechisch).
  14. a b c ERT nach handstreichartiger Schließung weiter auf Sendung In: Radioeins Medienmagazin/Radio-News 13. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013
  15. Live. Δείτε απευθείας εικόνα από την ΕΡΤ. In: enikos.gr. 12. Juni 2013, abgerufen am 11. Juni 2013 (griechisch).
  16. Δείτε την ΕΡΤ Live μέσω του gegonota.net! In: gegonota.net. 12. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013 (griechisch).
  17. 50+ Directors General of Public Media demand ERT be restored to air
  18. Griechenland Zeitung vom 29. Mai 2013, S. 1
  19. Sparmaßnahme. Griechenland schließt staatlichen Rundfunk ERT. In: Süddeutsche.de. 12. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013.
  20. Neuer Staatsrundfunk ERT in Athen soll Ende August kommen. In: Lichtensteiner Vaterland. 12. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013.
  21. Coalition partners refuse to back PM’s plan to shut down broadcaster ERT. In: ekathimerini.com. 13. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013 (englisch).
  22. Σενάρια για πρόωρες εκλογές. Λόγω διαφοροποιήσεων του ΠΑΣΟΚ και της ΔΗΜΑΡ. In: Kathimerini. 13. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013 (griechisch).
  23. Athen schliesst Staatsrundfunk. Alle griechischen Journalisten streiken. In: Spiegel Online. 12. Juni 2013, abgerufen am 12. Juni 2013.
  24. EBU puts shelved Greek member ERT back on air Von: Europäische Rundfunkunion, vom: 13. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013
  25. EBU Petition: Get ERT back on air!Bei: avaaz.org, vom: 13. Juni 2013, abgerufen am 13. Juni 2013
  26. Zacharias Liangas, in: Glenn Hauser: DX Listening Digest 13-49, December 4, 2013. Abgerufen am 13. Dezember 2013: „After the forceful eviction of the redundant ERT employees from the Radio House in Athens, the shortwave frequencies no longer transmit the normal program of Voice of Greece as there is no such service produced in Athens. This happened on the 7th of November, when you probably noticed the station ID change.| Mediumwave and shortwave frequencies have been now set to relay the radio program of “Radio Station of Macedonia” by the redundant employees of ERT3, from Thessaloniki.“
  27. Προσωρινή Διαταγή, Συμβούλιο της Επικρατείας (Einstweilige Verfügung, Staatsrat) (griechisch); Spiegel vom 17. Junii 2013:" Griechisches Gericht hebt Schließung des Staatssenders ERT auf
  28. ekathimerini.com vom 18. Juni 2013
  29. ekathimerini.com vom 10. Juli 2013
  30. Griechenland Zeitung vom 10. Juli 2013
  31. Griechenland räumt TV-Sender, Spanien dreht regional ab in Der Standard vom 7. November 2013
  32. DJV protestiert gegen Räumung des Senders ERT
  33. Σαν σήμερα, το Σουσάμι… έκλεισε. In: ert.gr. 11. Juni 2013, abgerufen am 11. Juni 2013 (griechisch).

38.01223.825Koordinaten: 38° 0′ 43,2″ N, 23° 49′ 30″ O