Emmanuel Bove

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Emmanuel Bove, ca. 1928

Emmanuel Bove, bürgerlich Emmanuel Bobovnikoff (* 20. April 1898 in Paris; † 13. Juli 1945 ebenda), war ein französischer Schriftsteller jüdischer Herkunft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emmanuel Bove war der Sohn eines mittellosen russischen Lebemanns, seine Mutter war ein Dienstmädchen aus Luxemburg. Vor und neben seiner schriftstellerischen Arbeit musste er, wie viele andere auch, seinen Lebensunterhalt lange Zeit hindurch mit Gelegenheitsjobs verdienen. Zwischen 1926 und 1936 war Bove auch als Reporter (journaliste de faits-divers) für mehrere Zeitungen und Zeitschriften tätig, u.a. für Le Quotidien, Détective und Paris-Soir; die dabei gemachten Erfahrungen mögen mit in die beiden Kriminalromane eingeflossen sein, die Bove 1933 verfasste: Le meurtre de Suzy Pommier und (unter dem Pseudonym Pierre Dugast:) La Toque de Breitschwanz. Zwischendurch unternahm er zahlreiche Reisen ins europäische Ausland und spielte erfolgreich Golf.[1]

Als im Zweiten Weltkrieg das Vichy-Regime begann, den deutschen Besatzern die Juden auszuliefern, floh Bove 1942 nach Algerien. Er weigerte sich daraufhin, seine Bücher in Frankreich erscheinen zu lassen. 1944 kehrte er in das befreite Frankreich zurück.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boves Werk umfasst etwa 30 Romane, dazu kommen zahlreiche Erzählungen und Kurzgeschichten.[1] Bove wirft einen Blick hinter die Kulissen des französischen Bürgertums seiner Zeit und entlarvt die scheinheilige Moral einer Gesellschaft, die Regeln aufstellt, um sie heimlich zu brechen.

Ein Beispiel: Menschen und Masken spielt im Ballsaal eines Pariser Hotels. Aus Anlass seiner Aufnahme in die Légion d'Honneur gibt der Schuhfabrikant André Poitou ein Bankett. Dazu hat er Honoratioren, Witwen und sonstige ihm bekannte Leute eingeladen. Alle treten wohlgekleidet auf, die Damen hochtoupiert, es handelt sich um die „gute Gesellschaft“. Doch hinter dem Pomp verbergen sich brutale Egoisten, die ihre Garderobe und die guten Sitten dazu nutzen, eigensüchtige Interessen zu verstecken. Ob es nun die Generalswitwe ist, die mit ihrer kreissägenartigen Stimme Aufmerksamkeit erzwingt, oder ein Senator, dessen Abgebrühtheit, hinter Schmeicheleien verborgen, kaum noch zu überbieten ist: ihnen allen geht es nur um die Macht, darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu gewinnen und ihre Position durch die „richtigen“ Kontakte zu verbessern. Menschen und Masken erschien 1928. „Ich habe über meinen nächsten Roman nachgedacht“, zitiert das Nachwort den Autor, „seltsam: Ich kenne bereits alles, nur das Thema nicht“. Das Buch ist also mehr aus einem Gefühl als aus einem Plan heraus entstanden. Zeigt sich hier das Lebensgefühl eines französischen Juden, der ahnte, wie wenig Verlass auf die „gute Gesellschaft“ sein würde?

In seinem Todesjahr erschien Le piège in Frankreich (deutsch: Die Falle), ein Buch über die Kollaboration in Frankreich. Distanziert schreibt Bove über den Weg des „Widerständlers im Geiste“ Bridet durch die kalten Flure der Vichy-Administration. Diese Buch ist auch deshalb erstaunlich, weil die Kollaboration mit den deutschen Besatzern in Frankreich bis in die 1990er Jahre ein Reizthema war, über das ein breiter öffentlicher, kritischer Diskurs erst mit Jacques Chiracs Rede am 16. Juli 1995 einsetzte. Bove brach die großen Themen von Widerstand und Kollaboration auf alltägliche Situationen herunter, in denen sich sein Antiheld Bridet zwischen Feigheit und Würde, strategischer Anpassung und wirksamem Widerstand selbst langsam eine Schlinge um den Hals zieht. In ähnlich differenzierter Weise, angereichert mit weiteren Motiven, schrieb Gilles Rozier in Liebe ohne Widerstand (französisch 2003, deutsch 2004) über die Grauzone zwischen der Kollaboration mit den mörderischen Nazi-Besatzern und dem französischen Widerstand.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1920er Jahre galt Bove als „neuer Stern“ am Pariser Literatenhimmel.[1] Rainer Maria Rilke und Klaus Mann bewunderten ihn.[2] Vielen Literaturinteressierten im deutschsprachigen Raum, die nicht Französisch lasen, wurde Bove durch die von Félix Bertaux und Hermann Kesten herausgegebene, 1930 bei Kiepenheuer erschienene Anthologie Neue Französische Erzähler bekannt.[1]

Nach seinem Tod wurde Emmanuel Bove vergessen und blieb lange vergessen. 1972 schrieb Valéry Giscard d’Estaing in einem Brief an Philippe Soupault, die Bücher von Emmanuel Bove seien „vollkommen verschwunden“ und nicht einmal mehr in den „hinteren Raumen der Buchhandlung“ zu finden.[3] Erst Ende der 1970er Jahre begann in Frankreich eine Wiederentdeckung. Durch Luc Bondy wurde Peter Handke auf Bove aufmerksam. Handkes Übersetzungen (in den Jahren 1981 bis 2001) machten Bove auch in Deutschland einer breiteren Leserschaft bekannt. 2017 erinnert die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt mit der Ausstellung „Wer war Emmanuel Bove?“ an ihn.

Heute gilt Bove als ein Klassiker der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1924: Mes amis, deutsch: Meine Freunde, a. d. Franz. v. Peter Handke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1981, ISBN 978-3-518-01744-9.
  • 1925: Armand, deutsch: Armand, a. d. Franz. v. Peter Handke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982.
  • 1927: Bécon-les-Bruyères, deutsch: Bécon-les-Bruyères. Eine Vorstadt, a. d. Franz. v. Peter Handke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984, ISBN 978-3-518-01872-9.
  • 1927: La coalition (Roman), deutsch: Die Verbündeten, a. d. Franz. v. Thomas Laux. Wien/München: Deuticke 1999, ISBN 978-3-216-30326-4.
  • 1927: Un soir chez Blutel (Roman)
  • 1928: Cœurs et visages, deutsch: Menschen und Masken, Übers. Uli Aumüller, Hg., Nachwort Bettina Augustin. Manholt, Bremen 1991; Fischer TB, Frankfurt 1995; dtv, München 2003
  • 1928: Henri Duchemin et ses ombres. Deutsch: Geschichte eines Wahnsinnigen. Fünf Erzählungen. Übers. Martin Zingg[4]
  • 1928: L’amour de Pierre Neuhart, Deutsch: Die Liebe des Pierre Neuhart. Übers. Thomas Laux. Fischer TB, Frankfurt 1991
  • 1928: La coalition (Erzählung), Deutsch: Aftalion, Alexandre. Erzählung, a. d. Franz. v. Ursula Dörrenbächer. Berlin: Friedenauer Presse 1989.
  • 1928: La mort de Dinah, Deutsch: Dinah, a. d. Franz. v. Michaela Ott. Berlin: Friedenauer Presse 1992; Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 1995.
  • 1928: Une fugue, Deutsch: Eine Flucht, a. d. Franz. v. Martin Hennig. Köln: verlag köln '78 1983.
  • 1928: Un père et sa fille, Deutsch: Ein Vater und seine Tochter, a. d. Franz. v. Gabriela Zehnder, hg. u. m. einem Nachwort v. Bettina Augustin. Bremen: manholt 2000; München: dtv 2003.
  • 1930: Monsieur Thorpe, Deutsch: Monsieur Thorpe. Erzählungen. Übers., Nachwort Thomas Laux. Reclam, Leipzig 1993. Wieder in Begegnung und andere Erzählungen, 2012
  • 1931: Journal – écrit en hiver, Deutsch: Journal – geschrieben im Winter. Übers. Gabriela Zehnder. Zürich: Edition Epoca 1998, ISBN 978-3-905513-10-3.
  • 1932: Un célibataire, deutsch: Ein Junggeselle. Übers. Georges Hausemer, Hg., Nachwort Bettina Augustin. Manholt, Bremen 1990; Fischer TB, Frankfurt 1993; dtv, München 2002
  • 1932: Un Raskolnikoff, deutsch: Schuld, a. d. Franz. u. m. einem Nachwort v. Thomas Laux. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag 2010, ISBN 978-3-940357-16-8 (Lilienfeldiana Bd. 7)
  • 1933: La toque de Breitschwanz (Kriminalroman unter dem Pseudonym Pierre Dugast)
  • 1933: Le meurtre de Suzy Pommier, deutsch: Der Mord an Suzy Pommier. Kriminalroman, a. d. Franz. v. Barbara Heber-Schärer, hg. u. m. einem Nachwort v. Bettina Augustin. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 1993.
  • 1933: La dernière nuit, deutsch: Die letzte Nacht, a. d. Franz. v. Thomas Laux. Düsseldorf: S. Boettcher 1988; Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 1990.
  • 1934: Le beau-fils, deutsch: Der Stiefsohn, a. d. Franz. v. Gabriela Zehnder, hg. u. m. einem Nachwort v. Bettina Augustin. Bremen: manholt 2002.
  • 1935: Le pressentiment, deutsch: Die Ahnung, a. d. Franz. u. m. einem Nachwort v. Thomas Laux. Wien/München: Deuticke 1996, ISBN 978-3-216-30117-8; Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998.
  • 1935: L'Impossible amour (Roman)
  • 1936: Un fait divers inconnu (Novelle)
  • 1937: Adieu Fombonne (Roman)
  • 1945: Le piège, Deutsch: Die Falle. Übers. Bernd Schwibs. Suhrkamp, Frankfurt 1996 ISBN 978-3-518-39486-1
  • 1945: Départ dans la nuit, Deutsch: Flucht in der Nacht (zusammen mit Einstellung des Verfahrens), a. d. Franz. v. Thomas Laux, m. einem Vorwort v. Raymound Cousse. Wien/München: Deuticke 1997, ISBN 978-3-216-30300-4
  • 1946: Non-lieu, deutsch: Einstellung des Verfahrens (zusammen mit Flucht in der Nacht), Übers. Thomas Laux, Vorwort Raymound Cousse. Deuticke, Wien 1997, ISBN 978-3-216-30300-4
  • 1985: Un homme qui savait, Deutsch: Ein Mann, der wußte. Übers. Gabriela Zehnder. Edition Epoca, Zürich 2000
  • 1987: Mémoires d’un homme singulier, Deutsch: Ein Außenseiter, a. d. Franz. v. Dirk Hemjeoltmanns, hg. u. m. einem Nachwort v. Bettina Augustin. Bremen: manholt verlag 1995; Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 1999
  • 1999: Un caractère de femme, Deutsch: Colette Salmand, a. d. Franz. v. Barbara Heber-Schärer, hg. u. mit einem Nachwort v. Jean-Luc Bitton u. einem Gespräch mit Peter Handke. Friedenauer Presse, Berlin 2001 ISBN 978-3-932109-23-2; dtv, München 2004
  • 2012: Begegnung und andere Erzählungen. Übers., Nachwort Thomas Laux. Lilienfeld, Düsseldorf 2012 ISBN 978-3-940357-22-9 (Lilienfeldiana, 11)

Gesamtausgabe in deutscher Übersetzung. Übers. Thomas Laux, Edition diá, Berlin

  • 2016: Geschichte eines Wahnsinnigen (Henri Duchemin et ses ombres)
  • 2017: Die Liebe des Pierre Neuhart (L’amour de Pierre Neuhart)
  • 2017: Die letzte Nacht (Un suicide)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Laux: Kompensation und Theatralik. Eine Studie zu Emmanuel Boves frühen Romanen 1924–1928. Frankfurt a. M.: Peter Lang 1989, ISBN 3-631-41736-5 (Reihe: Europäische Hochschulschriften, R. 13: Französische Sprache und Literatur; Bd. 137).
  • Thomas Laux: „Ist Victor Baton einmalig?“ Oft gezogen, nie bewiesen: Welche Vergleiche mit Bove sind zwingend? In: Krachkultur, ISSN 0947-0697, Heft 9, 2001.
  • Raymond Cousse, Jean-Luc Bitton: Emmanuel Bove. (Eine) Biographie. a. d. Franz. v. Thomas Laux. Wien: Deuticke 1995; Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998, ISBN 3-518-39324-3.
  • Brigitta Coenen-Mennemeier: Emmanuel Bove. Comédie humaine des Scheiterns. Frankfurt a. M.: Peter Lang 2006, ISBN 3-631-55163-0.
  • Helmut Lotz (Hg): Emmanuel Bove: Ein Lesebuch. Mit Auszügen aus der 21-bändigen Werkausgabe sowie Texten von Jean-Luc Bitton und Luc Bondy.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Volker Breidecker: Die stille Prosa eines Golfspielers. Eine Darmstädter Kabinettausstellung sichert die Spuren des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove. In: Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2017, S. 11.
  2. Ausstellung „Wer war Emmanuel Bove?“ in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, abgerufen am 19. Juli 2017.
  3. Zitiert nach Volker Breidecker: Die stille Prosa eines Golfspielers. Eine Darmstädter Kabinettausstellung sichert die Spuren des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove. In: Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2017, S. 11.
  4. Die einzelne Erzählung daraus Ce que j'ai vu in neuer Übers. durch Heike Voß-Becher: Was ich gesehen habe. Golden Luft Verlag, Mainz 2017