Else Jerusalem

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Else Jerusalem 1911

Else Jerusalem, geborene Kotányi,[1](* 23. November 1876 in Wien; † 20. Jänner 1943 in Buenos Aires) war eine österreichische Schriftstellerin und Vortragskünstlerin. Sie gilt als eine der Protagonistinnen in der bürgerlichen Frauenbewegung um 1900.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Else Jerusalem geborene Kotányi stammte aus wohlhabendem jüdischem Haus. Sie studierte vier Jahre als außerordentliche Hörerin an der Universität Wien und wurde bekannt mit Schriften über zu ihrer Zeit als gewagt geltende Themen wie Prostitution (Novellensammlungen Venus am Kreuz und Komödie der Sinne) und Sexualerziehung (Gebt uns die Wahrheit, 1902). Sie pflegte gute Bekanntschaften im Umkreis des „Jungen Wien“, so mit Hermann Bahr, Jakob Wassermann, Felix Salten und später auch mit Arthur Schnitzler. Ihr Hauptwerk, der in einem Wiener Bordell spielende Roman Der heilige Skarabäus (1909 im S. Fischer Verlag erstmals publiziert) erregte bei seinem Erscheinen als „Unsittenroman“ viel Aufsehen, erreichte bis 1911 rund 22 Auflagen und wurde 1933 von der Gestapo verboten.

„Im Heiligen Skarabäus liest sie der bürgerlichen Gesellschaft die Leviten, um ihr, […] die Augen für soziale Missstände zu öffnen, und sie setzt dabei nicht zuletzt an bei deren Söhnen, die sich wie so mancher Vertreter des Jungen Wien als feinnervige Ästheten von den Gründerzeitvätern absetzen wollen und doch ebenso wenig auf das Kapital verzichten möchten, wie sie die Doppelmoral nicht ablegen können.“[2]

Nach der Scheidung von Alfred Jerusalem heiratete sie im Januar 1911 den Professor Viktor Widakovich. Sie emigrierten 1911 nach Argentinien und ließen sich in Buenos Aires nieder, wo Jerusalem neben ihrer publizistischen Tätigkeit für südamerikanische Zeitungen und Verlage auch ethnologische Studien betrieb. Eine letzte Buchpublikation gelang ihr noch 1939 – ihr Gesamtwerk war bereits 1938 auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt worden – im renommierten Exil-Verlag des Zürcher Verlegers Emil Oprecht: „Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte“. Ihr Sohn Fritz Jerusalem nannte sich später Fritz Jensen.[3] Sie starb am 20. Januar 1943 in Buenos Aires an Zerebralsklerose.[3]

Eine Neuauflage ihres lange vergessenen Hauptwerks Der heilige Skarabäus erschien im Oktober 2016 im Wiener Verlag „Das vergessene Buch“. Die Grazer Germanistin Brigitte Spreitzer hat es herausgegeben und erstmals mit einem umfangreichen Nachwort zu Leben und Werk der Autorin versehen.[4]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Venus am Kreuz. Drei Novellen. Meyer, Leipzig 1899.
  • Gebt uns die Wahrheit! Ein Beitrag zu unsrer Erziehung zur Ehe. Seemann, Berlin/Leipzig 1902.
  • Der heilige Skarabäus.. Roman. S. Fischer, Berlin 1909 (mindestens 21 Nachdrucke). Neuausgabe hrsg. u. mit einem Nachwort von Brigitte Spreitzer: DVB Verlag, Wien 2016, ISBN 978-3-9504158-3-4.[4]
  • The red house. Laurie, London 1932.
  • Steinigung in Sakya. Ein Schauspiel in 3 Akten. Reiss, Berlin 1928.
  • Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte. Die Gestaltung, Zürich [1939].
  • Nachlass: Briefe von Else Widakowich an Robert Lehmann-Nitsche. Buenos Aires 1915

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karin J. Jusek: Ein Wiener Bordellroman: Else Jerusalems „Heiliger Skarabäus“. In: Heide Dienst, Edith Saurer (Hrsg.): „Das Weib existiert nicht für sich.“ Geschlechterbeziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1990, ISBN 3-85115-123-2, S. 139–147.
  • Eva Borst: Über jede Scham erhaben. Das Problem der Prostitution im literarischen Werk von Else Jerusalem, Margarete Böhme und Ilse Frapan unter besonderer Berücksichtigung der Sittlichkeits- und Sexualreformbewegung der Jahrhundertwende. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46460-6. (= Studien zur deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, 24.)
  • Brigitte Spreitzer: „Ich bin ja nur ein Stück Weiberfleisch“…: die Auslöschung der „Kleinigkeit Ich“ bei Else Kotanyi-Jerusalem. In: Texturen: die österreichische Moderne der Frauen. Passagen, Wien 1999, S. 84–87.
  • Eva Borst: Ichlosigkeit als Paradigma weiblichen Daseins: Prostitution bei Margarete Böhme und Else Jerusalem. In: Karin Tebben (Hrsg.): Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de Siècle. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, S. 114–137.
  • Annette Kliewer: Jerusalem, Else: Venus am Kreuz (1899). In: Gudrun Loster-Schneider, Gaby Pailer (Hrsg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730–1900). Francke, Tübingen/Basel 2006, S. 234–235.
  • Brigitte Spreitzer: Else Jerusalem – Eine Spurensuche. In: Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus. Hrsg. u. m. einem Nachwort von Brigitte Spreitzer. Das vergessene Buch (DVB Verlag), Wien 2016, S. 545–608.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Else Jerusalem – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Else Jerusalem. In: ARIADNE - Projekt "Frauen in Bewegung". onb.ac.at, 15. Juli 2008, archiviert vom Original am 6. Oktober 2013, abgerufen am 17. November 2016.
  2. Brigitte Spreitzer: Else Jerusalem – Eine Spurensuche. In: Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus. DVB Verlag, Wien 2016, S. 560.
  3. a b Brigitte Spreitzer: Else Jerusalem – Eine Spurensuche. In: Else Jerusalem: Der heilige Skarabäus. DVB Verlag, Wien 2016, S. 590 f.
  4. a b Anna Steinbauer: Das Skarabäus-Buch. Süddeutsche Zeitung, 19. Oktober 2016, abgerufen am 12. Februar 2017.