Emicizumab

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Emicizumab
Masse/Länge Primärstruktur 145,6 kDa
Bezeichner
Externe IDs
Arzneistoffangaben
ATC-Code B02BX06[1]
Wirkstoffklasse Monoklonaler Antikörper resp. Bispezifischer Antikörper

Emicizumab (Handelsname Hemlibra; Hersteller Roche) ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper und Arzneistoff zur Behandlung der Hämophilie A (mit und ohne Inhibitoren). Emicizumab zählt zu den so genannten bispezifischen Antikörpern und bindet sowohl an den Gerinnungsfaktor IXa als auch an den Faktor X und vermittelt deren Aktivierung. Dies ist in der Regel die Funktion des Gerinnungsfaktors VIII, der bei Hämophilie-A-Patienten fehlt. Emicizumab ahmt somit den Gerinnungsfaktor nach und wirkt insofern als Faktor VIII-Mimetikum.[2]

Hämophilie A[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hämophilie A, auch Bluterkrankheit genannt, ist eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist. Nach Verletzungen gerinnt das Blut nicht oder nur langsam. Häufig kommt es auch zu Spontanblutungen, die ohne sichtbare Wunden auftreten und unter Umständen lebensbedrohlich sein können, wie z. B. Gehirnblutungen. Hämophilie A tritt fast ausschließlich bei Männern auf. Betroffene Personen werden umgangssprachlich als Bluter bezeichnet. Ursache der Hämophilie A ist ein Mangel an Faktor VIII (antihämophiles Globulin, FVIII). Bisher wurde der fehlende Faktor VIII – prophylaktisch oder nach Bedarf – 2–3 × pro Woche durch intravenöse Injektion "ersetzt". Seit neuestem steht der Antikörper Emicizumab für die prophylaktische Dauertherapie bei Hämophilie A-Patienten mit oder ohne Inhibitoren zur Verfügung. Er wird subkutan in einem Abstand bis zu vier Wochen injiziert.

Die Hauptkomplikation bei der Hämophilie-A-Therapie mit FVIII liegt in der Bildung von neutralisierenden Antikörpern gegen den Faktor VIII, den sogenannten Inhibitoren oder Hemmkörpern. Die Inhibitoren verringern die Wirkung des intravenös gespritzten FVIII sehr stark, so dass die notwendige Erhöhung des Faktorspiegels nicht erreicht wird, und es in der Folge wieder zu Blutungen kommt. Diese Komplikation wird auch als Hemmkörperhämophilie bezeichnet. Weltweite Studien zeigen, dass etwa 30 % der behandelten Patienten Inhibitoren entwickeln. Es wird weiterhin diskutiert, ob die Inhibition allein durch die Blockierung der FVIII-Aktivität erfolgt, oder ob es zu einer erhöhten Beseitigung (engl.: clearance) des FVIII durch die Erkennung der Inhibitoren kommt.[3][4]

Klinische Angaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anwendungsgebiete (Indikationen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hemlibra wird angewendet als Routineprophylaxe von Blutungsereignissen bei Patienten mit

  • Hämophilie A mit Faktor-VIII-Inibitoren
  • schwerer Hämophilie A ohne Faktor-VIII-Inhibitoren.

Es kann bei allen Altersgruppen angewendet werden.[2][5][6][7][8]

Art und Dauer der Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emicizumab wird bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern mit Hämophilie A – mit oder ohne Inhibitoren – einmal wöchentlich prophylaktisch zur Vermeidung von Blutungen subkutan verabreicht. Nach einer vierwöchigen Initialdosis kann – je nach den Präferenzen des Arztes und des Patienten – aufgrund der konstanten Plasmaspiegel der Abstand bei Erhaltungsdosis von 1, 2 oder 4 Wochen gewählt werden, wie es eben die Therapieadhärenz am besten unterstützt.[2][9]

Wirkungsmechanismus (Pharmakodynamik)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emicizumab ist ein bispezifischer monoklonaler Antikörper. Ein "Arm" von Emicizumab bindet an Faktor IXa und der andere "Arm" an Faktor X. Dadurch bringt Emicizumab diese beiden Faktoren in ähnlicher Weise zusammen, wie aktivierter Faktor VIII dies tun würde. Nach der Injektion kommt es dadurch zur Freisetzung von Faktor Xa, was die normale Blutgerinnung wieder herstellt. Emicizumab wirkt somit als Faktor VIIIa-Mimetikum.[10][11][12][13]

Zulassungsaspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chemische und pharmazeutische Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emicizumab ist ein humanisierter, monoklonaler modifizierter Immunglobulin G4 (IgG4)-Antikörper mit einem bispezifischen Antikörperstruktur-Bindungsfaktor IXa und Faktor X. Emicizumab hat ein ungefähres Molekulargewicht von 145,6 kDa und wird von gentechnisch veränderten Säugerzellen (Chinese Hamster Ovary) hergestellt. Emicizumab hat keine strukturelle Beziehung oder Sequenzhomologie zu FVIII und als solches induziert oder verstärkt es nicht die Entwicklung von direkten Inhibitoren zu FVIII. Emicizumab wirkt auch in deren Gegenwart.[14]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Japanischen Forschern war es ursprünglich gelungen, den Antikörper Emicizumab zu entwickeln. In einer kleinen Dosisfindungsstudie mit 18 Patienten konnte über 12 Wochen ein Effekt der Behandlung auch bei antikörperproduzierenden Patienten gezeigt werden.[15] Emicizumab wurde zunächst von dem japanischen Unternehmen Chugai Pharmaceutical Co., Ltd. entwickelt. Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche hat anschließend Emicizumab gemeinsam mit seinen beiden Tochterunternehmen Chugai und dem amerikanischen Unternehmen Genentech weiterentwickelt und im umfangreichen Studienprogramm HAVEN klinisch geprüft.[10]

Zulassungsübersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2017 wurde Emicizumab für Hämophilie A-Patienten mit Inhibitoren seitens der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA für die USA zugelassen.[16][17] Der Zulassung war eine Einstufung als Breakthrough Therapy (engl. für ‚Durchbruch in der Therapie‘) vorausgegangen, was den Zulassungsprozess wesentlich beschleunigte. Die vorgelegten Daten für die EU Zulassung wurden ebenfalls im beschleunigten Verfahren geprüft.[10] Die Zulassung für Europa erfolgte im Februar 2018.[18] Im Oktober 2018 erhielt Emicizumab für die USA und im März 2019 für Europa die Zulassungserweiterung für Patienten jeden Alters mit schwerer Hämophilie A auch ohne Hemmkörper.[3][4]

Zulassungsstudien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zulassung von Hemlibra basiert auf zwei Phase-III-Studien mit Patienten mit Hämophilie A und Inhibitoren im Alter von ≥ 12 Jahren (HAVEN 1)[5] und < 12 Jahren (HAVEN 2).[19] In der HAVEN 1-Studie reduzierte sich bei erwachsenen und jugendlichen Hämophilie A-Patienten mit Inhibitoren (n = 109) unter Hemlibra die jährliche Blutungsrate (annualized bleeding rate, ABR) gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant um 87 % (p < 0,0001).[5] Bei Kindern unter 12 Jahren mit Hämophilie A und Inhibitoren gegen Faktor VIII (n = 60) fielen die Resultate in HAVEN 2 noch günstiger aus: Im aktuell ausgewerteten Beobachtungszeitraum von etwa 40 Wochen wurden bei 94,7 % der Kinder unter Hemlibra-Prophylaxe keine behandelten Blutungen erfasst.[20]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. New ATC (Deadline for objection to temporary code; 1. September 2017; Implementation in the ATC/DDD index: 2018) WHO Collaborating Centre for Drug Statistics Methodology, abgerufen am 26. November 2017
  2. a b c Hemlibra Fachinformation. Abgerufen am 26. März 2019.
  3. a b European Commission approves Roche’s Hemlibra for people with severe haemophilia A without factor VIII inhibitors, PM Roche (engl.) vom 14. März 2019, abgerufen am 16. März 2019
  4. a b Europäische Kommission erteilt Zulassungserweiterung für Roche-Substanz, PM Roche (dt. / nur für Fachkreise) vom 14. März 2019, abgerufen am 16. März 2019
  5. a b c Emicizumab Prophylaxis in Hemophilia A with Inhibitors. In: New England Journal of Medicine. 377, Nr. 377, 2017, S. 809–818. doi:10.1056/NEJMoa1703068.
  6. Positive phase III results for Roche’s emicizumab in haemophilia A published in The New England Journal of Medicine, PM Roche vom 10. Juli 2017, abgerufen am 26. November 2017
  7. Roche’s Hemlibra significantly reduced bleeds in phase III study in haemophilia A, PM Roche vom 20. November 2017, abgerufen am 26. November 2017
  8. FDA grants Priority Review to Roche’s Hemlibra for people with haemophilia A without factor VIII inhibitors, PM Roche vom 5. Juni 2018, abgerufen am 6. Juni 2018
  9. Überlegenheit einer Roche-Substanz auch gegenüber Faktor-VIII-Präparaten in der Prophylaxe der Hämophilie A, PM Roche (dt. / nur für Fachkreise) vom 22. Mai 2018, abgerufen am 16. März 2019
  10. a b c FDA gewährt Prüfung im beschleunigten Verfahren für Emicizumab von Roche zur Therapie von Hämophilie A mit Inhibitoren, PM Roche vom 24. August 2017, abgerufen am 26. November 2017
  11. Factor VIII-Mimetic Function of Humanized Bispecific Antibody in Hemophilia A. In: New England Journal of Medicine. 374, Nr. 21, 2016, S. 2044–53. doi:10.1056/NEJMoa1511769. PMID 27223146.
  12. Roche’s Hemlibra significantly reduced bleeds in phase III study in haemophilia A, PM Roche vom 20. November 2017, abgerufen am 26. November 2017
  13. Factor VIIIa-mimetic cofactor activity of a bispecific antibody to factors IX/IXa and X/Xa, emicizumab, depends on its ability to bridge the antigens. In: Thrombosis and Haemostasis. Nr. 7, 2017, S. 1348–1357. doi:10.1160/TH17-01-0030. PMID 28451690.
  14. HIGHLIGHTS OF PRESCRIBING INFORMATION, Genentech Website, abgerufen am 26. November 2017
  15. Midori Shima, Hideji Hanabusa, Masashi Taki, Tadashi Matsushita, Tetsuji Sato et alia: Factor VIII–Mimetic Function of Humanized Bispecific Antibody in Hemophilia A N Engl J Med 2016; 374:2044-2053May 26, 2016, doi:10.1056/NEJMoa1511769
  16. FDA approves new treatment to prevent bleeding in certain patients with hemophilia A, PM FDA vom 16. November 2017, abgerufen am 26. November 2017
  17. FDA approves Roche’s Hemlibra (emicizumab-kxwh) for haemophilia A with inhibitors, PM Roche vom 16. November 2017, abgerufen am 26. November 2017
  18. Hemlibra® (Emicizumab) erhält EU-Zulassung für Routine-Prophylaxe von Hämophilie A mit Inhibitoren gegen Gerinnungsfaktor VIII, PM Roche vom 28. Februar 2018, abgerufen am 28. Februar 2018
  19. Young G, Oral Communication Session, OC 24.1 Hemorrhagic Disorders: Pediatric Aspects, 10. Juli 2017, ISTH 2017, doi: 10.1002/rth2.12012
  20. Young G: Disorders of Coagulation or Fibrinolysis: Novel Therapies and Clinical Trials in Bleeding Disorders, Oral Communication Session 322, 9. Dezember 2017, ASH 2017